Diätformen "Low-Carb macht aggressiv"

Schlanker Körper - trotzdem zu viel Fett zwischen den Organen? Im Interview erklärt der Mediziner Markus de Marées, wie sich Gewicht verlieren lässt und welche Tücken eine Low-Carb-Diät birgt.

Schlanke Taille: Mit Low-Carb lässt sich der Körperfettanteil reduzieren
Corbis

Schlanke Taille: Mit Low-Carb lässt sich der Körperfettanteil reduzieren

Ein Interview von


Zur Person
Markus de Marées ist Arzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Trainingswissenschaften und Sportinformatik an der Sporthochschule Köln. De Marées betreut Leistungssportler und Expeditionen von Extremsportlern.
SPIEGEL ONLINE: Herr de Marées, man findet im Netz die unterschiedlichsten Angaben zu Normwerten, die unser Körper haben sollte. Was ist denn verlässlich?

De Marées: Man muss sich an den Gesundheitsorganisationen orientieren, die geben den Maßstab für die breite Bevölkerung vor. BMI und Körperfettanteil sind gängige Maßeinheiten.

SPIEGEL ONLINE: Aber der BMI berücksichtigt ja nur das Gewicht und nicht das Körperfett.

De Marées: Stimmt. Ein Bodybuilder kann einen BMI von 30 haben und nur aus Muskeln bestehen. Für einen Mann zwischen 30 und 40 Jahren wäre ein Körperfettanteil von 15 ein guter Wert.

SPIEGEL ONLINE: Bei mir ist das rätselhaft. Meine Waage sagt, dass ich einen Anteil von 25 Prozent habe. Das wäre ja sehr hoch. Aber alle sagen mir, wie dünn ich aussehe.

De Marées: Es ist immer auch ein wenig subjektiv, was man als dünn empfindet. Vielleicht haben Sie viszerales Fett, das sich in der Bauchhöhle angesammelt hat?

SPIEGEL ONLINE: Die Befürchtung habe ich auch. Ich habe mit einer Körperfettwaage gemessen - wie zuverlässig ist die denn?

De Marées: Nicht sehr.

SPIEGEL ONLINE: Messen diese Waagen tendenziell zu viel oder zu wenig Körperfett?

De Marées: Das hängt vom Modell ab. Wir haben hier schon beides erlebt. Besser sind Waagen, die an Füßen und Händen messen. Wie sieht denn Ihre Gesichtsform aus?

SPIEGEL ONLINE: Sehr schlank

De Marées: Und der Bauchumfang?

SPIEGEL ONLINE: Gut, der ist etwas dicker geworden, aber nicht übermäßig viel. Keiner kann sich die Gewichtszunahme so richtig erklären.

De Marées: Im Alter verändert sich der Hormonhaushalt. Der Testosteron-Spiegel geht runter und damit auch der Gesamtumsatz, Nahrung bleibt länger im Körper, Sie bilden schneller Fettreserven - ob am Bauch oder an den Organen, je nachdem. Mir geht es genauso. Wir Männer neigen dazu, unsere Aktivität zu über- und unsere Essensmenge zu unterschätzen. Am Ende zählt: Wie viel Energie nehme ich auf und wie viel verbrauche ich.

SPIEGEL ONLINE: Wie schmelze ich denn am schnellsten Fettpolster? Es wird immer wieder empfohlen, Ausdauersport zu machen, zum Beispiel zu joggen. Und da heißt es, erst ab 30 Minuten beginne die Fettverbrennung.

De Marées: Es spielt letzten Endes keine Rolle, welchen Sport Sie machen, sondern nur wie viel Energie Sie verbrauchen. Sie haben einen Kurzzeit- und einen Langzeitenergiespeicher. Ersterer funktioniert über schnell verfügbare Träger wie Zucker oder Kohlenhydrate, letzter über Fett. Bei sportlicher Aktivität werden beide aktiviert. Wenn Sie eine Sportart machen, die vorwiegend den Kurzzeitspeicher leert, muss der am Ende wieder aufgefüllt werden - und diese Energie zieht er sich aus dem Langzeitspeicher, also den Fettreserven.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich mir nicht nach dem Sport sofort wieder Kohlenhydrate reinpfeife...

De Marées: Genau. Es ist entscheidend, was ich kurz nach dem Sport zu mir nehme. Nach Ausdauersport Kohlenhydrate zu essen, geht sofort in die Muskelenergiespeicher. Nach Krafttraining Proteine zu essen, hilft Muskulatur aufzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre denn für einen Mann Anfang 40 ein guter Muskelanteil?

De Marées: Circa 40 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Kann man nicht auch mit Krafttraining abnehmen?

De Marées: Klar. Es ist auch immer abhängig von den persönlichen Vorlieben. Jemanden sehr Übergewichtiges kann man zum Krafttraining eventuell eher motivieren als zum Joggen. In dem Fall wäre das auch gelenkschonender. Mehr Muskeln erhöhen außerdem das Selbstwertgefühl. Und, ganz wichtig, sie verbrennen auch mehr Fett. Muskelaufbau bringt also doppelten Nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Wachsen eigentlich die Knochen mit, wenn ich Muskeln aufbaue?

De Marées: Sehnen und Knochen passen sich der Belastung an, aber leider geschieht auch das im Alter langsamer.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von der Low-Carb-Methode, um abzunehmen?

De Marées: Das kann man machen, es ist auch effektiv. Ich habe es selbst ausprobiert und damit Gewicht verloren. Aber Low-Carb ist nicht gut für meine Umgebung.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

De Marées: Low-Carb macht aggressiv - je nach Veranlagung. Sie manövrieren sich damit in einen Mangel, müssen ständig darauf achten, was Sie essen. Und es fehlt einfach die Belohnung in Form von Zucker beziehungsweise Kohlenhydraten. Es hat einen Effekt in Bezug auf die Gewichtsreduktion, aber es ist nicht gut, das über mehrere Monate hinweg zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Für mich wäre ein Mangel in erster Linie, wenn ich hungern müsste. Aber die Low-Carb-Vertreter versprechen ja, dass man damit abnehmen kann, ohne hungern zu müssen.

De Marées: Wenn Sie in einem normalen Kalorienbereich bleiben, dann stimmt das auch. Sie müssen mit Low-Carb nicht hungern, wenn Sie die Kohlenhydrate durch Eiweiße ersetzen. Es ist ja auch bekannt, dass abends Proteine zu sich zu nehmen das Sättigungsgefühl länger hält. Wenn Sie aber anfangen, das fehlende Brot und die fehlenden Kartoffeln kiloweise mit Fleisch zu kompensieren, geht der Schuss nach hinten los. Und Sie haben auch hier einen drohenden Jo-Jo-Effekt, sobald Sie wieder in alte Ernährungsmuster verfallen. Wenn Sie dauerhaft Gewicht verlieren wollen, müssen Sie Ihren ganzen Lebensstil analysieren, herausfinden, was Sie dick macht und das dann gezielt ändern - und am besten nicht alles auf einmal.



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insgesamt 33 Beiträge
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trimedial 16.05.2014
1. Keine Abkürzung
oh jemine! Ich höre es deutlich heraus: es gibt keine Abkürzung zum schlanker bzw. nicht dicker werden. Die Essensgewohnheiten analysieren - Schock, schwere Not. Werde ich heute abend bei einigen Glas Cognac versuchen und wenn ich ins Bett plumpse, nehme ich mir vor, nie wieder was zu essen. Dieser Vorsatz verschafft mir dann zumindest eine entspannte Nachtruhe. Aber spätestens nach dem Aufstehen um 7 geht dann der Circus gegen 11 Uhr wieder los...
!eumel 16.05.2014
2. Die Arten der Nährstoffe sind doch auch von Einfluss
Eiweiße und Fette gibt es so etliche, die sehr verschieden sind. Sie sind nicht nur unterschiedlich bekömmlich; sie haben auch stark unterschiedliche Low-Carb-Wirkung. Bei den Fettsäuren erfährt man ja genug häufig, dass ungesättigte vorzuziehen sind. Aber welche Eiweißsorten sind günstig und in welchen Nahrungsmitteln sind sie vorhanden?
trevorcolby 16.05.2014
3. also was Unterzuckerung angeht...
....das kenn ich auch gut genug an mir....wenn ich hunger habe kann auch ich leicht knatschig werden. Meine Frau sagt dann immer, Mensch eß was und dann ist auch alles wieder gut.....kann ich, was die Low Carb-Diät angeht, ebenso bestätigen. Hatte drei Wochen lang wärend dieser Diät nur miese Laune, wirklich schlimm. Hatte keinen Sinn gehanbt bei mir damit.
henrikw 16.05.2014
4. Eiweiß
"Sie müssen mit Low-Carb nicht hungern, wenn Sie die Kohlenhydrate durch Eiweiße ersetzen. Es ist ja auch bekannt, dass abends Proteine zu sich zu nehmen das Sättigungsgefühl länger hält." Jo, geil! Schön viel Eiweiß futtern. Da ist der Nierenschaden vorprogrammiert.
ewiggestrig 16.05.2014
5. Low carb macht aggressiv?
Das kann ich allerdings nicht bestätigen, verdammt noch mal! Ich ziehe das seit Jahren durch und fühle mich wohl dabei. Dass die anderen Idioten mich ständig ärgern, hat doch nichts mit meiner Diät zu tun, so ein Sch... aber auch! Ich kann nur sagen !%&@#!!!
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