Nanopartikel in Lebensmitteln Fragwürdige Winzlinge

Sie stecken in Kaugummis, Instantsuppen und Kaffeepulver: Wie gefährlich sind Nanopartikel in Lebensmitteln? Das können Forscher bislang kaum abschätzen. Produzenten müssen den Zusatz der winzigen Stoffe jetzt kennzeichnen.

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Nanopartikel (schematische Darstellung): Welche Stellen im Körper erreichen die Stoffe?
Corbis

Nanopartikel (schematische Darstellung): Welche Stellen im Körper erreichen die Stoffe?


Die Lebensmittelindustrie zaubert für uns Verbraucher. Instantsuppen, Kaffeepulver und Salz versetzt sie mit Siliziumdioxid, damit sie nicht verklumpen. Kaugummis, Joghurtdressings, Schokolinsen und Dragees erhalten das Pigment Titandioxid, damit sie weiß strahlen.

Diese zugesetzten Stoffe bergen jedoch möglicherweise ein Problem: Ein Teil von ihnen ist produktionsbedingt winzig, kleiner als hundert Nanometer oder ein Millionstel Millimeter. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar hat einen Durchmesser von 80.000 Nanometern. Noch ist nur wenig darüber bekannt, was diese Nanopartikel in unserem Körper anstellen.

Bislang mussten Lebensmittelhersteller nicht angeben, wenn ihre Produkte bei der Herstellung entstandene Nanopartikel enthielten. Das hat sich jetzt geändert. Seit dem 13. Dezember 2014 gibt es eine Kennzeichnungspflicht. Damit Verbraucher die Stoffe erkennen können, muss der Begriff Nano in Klammern hinter der Zutat stehen - auch wenn sie, wie es bislang der Fall ist, nicht absichtlich als solche beigemischt wurden.

"Daneben gibt es vermutlich in jedem Lebensmittel auch natürliche organische Nanopartikel", sagt Ralf Greiner vom Max-Rubner-Institut (MRI), dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe. "Beim Homogenisieren der Milch zum Beispiel entstehen Partikel, die kleiner als hundert Nanometer sein können." Diese fallen nicht unter die Kennzeichnungspflicht.

Der Schritt ist vor allem in die Zukunft gedacht. Derzeit spielen gezielt hergestellte Nanomaterialien im Lebensmittelbereich noch kaum eine Rolle. Das könnte sich aber in den nächsten Jahren ändern. Auch abseits von Lebensmitteln befinden sich die künstlich hergestellten Nanopartikel in immer mehr Artikeln, unter anderem in Haushaltsreinigern, Brillenputztüchern, Textilien und Imprägniersprays mit Treibgas.

Bei Kosmetika existiert schon länger eine Kennzeichnungspflicht, zum Beispiel bei Sonnencremes.

Wohin gelangen Nanopartikel im Körper?

Was die Gesundheit betrifft, ist im Hinblick auf die Stoffe vor allem eins fraglich: Können die Partikel aufgrund ihrer geringen Größe Barrieren durchdringen, die eigentlich vor Eindringlingen schützen sollen? Dazu gehören Haut, Darmwand und Blut-Hirn-Schranke.

Die Haut scheint eine verlässliche Barriere zu sein, bei der Blut-Hirn-Schranke ist das noch nicht ganz klar. "Bisher gibt es nur wenige Studien zur oralen Aufnahme von Nanopartikeln, sodass die Datenlage noch unzureichend ist. Für einige Nanopartikel wurde gezeigt, dass diese durch die Darmwand hindurch kommen", sagt Andrea Haase vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR).

Außerdem können Nanopartikel, wenn sie eingeatmet werden, offenbar ins Gehirn gelangen. Dafür spricht eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2006. Bei Ratten erreichten Manganoxid-Nanopartikel über den Riechnerv das Gehirn. Anlass für die Untersuchung war eine parkinsonähnliche Berufskrankheit bei einigen Schweißern, die Mangandioxid über einen langen Zeitraum bei ihrer Arbeit eingeatmet hatten.

Reichern sich die Stoffe im Körper an?

Generell ist die Verteilung von Nanopartikeln in den Organen nur unzureichend untersucht. "Eine Studie mit Ratten hat belegt, dass Siliziumdioxid nach oraler Aufnahme über 28 Tage keine nachweisbaren Effekte in Organen verursacht", sagt Haase. Vermutlich ist dieses Ergebnis auch auf den Menschen übertragbar, weitere Studien wären aber sicherlich sinnvoll.

Die Expertin kritisiert jedoch, dass es bislang kaum Langzeitstudien gibt. "Wir müssen endlich mehr darüber erfahren, ob und wie Nanopartikel aus Lebensmitteln in den Körper und in welche Organe gelangen." Dabei müsse auch beachtet werden, dass sich Nanopartikel wie Siliziumdioxid während der Passage durch Magen und Darm völlig verändern könnten. Grundsätzlich könne es ein Problem sein, dass sich die Stoffe über Jahre im Körper anreichern.

In naher Zukunft wird es wahrscheinlich außer Titan- und Siliziumdioxid keine weiteren gezielt hergestellten, anorganischen Nanopartikel in Lebensmitteln geben. "Im Moment möchte in Deutschland keiner der Lebensmittelkonzerne als Erster so richtig mit Nano in Verbindung gebracht werden", sagt Ralf Greiner. In Asien und USA existieren weit mehr Anwendungen für Nanopartikel als hierzulande.

Woran derzeit jedoch intensiv geforscht wird, sind Lebensmittel, bei denen empfindliche Substanzen in technisch hergestellten, organischen Käfigen in Nanogröße eingekapselt sind. Solche Nanokäfige können dazu dienen, Stoffe unbeschadet durch den Magen zu bringen. Derartige Gebilde werden im Pharmabereich schon länger eingesetzt. Die Forschung untersucht zum Beispiel organische Trägersysteme, um die Eisenaufnahme zu verbessern. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis es Lebensmittel mit organischen Nanokäfigen gibt.

Nanopartikel in Verpackungen für Säfte & Co
Technisch hergestellte Nanopartickel werden momentan weltweit am häufigsten in Verpackungen angewendet. In der EU sind zurzeit Stoffe zur Herstellung einer Siliziumdioxid- Nanobeschichtung auf der inneren Oberfläche von PET-Flaschen, Siliziumdioxid und Titannitrid, zugelassen. Nanosilber ist in der EU für Lebensmittelverpackungen verboten. Bei dem Stoff deuten Studien darauf hin, dass er zwar unterhalb der Nachweisgrenze auf das Lebensmittel übergeht, dass aber Silberionen wandern und eine antibakterielle Wirkung ausüben. Die Mengen sind im Allgemeinen sehr gering. Allerdings können sich die Partikel im Laufe der Jahre im Körper möglicherweise ansammeln.

"Ich halte den Einsatz von Nanosilber in Lebensmittelkontaktmaterialien für nicht erforderlich und kontraproduktiv im Hinblick auf die üblichen Hygienemaßnahmen bei der Lagerung und Zubereitung von Speisen zum Beispiel in der Küche", sagt Greiner. Die Expertin befürchtet, dass die Menschen durch das Material denken könnten,sie müssten nicht mehr so gut aufpassen. Außerdem würden Studien daraufhin deuten, dass der vermehrte Einsatz von Nanosilber zu einer entsprechenden Resistenzbildung bei Mikroorganismen führt. Greiner hält es für unwahrscheinlich, dass sich Nanopartikel aus Siliziumdioxid von der inneren Oberfläche einer PET-Flasche ablösen.



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Seite 1
archback 05.02.2015
1.
Die Lebensmittelindutrie steht den Waffenfabrikanten in moralischer Hinsicht in nichts nach.
spon-facebook-1402592910 05.02.2015
2. Einfach wunderbar!
Wieviel Zeit zwischen Tat und Tod muss eigentlich vergehen, damit es Strafbar ist ? Bewußtes vergiften der Meschen über einen längern Zeitraum scheint ja ein lukratives und legales Geschäft heutzutage zu sein.
firenafirena 05.02.2015
3. Bei aller angemessener Kritik
Wir sollten trotzdem mal nicht vergessen, dass wir hierzulande niemals so eine große Auswahl an hygienisch einwandfreien, schadstoffgetesteten und auch gesunden Lebensmitteln hatten. Jeder ist am Ende selbst dafür verantwortlich, was er kauft und in welchem "Zubereitungsgrad" sich das Produkt befindet. Zudem dürften die wenigsten von uns in der Lage sein, ihr Essen komplett selbst anzubauen und zu verarbeiten. Bevor hier also dermaßen extreme Vergleiche gezogen werden, sollte man vielleicht erstmal einen Blick in seinen eigenen Kühlschrank werfen!
motzbrocken 05.02.2015
4. Aha
TTIP lässt grüssen. Bei den Amis ist also diverses erlaubt, was in Europa nicht ist. Ich frage mich, wozu Europa seine Standarts aufgeben will. Oh, sorry, habe ich ja vergessen. Es geht darum, den Ami Nahrungsmittel Multis Tür und Tor zu öffnen, es geht gar nicht um die Völker in Europa. Wie immer. Mann, was hoffe ich doch, dass dieses amerikanisierte EU Gebilde schnellstmöglichst zusammenkracht. Es ist eine wahre Schande wie mit den europäischen Lebensmittel Standarts umgegangen wird. Das wichtigiste ist die Wirtschaft für die EU Granden. Der Pöbel? Interessiert doch nicht, bloss noch lästig.
hardliner2015 05.02.2015
5.
Zitat von motzbrockenTTIP lässt grüssen. Bei den Amis ist also diverses erlaubt, was in Europa nicht ist. Ich frage mich, wozu Europa seine Standarts aufgeben will. Oh, sorry, habe ich ja vergessen. Es geht darum, den Ami Nahrungsmittel Multis Tür und Tor zu öffnen, es geht gar nicht um die Völker in Europa. Wie immer. Mann, was hoffe ich doch, dass dieses amerikanisierte EU Gebilde schnellstmöglichst zusammenkracht. Es ist eine wahre Schande wie mit den europäischen Lebensmittel Standarts umgegangen wird. Das wichtigiste ist die Wirtschaft für die EU Granden. Der Pöbel? Interessiert doch nicht, bloss noch lästig.
In den USA wird z.B. Toastbrot verkauft, dass ein paar Monate benoetigt, um endlich Schimmel anzusetzen. Das hat wahrscheinlich nichts mit Nanopartikeln zu tun, ist aber dennoch stark bedenklich. TTIP wuerde natuerlich dafuer sorgen, dass in deutschen Supermaerkten vermehrt Produkte aus den USA zu finden sind, die in keinster Weise deutschen Qualitaetsnormen entsprechen. Man mag sich fragen, ob wir nicht unsere Lebensmittel regional erzeugen koennen, dann entfaellt auch der grosse Carbon-Footprint. Ausser vergifteten Lebensmitteln, iPhones und Waffen koennen die US Amerikaner ja sowieso nichts produzieren. Deswegen ist TTIP natuerlich erst einmal dazu geeignet, deutsche Exportgueter in den USA abzusetzen. Und: wer keine importierten Lebensmittel aus den USA kauft, der braucht man auch keine Angst zu haben, spaeter Allergien zu bekommen oder an Krebs zu erkranken.
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