Lebensmittelvergiftung: Knast für Küchenpanscher
Ein Restaurantbesuch endet mit einer Nacht über der Kloschüssel. Kolumnist Frederik Jötten fühlt sich seiner Freiheit beraubt, bestohlen und genötigt. Er fordert: Die Schuldigen müssen hinter Gitter!
Sollte jemand straffrei bleiben, der einen Menschen mit dem Kopf über eine Kloschüssel drückt? Jemand, der einen so zurichtet, dass man zwei Tage im Bett liegt, weder arbeiten noch irgendetwas genießen kann? Auf gar keinen Fall! Ich will mindestens genauso lange Knast für den Koch, der mein gestriges Abendessen in einem slowenischen Restaurant zubereitet hat, oder wer auch immer sonst verantwortlich ist. Man hat mich vergiftet mit Fleisch, das verdorben gewesen sein muss, sonst hätte ich nicht die ganze Nacht auf der Toilette verbracht, um mich zu übergeben.
Direkt nach dem Essen kam das Druckgefühl im Magen, das immer schlimmer wurde. Erst steigerte es sich zu Brechreiz und dann zum Erbrechen. Von einer Woche Urlaub sind zwei Tage vernichtet worden, das ist Diebstahl (von Urlaub), das ist Nötigung (die Position über der Kloschüssel), das ist Körperverletzung und Freiheitsberaubung in Tateinheit. Nur, wie soll ich das in meinem Zustand beweisen?
Die Küche wird immer behaupten, dass meine Symptome eine andere Ursache haben müssen. Vielleicht wäre es sinnvoll, künftig von jedem Essen eine Probe zu nehmen und aufzubewahren, zur Sicherheit. So wäre ein Nachweis möglich, leider ist es ein bisschen umständlich: Ich müsste immer kleine Gefäße dabei haben. Ich weiß auch nicht, wie meine Mitbewohnerin reagieren würde, wenn sie ein Döschen mit der Aufschrift "Schnitzel, 18.7.2013", im Kühlschrank finden würde, oder ziemlich viel Platz von solchen Gefäßen belegt wäre. Ich vermute: Nicht sehr erfreut.
"Ich fordere eine Schneidebrettkontrolle!"
Was bleibt mir sonst? In meinem Zustand Kotz- oder Kotproben abfüllen? Die wären zu Recht noch weniger gern gesehen im Kühlschrank. Außerdem habe ich keine passenden Gefäße und wäre in meinem jämmerlichen Zustand gar nicht in der Lage dazu. Ich weiß auch weder in Deutschland und noch weniger in Slowenien, wohin ich mich mit meinen Proben wenden könnte.
Der Täter wird, das ist mir jetzt schon klar, nicht belangt werden. Er wird weiter die Lebenszeit von Menschen stehlen, weil er einfache Hygieneregeln nicht einhält. Es macht mich wahnsinnig. Die Ohnmacht, dass man noch nicht einmal den Täter wird bestrafen können, macht mich noch kränker. Ich wünsche mir ein Küchen-Interpol mit dem Recht zur unangekündigten, Rund-um-die-Uhr-möglichen Schneidebrettkontrolle. Wenn ich wieder fit bin, das schwöre ich mir, werde ich zumindest in Deutschland recherchieren, was man in einem solchen Fall macht.
Ein paar Tage später geht es mir besser. Ich beschwere mich und bekomme die Antwort, die ich erwartet habe. "Wir kaufen alle Lebensmittel jeden Tag frisch, von unserer Küche können Ihre Beschwerden nicht kommen." Mein Zorn hat abgenommen, seitdem ich wieder gesund bin. Ich beschließe, in diesem Text nicht den Namen des Restaurants zu nennen und den Ort, an dem es zu finden ist - anders als ich ursprünglich erwogen hatte. Nicht, dass am Ende noch die Existenzgrundlage einer Familie bedroht wird, das wäre dann doch zu hart. Aber mit einer schlechten Bewertung im Internet müssen die Restaurantbetreiber leben, damit war meine Nacht über der Kloschüssel nicht ganz umsonst. Ich hoffe, sie kann etwas verändern in diesem Gasthof.
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- Frederik Jötten ist Parasitologe, Singer-Songwriter und Reporter. Er schreibt über Gesellschaft, Wissenschaft und Medizin. Mit seinem Körper kennt er sich besser aus als jeder Arzt, behauptet er. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass Ärzte seinen Selbstdiagnosen nicht folgen wollen, weil sie entweder keine Ahnung oder ausnahmsweise doch mal recht haben. Musikalben veröffentlicht er unter dem Namen Fred Erikson.
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