SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

31. Oktober 2014, 12:35 Uhr

Profiläufer auf Prothesen

"Ich will laufen, und ich will leben"

David Behre verliert bei einem Zugunfall seine Füße - und fasst trotzdem den Entschluss, Profiläufer zu werden. Im Interview erklärt der 28-Jährige, wie er das Gehen neu lernte und warum er seine Beine nicht mehr zurückhaben will.

SPIEGEL ONLINE: Herr Behre, welche Erinnerungen haben Sie an den 8. September 2007?

Behre: Nach einer Feier mit Freunden war ich mit dem Rad auf dem Nachhauseweg. Das letzte Bild, das ich noch vor Augen habe, war ein Schild: "80 Meter bis zum Bahnübergang." Dann hatte ich plötzlich ein lautes Knallen im Ohr.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden von einem vorbeifahrenden Zug erwischt. Hatten Sie Schmerzen, als Sie wieder zu sich kamen?

Behre: Nein, gar nicht. Erst habe ich nur vorbeifahrende Züge gehört. Irgendwann bin ich aufgewacht. Ich lag in einem Dornengebüsch und wollte aufstehen, aber es ging nicht. Dann habe ich gesehen, dass meine Hose voller Blut war, und dass meine Füße weg sind. Ich bin Richtung Gleise gerobbt und habe laut um Hilfe geschrien.

SPIEGEL ONLINE: Eine Anwohnerin hat Sie gefunden, etwa 120 Meter entfernt vom Bahnübergang.

Behre: Ja, da waren drei Stunden vergangen. Ich wurde mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen und an den Beinen operiert. Mein rechter Bizeps war aufgerissen, auch mein kompletter Rücken war von den Steinen am Bahndamm aufgerissen worden. Aber sonst war alles okay. Auch der Kopf. Da hatte ich verdammtes Glück.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen, dass man Ihnen die Füße und den unteren Teil der Unterschenkel amputieren muss?

Behre: Es war natürlich schwer. Aber irgendwann in den ersten Tagen nach dem Unfall habe ich zu meinen Eltern gesagt: Ich will laufen, und ich will leben.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging's dann weiter?

Behre: Nach vier Tagen habe ich den Fernseher eingeschaltet. Just in dem Moment lief ein Beitrag über den südafrikanischen Läufer Oscar Pistorius. Dort war zu sehen, wie er in Carbon-Prothesen gegen nicht behinderten Sprinter läuft - und sie schlägt. Das war der größte Motivationsschub. Da habe ich gesagt: Das will ich auch.

SPIEGEL ONLINE: Vier Tage nachdem Sie ihre Beine verloren haben, fassten Sie den Entschluss, Sprinter zu werden?

Behre: Ja, ich war so angetrieben von dem Gedanken, nicht im Rollstuhl sitzen zu müssen. Und Sport war immer Teil meines Lebens. Mit fünf Jahren habe ich angefangen, Motocross zu fahren. Ich bin lange Wettkämpfe gefahren und wollte Profisportler werden.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich an Ihre ersten Gehversuche?

Behre: Ja, sehr gut. Sechs Wochen nach dem Unfall stand ich zum ersten Mal in Prothesen. Allein das Stehen hat viel Kraft gekostet und höllisch wehgetan. Nach einigen Minuten waren die Unterschenkel komplett blau von der Belastung.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange hat es gedauert, bis Sie wieder gehen konnten?

Behre: Im Dezember, also zwei Monate nach dem Unfall, bin ich mit unseren Hunden Gassi gegangen. Insgesamt ging es sehr schnell. Ich hatte aber auch eine tolle Physiotherapeutin, die viel mit mir gearbeitet hat. Du musst deinen inneren Schweinehund besiegen und auch permanent über deinen Schmerzpunkt gehen. Da haben mir die Erfahrungen aus dem Sport sehr geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Sprintkollegin Vanessa Low hat erzählt, dass sie beim ersten Lauftraining auf Prothesen 35-mal gestürzt sei.

Behre: Das ist krass, ich bin nicht einmal gestürzt, aber Vanessa ist doppel-oberschenkelamputiert. Das ist etwas völlig anderes. Bei meiner ersten Trainingseinheit sollte ich die Sprintprothesen nur zehn Minuten tragen. Ich bin anderthalb Stunden damit rumgelaufen und habe mich gefühlt, als könnte ich fliegen. Als ich sie ausgezogen habe, waren die Schäfte voller Blut. Ich hatte alles wund gelaufen, aber vor lauter Adrenalin keinen Schmerz verspürt. Aber das war es wert (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Absolvieren Sie ein spezielles Training?

Behre: Die Belastung der Knie ist extrem. Ich trainiere viel den Rumpf und vor allem die unteren Bauchmuskeln. Du musst stabil in der Hüfte bleiben. Wenn du einknickst, belastest du die Bandscheibe und die Gelenke. Wir machen viel Stabilisationstraining. Meine Ab- und Adduktoren sind deutlich ausgeprägter als bei nicht behinderten Sprintern.

SPIEGEL ONLINE: Bei den Paralympics in Rio der Janeiro 2016 wollen Sie Gold über 400 Meter gewinnen. Ihr Vorbild Oscar Pistorius wird nicht dabei sein. Kennt er Ihre Geschichte?

Behre: Ja. Ich kenne ihn ganz gut, wir haben viel geredet. Er hat gesagt: Danke, dass du mir das erzählst. Genau deswegen treibe ich Sport: um Leute zu motivieren. Es ist einfach tragisch, was da mit ihm passiert ist. Ich bilde mir aber kein Urteil.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, dass Sie Ihre Beine gar nicht zurückhaben wollen.

Behre: Ja, das klingt krass - obwohl ich es so meine. Ich schaue nicht zurück und habe relativ schnell mit dem Unfall abgeschlossen. Die Ärzte kannten keinen vergleichbaren Fall. Eigentlich hätte ich tot sein müssen. Für mich war es eine zweite Chance. Jetzt lebe ich das Leben eines Profisportlers, so wie ich es immer wollte - wenn auch über einen Umweg. Ich bin einfach superglücklich.


"Sprint zurück ins Leben" : David Behre live im Gespräch mit Achim Achilles am 5. November.

Das Interview führte Frank Joung.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH