Achilles' Classics Mein wunderbares Opfer

Achim Achilles soll Nachbar Roland das Laufen beibringen und riskiert dabei, sich zum Gespött zu machen. Doch das qualvolle Training wird sich irgendwann auszahlen - allerdings nicht unbedingt für Roland.

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Achilles-Klassiker
    In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

    Dieser Text erschien bei SPIEGEL ONLINE ursprünglich im Jahr 2008.

Es dauerte nicht lange, bis ich Roland eingeholt hatte. Mein Nachbar klebte wie ein schlabbriger Baumpilz an einer stolzen Eiche und pumpte jämmerlich. Im Gesicht trug er die Modefarbe dieses Herbstes: kräftiges Aubergine. "Ich verstehe das nicht", japste er, "früher bin ich tagelang gerannt." Früherfrüherfrüher. Da waren wir auch unter 40,und die Reizweiterleitung im Hirn funktionierte halbwegs. Mit dem Alter allerdings kommt der Kurzschluss. Und der führt unweigerlich zu Leistungsabfall.

Das erzählte ich Roland natürlich nicht. Dieser verpeilte Singlemann aus dem dritten Stock unseres Berliner Mietshauses hatte mich zu seinem Coach erwählt. Wir waren auf unserem ersten gemeinsamen Lauf, und schon in diesen ersten Sekunden sollte sich unsere gemeinsame Zukunft entscheiden. Wie jeder gute Sportsmann hätte ich Roland von Herzen gern als Schlappschwanz verhöhnt, als ahnungslosen Uschi-Walker, den man am besten im Wald liegen ließ.

Jeder Kilometer ein Triumph

Andererseits erinnerte ich mich an jene wunderbaren Zeit, als ich selbst mit dem Laufen begann: Jeder Schritt bedeutete ein Abenteuer. Mit jedem Atemzug wuchs die süße Angst vor Schmerz und Kollaps. Jeder Kilometer war ein unbeschreiblicher Triumph. Bald fühlte man sich als Mitglied eines Geheimbundes, größer als der ADAC, mächtiger als jede Partei.

Ich beschloss, Roland eine Chance zu geben. Er war zwar ein elendes Großmaul und peinlich angezogen wie ein Kölscher Karnevalsprinz. Aber er war eben auch mein Nachbar, zwar mit Lauffreude gesegnet, aber leider kaum mit Talent. Roland würde für die nächsten Jahre ein wunderbares Opfer abgeben, dem ich locker davonlaufen könnte. Er würde gar nicht umhinkommen, mich zu bewundern. Klare Sache: Roland musste gepflegt werden. Er würde mein zweibeiniges Motivationsprogramm sein.

Vorsichtig tätschelte ich seinen zitternden Rücken. "Los, wir gehen ein paar Meter." Roland nickte. Er hatte zwei Ausgaben von "Runner's World" gelesen, dachte, er wisse nun alles und müsse nur noch lospreschen wie ein Idiot. "In drei Wochen zum Marathon unter zwei Stunden", und derlei Versprechen mehr. Meine Güte. An Trottel-Novizen wie Roland spürt man seine umfassende Erfahrung auf den Waldwegen dieser Welt. Im Zweifelsfall immer einen Gang zurück, heißt die Devise.

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Stehen bleiben - wie peinlich

Roland machte ein paar vorsichtige Schritte. Seine Knie wackelten. Großherzig verzichtete ich auf Trab und marschierte. Von hinten plötzlich Getrappel, das nach einer nahenden Rhinozeros-Herde klang. Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Läufer kamen. Ich hatte noch nicht mal einen Kilometer mit meinem neuen Schüler absolviert, da stürzte er mich schon in Peinlichkeiten. Läufer, die nicht laufen, müssen schon sehr gute Erklärungen vorweisen, um gehen oder stehen zu dürfen. Wir hatten objektiv keine.

Ich beugte mich zu Rolands Knie. Sie sollten denken, dass er verletzt sei und wir deswegen walkten. "Was machst du da?", fragte Roland, natürlich viel zu laut. "Dein Knie!", zischte ich. "Ist völlig okay", sagte Roland. Ich versuchte ein Lächeln für die Sportsfreunde, als sie uns überholten. Ihre Gesichter kamen mir natürlich bekannt vor. Klar, schließlich teilten wir seit Jahren das Revier.

Matt hob ich die Hand zum Gruß. Doch die Gruppe grinste nur kollektiv und erhöhte das Tempo. Ist der Ruf erst ruiniert, walkt sich's gänzlich ungeniert. "Blöde Angeber", zischte ich. Roland glotzte und verstand natürlich gar nichts. Er fühlte sich zwar als Mitglied unseres Geheimbundes, aber er kapierte unsere Sprache nicht. Anfänger sind anstrengend.

Traben, gehen, Schnauze halten

Wir marschierten weiter. Als sich Rolands Gesichtsfarbe von Aubergine über Tomate Richtung Kürbis entwickelt hatte, guckte ich eisig wie Jutta Müller, die einst Kati Witt zu Ruhm und Ehre gecoacht hatte. Schluss jetzt mit dem ewigen angelesenen Gequatsche. "Eine Minute laufen, eine Minute gehen", befahl ich, "zehnmal. Und ganz wichtig dabei: Schnauze halten." Roland war zu schwach, um Laufguru Herbert Steffny zu rezitieren. Er schwieg tatsächlich. Wir trabten los, so langsam, dass ich aufpassen musste, nicht umzukippen. Roland schnaufte.

Gehpause.

Wir schafften tatsächlich zehn Einheiten, schweigend. Kaum war die letzte beendet, sprudelte Roland los. "War das jetzt echtes Training?", fragte er erwartungsvoll. Mit Rücksicht auf sein Selbstwertgefühl murmelte ich etwas, das man als Zustimmung interpretieren konnte. Es würde ein langer, harter Weg werden mit uns beiden.

Lesen Sie im nächsten Teil, wie Roland im Fitness-Wahn Achim zur Verzweiflung treibt.



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