Lebensstil: Behäbigkeit verkürzt das Leben um Jahre

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Corbis

Mann vor dem Bildschirm: Sitzen und fernsehen verkürzen das Leben

Täglich weniger als drei Stunden sitzen und höchstens zwei Stunden fernsehen: Das könnte Menschen mehr als drei zusätzliche Lebensjahre bescheren, berichten Forscher einer US-Studie. So radikal kann kaum einer sein Leben umstellen - doch auch kleine Veränderungen sind wirksam.

Für einen Büroarbeiter ist der bewegungsreichste Teil des Tages häufig allein der Spurt zur S-Bahn. Erst einmal im Büro angekommen, bewegt er sich nicht mehr viel. Eingepfercht zwischen Bildschirm, Telefon und Drucker, unterbrechen nur Kaffee- und Mittagspause das stundenlange Sitzen. Eine Monotonie, die nicht nur öde ist - sondern auch das Leben verkürzt, wie eine aktuelle US-Studie belegt.

Zwei Jahre länger könnten US-Amerikaner leben, würden sie weniger als drei Stunden täglich sitzen, berichten Peter Katzmarzyk von der Louisiana State University und I-Min Lee von der Harvard University im Fachmagazin "British Medical Journal Open". Noch einmal fast eineinhalb Jahre zusätzlich stiege die Lebenserwartung, würden die US-Bürger weniger als zwei Stunden täglich vor dem Fernseher verbringen.

Die Studie im Detail
Die Studie
Untersucht wurde der Einfluss des Sitzens und des Fernsehschauens auf die Lebenserwartung von US-Amerikanern. Dazu berechneten die Forscher aus fünf bereits veröffentlichten Studien den Einfluss der beiden Faktoren auf die Sterblichkeit der untersuchten Studienteilnehmer. Anhand der aus einer weiteren Studie bekannten Häufigkeit der beiden Verhaltensweisen unter den US-Bürgern konnten die Wissenschaftler schließlich berechnen, wie sich weniger Sitzen und Fernsehen auf die Lebenserwartung Neugeborener auswirken würden.
Ergebnisse
Um zwei Jahre könnte die Lebenserwartung ansteigen, würden die US-Bürger weniger als drei Stunden täglich sitzend verbringen. Immerhin 1,38 Jahre zusätzlich brächte ein auf zwei Stunden begrenzter Fernsehkonsum, so die Berechnungen der Wissenschaftler.
Stärken der Studie
Die Studie nutzt unter Wissenschaftlern anerkannte Methoden, um die Folgen der sitzenden Lebensweise zu berechnen. Das macht die Ergebnisse der fünf in dieser Studie eingeschlossenen Untersuchungen vergleichbar. Die Zahl der in den verschiedenen Studien untersuchten Menschen ist mit mehr als 166.000 sehr hoch.
Schwächen der Studie
Die Aussagen über das eigene Verhalten der US-Amerikaner stammt aus selbst ausgefüllten Fragebögen. Die sind fehleranfälllig, weil Menschen sich im Nachhinein nicht genau an ihre Verhaltensweisen erinnern. Genauer wäre es, die Aktivität der Studienteilnehmer zum Beispiel mit Schrittzählern oder Beschleunigungsmessern zu registrieren.

Die Forscher konnten die aus den fünf für ihre Arbeit untersuchten Studien eingeschlossenen Daten nicht so von Störfaktoren bereinigen, wie es normalerweise geboten wäre. Dazu waren die verfügbaren Daten zu unterschiedlich.

Der statistische Zusammenhang zwischen sitzender Lebensweise und Sterblichkeit bedeutet nicht automatisch, dass eine Veränderung hin zu größerer Aktivität auch den erwarteten Gewinn an Lebenserwartung bringt. Hinweise darauf könnten Studien liefern, die untersuchen, wie sich die Sterblichkeit von Menschen verändert, wenn sie sich im Alltag mehr bewegen.
Einschränkungen der Ergebnisse
Weil alle Daten nur an US-Amerikanern erhoben wurden, gelten auch die Schlussfolgerungen nur für US-Bürger. Europäer bewegen sich durchschnittlich mehr als Menschen in den USA, daher dürften ähnliche Untersuchungen in Europa auch andere Ergenisse erbringen.
Die Forscher untersuchten die Daten aus fünf Studien mit zusammengenommen mehr als 166.000 Personen. Dabei erfassten sie, wie viel Zeit des Tages die Teilnehmer sitzend oder vor dem Fernseher verbrachten und wann die Probanden verstarben. Zusätzlich nutzten die Forscher Daten einer großen Gesundheitsstudie, dem "National Health and Nutrition Examination Survey", die repräsentativ für die US-Bevölkerung ist. Mit Hilfe dieser Daten konnten die Wissenschaftler berechnen, wie sich kürzeres Fernsehen und Sitzen im Alltag auf die Lebenserwartung neugeborener US-Bürger auswirken würde.

Empfehlungen sind schwierig umzusetzen

Obwohl die Forscher einen statistischen Zusammenhang zwischen Sitzen, Fernsehen und Lebenserwartung nachweisen konnten, heißt das noch nicht, dass eine Änderung des Lebensstils auch nachweislich den gewünschten Effekt der erhöhten Lebenserwartung bringen würde. Gleichwohl sagt die statistisch längere Lebenserwartung für die Gesamtbevölkerung wenig über die Lebenserwartung des Einzelnen aus.

Dennoch gehen die Forscher anhand der Ergebnisse davon aus, dass ein solcher Effekt möglich wäre. Dafür gibt es auch Hinweise: Ein überwiegend sitzender Lebensstil könnte das Risiko für Typ-2-Diabetes erhöhen, zeigen andere Studien.

"Weniger Inaktivität und anstatt dessen mehr Bewegung und Aktivität ist die richtige Schlussfolgerung", sagt Mirko Brandes, Sportwissenschaftler an der Universität Oldenburg, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zu den Ergebnissen der US-Forscher. "Die Frage, die die Studie nicht beantwortet, ist: Wie bekommt man das in der Praxis hin?"

Die Autoren fordern weitergehende Untersuchungen, die nicht nur das Verhalten der Menschen beobachten, sondern überprüfen, wie sich Veränderungen auf die Lebenserwartung der Menschen auswirken. "Um Belege für die Folgen eines sitzenden Lebensstils zu erhalten, benötigen wir Interventionsstudien, die zeigen können, dass weniger Sitzen weniger Herz-Kreislauf-Krankheiten bedeutet. Das könnte dann unsere epidemiologischen Ergebnisse erklären", sagt Studienautor Peter Katzmarzyk zu SPIEGEL ONLINE.

Meeting im Stehen, arbeiten im Gehen

Katzmarzyk gibt zu, dass der große Haken die Übersetzung der Ergebnisse in den Arbeitsalltag der Menschen ist. "Es laufen Studien, um besser zu verstehen, wie man das Sitzen am Arbeitsplatz vermeiden kann", sagt Katzmarzyk. "Wenn Menschen das Sitzen unterbrechen können, indem sie zum Kollegen gehen und mit ihm reden, statt eine E-Mail zu schicken, dann hilft das schon. Eine andere Möglichkeit sind Stehpulte oder Laufband-Arbeitsplätze." In seinem eigenen Umfeld beobachte er, dass mehr Mitarbeiter bewusst bei Besprechungen zusammenstehen statt zusammenzusitzen.

"Die positiven Effekte von Bewegung im Alltag sind gut belegt, schwierig ist es, die Leute nachhaltig zu motivieren", sagt Sportwissenschaftler Brandes. "Da kommt man auch schnell an Grenzen, wenn zum Beispiel der Anwalt morgens gerne mit dem Fahrrad in die Arbeit fahren würde, dort aber nicht verschwitzt ankommen kann oder keine Möglichkeit hat, zu duschen und sich umzuziehen."

Selbst der schwerfälligste Büroarbeiter hat allerdings Möglichkeiten, seinen Arbeitsalltag durch kleine Veränderungen bewegter zu gestalten. Wer auf das Fahrrad umsteigen kann, hat dadurch schon einen großen Vorsprung. Bleiben nur Auto oder U-Bahn für den Weg, kann man entfernt parken oder eine Station früher aussteigen und den Rest des Weges laufen. Selbst wer in einer der oberen Etagen arbeitet, kann etwa für die ersten drei Stockwerke die Treppe benutzen. Post lesen, etwas nachschlagen oder telefonieren kann man gut an einem Stehpult. Und am Schreibtisch gilt: Häufig Benötigtes liegt so weit entfernt, das man aufstehen muss, um es sich zu holen.

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insgesamt 13 Beiträge
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1. optional
bigbubby 10.07.2012
Korrelation, aber nicht Kausalität wurde hier mal wieder festgestellt, aber Kausale Folgen gezogen. Die Frage wäre doch, ob der Mensch, der mehr läuft auch wirklich länger lebt oder nicht der Mensch, der kürzer lebt, auch eher faul ist und sich deshalb weniger bewegt. Der Körper so zu sagen lebensmüde ist und deshalb sich nicht bewegt und auch früher verstirbt, während Körper die lebensbejahend sind eher zur Aktivität neigen.
2. Warum
01099 10.07.2012
wollen nur alle Menschen immer älter werden? Alter bedeutet die Zunahme von Wahrscheinlichkeiten, an allerlei schweren Krankheiten zu Grunde zu gehen. Das gilt für Krebs, Herzkrankheiten und andere Verfallserscheinungen. Nur weil uns die Werbung vorgaukelt, der Lebensabend sei eine nie enden wollende Party, bei der agile Senioren den ganzen Tag mit ihren Enkeln spielen, Bergwanderungen unternehmen und segeln gehen, hechelt die Menschheit nach Rekorden im Altwerden. Das hat mit der Realität nichts zu tun und wer einmal im Krankenhaus oder im Pflegeheim gearbeitet hat, weiß das auch. Oft reicht ein Blick in unsere Innenstädte, in denen die lieben Alten nichts besseres zu tun haben, als schon früh unsere Läden zu verstopfen. Von Agilität keine Spur, eher von Langeweile und Abstumpfung. Warum also diesen Zustand herbeisehnen und dann noch verlängern wollen? Der Mensch ist eben doch kein Vernunftswesen.
3. Warum
frunabulax 10.07.2012
Warum sollte ich mich in meinem Alltag geißeln nur um evtl. ein Jährchen länger zu leben?? Morgen kommt eh' eine andere Studie. Nee ich fahre Auto und nehme den Fahrstuhl und lege auch Dinge in meiner Nähe ab um ja nicht aufstehen zu müssen.
4. Tolle Sache. E-Book und Digitale-Presse weniger konsumieren
mitbestimmender wähler 10.07.2012
Toll für die nicht sitzenden Handwerker die noch genügend Sex Zuhause haben ;-) Den Bankern sieht man es schon an, mit 29Jahren schon eine Errscheinung wie ein 42Jähriger und frühzeitigen Haarausfall. Aber die Kurve können Alle noch kriegen oder noch massiv verbessern ohne zu Rauchen, Koksen, mit wenig Alkohol und vermehrtem Lesens vom Papier. Guru für langes Leben
5. |||||
sample-d 10.07.2012
Zitat von frunabulaxWarum sollte ich mich in meinem Alltag geißeln nur um evtl. ein Jährchen länger zu leben?? Morgen kommt eh' eine andere Studie. (..)
Weil das Leben viel angenehmer und schöner ist wenn man fit ist. Ich mache Sport z.B. nicht zur Lebensverlängerung, sondern um mich besser zu fühlen...
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Zum Autor
  • Dennis Ballwieser ist Arzt. In München machte er Narkose, in Hamburg schreibt er über Medizin. Er ist Redakteur im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.


Bewegung im Alltag
Bleiben Sie in Bewegung
Verändern Sie regelmäßig die Sitzposition. Sie verhindern so, den Körper ständig in einer Haltung zu verspannen, was die Muskeln ermüdet. Kippen Sie das Becken vor und zurück, setzen Sie sich abwechselnd überwiegend auf die linke oder rechte Gesäßhälfte. Bewegen Sie auch den Oberkörper vor, zurück, links und rechts. Rutschen Sie mal nach vorne auf dem Stuhl, dann sitzen Sie wieder ganz hinten. Probieren Sie, mit der Hüfte zu kreisen.
Stellen Sie den Stuhl richtig ein
Arme und Beine sollten etwa im rechten Winkel geknickt sein, wenn Sie am Arbeitsplatz sitzen. Die Füße stehen fest auf dem Boden, die Arme können Sie locker auf den Tisch legen. Benutzen Sie die ganze Sitzfläche des Stuhls, achten Sie auch darauf, dass die Rückenlehne Ihren Rücken stützen kann. Sitzen Sie aufrecht, erstarren Sie aber nicht in Ihrer Sitzhaltung. Bewegung tut Ihren Bandscheiben gut. Die Arme dürfen Sie gerne auf den Armlehnen ablegen, um Schultern und Nacken zu entlasten. Die werden auch durch die Handballenablage vor der Computertastatur entlastet - alles was irgendwo aufliegt, müssen die Muskeln nicht den ganzen Tag halten.
Mein Bürostuhl kann das nicht
Wenn Sie Ihren Bürostuhl nicht auf sich einstellen können, er keine Bewegungen erlaubt, keine an Sie anpassbare Rückenlehne hat oder keine Armlehnen - dann brauchen Sie einen neuen Stuhl.
Stehen Sie auf!
Erledigen Sie Dinge, die Sie nicht im Sitzen machen müssen, stehend. Die Post können Sie an einem Stehpult öffnen und lesen, telefonieren können Sie vielleicht auch im Stehen, mit Kollegen sprechen sowieso. Zwingen Sie sich, regelmäßig aufzustehen, indem Sie häufig benötigte Dinge gerade nicht auf Ihrem Schreibtisch stehen haben. Der Drucker zum Beispiel sollte so weit weg von Ihnen stehen, dass Sie jedesmal aufstehen müssen, wenn Sie etwas drucken. Brauchen Sie etwas vom Kollegen zwei Türen weiter, lassen Sie das E-Mail-Programm zu, gehen Sie stattdessen zu ihm.
Vor dem Hinsetzen
Wenn Sie können, dann fahren Sie mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das geht natürlich schwer, wenn Sie morgens im Anzug oder Kostüm erscheinen müssen und es draußen regnet. Fahren Sie Auto, können Sie immer noch ein Stück entfernt parken und ein paar hundert Meter zu Fuß gehen. Wenn Sie nicht gerade im 13. Stock arbeiten, ist die Treppe eine gute Alternative zum Aufzug.

Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin