Laktoseunverträglichkeit: Kampf mit dem Milchzucker

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Laktosefreie Lebensmittel stapeln sich reihenweise in den Regalen der Supermärkte. Dabei schadet der Milchzucker den meisten Menschen in Europa gar nicht. Die Lebensmittelindustrie freut es.

Milchkonsum: Kleinkinder vertragen den Milchzucker Laktose problemlos Zur Großansicht
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Milchkonsum: Kleinkinder vertragen den Milchzucker Laktose problemlos

Eine urige Berghütte, schneebedeckte Almen und dampfende Teller auf dem Tisch. Bevor sich aber der Gast die Kasnocken schmecken lässt, streut er ein weißes Pulver aus einer Kapsel über die Mahlzeit. Aus Angst vor Bauch-Malaisen nach dem Verzehr von Laktose greifen immer mehr Menschen zu laktosefreien Lebensmitteln oder Tabletten, die den Milchzucker unschädlich machen sollen. Dabei ist das meistens gar nicht nötig.

Die Lebensmittelindustrie stört das nicht, längst hat sie das Potential der Bezeichnung "laktosefrei" erkannt, und schöpft es voll aus. "Die Hersteller haben einen Markt entdeckt und suggerieren dem Verbraucher gerne, laktosefrei sei etwas Positives", sagt Silke Restemeyer von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Selbst in Discountern stapeln sich reihenweise die laktosefreien Varianten von Milch, Joghurt und Co. - und die Verbraucher greifen gerne zu, in dem Glauben ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun.

Dabei offenbarte vor kurzem eine repräsentative Umfrage: Zwar ist der Begriff der Laktoseintoleranz dem Großteil der Bevölkerung bekannt. Detailwissen fehlt allerdings oft. Wie die TNS Emnid-Umfrage im Auftrag von Danone mit gut 1000 Befragten ergab, haben 98 Prozent den Begriff schon mal gehört. Jeder Dritte behauptet sogar, ganz genau zu wissen, was es mit der Unverträglichkeit von Milchzucker auf sich hat. Nach deren Folgen befragt, konnte aber nur weniger als die Hälfte konkrete Symptome nennen.

15 Prozent der Deutschen haben eine Unverträglichkeit

Fakt ist: In Deutschland können etwa 85 Prozent der Menschen Laktose, die natürlich in Kuh- aber auch Muttermilch vorkommt, ohne Schwierigkeiten verdauen. Der Milchzucker ist in den Mengen, wie er üblicherweise in Milchprodukten enthalten ist, für sie unproblematisch.

Laktoseunverträglichkeit äußert sich bei jedem Menschen anders. Typischerweise verursacht die Unverträglichkeit Blähungen, Bauchgrummeln und -schmerzen, Übelkeit oder Erbrechen. Die Beschwerden können aber viele Ursachen haben und müssen nicht zwangsläufig durch eine Milchzuckerunverträglichkeit entstanden sein. Zuverlässig kann die Laktoseintoleranz daher nur über einen Atemtest beim Arzt festgestellt werden.



WENN ES IM MAGEN GÄRT

Bei laktosetoleranten Menschen wird der Milchzucker Laktose im Dünndarm durch das körpereigene Enzym Laktase in die kleineren Zucker Galaktose und Glukose gespalten. Stellt der Körper Laktase nicht in ausreichenden Mengen her, spricht man von einer Laktoseintoleranz. Der Milchzucker wandert ungespalten in den Dickdarm. Dort wird er von Darmbakterien vergoren und Gase wie Methan, Kohlendioxid und Wasserstoff entstehen. Diese können mit Hilfe eines Atemtests bestimmt werden. Er gilt als Goldstandard zur Diagnose einer Laktoseintoleranz.

Weltweit können nur ein Drittel der Erwachsenen größere Mengen Laktose verdauen. In vielen Gegenden Afrikas und Asiens sind nahezu alle Erwachsenen laktoseintolerant. Auch Europäer und Nordamerikaner stellen erst seit etwa 7500 Jahren aufgrund einer Genveränderung größere Mengen Laktase her. Nur gesunde Säuglinge besitzen das Enzym überall auf der Welt. Sonst könnten sie die Muttermilch nicht verdauen.



Wer Laktose verträgt und regelmäßig normale Milchprodukte isst, schadet dem Körper nicht - im Gegenteil: Milchprodukte beliefern den Organismus mit Kalzium. Zudem leben im Darm Bakterien, die sich von Laktose ernähren und die Verdauung von Milchprodukten unterstützen. Wer regelmäßig milchhaltige Lebensmittel isst, kann diese Wirkung verstärken und verträgt Milchprodukte dadurch besser. Schon vor Jahren haben Studien gezeigt, dass nach einigen Wochen Gewöhnung sogar Menschen mit einer Laktoseunverträglichkeit Milchprodukte in Maßen problemlos essen können.

Ein Glas Milch ist kein Problem

Aber auch ohne Gewöhnung vertragen die meisten Betroffenen einiges an Laktose: In einer Untersuchung kommt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu dem Ergebnis, dass die Mehrzahl der Menschen mit Milchzuckerunverträglichkeit Einzeldosen von 12 Gramm Laktose problemlos verdauen kann. Das entspricht einem kleinen Glas Milch oder 400 Millilitern Sahne. Vermischt mit anderen Lebensmitteln könnte der Wert sogar höher liegen. Viele als laktosefrei deklarierte Produkte macht das überflüssig.

Hersteller bieten zudem zahlreiche Lebensmittel als laktosefrei an, die ohnehin kaum Milchzucker enthalten. Und: In den "frei von Laktose"-Produkten stecken in der Regel noch 100 Milligramm Laktose pro 100 Gramm Lebensmittel - genau so viel Milchzucker wie natürlicherweise in vielen Käsesorten. Die Produkte bringen also vor allem eins: Umsatz für die Lebensmittelindustrie.

Dieser steigt bei den laktosefreien Produkten derzeit jährlich im zweistelligen Prozentbereich. Bei einem Vergleich von 24 Lebensmitteln hat die Verbraucherzentrale Hamburg festgestellt, dass die Spezialprodukte im Durchschnitt knapp zweieinhalbmal teurer sind als herkömmliche Lebensmittel. Dabei nennen die Verbraucherschützer als einzig sinnvolles Produkt für Menschen mit Laktoseintoleranz laktosefreie Kuhmilch.

Von Milchzucker befreit wird sie in den Industrielaboren durch das meist gentechnisch hergestellte Enzym Laktase, das die Laktose in die kleineren Zucker Glukose (Traubenzucker) und Galaktose spaltet. Laktosefreie Milch schmeckt deshalb süßer, als ihr unbehandeltes Pendant. Einige Verbraucher greifen daher wohl auch aus Geschmacksgründen zur teureren laktosefreien Lebensmitteln - gesünder als alle anderen ernähren sie sich dadurch aber nicht.

Leben mit Laktoseunverträglichkeit
Sie gehören zu den 15 Prozent der Bevölkerung mit einer Unverträglichkeit? Die wichtigsten Fragen und Antworten über das Leben mit Laktoseintoleranz lesen Sie hier.

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insgesamt 177 Beiträge
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    Seite 1    
1. ....
jujo 24.03.2013
Zitat von sysopDPALaktosefreie Lebensmittel stapeln sich reihenweise in den Regalen der Supermärkte. Dabei schadet der Milchzucker den meisten Menschen in Europa gar nicht. Die Lebensmittelindustrie freut es. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/laktosefreie-nahrungsmittel-sind-auch-bei-intoleranz-oft-ueberfluessig-a-886427.html
Da kommen wir wieder zum Kern der der Sache. der normale, gesunde Mensch kann alles Essen und Trinken, er darf nur nicht übertreiben, da wird wieder eine Sau durchs Dorf getrieben, die Industrie freut es und die Welt will betrogen werden. Jeder hat seine Heiligen oder einen Popanz dem er hinterherhechelt1
2.
anon11 24.03.2013
Zitat von sysopDPALaktosefreie Lebensmittel stapeln sich reihenweise in den Regalen der Supermärkte. Dabei schadet der Milchzucker den meisten Menschen in Europa gar nicht. Die Lebensmittelindustrie freut es. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/laktosefreie-nahrungsmittel-sind-auch-bei-intoleranz-oft-ueberfluessig-a-886427.html
Und , was ist jetzt das Problem? Lasst die Menschen doch kaufen was sie wollen und für die welche wirklich Probleme haben ist es nur von Vorteil wenn alles richtig deklariert ist ohne das sie lange die Zutatenlisten studioeren müssen. Wobei die Deklarierungspflicht in Deutschland, verglichen mit den skandinavischen Ländern, eh ein Witz ist. Die Milch machts..jaja.Werbeverarschung hoch drei. Milch ist für Kälber nicht für menschen.
3. Umfragen
Allegorius 24.03.2013
Das Problem bei solchen Umfragen ist, dass man gefühlt deutlich mehr Menschen kennt, die an einer Laktoseintoleranz leiden. Ich habe selbst etwa zehn Freunde und Bekannte, denen Ärzte erst nach häufigen Besuchen und zahlreichen anderen Untersuchungen, die Diagnose eröffnet haben. Das aber ist nur die eine Seite. Dass Milch nicht zum menschlichen Verzehr geeignet und gedacht ist, ist die andere. Ich selbst habe keine diagnostizierte Laktoseintoleranz, seit zwei Jahren nehme ich aber keine Milchprodukte - diese fand ich schon als Kind widerlich, aber man ist ja Kind seiner Erziehung - mehr zu mir und seitdem habe ich nicht mehr Blähungen, Magenkrämpfe und erschwerten Stuhlgang.
4. ich kauf nicht laktosefrei..
jetzt:hördochauf 24.03.2013
..weil mir Milchzuckerfreie Milchprodukte suspekt sind: genau wie Fleischfreie Steaks oder trockenenes Wasser... ich kann mich erinnern, als Kind gab's manchmal einen Löffel 'Milchzucker' extra (und die Enttäschung, das das garnicht wirklich süß war)... Aber wie ich die Industrie kenn, gibt es Milchzucker jetzt auch laktosefrei...
5. Veralbert
H.-P.Kraus 24.03.2013
Mich hat die Laktoseintoleranz letztes Jahr erwischt. Von daher ist der Schock noch relativ frisch, dass ich an meterlangen Regalen mit Milchprodukten und Süßwaren sowie Kühltruhen mit Tiefkühlkost vorbeigehen muss, ohne etwas davon kaufen zu können. Bei der Behauptung, dass hier angeblich eine Schwemme mit laktosefreien Produkten stattfindet, fühle ich mich veralbert. Auch ein freigiebiges Kennzeichnen mit dem Hinweis "laktosefrei" kann ich nicht bestätigen. Man muss bei fast allen Produkten mühselig die Zusammensetzung entziffern, um sicher zu stellen, dass sie kein Laktose enthalten. Sie hätten vielleicht mal zum einfachsten Mittel der Recherche greifen sollen, nämlich den Selbsttest in der Praxis.
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Zur Autorin
  • Julia Merlot studierte Wissenschaftsjournalismus und begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft von SPIEGEL ONLINE.