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Profiläufer auf Prothesen: "Ich will laufen, und ich will leben"

David Behre verliert bei einem Zugunfall seine Füße - und fasst trotzdem den Entschluss, Profiläufer zu werden. Im Interview erklärt der 28-Jährige, wie er das Gehen neu lernte und warum er seine Beine nicht mehr zurückhaben will.

Profiläufer mit Fußprothesen: "Ich möchte meine Beine nicht zurückhaben" Fotos
Mika Volkmann

Zur Person
  • Mika Volkmann
    David Behre, Jahrgang 1986, ist ein deutscher Behindertensportler (TSV Bayer Leverkusen). Nach einem Zugunfall wurden ihm beide Füße und der untere Teil der Unterschenkel amputiert. Zu diesem Zeitpunkt war Behre 20 Jahre alt. Nur vier Tage nach dem Unfall beschloss er, Sprinter zu werden. 2009 gewann Behre seine ersten WM-Medaillen. Bei den Paralympics 2012 in London holte er mit der deutschen Sprintstaffel die Bronzemedaille. Die Umstände um seinen Zugunfall wurden nie aufgeklärt.
  • Buch bei Amazon: David Behre "Sprint zurück ins Leben"
  • Facebookseite von David Behre
SPIEGEL ONLINE: Herr Behre, welche Erinnerungen haben Sie an den 8. September 2007?

Behre: Nach einer Feier mit Freunden war ich mit dem Rad auf dem Nachhauseweg. Das letzte Bild, das ich noch vor Augen habe, war ein Schild: "80 Meter bis zum Bahnübergang." Dann hatte ich plötzlich ein lautes Knallen im Ohr.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden von einem vorbeifahrenden Zug erwischt. Hatten Sie Schmerzen, als Sie wieder zu sich kamen?

Behre: Nein, gar nicht. Erst habe ich nur vorbeifahrende Züge gehört. Irgendwann bin ich aufgewacht. Ich lag in einem Dornengebüsch und wollte aufstehen, aber es ging nicht. Dann habe ich gesehen, dass meine Hose voller Blut war, und dass meine Füße weg sind. Ich bin Richtung Gleise gerobbt und habe laut um Hilfe geschrien.

SPIEGEL ONLINE: Eine Anwohnerin hat Sie gefunden, etwa 120 Meter entfernt vom Bahnübergang.

Behre: Ja, da waren drei Stunden vergangen. Ich wurde mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen und an den Beinen operiert. Mein rechter Bizeps war aufgerissen, auch mein kompletter Rücken war von den Steinen am Bahndamm aufgerissen worden. Aber sonst war alles okay. Auch der Kopf. Da hatte ich verdammtes Glück.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen, dass man Ihnen die Füße und den unteren Teil der Unterschenkel amputieren muss?

Behre: Es war natürlich schwer. Aber irgendwann in den ersten Tagen nach dem Unfall habe ich zu meinen Eltern gesagt: Ich will laufen, und ich will leben.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging's dann weiter?

Behre: Nach vier Tagen habe ich den Fernseher eingeschaltet. Just in dem Moment lief ein Beitrag über den südafrikanischen Läufer Oscar Pistorius. Dort war zu sehen, wie er in Carbon-Prothesen gegen nicht behinderten Sprinter läuft - und sie schlägt. Das war der größte Motivationsschub. Da habe ich gesagt: Das will ich auch.

SPIEGEL ONLINE: Vier Tage nachdem Sie ihre Beine verloren haben, fassten Sie den Entschluss, Sprinter zu werden?

Behre: Ja, ich war so angetrieben von dem Gedanken, nicht im Rollstuhl sitzen zu müssen. Und Sport war immer Teil meines Lebens. Mit fünf Jahren habe ich angefangen, Motocross zu fahren. Ich bin lange Wettkämpfe gefahren und wollte Profisportler werden.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich an Ihre ersten Gehversuche?

Behre: Ja, sehr gut. Sechs Wochen nach dem Unfall stand ich zum ersten Mal in Prothesen. Allein das Stehen hat viel Kraft gekostet und höllisch wehgetan. Nach einigen Minuten waren die Unterschenkel komplett blau von der Belastung.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange hat es gedauert, bis Sie wieder gehen konnten?

Behre: Im Dezember, also zwei Monate nach dem Unfall, bin ich mit unseren Hunden Gassi gegangen. Insgesamt ging es sehr schnell. Ich hatte aber auch eine tolle Physiotherapeutin, die viel mit mir gearbeitet hat. Du musst deinen inneren Schweinehund besiegen und auch permanent über deinen Schmerzpunkt gehen. Da haben mir die Erfahrungen aus dem Sport sehr geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Sprintkollegin Vanessa Low hat erzählt, dass sie beim ersten Lauftraining auf Prothesen 35-mal gestürzt sei.

Behre: Das ist krass, ich bin nicht einmal gestürzt, aber Vanessa ist doppel-oberschenkelamputiert. Das ist etwas völlig anderes. Bei meiner ersten Trainingseinheit sollte ich die Sprintprothesen nur zehn Minuten tragen. Ich bin anderthalb Stunden damit rumgelaufen und habe mich gefühlt, als könnte ich fliegen. Als ich sie ausgezogen habe, waren die Schäfte voller Blut. Ich hatte alles wund gelaufen, aber vor lauter Adrenalin keinen Schmerz verspürt. Aber das war es wert (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Absolvieren Sie ein spezielles Training?

Behre: Die Belastung der Knie ist extrem. Ich trainiere viel den Rumpf und vor allem die unteren Bauchmuskeln. Du musst stabil in der Hüfte bleiben. Wenn du einknickst, belastest du die Bandscheibe und die Gelenke. Wir machen viel Stabilisationstraining. Meine Ab- und Adduktoren sind deutlich ausgeprägter als bei nicht behinderten Sprintern.

SPIEGEL ONLINE: Bei den Paralympics in Rio der Janeiro 2016 wollen Sie Gold über 400 Meter gewinnen. Ihr Vorbild Oscar Pistorius wird nicht dabei sein. Kennt er Ihre Geschichte?

Behre: Ja. Ich kenne ihn ganz gut, wir haben viel geredet. Er hat gesagt: Danke, dass du mir das erzählst. Genau deswegen treibe ich Sport: um Leute zu motivieren. Es ist einfach tragisch, was da mit ihm passiert ist. Ich bilde mir aber kein Urteil.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, dass Sie Ihre Beine gar nicht zurückhaben wollen.

Behre: Ja, das klingt krass - obwohl ich es so meine. Ich schaue nicht zurück und habe relativ schnell mit dem Unfall abgeschlossen. Die Ärzte kannten keinen vergleichbaren Fall. Eigentlich hätte ich tot sein müssen. Für mich war es eine zweite Chance. Jetzt lebe ich das Leben eines Profisportlers, so wie ich es immer wollte - wenn auch über einen Umweg. Ich bin einfach superglücklich.


"Sprint zurück ins Leben" : David Behre live im Gespräch mit Achim Achilles am 5. November.

Das Interview führte Frank Joung.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Da kann man nur...
sichernicht 31.10.2014
... den allergrößten Respekt ausdrücken. Chapeau!
2. Mentalpotenz
Ursprung 01.11.2014
"Mentale Staerke" ist das erste, was mir als Kommentar zu diesem Leistungssportler am ehesten einfaellt. Vermute, dass dieser Mensch den Unfall eher nicht benoetigt haette, um so stark zu werden, wie er nun ist. Hat ihn aber vielleicht in die Richtung geschubst, die er nun geht.
3.
keinereiner 01.11.2014
Ist er dann erst nach seinem Unfall in den Leistungssport eingestiegen? Wäre auch ein Indiz dafür, dass es von Vorteil ist eine Prothese zu tragen. Zwar gibt es immer wieder Quereinsteiger im Leistungssport, aber haben sie vorher eine andere Sportart auf dem Niveau betreiben und waren Körperlich absolut fit und haben sich nur die Technik neu beigebracht. Ein einstieg erst mit 20 in den Leistungssport ist eher ungewöhnlich und meist nicht mehr mit Erfolg gekrönt.
4. @keinereiner
wohlstandskoeter 01.11.2014
Einfach nochmal lesen...Zitat: " Und Sport war immer Teil meines Lebens. Mit fünf Jahren habe ich angefangen, Motocross zu fahren. Ich bin lange Wettkämpfe gefahren und wollte Profisportler werden." Der Mann war es also sogar schon gewöhnt etwas über seinen Körper hinausgehendes optimal zu steuern. Das dürfte ihm zusätzlich geholfen haben.
5. Ja,ja
zeisig 01.11.2014
Zitat von wohlstandskoeterEinfach nochmal lesen...Zitat: " Und Sport war immer Teil meines Lebens. Mit fünf Jahren habe ich angefangen, Motocross zu fahren. Ich bin lange Wettkämpfe gefahren und wollte Profisportler werden." Der Mann war es also sogar schon gewöhnt etwas über seinen Körper hinausgehendes optimal zu steuern. Das dürfte ihm zusätzlich geholfen haben.
schon recht. Man traut sich ja schon gar nichts zu diesem Thema zu schreiben, außer uneingeschränkt positives Verständniß für den Sportler. Oder was glauben Sie, warum sich auf diesem Forum so wenige äußern oder der Zensur zum Opfer fallen?
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