Kopenhagen: Highway fürs Rad

Von

Schnell, gesund und öko: Kopenhagen baut seine Radwege aus Fotos
Holger Dambeck

Mehr als zehn Kilometer auf dem Fahrrad ins Büro? Was in deutschen Städten meist noch einer Zumutung gleicht, ist in Kopenhagen Fahrspaß pur. Die Stadt baut exzellente Schnellstraßen für Radfahrer, um Krankheiten vorzubeugen - und Gesundheitskosten zu senken.

Das ging jetzt aber schnell! Nach 45 Minuten Fahrt stehe ich in Albertslund, einem Vorort von Kopenhagen. 15 Kilometer sind es von hier bis ins Zentrum der dänischen Hauptstadt - und diese Strecke habe ich entspannt mit einem Schnitt von 20 km/h zurückgelegt.

In Berlin, München oder Hamburg wäre das kaum möglich: Die ständigen Stopps an roten Ampeln bremsen Radfahrer aus, ein Durchschnitt von 20 km/h ist - wenn überhaupt - dann nur mit einer sportlich-riskanten Fahrweise zu schaffen. Aber wer will schon durchgeschwitzt im Büro ankommen?

In Kopenhagen ticken die Uhren anders: Auf der Strecke nach Albertslund gibt es nur wenige Ampeln - dafür aber bald eine grüne Welle speziell für Radler und eine Streckenführung, die Kreuzungen meidet. Möglich macht's der kürzlich eröffnete Radschnellweg C99. Er ist der erste von insgesamt 26 geplanten Fahrrad-Highways im Großraum Kopenhagen mit einer Gesamtlänge von 300 Kilometern.

Mit den Schnellwegen, Dänisch Cykelsuperstier, wollen die Stadt Kopenhagen und die umliegenden Kommunen noch mehr Menschen aufs Rad bringen. Dabei denken die verantwortlichen Politiker nicht allein an weniger Stau und weniger Abgase. Sie schauen auch aufs Geld. Wenn das gesamte Schnellroutennetz steht, hoffen sie auf Einsparungen bei den Gesundheitskosten in Höhe von 40 Millionen Euro pro Jahr. Denn Radfahren stärkt unter anderem das Herz-Kreislauf-System und erspart somit langfristig teure Behandlungen wie zum Beispiel nach einem Herzinfarkt. Trotz des erhöhten Unfallrisikos und der eingeatmeten Abgase ist Radfahren nämlich gesundheitsfördernd. Nach Berechnungen österreichischer Forscher liegt der gesundheitliche Einspareffekt bei fast 90 Cent - und zwar pro Kilometer.

Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen

Countdown an der Ampel

"Es bringt große Vorteile, wenn wir es schaffen, die Menschen inner- und außerhalb der Stadt aufs Fahrrad zu bringen", sagt Ayfer Baykal, Umweltbürgermeisterin der Stadt Kopenhagen. "Die Zusammenarbeit mit den Umlandgemeinden beim Bau der Radschnellwege ist das Beste, was wir für die Radfahrer tun konnten, seit wir vor hundert Jahren mit dem Radwegebau begonnen haben."

Die 15 Kilometer bis Albertslund zeigen, wie recht die Bürgermeisterin damit hat. Der Weg C99 beginnt unweit des legendären Vergnügungsparks Tivoli im Zentrum. Auf einem anfangs drei Meter breiten Radweg geht es schnurstracks Richtung Westen - und schon nach fünf Minuten fährt man auf einem zweispurigen Radweg durch einen hübschen Grünstreifen - Autos sind nicht zu sehen.

Die nächste Überraschung erlebe ich in Frederiksberg, einer eigenständigen Kommune innerhalb Kopenhagens. Auf der Straße Finsensvej gibt es zwar immer wieder Ampeln. Doch 40, 50 Meter vor den Ampeln stehen kleine Displays, die per Countdown ankündigen, in wie viel Sekunden die Ampel umschaltet. So kann ich meine Geschwindigkeit anpassen und muss nur selten anhalten. Das spart Kraft - eine sehr gute Idee.

Mit mobilem Endgerät geht es zum Video hier entlang

Drei, vier Kilometer später wird es dann geradezu paradiesisch. Wenn möglich, haben die Planer den Radweg kreuzungsfrei geführt, damit man zügig durchfahren kann. Beim Linksabbiegen geht's durch einen kleinen Tunnel unter der Straße entlang, immer wieder rolle ich über kleine Brücken oder durch Unterführungen.

Profitable Investition für die Gesundheit

Und falls dann doch mal eine Ampel auf Rot steht, kann ich mich an eigens für Radler aufgestellten Metallbügeln am rechten Radwegrand festhalten - Fußstütze in 20 Zentimetern über dem Boden inklusive. Absteigen muss hier niemand. Kurz vor Albertslund ist der Radschnellweg dann tiefergelegt. Die Straßen für Autos, das sind die Brücken, unter denen ich durchfahre. Am Ziel habe ich das Gefühl, kaum angehalten zu haben. 15 Kilometer sind weit - auf dem Cykelsuperstier kommen sie einem aber kürzer vor - und machbar, auch jeden Tag.

"Einer von drei Kopenhagenern sagt, dass er noch mehr radeln würde, wenn die Bedingungen verbessert würden", so Vibeke Storm Rasmussen, Vorsitzende des Regional Council der Metropolregion Kopenhagen. Die Radschnellrouten seien das Beste, was man tun könne, um Radfahren zu einer echten Alternative zum Auto für Pendler zu machen.

Vor dem Bau der Radschnellroute haben Radfahrer die Strecke getestet. Ihre Fazit: zu viele Stopps wegen roter Ampeln und querender Straßen. Die Kommunen verbesserten daraufhin die Streckenführung, einige Knotenpunkte wurden umgebaut. Eine grüne Welle für 20 km/h schnelle Radler, wie es sie in Kopenhagen schon auf mehreren Straßen gibt, ist für den C99 in Planung. 3,3 Millionen Euro kostete das Projekt. Die erhofften Einsparungen im Gesundheitswesen sollen den Schnellweg trotzdem zu einer profitablen Investition machen.

Dass Radfahren sich lohnt, braucht man in Kopenhagen kaum noch zu erklären. Hier fahren jeden Tag 35 Prozent aller Menschen mit dem Rad ins Büro oder in die Uni. Und Umfragen zeigen, dass sie das vor allem deshalb tun, weil sie so am schnellsten vorankommen. Ein staufreies Zentrum und die bessere Gesundheit - das sind erwünschte Nebenwirkungen.

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insgesamt 184 Beiträge
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    Seite 1    
1. respekt...
Liquid 17.08.2012
... genauso sollte es in deutschland auch sein. ich fahr jeden tag nur 10 km einfache strecke mit dem rad und kann zum glück 2/3 ohne ampel zurücklegen. sobald man in der stadt unterwegs ist, macht das viele halten fast keinen spaß mehr. da merkt man das bei uns über jahrzehnte nur der autoverkehr gefördert wurde.
2.
doitwithsed 17.08.2012
Zitat von sysopMehr als zehn Kilometer auf dem Fahrrad ins Büro? Was in deutschen Städten meist noch einer Zumutung gleicht, ist in Kopenhagen Fahrspaß pur. Die Stadt baut exzellente Schnellstraßen für Radfahrer, um Krankheiten vorzubeugen - und Gesundheitskosten zu senken. Kopenhagen: Radwanderweg soll Arztkosten senken - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,850351,00.html)
Prima, sollte man hier in der Stadt unbedingt auch einführen. Kann dann bitte mal jemand die 300m hohen Berge einebnen, die dafür im Weg stehen?
3. .
rgoebel@interlog.com 17.08.2012
Den Fotos nach zu urteilen, herrscht in Kopenhagen immer nur angenehmes Wetter. Wie sieht es denn bei Regen und Schnee aus?
4. Neid!
Wunderläufer 17.08.2012
Da werde ich glatt neidisch; ich bin mir aber sicher, dass unsere gewählten deutschen Bedenkenträger bestimmt gewichtige Einwände (er)finden würden
5. so was....
trevorcolby 17.08.2012
....ist beim Michel i D undenkbar, man stelle sich das mal vor, ein Politiker hier würde das vorschlagen ! Er ist entweder ein grüner Terrorist oder ein radikaler Linker o.ä. Dann die Lobbyisten in Berlin, vorneweg Autoindustrie, Ölindustrie, Pharmaindustrie (Verdient an Kranken ja am meisten) etc. In D hat so was keine Chance ! ISt man auch gut so, der Michel soll ja schließlich die Schulden der EU_ Länder abarbneiten, da ist für so was schlicht keine Zeit ! Los, und nun ab zur arbeit, Ihr Sklaven !
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Zum Autor

Holger Dambeck, Jahrgang '69, arbeitet seit 2004 als Wissenschaftsredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Er fährt praktisch täglich Fahrrad und hat schon diverse Urlaube im Sattel verbracht.


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