Vermeintliches Superfood Wie (un)gesund ist Kokosfett?

Eine Präventionsmedizinerin hält einen Vortrag über gesunde Ernährung - und die schädliche Wirkung von Kokosfett. Was ist dran an ihrer Kritik? Ein kurzer Überblick.

Kokosfett
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Kokosfett


Superfood ist buchstäblich in aller Munde - den Nahrungsmitteln werden die unterschiedlichsten Gesundheitswirkungen zugesprochen: Gojibeeren schützen angeblich vor Krebs, Acai soll schlank machen, Chiasamen gesund und fit.

Auch Kokosöl ist en vogue, schließlich ist es vegan und laktosefrei, Gluten enthält es auch nicht. Mal wird es als Abnehm-Wunder bezeichnet, mal als Schönheitskur - von innen und von außen.

Worüber wird gesprochen?

Die Präventionsmedizinerin Karin Michels von der Universität Freiburg verfolgt die Lobeshymnen auf das angeblich gesunde Fett schon lange mit Argwohn. Jetzt hat sie ihre Skepsis in einem Vortrag an ihrem Institut öffentlich gemacht. Dass das Fett beim Abnehmen helfe, dass die mittelkettigen Fettsäuren darin besser seien, es sogar antimikrobielle Wirkung habe: "Es ist alles völliger Quatsch", so Michels. Knapp eine Million mal wurde das Video von ihrem Vortrag bereits auf Youtube geklickt.

"Kokosöl ist eines der schlimmsten Lebensmittel, die Sie überhaupt zu sich nehmen können", so Michels weiter. "Es gibt nicht eine einzige Studie am Menschen, die irgendeine positive Wirkung von Kokosöl zeigt. Kokosöl ist gefährlicher für Sie als Schweineschmalz."

Was ist dran?

Tatsächlich besteht Kokosöl zu rund der Hälfte aus Laurinsäure, einer gesättigten Fettsäure. Auch Myristinsäure (zu etwa 20 Prozent enthalten) und Palmitinsäure (rund 10 Prozent enthalten) sind gesättigte Fettsäuren - zu mehr als 80 Prozent besteht Kokosöl also aus gesättigten Fetten. Diese stehen im Ruf, die Cholesterinkonzentration im Blut zu erhöhen und sich in Gefäßen abzulagern, was das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöht. Michels sagt dazu: "Kokosöl ist das reine Gift."

Ungesättigte Fettsäuren, die das Herz-Kreislaufsystem schützen, kommen in Kokosöl hingegen deutlich weniger vor: Fünf bis acht Prozent als Ölsäure (einfach ungesättigt), rund ein Prozent Linolsäure (zweifach ungesättigt) und weniger als ein Prozent Linolensäure (mehrfach ungesättigt). Besonders gesund ist vor allem letztere. Denn zahlreiche Studien haben gezeigt, dass das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten sinkt, wenn man gesättigte Fette durch mehrfach ungesättigte Fette ersetzt, wie sie etwa in Raps- oder Sojaöl vorkommen.

Im Video: Die Wahrheit über Fett

Der Überzeugung der Kokosöl-Anhänger nach sind es gerade die mittelkettigen Fettsäuren, die beim Abnehmen helfen sollen, weil sie Stoffwechselprozesse ankurbeln. Die US-Wissenschaftlerin Marie-Pierre St-Onge, die Studien dazu durchgeführt hat, betont allerdings: In ihren Untersuchungen habe sie Öl verwendet, das zu hundert Prozent aus mittelkettigen Fettsäuren bestand. Das typische Kokosöl aus dem Handel enthalte davon aber deutlich weniger, man müsse also sehr viel davon zu sich nehmen. "Niemand isst zehn Teelöffel Kokosöl pro Tag", zitiert die American Heart Association (AHA) die Forscherin.

Die AHA hat bereits 2017 die Empfehlung ausgesprochen, gesättigte Fettsäuren durch mehrfach ungesättigte zu ersetzen. Als typisches Beispiel nannte die Gesellschaft Kokosöl, das zu mehr als 80 Prozent aus gesättigten Fettsäuren besteht.

Erstaunlicher Imagewechsel

Für die Kokosöl-Hersteller ist die Betonung der wenig gesundheitsfördernden Inhaltsstoffe in der Öffentlichkeit keine gute Nachricht, läuft die Marketingmaschine doch bislang wie geschmiert: Das exotische, nach Sommerurlaub riechende und vermeintlich gesunde Kokosöl ist mittlerweile so hip, dass ein Liter mitunter für rund 25 Euro über den Tresen geht.

Das ist auch deshalb erstaunlich, weil Kokosöl einen beachtlichen Imagewechsel vollzogen hat. Denn das Fett ist bereits seit Jahrzehnten in der deutschen Küche vertreten - als Palmin. Das kennt, wer in seiner Kindheit gern Kekskuchen gemacht hat.

Kekskuchen: Kokosfett, Kakao, Zucker, Butterkekse
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Kekskuchen: Kokosfett, Kakao, Zucker, Butterkekse

Dabei werden die weißen Fettwürfel in einem Topf zu einer durchsichtigen Fettsuppe geschmolzen, mit Kakao und Zucker vermengt und abwechselnd mit Butterkeksen zu einem gestreiften Kuchen aufgeschichtet. Haben unsere Eltern damals gerufen: "Kinder, kommt schnell her, es gibt Superfood!"? Nein, sie wussten schon damals, dass ein Fett-Zucker-Stapel nicht wirklich gesund ist.

Fazit: Kokosöl macht ziemlich sicher nicht schlanker und gesünder - im Gegenteil. Ganz verzichten muss man aber nicht mal auf ein Stück Kekskuchen. Denn auf die Dosis kommt es an.

hei



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