Achilles' Verse Lieber laufen als saufen

Familienplanung statt Party und Steuererklärung statt unbeschwertem Schülerleben. Huch, Anna Achilles wird heimlich erwachsen und spürt die Last der Verantwortung. Wie entwirrt sie trübe Zukunftsgedanken? Da hilft nur eins: laufen.

Einfach laufen:  Zerstreuung durch Sport
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Einfach laufen: Zerstreuung durch Sport


Als Jugendliche habe ich nicht gerne in den Spiegel geschaut. Ich mochte mich nicht. Mein Gesicht fand ich zu blass, die Nase zu krumm, schnell wandte ich den Blick ab. Zum Trost stellte ich mir vor, eines Tages wäre alles ganz anders: Als Erwachsene würde ich supergut aussehen, souverän auftreten und hohe Schuhe tragen.

Jetzt bin ich Mitte 20 und erwachsen. Theoretisch. Leider hat die Zukunfts-Anna meiner Kindheitsträume wenig mit der Person zu tun, die ich bin. Statt im Arbeitsleben lässig zu performen, suche ich nach Video-Tutorials, wie man seine Steuererklärung macht. Ich trage keine High Heels sondern Turnschuhe. Damit ich nicht aussehe, als würde ich auf rohen Eiern gehen. Ich stecke in einem Zwischenstadium: nicht mehr Kind, aber auch nicht erwachsen. Die eine Hälfte meiner Freunde wechselt dank Dating-Apps ständig ihre Beischlafpartner, die andere Babywindeln.

Das Leben ist kompliziert geworden. Früher vergingen die Tage so: Schule, spielen, essen, schlafen. Heute muss ich tausend Entscheidungen treffen: Brauche ich eine Berufsunfähigkeitsversicherung? Soll ich ein paar meiner Eizellen einfrieren lassen? Kann ich einen Langstreckenflug nach San Francisco mit meinem Gewissen vereinbaren?

Mama anrufen oder Laufschuhe anziehen?

Oft erscheint mir das Leben wie ein riesiger Berg, den ich erklimmen muss. Ich stehe unten am Fuß, blicke nach oben und denke mir: Wie soll ich da nur hochkommen?

Wenn dieses Gefühl zu groß wird, helfen zwei Dinge: Mama anrufen oder Laufschuhe anziehen, Kopfhörer in die Ohren stöpseln, Musik aufdrehen, loslaufen. Zwar kann Laufen keine Probleme lösen. Aber es hilft, Gedanken zu sortieren. Nach jedem Lauf wirkt die Welt ein kleines bisschen weniger chaotisch.

Zum Erwachsenwerden gehört dazu, Verantwortung zu übernehmen. Für sich. Für seinen Körper. Früher hatte ich Angst, etwas zu verpassen, wenn ich Freitagabend nicht ausgegangen bin. Heute weiß ich auch ohne Praxistest, dass mein Mageninhalt nach zu vielen Tequila-Shots den Rückwärtsgang einlegt. Jetzt gehe ich lieber laufen als saufen.

Heute denke ich weiter

Das regelmäßige Sporttreiben hat meine Körperwahrnehmung gestärkt. Ich merke schneller, wenn sich eine Erkältung anbahnt. Bevor es mich richtig erwischt, kann ich dagegen vorgehen: Pause einlegen, Ingwertee trinken, abwarten. Auch ohne Ernährungs-Apps und Diätpläne weiß ich, was mein Körper braucht und was nicht. Früher dachte ich nicht weiter als bis zur nächsten Party, heute denke ich an den Kater danach und lass es lieber. Mich um meine Gesundheit zu kümmern, ist wichtiger geworden. Klarer Fall: Ich werde alt.

Aber es geht beim Laufen nicht nur um die Gesundheit. Laufen strukturiert den Alltag und macht disziplinierter. Dienstage und Donnerstage sind im Kalender reserviert fürs Lauftraining. Wenn ich mich mit anderen zum Sport verabrede, halte ich mich an die vereinbarte Zeit. Mein Handy lasse ich dabei zu Hause, kurzfristige Absagen sind also keine Option. Unpünktlichkeit habe ich mir schnell abgewöhnt - wer zu oft seinen Trainingspartner in der Kälte warten lässt, steht schnell allein da.

"Ich bin eine Maschine"

Dass Laufen gut fürs Selbstbewusstsein ist, weiß ich seit dem Asics Grand Ten. Bei dem Zehn-Kilometer-Lauf habe ich meine neue Bestzeit aufgestellt. Wochenlang hatte ich mich auf dieses Ziel vorbereitet. Dass ich es am Ende tatsächlich geschafft habe, lag weniger am Trainingsfleiß, sondern mehr an meinem Willen. Nicht die Beine trugen mich ins Ziel - es war der Kopf. Sobald mein Körper drohte einzubrechen, schaltete er in Automatikmodus. "Ich bin kein Mensch, ich bin eine Maschine", war mein Mantra. Am Ende hatte ich mein Ziel, unter 55 Minuten zu bleiben, knapp geschafft. Ob diese Zeit gut oder schlecht ist, spielt keine Rolle. Es geht einzig und allein darum: Ich bin stolz, dass ich mein Ziel erreicht habe. Ich habe etwas geschafft, von dem ich selbst nicht geglaubt habe, dass ich es kann.

Erster Job, Familienplanung, Krankheiten, Tod - all das kann einem viel Angst machen. Aber es gehört zum Erwachsenwerden dazu. Mir bleibt nichts übrig, als mich damit auseinanderzusetzen. Was dabei hilft: Sport. Ich kann beim Laufen Berge überwinden, diese Erfahrung nützt mir auch im restlichen Leben.

Wenn ich heute in den Spiegel schaue, sehe ich zwar immer noch eine zu krumme Nase. Aber ich habe sie akzeptiert. Auch wenn ich noch nicht am Ziel bin. Seit ich mit dem Laufen angefangen habe, bin ich ganz schön gewachsen.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
ewiggestrig 05.11.2014
1.
Liebe Anna, ich bin jetzt Mitte fünfzig und mir geht es genauso! Danke!
walker 12 05.11.2014
2.
ja, liebe Anna - es hört nicht auf. Ebenfalls Mitte 50 und "abhängige" Familienmitglieder für die ebenfalls entschieden werden muss. Die Welt ändert sich, es gibt immer etwas Neues und jedes neue Stück in der Wohnung kann kaputtgehen muss repariert werden oder ersetzt werden ... und ja, Musik & Bewegung hilft sich zu sortieren
les2005 05.11.2014
3.
Also wenn du mit 20 schon aus Angst vor Kater das Feiern läßt, bist Du wirklich verdammt schnell alt geworden. Erwachsen sein heißt nicht, keinen Spaß mehr zu haben oder nur noch vernünftig zu sein. Sondern mit den Konsequenzen zu leben.
NoWorriesCompany 06.11.2014
4. @les2005
Und wo genau ist die zwingende Verbindung zwischen trinken und Spaß haben? Lauf mal auf einen hohen Berg und schau runter ... Dann siehst du klarer!
opossumadrian 07.11.2014
5. Umfeld, Gewohnheit und Co.
Mit nunmehr fast 27 Jahren blicke ich auch auf eine wilde Zeit zurück. 10 bis 15 Liter Bier pro Woche waren Standard über die Jahre hinweg. Seit ich von meiner Studienstadt weggezogen bin und jetzt das Referendariat durchlaufe, hat sich vieles gebessert. Was Konsumverhalten anbelangt, ist fas Umfeld entscheidend. Zudem braucht man auch Verpflichtungen. Es ist eine ganz normale Entwicklung, mehr vom Partyleben abzurücken, indem man älter wird. Wie im Artikel beschrieben, treffen einen immer mehr Verpflichtungen. Zudem wird auch erkannt, dass man nicht unbedingt saufen muss, um Spass zu haben. Das klappt leider nicht bei allen, weshalb in bestimmten Fällen eine Suchttherapie zu erfolgen hat. Ich für meinen Teil habe mich dazu bewegen können, 900 km weiter weg zu ziehen und ein neues Umfeld kennenzulernen, was mir auch sehr gut getan hat. Spätestens seit ich regelmäßige Verpflichtungen und eine Freundin habe, gibt es keine Zeit mehr für alltägliches Saufen. Jetzt ist es so, wie es sein sollte: Ausnahmsweise mal, dazwischen aber nichts. Nur ein, zwei Bier werden auch in Zukunft nicht gehen. Dafür bin ich nicht der Typ. :P
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