Für einen Büroarbeiter ist der bewegungsreichste Teil des Tages häufig allein der Spurt zur S-Bahn. Erst einmal im Büro angekommen, bewegt er sich nicht mehr viel. Eingepfercht zwischen Bildschirm, Telefon und Drucker, unterbrechen nur Kaffee- und Mittagspause das stundenlange Sitzen. Eine Monotonie, die nicht nur öde ist - sondern auch das Leben verkürzt, wie eine aktuelle US-Studie belegt.
Zwei Jahre länger könnten US-Amerikaner leben, würden sie weniger als drei Stunden täglich sitzen, berichten Peter Katzmarzyk von der Louisiana State University und I-Min Lee von der Harvard University im Fachmagazin "British Medical Journal Open". Noch einmal fast eineinhalb Jahre zusätzlich stiege die Lebenserwartung, würden die US-Bürger weniger als zwei Stunden täglich vor dem Fernseher verbringen.
Empfehlungen sind schwierig umzusetzen
Obwohl die Forscher einen statistischen Zusammenhang zwischen Sitzen, Fernsehen und Lebenserwartung nachweisen konnten, heißt das noch nicht, dass eine Änderung des Lebensstils auch nachweislich den gewünschten Effekt der erhöhten Lebenserwartung bringen würde. Gleichwohl sagt die statistisch längere Lebenserwartung für die Gesamtbevölkerung wenig über die Lebenserwartung des Einzelnen aus.
Dennoch gehen die Forscher anhand der Ergebnisse davon aus, dass ein solcher Effekt möglich wäre. Dafür gibt es auch Hinweise: Ein überwiegend sitzender Lebensstil könnte das Risiko für Typ-2-Diabetes erhöhen, zeigen andere Studien.
"Weniger Inaktivität und anstatt dessen mehr Bewegung und Aktivität ist die richtige Schlussfolgerung", sagt Mirko Brandes, Sportwissenschaftler an der Universität Oldenburg, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zu den Ergebnissen der US-Forscher. "Die Frage, die die Studie nicht beantwortet, ist: Wie bekommt man das in der Praxis hin?"
Die Autoren fordern weitergehende Untersuchungen, die nicht nur das Verhalten der Menschen beobachten, sondern überprüfen, wie sich Veränderungen auf die Lebenserwartung der Menschen auswirken. "Um Belege für die Folgen eines sitzenden Lebensstils zu erhalten, benötigen wir Interventionsstudien, die zeigen können, dass weniger Sitzen weniger Herz-Kreislauf-Krankheiten bedeutet. Das könnte dann unsere epidemiologischen Ergebnisse erklären", sagt Studienautor Peter Katzmarzyk zu SPIEGEL ONLINE.
Meeting im Stehen, arbeiten im Gehen
Katzmarzyk gibt zu, dass der große Haken die Übersetzung der Ergebnisse in den Arbeitsalltag der Menschen ist. "Es laufen Studien, um besser zu verstehen, wie man das Sitzen am Arbeitsplatz vermeiden kann", sagt Katzmarzyk. "Wenn Menschen das Sitzen unterbrechen können, indem sie zum Kollegen gehen und mit ihm reden, statt eine E-Mail zu schicken, dann hilft das schon. Eine andere Möglichkeit sind Stehpulte oder Laufband-Arbeitsplätze." In seinem eigenen Umfeld beobachte er, dass mehr Mitarbeiter bewusst bei Besprechungen zusammenstehen statt zusammenzusitzen.
"Die positiven Effekte von Bewegung im Alltag sind gut belegt, schwierig ist es, die Leute nachhaltig zu motivieren", sagt Sportwissenschaftler Brandes. "Da kommt man auch schnell an Grenzen, wenn zum Beispiel der Anwalt morgens gerne mit dem Fahrrad in die Arbeit fahren würde, dort aber nicht verschwitzt ankommen kann oder keine Möglichkeit hat, zu duschen und sich umzuziehen."
Selbst der schwerfälligste Büroarbeiter hat allerdings Möglichkeiten, seinen Arbeitsalltag durch kleine Veränderungen bewegter zu gestalten. Wer auf das Fahrrad umsteigen kann, hat dadurch schon einen großen Vorsprung. Bleiben nur Auto oder U-Bahn für den Weg, kann man entfernt parken oder eine Station früher aussteigen und den Rest des Weges laufen. Selbst wer in einer der oberen Etagen arbeitet, kann etwa für die ersten drei Stockwerke die Treppe benutzen. Post lesen, etwas nachschlagen oder telefonieren kann man gut an einem Stehpult. Und am Schreibtisch gilt: Häufig Benötigtes liegt so weit entfernt, das man aufstehen muss, um es sich zu holen.
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