Kuhmilch-Ersatz: Kein Kind braucht Kindermilch

Von Dennis Ballwieser

Kindermilch: Teuer und überflüssig Fotos
DPA

Kindermilch soll gut sein für das Wachstum. Doch schon mehrfach wurden Firmen gerügt, weil der Kuhmilch-Ersatz nicht hält, was die Hersteller versprechen. Kein Kind brauche spezielle Milchgetränke, sagen Ärzte. Das Original von der Kuh sei besser und günstiger.

Milch allein ist scheinbar nicht genug. Für Kinder über einem Jahr bieten verschiedene Hersteller spezielle Kindermilch an. Gemeint ist damit Milch für Kinder, die besser als herkömmliche Kuhmilch für die Entwicklung der Kleinen geeignet sein soll.

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat bereits mehrfach Werbesprüche für Kindermilchen gerügt, weil diese gerade "nicht an die Ernährungsbedürfnisse von Kleinkindern angepasst" seien. Aktuell läuft ein Verfahren, in dem die Prüfer insgesamt 15 Kindermilchgetränke beanstandet haben, weil die Getränke "sich nicht zur besonderen Ernährung dieser Personengruppe eignen".

Nun herrscht Verunsicherung bei den Eltern. Viele glauben an die Versprechen der Industrie, und dass sie ihren Kindern mit den Produkten etwas besonders Gutes tun. Dabei stellt sich die Frage, ob Kinder überhaupt eine andere Milch als die von der Kuh brauchen. Mediziner und Ernährungswissenschaftler sind sich einig: Nein.

"Kindermilchen sind nicht notwendig", sagt der Kinderarzt Berthold Koletzko, Leiter der Ernährungsambulanz am Haunerschen Kinderspital der LMU München. "Die Zusammensetzung der Produkte ist an vielen Stellen nicht zufriedenstellend." Oft seien die Kindermilchen zu stark gezuckert und zu süß. Einige enthielten weniger Kalzium als Kuhmilch. "Das heißt, sie sind weniger wertvoll als die Kuhmilch."

Koletzko ist der Vorsitzende der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), die bereits Ende 2011 in einer Empfehlung zu dem Schluss kam, dass "spezielle Milchgetränke einschließlich Folgemilch für die Ernährung von Kleinkindern grundsätzlich nicht notwendig sind."

Ausgewogene Ernährung ist das Ziel

Norbert Pahne, Geschäftsführer der Herstellervereinigung Diätverband, verteidigt die Produkte der Kindermilchproduzenten: "Kleinkinder werden in Deutschland nicht so ernährt, wie es von Fachgesellschaften empfohlen wird. Studien zeigen eine unzureichende Versorgung mit verschiedenen Nährstoffen. Die Hersteller haben auf Basis der Anreicherungsempfehlungen der DGKJ von 2001 ihre Produkte entwickelt."

Was Pahne nicht sagt: Die Kindermilchprodukte enthalten zum Teil deutlich mehr Kalorien als fettreduzierte Milch, zudem mehr Zucker. Die Kindermilchen könnten eine Alternative für Kinder sein, denen Milch nicht schmecke, so Pahne. Eine Möglichkeit der Hersteller, auf die Kritik zu reagieren, wären neue Rezepturen nach den neuen Anreicherungsempfehlungen der DGKJ von 2011. Ob die Hersteller diesen Weg gehen werden, ist offen.

Natürlich könne man Kindermilch als Teil einer ausgewogenen Ernährung geben, sagt der Kinderarzt Koletzko, doch das Ziel müsse ein anderes sein. Die Kleinkinder sollten eine ausgewogene Ernährung mit natürlichen Lebensmitteln lernen. Kindermilch koste dreimal so viel wie Kuhmilch, biete aber gegenüber einer fettreduzierten Kuhmilch keine nachgewiesenen Vorteile.

Vitamin D und Kalzium sind besonders wichtig

Die Hersteller verschiedener Produkte weisen besonders auf den Vitamin D- und Kalziumgehalt ihrer Kindermilchen hin. Dass beide Stoffe wichtig für die Entwicklung eines Kleinkindes sind, bezweifeln Ernährungswissenschaftler nicht. Vitamin D und Kalzium benötigt der Körper, um einen ausreichend mineralisierten Knochen bilden zu können. Fehlen ihm die Nährstoffe, kann eine Rachitis entstehen, bei der sich die Knochen verformen. Bei Vitamin-D- und Kalziummangel im Wachstumsalter kommt es zu Muskelkrämpfen, verformten Beinknochen und aufgetriebenen Handgelenken.

"Man braucht aber keine Kindermilch, um diese Nährstoffe zu liefern. Kalzium liefert auch Kuhmilch in ausreichenden Mengen und für Vitamin D wird generell eine Supplementierung in Tablettenform empfohlen", sagt Mathilde Kersting vom Dortmunder Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE). Die Wissenschaftler empfehlen eine ausgewogene Ernährung und täglich 300 Milliliter teilentrahmte Milch oder Joghurt für Kleinkinder.

Vergleich des Energie- und Nährstoffgehaltes von Kuhmilch und Kindermilch
Energie- und Nährstoffgehalt Kuhmilch (teilentrahmt) Kindermilch auf dem Markt (03/2010) Vorschlag der Ernährungskommission 2011
Energie 197 kJ
(47 kcal)
276-293 kJ
(66-70 kcal)
188-230 kJ
(45-55 kcal)
Eiweiß 3,4 g 1,4-1,9 g < 2 g
Fett 1,6 g 2,9-3 g 1,5-2,5 g
Kohlenhydrate 4,6 g 8,3-9,1 g 5 g
Vitamin D 0,028 µg 1,1-1,7 µg 0,6-2,1 µg
Kalzium 118 mg 74-89 mg etwa 120 mg
Quelle: Zusammensetzung und Gebrauch von Milchgetränken für Kleinkinder, Aktualisierte Empfehlungen der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Oktober 2011
Eine wichtige Voraussetzung für die ausreichende Vitamin-D-Produktion im Körper ist ausreichend Sonnenlicht auf der Haut. Weil Kinder in Deutschland tatsächlich häufig zu wenig Vitamin D über die Nahrung zu sich nehmen, fordert die DGKJ-Ernährungskommission, Kinder sollten zwischen April und September zweimal wöchentlich bis zu einer halben Stunde mit unbedecktem Kopf und mit freien Armen und Beinen in die Sonne. Natürlich, ohne sich einen Sonnenbrand zu holen.

Einige Hersteller bewerben ihre Kindermilch als pro- oder präbiotisch. Gemeint ist damit, dass der Milch Bakterien, Hefen, Zucker oder Ballaststoffe zugesetzt sind. Die sollen gesundheitsfördernd auf die Darmflora wirken und so das Immunsystem stärken. Einen Beweis für diese Wirkung konnten wissenschaftliche Studien aber bisher nicht erbringen.

Nach dem ersten Geburtstag mit der Familie essen

Die Frage nach der richtigen Milch stellt sich Eltern sofort nach der Geburt. Kinderärzte sind sich heute einig, dass für die ersten Lebensmonate Muttermilch das Beste fürs Baby ist. Kann die Mutter voll stillen, ist das für das erste Lebenshalbjahr für Mutter und Kind ideal. Reicht die Muttermilch nicht oder muss die Mutter abstillen, bekommt der Säugling "Pre-" und "1-Nahrungen". Das sind Pulver, die entsprechend der Bedürfnisse im jeweiligen Alter die richtigen Nährstoffe für das Baby enthalten. Kuhmilch ist vor dem ersten Geburtstag dagegen nicht als Muttermilchersatz geeignet, hier stimmt die Nährstoffzusammensetzung nicht mit den Bedürfnissen der Säuglinge überein.

Etwa ab dem sechsten Monat brauchen alle Säuglinge zusätzlich zur Milch Beikost, am besten Brei. Damit sollten die Eltern nicht vor dem fünften und nicht nach dem siebten Monat beginnen, geeignet sind Gemüse, Kartoffeln und Fleisch. Kurz vor dem ersten Geburtstag gibt es dann auch Brot dazu. Etwa ab dem ersten Geburtstag kann das Kind dann an die normale Familienkost gewöhnt werden, zu der auch Kuhmilch gehört. Die ist offenbar doch genug.

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insgesamt 162 Beiträge
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1.
longhoishong 17.07.2012
Kein Mensch der aus dem Säuglingsalter raus ist braucht Kuhmilch!
2. Man hat es weit gebracht in der Zivilisation.
freidimensional 17.07.2012
Zitat von sysopKindermilch soll gut sein für das Wachstum. Doch schon mehrfach wurden Firmen gerügt, weil der Kuhmilch-Ersatz nicht hält, was die Hersteller versprechen. Kein Kind brauche spezielle Milchgetränke, sagen Ärzte. Das Original aus der Kuh sei besser und günstiger. Kritik an Kindermilch: Warum Kinder lieber Kuhmilch trinken sollten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,844620,00.html)
Irgendwann ließen wir uns einreden, dass irgendein Schmarren, produziert von irgendeiner Industrie, angereichert mit synthetisch gewonnenen Stoffen, Zucker, Geschmacksverstärkern und Standardisierungsmitteln, mit viel Verpackung drumherum, dass das alles für das Gedeihen unserer Kinder besser sein soll als die Muttermilch oder natürliche Kuhmilch. Wobei es letztere ja auch nicht mehr in natürlicher Form geben darf, die Abgabe von unhomogenisierter, unpasteurisierter Milch ist ja verboten. Und die Gesundheit der Nachkommenschaft ist, wenn man die Statistiken betrachtet, eher abflauend - trotz oder wegen der flächendeckenden Industrienahrung?
3. Es tut mir aufrichtig Leid!
abominog 17.07.2012
Aber ich versuche den Kuhmilchkonsum präventiv zu vermeiden. Ich vertraue der Qualität der Milch ganz einfach nicht mehr. Ähnlich wie Eier bzw Eiprodukte. Hühnerfleisch konsumiere ich ebenfalls nur noch im Notfall, wenn es sich aus unterschiedlichen Gründen leider nicht vermeiden lässt. Käse habe ich selbstverständlich auch von meiner Speisekarte gestrichen, so wie Nudeln, Butter und äquivalente Produkte. Ich bin weder Veganer noch Vegetarier oder sonstwas in dieser Art. das jetzt nur mal so nebenbei. Allerdings werde ich erst dann wieder Standardprodukte konsumieren, wenn hierzulande der Verbraucherschutz massiv gestärkt wurde. Bis dahin konsumiere ich jegliche Massentierhaltungsprodukte äusserst sparsam und ich rate allen Forenteilnehmern dringend, es ebenso zu tun!
4.
moev 17.07.2012
Zitat von longhoishongKein Mensch der aus dem Säuglingsalter raus ist braucht Kuhmilch!
Sie hilft aber. In der heutigen Zeit mit dem heutigen Nahrungsangebot nicht mehr so relvant, aber das war früher in gewissen Regionen mal ein so großer Vorteil das sich diese Mutation dort auf breiter Front gegenüber denen durchgesetzt hat, dennen sie gefehlt hat. Erst in den moderneren Zeiten durchmischt es sich wieder mehr.
5.
Vex 17.07.2012
Zitat von longhoishongKein Mensch der aus dem Säuglingsalter raus ist braucht Kuhmilch!
Kein Mensch braucht Alkohol ... oder Schokolade oder Kaffee etc ... Niemand trinkt Milch weil er muss sondern weil es schmeckt.
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  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.


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