Leistungssport im Kindesalter Mit vier Jahren der erste Marathon

Sie laufen und laufen und laufen: Wunderkinder im Sport gibt es immer wieder. Ihr Körper kann die Anstrengung verkraften, auch einen Marathon oder Triathlon - doch empfehlenswert ist Hochleistungssport im Kindesalter nicht.

Marathonläufer Budhia Singh mit viereinhalb: "Vermutlich kein körperlicher Schaden"
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Marathonläufer Budhia Singh mit viereinhalb: "Vermutlich kein körperlicher Schaden"

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Es war noch mitten in der Nacht, als Budhia Singh begann zu laufen und zu laufen und zu laufen. Sein ehrgeiziger Trainer hatte ihn lange vor Sonnenaufgang geweckt, seitdem rannte der Junge von seinem Wohnort Puri in Richtung Bhubaneswar, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Odisha - knapp 65 Kilometer. Normale Marathondistanzen waren schon lange kein Problem mehr für Budhia, den Halbwaisen aus dem Slum, 48 hatte er innerhalb eines Jahres absolviert. Da war der Knirps gerade vier Jahre alt.

Auch wenn die Geschichte von Budhia - anzuschauen in der Doku "Marathon Boy" - eher davon handelt, was Armut mit Menschen macht, ein Sporttalent ist der Junge ohne Zweifel. Und kein Einzelfall: Kürzlich kündigte die zwölfjährige Blanca Ramirez aus Kalifornien an, sieben Marathons auf sieben Kontinenten laufen zu wollen. Dreimal hat sie die 42,195 Kilometer bereits bewältigt.

In den Siebzigerjahren lief die US-Amerikanerin Mary Etta Boitano als Sechsjährige ihren ersten Marathon, mit zehn erreichte sie eine Spitzenzeit von knapp mehr als drei Stunden. Auch Monika Frisch galt einst als Laufwunder. 1983 wurde sie österreichische Marathonmeisterin - im Alter von zwölf Jahren.

Sind solche Leistungen noch kindgerecht? Und welche Schäden richten sie mitten im Wachstum an?

Hohe Leistungsfähigkeit in jungen Jahren

"Einen körperlichen Schaden hat Budhia bei guter sportmedizinscher Betreuung vermutlich nicht davongetragen", sagt Kuno Hottenrott, Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft und Sportmedizin an der Universität Halle-Wittenberg. Budhia lief bei seinen Marathons mit einer moderaten Geschwindigkeit von etwa neun Kilometern pro Stunde - das entspricht einer Zeit von mehr als 4:40 Stunden.

Zumindest von ihren körperlichen Voraussetzungen her können Kinder Erstaunliches vollbringen. Ihre kleinen, leichten Körper sind prädestiniert für den Ausdauersport, ihr Organismus kann sich regelmäßigem Training genauso gut anpassen wie der eines Erwachsenen. Obwohl die maximale Herzfrequenz bei Kindern noch höher liegt als bei Erwachsenen, sinkt der Belastungspuls auch bei ihnen durch regelmäßiges Training.

"Sogar anaerobes Intervalltraining wird von Kindern toleriert. Wenn die Muskulatur gut trainiert ist, werden ähnliche Laktatwerte erzielt wie bei Erwachsenen. Allerdings sollte die Anzahl solcher Einheiten niedriger sein als bei volljährigen Sportlern", sagt Hottenrott. Und Kinder bräuchten die Freiheit, über die Intensität mitbestimmen zu können.

Marathon für Kinder in Deutschland verboten

Denn auch wenn ihre Körper große Ausdauerleistungen vollbringen können, sind monotone Sportarten wie Langstreckenlauf und Triathlon auf Dauer kaum kindgerecht. "Der Bewegungstrieb dieser Altersgruppe ist gekennzeichnet durch kurze Aufmerksamkeitsphasen und spontane intermittierende Aktivitäten", sagt die Medizinerin Ulrike Korsten-Reck von der Uniklinik Freiburg.

Wird Leistung nicht spielerisch und abwechslungsreich vermittelt, besteht die Gefahr, dass junge Athleten schnell die Lust verlieren. Viele Wunderkinder haben ihre Karrieren früh beendet, bei den Erwachsenen stellen andere Bestleistungen auf. Beim Deutschen Leichtathletik-Verband ist die Teilnahme von Kindern an Marathonläufen seit 1984 verboten.

Hottenrott rät ehrgeizigen Eltern davon ab, ihre Kinder allein zu trainieren. "Ein Training in der Gruppe und im Verein ist zielorientiert und erhöht die Bindung zum Sport. Das ist zukunftsfähig", sagt er. Außerdem ist Ausgleichssport sinnvoll. Läufer und Triathleten könnten etwa Inlineskating oder eine Ballsportart ausüben. "So ein Ausgleichssport sollte spaßbetont sein. So wird die Gesamtbelastbarkeit des Kindes langsam erhöht."

Empfindlichere Gelenke

Gefahr birgt der Leistungssport im Kindesalter außerdem für Gelenke, Sehnen und Knorpel, die noch nicht so belastbar sind. Dies gilt besonders bei Radsportlern und Triathleten. Das Training mit zu kleinen Zahnkränzen und zu großen Kettenblättern kann durch den hohen Kraftaufwand den Knien von Kindern schaden. Deshalb besteht für junge Sportler eine Übersetzungsbeschränkung bei Wettkämpfen, ihr Rad kann bei einer Kurbelumdrehung nur einen begrenzten Weg zurücklegen.

"Bei Abfahrten ist es manchmal gar nicht mehr möglich, schneller zu fahren, weil kein Tretwiderstand mehr da ist", sagt Ludwig Cords, Deutscher Radcrossmeister bei den Junioren. Wie er würden viele Nachwuchsfahrer gerne mit größeren Übersetzungen fahren. Das anstrengende Training mit hohen Trittfrequenzen schont jedoch nicht nur die Gelenke. "Es verbessert auch die Koordination", sagt Hottenrott, der selbst einige Zeit Jugendnationaltrainer der Triathleten war.

Langzeitstudien über Schäden durch Leistungsausdauersport im Kindesalter gibt es noch nicht. Sportwissenschaftler Hottenrott glaubt auch nicht, dass sich Probleme auftun würden. "Im Herz-Kreislauf-System gibt es bei Kindern keine Schäden durch den Sport", sagt er. Medizinerin Korsten-Reck sieht das ähnlich. Durch die medizinische Betreuung der Leistungssport-Kinder ließen sich beginnende Fehlbelastungen erkennen. "Der Bewegungsmangel und der 'sitzende Lebensstil' verursachen viel größere Schäden", so die Medizinerin.

Budhia Singh zumindest, dem indischen Marathon-Kind, haben die Behörden die Teilnahme an Marathons mittlerweile verboten. Heute geht Singh auf eine Schule für Sporttalente, spielt auch Hockey und Fußball. Joggen geht das einstige Laufwunder nur noch selten.



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insgesamt 9 Beiträge
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tommit 29.08.2014
1. Die Hybris der Wissenschaft
den Menschen eines Tages ausserrhalb der Natur hinzustellen ist so naiv..... Eine Ursache hat eine Wirkung - immer und die hat positive wie negative Effekte - Geld ist kein physischer Effekt wird es nie .. Diese WUnderkinder verdeinen nur dann viel wenn andere im Vergleich zum Aufwand mehr 'bekommen' und ich benutze hier bewusst nicht 'verdienen. Wie man am Radsport sieht geht der Fall schnell...
mats73 29.08.2014
2. fast Alltag in mehreren Sportarten -aber nicht schlimm!
mit 4 Jahren Marathon ist schon extrem, zumal ja einige Vorbereitungszeit erforderlich ist. Es gibt aber mehrere Sportarten, in denen es normal ist, dass Kinder im Grundschulalter täglich und mehr trainieren - und wenn ein Kind täglich 15km läuft oder 3h schwimmt ist es ein Nebenprodukt, auch mal einen Marathon zu laufen. Fast nie hat das mit Geld oder Ruhm zu tun, denn gerade Brotlose Sportarten erfordern in frühester Kindheit enorme Trainingsumfänge. Das kann man kritisieren - aber die meisten Kinder machen das - aus Spaß, weil es toll ist etwas besonders gut zu können und es dann noch mehr Spaß macht, das noch mehr zu machen! (ich hab während der Grundschule auch jeden Tag minimum 3h auf der Strasse gekickt - niemand wär auf die Idee gekommen, dass das Zwang oder schäclich ist (ausser die Lehrer wegen der schulischen Leistung)) Als ich dann eine andere Sportart intensiv betrieben habe, hatten die Leute plötzlich Mitleid, weil ich sooo häufig trainieren "musste"... wenn ich gekonnt und gdurft hätte, hätte ich noch viel mehr gemacht, und meine Freunde ebenso. Nur weil das am Verein passiert und nicht eine Spielsportart ist, die jeder macht, muss das nicht "böse" sein....
hojas 29.08.2014
3. Freiwillig?
Zitat von mats73mit 4 Jahren Marathon ist schon extrem, zumal ja einige Vorbereitungszeit erforderlich ist. Es gibt aber mehrere Sportarten, in denen es normal ist, dass Kinder im Grundschulalter täglich und mehr trainieren - und wenn ein Kind täglich 15km läuft oder 3h schwimmt ist es ein Nebenprodukt, auch mal einen Marathon zu laufen. Fast nie hat das mit Geld oder Ruhm zu tun, denn gerade Brotlose Sportarten erfordern in frühester Kindheit enorme Trainingsumfänge. Das kann man kritisieren - aber die meisten Kinder machen das - aus Spaß, weil es toll ist etwas besonders gut zu können und es dann noch mehr Spaß macht, das noch mehr zu machen! (ich hab während der Grundschule auch jeden Tag minimum 3h auf der Strasse gekickt - niemand wär auf die Idee gekommen, dass das Zwang oder schäclich ist (ausser die Lehrer wegen der schulischen Leistung)) Als ich dann eine andere Sportart intensiv betrieben habe, hatten die Leute plötzlich Mitleid, weil ich sooo häufig trainieren "musste"... wenn ich gekonnt und gdurft hätte, hätte ich noch viel mehr gemacht, und meine Freunde ebenso. Nur weil das am Verein passiert und nicht eine Spielsportart ist, die jeder macht, muss das nicht "böse" sein....
Ich wage zu bezweifeln,d ass alle Kinder das so ganz freiwillig machen. In der Regel dürften krankhaft ehrgeizige ELtern dahinterstehen, die mehr oder weniger offen die Kinder zu den Trainings treiben (ja, und man kann kleine Kinder auch so manipulieren, dass sie glauben, es sei ihre Entscheidung und ihr Wunsch). Würden die Eltern tatsächlich akzeptieren, wenn so ein Kind mit dem Sport aufhört? ODer käme dann nicht mehr oder weniger offen Druck? (Überleg es Dir doch noch einmal. Du bist doch sooooo toll erfolgreich. Du hast doch schon sooo viel reingesteckt, wirf das doch nicht alles weg...)
Marvel Master 29.08.2014
4. Gesund?
Hallo, ich bin jetzt zwar kein Sportmedziner aber ist das überhaupt gesund für so einen jungen Menschen? Bei 4 Jahren sind doch noch gar nicht die ganzen Gelenke, Muskeln usw. komplett ausgebildet. Schädigt man seinen Körper da nicht?! VG Marvel
holger.w 29.08.2014
5. Wie peinlich !!!!!!!
Budhia läuft seit 7 Jahren nicht mehr. Was bringt die Redaktiond dazu eine solche Uraltstory wieder aufzuwärmen und nicht einmal darauf hinzuweisen, dass die indische Regierung bereits 2006!!!! Budhia verboten hat weiterzulaufen. Eine langzeitstudie gab es übrigens auch und es konnten keine Schädigungen festgestellt werden.
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