Lebenserwartung Schlaftabletten erhöhen Krebsrisiko

Das Ergebnis weckt Zweifel am unbefangenen Tablettenkonsum: Wer nur alle drei Wochen Schlafmittel einnimmt, hat ein erhöhtes Risiko, an Krebs zu erkranken und früher zu sterben. Das zeigt der Vergleich Zehntausender Menschen.

Schlaftabletten: Gesundheitsgefährdung selbst bei niedriger Dosierung
dpa

Schlaftabletten: Gesundheitsgefährdung selbst bei niedriger Dosierung


London - Sie ermöglichen Millionen Menschen eine ruhige Nacht - doch Schlaftabletten erhöhen laut einer Studie das Sterberisiko und fördern bei häufiger Einnahme sogar die Entstehung von Krebs. Bereits weniger als 18 Dosen im Jahr erhöhen die Gefahr eines vorzeitigen Todes, wie Wissenschaftler im "British Medical Journal" (BMJ) schreiben. Obwohl die Zahl der gestorbenen Probanden insgesamt recht klein war, gab es signifikante Unterschiede in den untersuchten Gruppen.

Allein in den USA nahmen den Autoren zufolge fünf bis zehn Prozent der Erwachsenen im Jahr 2010 Schlaftabletten. Das Team schloss mehr als 10.500 Menschen, die im Mittel über zweieinhalb Jahre Schlafmittel verordnet bekamen, in die Studie ein. Das Durchschnittsalter der Probanden betrug 54 Jahre. Zum Vergleich beobachteten die Wissenschaftler auch 23.500 Menschen, die im gleichen Zeitraum keine solchen Medikamente einnahmen. Faktoren wie Geschlecht, Alter, Lebensstil und eventuelle gesundheitliche Probleme berücksichtigte das Team ebenfalls.

"Die Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Schlaftabletten und einem erhöhten Sterberisiko", schreiben Daniel Kripke vom Viterbi Family Sleep Center der Scripps Institution in San Diego und seine Kollegen. Die Gefahr steige entsprechend der Höhe der Dosis. Bei den Patienten, die bis zu 18 Dosen im Jahr nahmen - also etwa alle drei Wochen zu Schlafmittel greifen -, war das Risiko, früher zu sterben, demnach 3,5-fach höher als bei denen, die keine Schlafmittel nahmen. Bei denen, die zwischen 18- und 132-mal im Jahr zur Tablette griffen, war das Sterberisiko vierfach, bei denen, die jährlich mehr als 132 Dosen nahmen, sogar fünffach erhöht.

"Das überraschendste Ergebnis"

"Diese Zusammenhänge betrafen alle Altersgruppen, am stärksten waren sie aber bei denjenigen zwischen 18 und 55 Jahren", schreiben die Forscher. Die Autoren betonen zudem, dass die Studie nicht zwingend Ursache und Wirkung aufzeigt, womöglich haben die früher Gestorben auch andere Eigenschaften gemeinsam neben dem Schlaftablettenkonsum, etwa die Schlaflosigkeit. "Wir haben jede verfügbare Methode genutzt, um diese Zusammenhänge verschwinden zu lassen, weil wir dachten, sie würden von anderen Risikofaktoren ausgelöst", sagt Mitautor Robert Langer Center for Preventive Medicine in Jackson Hole. Die Ergebnisse bestätigten ältere Studien, dass Schlaftabletten das Sterberisiko erhöhten.

Die Studie zeige erstmals, dass acht der gängigsten Schlafmittel selbst in relativ niedriger Dosierung bereits gesundheitliche Folgen nach sich ziehen können. "Das war das vielleicht überraschendste Ergebnis der Studie", sagen die Forscher. Die Mittel führen wahrscheinlich zum verfrühten Tod, indem sie Herzerkrankungen, Krebs und andere Leiden, aber auch Unfälle fördern, vermuten sie. Die Gefahr, an Krebs zu erkranken, steigt der Studie zufolge mit der Einnahme von Schlafmitteln an: Bei denjenigen, die besonders häufig Pillen schluckten, erhöhte sich das Risiko einer Krebsdiagnose demnach um 35 Prozent.

"Obwohl die Autoren nicht beweisen konnten, dass Schlafmittel einen vorzeitigen Tod verursachen, haben ihre Analysen viele andere mögliche Gründe ausgeschlossen. Deshalb werfen diese Ergebnisse wichtige Bedenken und Fragen über die Sicherheit von Beruhigungsmitteln und Schlaftabletten auf", kommentierte BMJ-Chefredakteur Trish Groves die Studie.

Dieses Ergebnis wecke Zweifel daran, ob selbst eine kurzzeitige Einnahme von Schlafmitteln ausreichend sicher sei, meinen die Forscher. Möglicherweise müsse man in Zukunft noch stärker nach alternativen, nicht medikamentösen Behandlungsmethoden für Schlafstörungen suchen als bisher.

boj/dpa/dapd



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.