Fußball-WM Wenn der Muskel krampft

Bastian Schweinsteiger musste vom Spielfeld robben, der algerische Kapitän humpelte noch mit Mühe vom Platz: In der Schlussphase der WM-Spiele werden viele Fußballer von Krämpfen geplagt. Warum?

Von Krämpfen geplagt: Bastian Schweinsteiger beim Spiel gegen Algerien
DPA

Von Krämpfen geplagt: Bastian Schweinsteiger beim Spiel gegen Algerien

Von


Er, der Spitzensportler, musste vom Feld robben - seine Beine wollten ihn nicht mehr tragen. In der 109. Minute war für Bastian Schweinsteiger beim Spiel gegen Algerien Schluss, immer wieder verkrampften seine Muskeln von der Wade bis hin in den Oberschenkel. Er reiht sich ein in einen Reigen vieler Fußballer, die sich in der Schlussphase der WM-Spiele am Boden krümmten. Woher kommt das? Die wichtigsten Fragen zu Krämpfen im Überblick.

Was passiert bei Muskelkrämpfen?

Muskelkrämpfe gehören zu den kleinen Defekten des Körpers. Der Muskel erhält ohne einen erkennbaren Grund das Signal, sich zusammenzuziehen. In dieser schmerzhaften Position verharrt er Sekunden bis Minuten, unfähig, sich wieder zu entspannen. Grundsätzlich kann jeder Muskel im Körper einen Krampf erleiden, beim Fußball trifft es jedoch vor allem die besonders geschundene Wadenmuskulatur. Der Wadenmuskel verhält sich dabei, als würde der Fußballer dauerhaft auf den Fußspitzen balancieren - selbst wenn dieser schon am Boden liegt.

Hat das brasilianische Klima einen Einfluss auf die Entstehung der Muskelkrämpfe?

Lange Zeit wurde vermutet, dass Muskelkrämpfe beim Sport etwas mit dem Flüssigkeitshaushalt des Körpers zu tun haben. Das Spiel der Deutschen gegen Algerien ist aber ein eindrücklicher Beleg dafür, dass es sich dabei wohl um einen Mythos handelt: Obwohl in Porto Alegre, wo das Spiel am Montag stattfand, frische 14 Grad herrschten, gab es kein Erbarmen. Neben Schweinsteiger hatte unter anderem der algerische Kapitän Rafik Halliche so extreme Krämpfe, dass er schon vor der 100. Minute vom Feld humpeln musste.

Auch wissenschaftliche Studien haben mittlerweile widerlegt, dass Krämpfe beim Sport durch einen Flüssigkeitsmangel des Körpers entstehen. Zu diesem Schluss kamen unter anderem Wissenschaftler um Martin Schwellnus von der University of Capetown 2008 in einem Übersichtsartikel. Dasselbe gilt demnach für den Elektrolytspiegel im Blut, also den Spiegel an Magnesium-, Kalzium- und anderen Ionen, die Strom leiten können und die Kommunikation zwischen Nerven und Muskel ermöglichen. Was aber führt dann zu den Muskelaussetzern?

Die Antwort auf diese Frage stellt Forscher bis heute vor Rätsel. Klar ist nur, dass Muskelkrämpfe besonders häufig auftreten, wenn Sportler wie Schweinsteiger im WM-Spiel an ihre Grenzen gehen und der Muskel ermüdet. Das Risiko dafür steigt auch stärker an, wenn sich Sportler in einer heißen und feuchten Umgebung verausgaben - möglicherweise hätten also in einer anderen Spielstätte als Porto Alegre noch mehr Spieler unter Krämpfen gelitten. Experten vermuten, dass bei körperlicher Ermüdung die extrem zusammengezogenen Muskeln die Folge einer misslungenen Kommunikation zwischen dem Muskel und jenem Nerv sind, der ihn sonst mit Anweisungen des Hirns dirigiert.

Eine Ausnahme, was den Flüssigkeitshaushalt betrifft, gibt es aber: Bei der Blutwäsche, der Dialyse, verliert der Körper über kurze Zeit tatsächlich so viel Flüssigkeit, dass infolgedessen Krämpfe auftreten können. Dann kann der Ersatz des fehlenden Volumens mit Kochsalzlösungen schnell helfen.

Wie machtlos sind die Spieler bei Krämpfen?

Tatsächlich sehr machtlos. Bei der besten Sofortmaßnahme kann der Zuschauer meist direkt zugucken. Der Muskel muss passiv gedehnt und wieder in die Länge gezogen werden. Bei Wadenkrämpfen etwa bedeutet das, dass der verkrampfte Muskel aus dem Zustand befreit werden muss, als stünde der Fußballer auf den Zehenspitzen. Dafür drückt ein Mitspieler den Fuß vorsichtig in die entgegengesetzte Richtung zum Körper hin.

Daneben gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit, die Krämpfe wieder los zu werden: ausruhen. Zwar ist der Wissenschaft schon viel gelungen, gegen Krämpfe konnte sie bisher jedoch kein Mittel finden. Auch das vielgelobte Magnesium ist eher eine Notlösung. Bisher konnte es noch in keiner Studie die Krampfhäufigkeit überzeugend senken, beim Sport ist die Wirkung auch nur wenig untersucht. Dennoch wird das Magnesium sogar in den medizinischen Leitlinien als Mittel gegen Krämpfe angepriesen - aufgrund fehlender Alternativen.

"Das muss man pragmatisch sehen", sagte Rainer Lindemuth, federführender Autor der Leitlinie, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es gibt nur wenige Behandlungsoptionen, Magnesium kostet nicht viel, und in der empfohlenen Dosierung ist es üblicherweise gut verträglich."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
disi123 01.07.2014
1. Kochsalzloesung
Ich hatte mich falsch gedreht um etwas abzustellen und mein Rueckenmuskel verkrampfte (Hexenschuss). Gehen konnte ich nicht mehr und musste zum Telefon robben. Der eintreffende Notarzt hatte mir etwas Kochsalzloesung in den Ruecken Injiziert und nur Sekunden spaeter war alles wieder normal.
Pfaffenwinkel 01.07.2014
2. Bei Muskelkrämpfen
hilft nur eines: ausruhen. Also ist es das Signal des Körpers: Bis hierhin und nicht weiter.
prince62 01.07.2014
3. Bei Krampf ist es eigentlich schon zu spät.
Zitat von Pfaffenwinkelhilft nur eines: ausruhen. Also ist es das Signal des Körpers: Bis hierhin und nicht weiter.
Als Hobby-Rennradler kann ich IHnen nur sagen, wenn der Krampf kommt, ist die Grenze bereits deutlich überschritten, für micht stellt sich das als Notabschaltung des Kreislaufes dar, um den bzw. die betroffenen Muskeln vor schweren Schäden zu schützen.
Thron25 01.07.2014
4. Hmmm...
@disi123: Eventuell sollten sie noch mal genau nachfragen, was genau in ihrem Rücken passiert ist und was genau gespritzt wurde. Kleiner Tip: ein verkrampfter Rückenmuskel hat nichts mit einem Hexenschuss zu tun und Kochsalzlösung hilft evtl. bei Flüssigkeitsmangel aber nicht bei ernsthaften Rückenproblemen.
bafibo 01.07.2014
5. Komisch
ich bekomme Krämpfe (in den Füßen) immer dann, wenn die Füße stark ausgekühlt sind. Zu enges Schuhwerk verstärkt bei mir die Neigung zu Krämpfen. Der Klassiker ist, mit Schwimmflossen ins kühle Wasser zu gehen - ich habe für meine breiten Füße noch nie die passenden Flossen gefunden. Abhilfe ist dann ganz einfach: zu enge Schuhe aus- und warme Socken anziehen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.