Laufen als Teamsport "Lauf-Crews sind besser als Tinder"

Marco Prüfer läuft mit den Kraft Runners durch die amerikanische Wüste und geht anschließend ordentlich feiern. Ein Gespräch über ein extremes Rennen und das neue Gruppengefühl beim Laufen.

Unterwegs beim Speed Project

Unterwegs beim Speed Project

Ein Interview von


Zur Person: Marco Prüfer, 29, betreibt seit 2014 das Café Kraft in Berlin und gründete vor zwei Jahren die Lauf-Crew Kraft Runners. Beim vierten Speed Project in den USA belegten die Kraft Runners den dritten Platz.


SPIEGEL ONLINE: Herr Prüfer, Sie sind zwei Tage auf Landstraßen durch die amerikanische Wüste gelaufen. Was ist das für ein Rennen?

Prüfer: Das Speed Project ist ein illegales Staffelstraßenrennen mit 40 Teams, es geht 550 Kilometer von Los Angeles nach Las Vegas. Da hält dich auch schon mal die Polizei an. Laut Veranstalter ist das ein Lauf ohne Regeln - Hauptsache ankommen. Wir waren neun Läufer und eine Läuferin: Einer läuft immer und die anderen fahren im Auto hinterher und ruhen sich aus. Die ersten 100 Kilometer sind wir jeweils zehn Kilometer gelaufen. Aber das wurde bei der Hitze von 30 Grad und in den Bergen zu anstrengend, und wir haben uns in kürzeren Abständen abgewechselt. Nach gut 36 Stunden hatten wir es geschafft.

SPIEGEL ONLINE: 550 Kilometer durch die Wüste - wie fühlt man sich dabei?

Prüfer: Für uns war Spaß das Ziel, und wir sind es etwas lockerer als vergangenes Jahr angegangen. Da hatte die Hälfte des Teams ein Erschöpfungssyndrom mit Magenkrämpfen nach dem Rennen. Paul Schmidt, Langstreckenläufer und Sportmediziner an der Charité Berlin, war Teil unseres Teams und hat uns mit wichtigen Tipps versorgt, damit wir nicht umkippen: Mindestens zehn Liter Wasser am Tag und die Einnahme von Salz in Form von Tabletten vor und nach jedem Lauf und noch extra gesalzene Chips waren nötig, um das Ausgeschwitzte auszubalancieren.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt gefährlich.

Prüfer: Gefährlich wurde es eher nachts, wenn man komplett allein bei Dunkelheit durch die Wüste gerannt ist, weil die Straßen oft nicht breit genug waren für das Auto neben dem Läufer. Da hat man sogar die Kojoten heulen gehört.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Lauf-Crew steht das Extreme im Vordergrund. "Geil ballern" ist Ihr Motto. Was heißt das?

Prüfer: "Ballern" gab es schon länger als Synonym für schnelles Laufen. Unser Motto haben wir eher zufällig bei einem Zehnkilometerlauf in Paris entwickelt. Es heißt so viel wie: mit Spaß, Freude und einem geilen Gefühl gemeinsam schnell rennen.

SPIEGEL ONLINE: Tut es dem Körper überhaupt gut, wenn es immer höher, schneller und weiter oder eben durch die Wüste gehen muss?

Prüfer: Wenn man sich abwechslungsreich ernährt und gut trainiert, dann ist Schnellsein nicht kontraproduktiv für die Gesundheit. Sonst wäre der Sportmediziner sicher nicht Teil der Kraft Runners. Mittlerweile hat sich das Ganze durch unsere angewachsene Community auch etwas verändert. Wir haben auch langsamere Läufer dabei und für die heißt "Geil ballern", mit coolen Leuten zu laufen und danach auch mal feiern zu gehen.

SPIEGEL ONLINE: Feiern und Laufen, passt das zusammen?

Prüfer: Natürlich, Sport auf einem hohen Level ist mit Alkohol zu vereinbaren. Ein Bier danach sind auch nur Kohlenhydrate, die renne ich am nächsten Tag locker weg. Es muss einfach alles in Maßen passieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten, dass Ihre Community wächst. Dazu gibt es viele weitere Lauf-Crews in Deutschland: Warum wollen heutzutage so viele gemeinsam laufen?

Prüfer: Wir machen Laufen zu einem Teamsport, denn eigentlich ist Alleinlaufen scheiße: Es ist anstrengend und macht uns keinen Spaß. Wenn ich mit 50 Leuten durch die Stadt renne, vergehen zehn Kilometer wie im Flug.

SPIEGEL ONLINE: Es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl.

Prüfer: Laufen bringt Menschen zusammen. Wenn ich als Single in eine neue Stadt käme, würde ich mir gleich eine Run-Crew suchen, um Männer oder Frauen kennenzulernen. Lauf-Crews sind besser als Tinder, bei uns haben sich schon einige Pärchen gefunden.

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