Achilles' Classics Wie würde der Dalai Lama laufen?

Seniorenrunde im Schlurf-Modus - das soll Laufen sein? Der innere Monolog des Läufers ist von Vorwürfen und Selbstzerfleischung geprägt. Geht das auch anders?

Jogger im Wald
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Jogger im Wald


Achilles-Klassiker
    In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

    Dieser Text erschien bei SPIEGEL ONLINE ursprünglich im Jahr 2009.

Laufen ist Qual, egal, ob man läuft oder nicht. Die Wade reißt schon beim Schleifemachen. Und das ist erst der Anfang. Jeder Schritt ein Martyrium, oben, unten, überall. Wenn man nicht läuft, ist es noch schlimmer: Dann pocht das schlechte Gewissen. Wirklich wohl fühlt man sich allenfalls für wenige Minuten nach dem Laufen. Dann tut zwar alles weh. Aber das schlechte Gewissen pocht etwas leiser.

Doch kaum tropft der Schweiß nicht mehr, geht das innere Psycho-Massaker wieder los: 'Letztes Jahr ging die Runde um den Schlachtensee aber noch bedeutend zügiger. Vor allem zweimal. Wenn schon nicht schnell, dann wenigstens nicht so kurz - hatten wir uns mal vorgenommen, oder? Und woher kommt dieses Knarzen eigentlich? Hüfte? Leiste? Leber? Kein Wunder, bei dem Lebenswandel. Aber immer große Fresse, von wegen Marathon. Und dann doch nur die Seniorenrunde im Schlurf-Modus. Das soll Laufen sein?'

Die innere Stimme legt noch einen drauf: 'Die Spaziergänger grinsen ja schon. Die überlegen, ob sie den Rettungswagen rufen. Kein Wunder, bei der lila Birne. Auf den Reklamefotos liegt dieses elend teure Laufhemd ganz eng an. Warum weigert es sich bei dir? Du siehst aus wie ein verhängtes Kettenkarussell, das in Zeitlupe durch den Wald wackelt. Läufst du noch oder stirbst du schon, du dicke, lahme Ente?' Leider stimmt jedes Wort. Weghören geht nicht. Kommt ja von innen. Ich sehne einen Tinnitus herbei.

Wie würde der Dalai Lama laufen?

Laufen, das ist aber auch Hoffnung, zum Beispiel darauf, nach dem samstäglichen Gehechel durch den Grunewald nicht ganz so fertig zu sein wie beim letzten Mal. Oder einfach mal zu federn statt wie ein Brontosaurus auf den Boden zu platschen. Lächeln statt Hecheln. Vergeblich.

Die größte Illusion ist Gelassenheit: Einfach mal Bewegung genießen, frische Luft einsaugen, zwei Minuten lang nicht auf die Uhr gucken. Loslassen, empfiehlt die Vernunft. Geht nicht, antwortet der Läufer.

Wie würde der Dalai Lama wohl laufen? Erst mal lachen, als Grundhaltung. Helfe ja schon eine Menge, wenn sich die notorisch maulende Läuferbande daran halten würde. Dann ganz langsam lostraben, locker und meditativ entschwebt. Kein Trainingsplan im Nacken, weder GPS, BMI noch VO2max. Laufen ohne Vorgabe, ohne Ziel, ohne Druck. Urlaub auf Luftpolstersohlen.

Es ist die Angst, die uns treibt

Schöne Idee, aber leider völlig unrealistisch. Wer läuft, will Qual und Zweck: Anerkennung, abnehmen, Bestzeit rennen, von Kollegen bestaunt werden, durchhalten. Wo kommen wir denn da hin, wenn Laufen auf einmal Spaß macht? Es ist die Angst, die uns treibt, nicht das Vergnügen.

Und so dreht sich der Läufer in einer endlosen Redundanzschleife der Dialektik: Hoffen und Bangen, Sucht und Unlust. Lachen und Leiden erzeugen ein stetes Feuerwerk der Emotionen, das uns mehr als ohnehin schon an uns zweifeln lässt.

Ein Mal, nur ein einziges Mal, wollen wir den großen Sieg, am liebsten über uns selbst. Aber die Anstrengung auf dem Weg dorthin umgehen wir mit allerlei Listen. Verträge mit uns selbst schließen wir nur, um sie alsbald frohgemut zu brechen. Natürlich könnten wir schneller sein und dünner. Aber jetzt gerade nicht. Nächste Woche vielleicht oder nächstes Jahr. Aber da klappt es wahrscheinlich auch nicht. Egal. Trotzdem laufen wir weiter. Damit wir weiter leiden können.

Lauf und Leid gehören zusammen - nicht immer pures Glück, aber immer noch besser als die meisten Alternativen.



insgesamt 4 Beiträge
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thomaswinterfeldt 20.02.2018
1. Genussläufer
Mir ging es bis vor einiger Zeit auch so. Laufen war eine Art Hassliebe. Man kam nicht davon los, war aber auch nicht recht glücklich mit ihr (vulgo mit den eigenen Leistungen). Ich habe dann das Laufen für eine kurze Zeit ganz eingestellt und die Bestzeitenjagd auch nicht wieder aufgenommen. Mein Ziel ist heute, mich nach dem Training besser zu fühlen als vorher. Ich zerfleische mich nicht mehr so über den eigenen Ehrgeiz. Einen Erholungseffekt gibt es doch nur, wenn man den Kopf wirklich freikriegt. Nichts gegen einen Zwischenspurt oder eine Zusatzrunde um den Teich, aber bitte ohne Zwang qua Trainingsplan etc. Der Wohlfühleffekt schnürt mir beim nächsten Mal automatisch die Schuhe. Es funktioniert! Ich laufe wieder gern! Nur Wettkämpfe sind für mich zur absoluten Ausnahme geworden.
gehdoch 20.02.2018
2. Anderes Hobby?
Vielleicht sollte sich der gute Achim ein anderes Hobby suchen? Ich liebe das Laufen! Ich laufe gerne schnell, ich jage gerne meine eigenen Bestzeiten, ich quäle mich in Trainingsphasen bis an die Kotzgrenze, ich finde das Gefühl danach GEIL, wenn man es geschafft hat, ich feiere den steten Formaufbau in der Wettkampfvorbereitung, ich fluche, wenn ich einen Wettkampf nicht so laufe wie ich es mir vorgenommen hatte und ich juble mit erhobenen Händen wenn es mir dann wieder gelungen ist im nächsten Anlauf. Ich laufe aber nur zwei Wettkämpfe im Frühjahr (direkt aufeinanderfolgend, mit nur einem Trainingsplan) und das gleiche nochmal im Herbst. Die Zeit jeweils dazwischen laufe ich gemütlich und genieße es einfach. Dann feiere ich den Morgennebel, oder die Abendsonne, oder einfach, dass ich es kann. Ja, ich genieße auch die befremdeten Blicke der Kollegen, wenn ich in der Mittagspause um die Alster laufe, anstatt Essen zu gehen und ich finde es absolut genial, wie fit ich mit 49 Jahren noch bin.... Laufen ist mein Ventil, mein Ausgleich zu jeder Art von Stress. Ja, ich liebe es wirklich und kann mir nicht vorstellen, jemals nicht mehr zu laufen. Irgendwas läuft bei Dir falsch Achim....
mensch13 21.02.2018
3. Zwanglos
Das muss jeder für sich selbst entscheiden, wie er läuft. Seit ich ohne Trainingspläne und vor allem ohne Pulsuhr laufe und nur noch auf meine Atemfrequenz achte, kann ich das Laufen total genießen. Mal laufe ich länger, mal kürzer, manchmal schneller und dann wieder eher "lahm". Aber ich fühle mich gut damit. Ich brauche diesen Zwang durch Pläne, Zeiten, Ziele nicht mehr. Und so ist Laufen für mich der totale Genuss geworden.
klein_andy 21.02.2018
4. Die Umwelt wahrnehmen?
Das passt auf meine frühere Art zu biken. Mit dem MTB durch den Wald heizen, einige Routen abwechselnd, aber immer die gleichen Routen. Jedesmal versuche, die Zeit zu schlagen. Oder Kurvengeschwindigkeiten. Letztes mal hab ich die mit 30 geschafft, probier heute mal 35. Abflug. Schnell aufsteigen und weiter, die Zeit steht nicht! Dann hab ich in einem Forum gesehen, dass andere auf ihren Touren Fotos machen. Anhalten und fotografieren - Sachen gibt's! Ich hab dann aber selbst gesehen, was es unterwegs alles zu sehen gibt, Aussichtspunkte, Ruinen, kleine Bäche und Brücken, Wildtiere. Jetzt habe ich unterwegs auch eine Kamera dabei und fahre entspannter und auch wieder viel lieber Rad. Ich komme nicht mehr nach einer Stunde halbtotgestrampelt zu Hause an, sondern nach 2, 3 oder mehr Stunden, fahre weitere Strecken und auch viel abwechlsungsreicher. Auch gut: 1 Lieblingsmotiv aussuchen und jedesmal fotografieren. Bei wechselnder Tages- und Jahreszeit, wechselndem Wetter. Vielleicht reicht das Training dann nicht mehr für Wettkämpfe, aber der Spaß wäre wieder da.
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