Ketogene Diäten Vorsicht bei Verzicht auf Kohlenhydrate

Low-Carb ist angesagt, dabei sind extreme Diätformen ganz ohne Kohlenhydrate umstritten und sollten nur unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden. Helfen können sie aber bei Epilepsie.

Ketogene Diät mit Fleisch auf dem Speiseplan
Oliver Berg/ TMN

Ketogene Diät mit Fleisch auf dem Speiseplan


Sie sind der erklärte Feind von vielen Diät-Fans und ernährungsbewussten Menschen: Kohlenhydrate. Der Nährstoff steckt in Nudeln, Reis, Brot oder auch in Obst und gilt als Energielieferant Nummer eins für den menschlichen Organismus und vor allem fürs Gehirn. Wer sich auf den Verzicht, und damit für eine ketogene Diät wie etwa die nach Atkins, entscheidet, der reduziert die tägliche Zufuhr an Kohlenhydraten auf ein Minimum von gerade mal etwa 20 bis 50 Gramm. Stattdessen kommen fettreiche Lebensmittel zum Zuge, von Wurst und Fleisch über Sahne, Eier und Käse bis hin zu Nüssen.

Befürworter einer solchen Ernährungsweise glauben, dass die streng kohlenhydratarme Diät nicht nur zur Gewichtsabnahme führt, sondern auch günstige Auswirkungen auf schwere Erkrankungen haben kann. Für Letzteres fehlen eindeutige wissenschaftliche Belege, warnen Kritiker. "Von ärztlicher Seite zu empfehlen ist eine ketogene Ernährung nur bei kindlicher Epilepsie", sagt Professor Georg Wechsler. Der Facharzt für Innere Medizin aus München ist Präsident des Bundesverbands Deutscher Ernährungsmediziner (BDEM). Aus seiner Sicht hat die ketogene Diät "viele Nachteile und Nebenwirkungen".

Die Grundidee bei dieser Kost: Bleibt die tägliche Zufuhr an Kohlenhydraten mehr oder weniger aus, dann hat der Körper keine andere Wahl, als den Stoffwechsel umzustellen. Er sucht sich neue Energiequellen - und das ist das Fett. Dazu greift er zum einen die Körperdepots an. Zum anderen nutzt er die Fette, die über die Nahrung zugeführt werden. Dabei bildet der Körper sogenannte Ketone. Sie versorgen den Organismus mit Energie. Zu einer Gewichtszunahme durch die fettreiche Kost kommt es in der Regel nicht, da auf die Kohlenhydrate verzichtet wird. Oft tritt durch den hohen Anteil an Eiweiß und Gemüse ein Abnehmeffekt ein.

Die wichtigsten Nährstoffe
Kohlenhydrate
Kohlenhydrate machen den Großteil unserer Nahrung aus, sie bestehen aus einzelnen oder miteinander verknüpften Zuckermolekülen. Der Körper nutzt sie als schnelle Energiequelle, das Gehirn etwa greift fast ausschließlich auf Kohlenhydrate zurück. Je komplexer ein Kohlenhydrat aufgebaut ist, desto länger braucht der Körper, um es abzubauen. Die Zuckerbausteine gelangen dadurch langsamer ins Blut. Vollkornmehl etwa basiert auf komplexen Kohlenhydraten, Weißmehl hingegen enthält einfachere Kohlenhydrate.
Fette
Fett ist der energiereichste Nährstoff - es liefert etwa doppelt so viele Kalorien wie Kohlenhydrate oder Eiweiße. Dennoch sättigt es schlechter. Viele Deutsche essen zu viel Fett. Der Nährstoff hat aber auch sein Gutes: Er transportiert viele wichtige Vitamine und kann essenzielle Fettsäuren enthalten, die den Aufbau von Zellmembranen und die Bildung von Hormonen fördern. Ungesättigte Fettsäuren sind grundsätzlich gesünder, sie sind hauptsächlich in pflanzlichen Ölen und Fisch enthalten. Gesättigte Fettsäuren (vor allem in tierischen Produkten) sollten eher gemieden werden, da sie den Cholesterinspiegel erhöhen.
Eiweiße
Eiweiße sind ein wichtiger Baustein des Körpers. Der Mensch braucht sie, um Zellen, Muskelfasern, Organe, Hormone oder Blut herzustellen. Dafür zerlegt er Eiweiße (auch Proteine genannt) aus der Nahrung zuerst in ihre Bestandteile, die Aminosäuren. Aus ihnen setzt er anschließend neue Proteine zusammen. Zwölf der 20 Aminosäuren kann der Körper selbst produzieren, acht erhält er ausschließlich über die Nahrung. Eiweiße sollten daher rund 15 Prozent des Kalorienbedarfs decken. Zu den proteinreichen Nahrungsmitteln zählen Fleisch, Fisch, Milch und Milchprodukte, aber auch Getreide, Kartoffeln, Nüsse und Hülsenfrüchte.
Mineralstoffe
Mineralien sind wichtige Bausteine und Regelstoffe. Der Körper braucht von ihnen nur winzige Mengen, trotzdem spielen sie bei Stoffwechselvorgängen, der Blutbildung und etwa dem Knochenwachstum eine wichtige Rolle. Experten unterscheiden zwischen Mengenmineralstoffen (unter anderem Natrium und Kalzium), von denen der Körper einige hundert Milligramm pro Tag benötigt und Spurenelementen (unter anderem Eisen und Zink), bei denen schon einige Milligramm pro Tag ausreichen. Menschen können Mineralstoffe nicht selbst herstellen, eine ausgewogene Ernährung deckt den Bedarf jedoch in der Regel ab.
Vitamine
Vitamine ermöglichen viele Stoffwechselfunktionen, helfen beim Aufbau von Zellen und unterstützen das Immunsystem. Auch sie sind für den Körper essenziell: Er braucht sie, kann sie aber zum Großteil nicht selbst herstellen, sondern muss sie über die Nahrung aufnehmen. Mit viel Obst und Gemüse, aber auch Milch, Fleisch und Vollkornprodukten auf dem Speiseplan lässt sich der Bedarf des Körpers gut decken - Vitamintabletten sind in der Regel überflüssig. Um Vitamin D aktivieren zu können, braucht der Körper auch Sonnenlicht, weshalb auch Spaziergänge oder Sport im Freien den Vitaminhaushalt unterstützen.
Sekundäre Pflanzenstoffe
Sekundäre Pflanzenstoffe besitzen häufig eine bestimmte Aufgabe in den Pflanzen, sie regulieren das Wachstum, wehren Schädlinge ab oder locken als Farb- und Duftstoffe Bienen und andere Bestäuber an. Wissenschaftler schätzen, dass etwa 60.000 bis 100.000 verschiedene Sekundäre Pflanzenstoffe existieren, bisher sind jedoch erst wenige von ihnen genauer erforscht. Klar ist jedoch, dass manche der Stoffe gesund sind und zum Beispiel den Cholesterinspiegel senken können.
Ballaststoffe
Ballaststoffe sind eine Klasse der Kohlenhydrate: Obwohl sie nicht süß sind, bestehen sie aus langen Zuckerketten. Der Körper kann Ballaststoffe nicht verwerten, sie passieren unzersetzt den Magen-Darm-Trakt. Dennoch sind sie extrem wichtig: Ballaststoffe füllen den Magen und wirken dadurch sättigend, sie regeln die Verdauung und lassen den Blutzuckerspiegel langsamer ansteigen. Es gibt Hinweise, dass sie vor einer Reihe von Krankheiten schützen können, darunter Diabetes und Arteriosklerose. Ballaststoffe bestehen aus den Stützsubstanzen von Pflanzen und sind in großen Mengen in Äpfeln, Birnen, Kartoffeln, Brokkoli und Trockenobst enthalten. Tierische Nahrungsmittel sind praktisch ballaststofffrei.

"Schon seit den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts ist bekannt, dass eine ketogene Ernährungsweise die Anfallbereitschaft bei Epilepsie reduziert", weiß Margret Morlo vom Verband für Ernährung und Diätetik (VFED). Nach ihren Angaben wurde in US-amerikanischen Kliniken eine ketogene Kost speziell für an Epilepsie leidende Kinder entwickelt. Die kleinen Patienten müssen 90 Prozent der Energie in Form von Fett einnehmen, Vitamine und Mineralstoffe werden ergänzend verabreicht.

"Bei jeder Mahlzeit muss je nach Verträglichkeit das Verhältnis von 4:1 beziehungsweise 3:1 - Fett zu Protein und Kohlenhydrate - eingehalten werden", sagt Morlo. Allerdings: Nicht bei allen Epilepsie-Erkrankten wirkt die Diät. Durch den nicht ausreichenden Proteinanteil der Nahrung kann es bei einem Teil der Kinder zu einer Hemmung des Wachstums und der körperlichen Entwicklung kommen.

"Nicht zuletzt deshalb sollte eine ketogene Diät, wenn überhaupt, dann immer unter strenger ärztlicher Kontrolle durchgeführt werden", betont Wechsler. Es besteht die Gefahr, dass eine nur fettreiche Ernährung zu Ablagerungen an den Gefäßen führt. Die Folge davon können Schlaganfall oder Herzinfarkt sein. Zudem bringt die ketogene Diät mit sich, dass die Harnsäureproduktion steigt: "Damit besteht ein erhöhtes Risiko, an Gicht zu erkranken." Wer sich ketogen ernährt, sollte daher regelmäßig die Harnsäure kontrollieren lassen.

Befürworter der ketogenen Diät gehen davon aus, dass die kohlenhydratarme und fettreiche Ernährung möglicherweise auch einen positiven Effekt auf den Verlauf einer Krebserkrankung haben kann. Die Kost soll demnach dafür sorgen, dass das Wachstum der Krebszellen gehemmt werden kann. "Dafür liegen aber bislang keinerlei allgemeingültige wissenschaftliche Erkenntnisse vor", sagt Wechsler.

Ähnlich äußert sich auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): "Es gibt derzeit nur wenige Untersuchungen dazu bei an Krebs erkrankten Menschen. Es konnte weder eine Tumorrückbildung, Lebensverlängerung, Verbesserung des Therapieansprechens oder weniger Nebenwirkungen durch die ketogene Diät festgestellt werden", sagt DGE-Sprecherin Antje Gahl. Die DGE rät daher von einer ketogenen Diät im Rahmen der Krebstherapie ab.

In medizinischen Fachkreisen wird nach Angaben von Wechsler derzeit diskutiert, ob eine ketogene Kost eventuell Erkrankungen wie Demenz oder Alzheimer positiv beeinflussen könnte. "Auch hierzu gibt es momentan keine klaren wissenschaftlichen Belege", erklärt der Ernährungsmediziner. Er nennt die ketogene Kost eine Außenseiterdiät. Im Einzelfall sollten Betroffene die Möglichkeit einer kohlenhydratarmen und fettreichen Ernährung mit einem Ernährungsmediziner und einem erfahrenen Diätassistenten besprechen.

"Tatsächlich wird bei dieser Diät zumindest am Anfang mehr Fett verbrannt als mit jeder anderen Reduktionsdiät", erklärt Morlo. Allerdings ist die Kost wegen ihrer möglichen Nebenwirkungen und wegen ihrer Unausgewogenheit insgesamt umstritten. Wer unter leichtem oder schwerem Übergewicht leidet, sollte sich ernährungsmedizinisch beraten lassen und danach zertifizierte Diätassistenten oder Oecotrophologen aufsuchen. So kann zunächst die Ursache des Übergewichts abgeklärt werden. Gemeinsam mit Fachkräften können Abnehmwillige Schritt für Schritt die Ernährung und gegebenenfalls auch Lebensweise umstellen. "Der Erfolg stellt sich dabei vielleicht nicht so schnell ein, aber er ist ohne jegliche Nebenwirkungen für die Teilnehmer", sagt Morlo.

Von Sabine Meuter, dpa

insgesamt 121 Beiträge
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niveau_creme 09.09.2016
1. Über 100 Tausend Jahre...
... hat sich der moderne Mensch in genau der Art ernährt, die wir heutzutage als "Low Carb" bezeichnen. Gemüse, Obst, Fleisch, Hülsenfrüchte, Nüsse... Jetzt kommen irgendwelche "Wissenschaftler" daher und wollen in kaum belastbaren und extrem schwer korrellierbaren Kurzzeit-Studien (Eine handvoll Jahre vs. 100 Tausende) erklären, es sei schädlich für den Körper. Unwahrscheinlich, dass die Evolution einen solchen Fehler begehen würde...
juergenph 09.09.2016
2. Äpfel mit Birnen vergleichen
Wenn der Körper hungert, dann bildet er Ketone. Das hat nichts zu tun mit der Aufnahme von Fett. Ein Hungerstoffwechsel oder das komplette Einsparen von Kohlenhydraten bewirkt eine Produktion von Ketonen. Wenn ich dann im richtigen Verhältnis Proteine und (möglichst ungesättigte) Fette zuführe, dann weiß ich nicht, wo die Nebenwirkungen herkommen. Bei Epileptikern hat sich gezeigt, dass Ketone als Energiequelle im Gehirn wirken, weil Kohlenhydrate aus welchem Grund auch immer, nicht ausreichen genutzt werden können. Gibt man ganz gezielt Ketone, dann verbessert man das Krankheitsbild entschieden. Hier von Nebenwirkungen zu reden erweckt den Eindruck, als ob bei Medikamenten für diese Erkrankungen alles frei von Nebenwirkungen geht. Das gleiche Bild zeigt sich bei Alzheimer. Durch den Zusammenbruch des Kohlenhydrat Stoffwechsel im Gehirn kann es bei der zur Verfügung Stellung von Ketonen, diese als Energiequelle nutzen. Auch dann verbessert sich das Krankheitsbild deutlich. Bei derart schweren Krankheitsbildern halte ich es nicht für zielführend, ein entgleister Stoffwechsel mit einer normalen Ernährung in Abgleich bringen zu wollen.
zeichenkette 09.09.2016
3. Ein Vorteil einer solchen Diät:
Sie ist sehr einfach durchzuführen. Einfach Brot, Nudeln, Reis, Teigwaren, Süssigkeiten etc. weglassen, alles andere (Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst, Nüsse, ...) kann man praktisch beliebig weiter essen. Das ist sehr einfach durchzuhalten, solange man sich von Fastfood und Snacks (die eigentlich immer viele Kohlehydrate enthalten) fern hält.
Llares 09.09.2016
4. Fett
Warum wird hier so auf dem Fett herum geritten? Es heißt "Low-Carb" und nicht "Full-Fat". Bei einer Low-Carb Diät wird eben nicht hauptsächlich Fett konsumiert, sondern nur wenige bis gar keine Kohlenhydrate: Mageres Fleisch, Geflügel, Gemüse, Hülsenfrüchte, Quark, Käse, Eier, Soja, Nüsse. Alles erlaubt. Und ja, es funktioniert hervorragend und man hat selten Hunger (Eiweiß sättigt besser als KH). Auf lange Sicht wird es mir aber zu langweilig und ich bekomme den Mundgeruch (durch die Ketone) leider nicht richtig in den Griff. Daher habe ich umgestellt, auf Low-Carb am Abend. Gut um das Gewicht zu halten! Aber egal welche Diät man macht: immer mit Sport kombinieren!
5Minute 09.09.2016
5. Thema
Täusche ich mich oder bleibt der Artikel schuldig, was die Gefahr bei Verzicht auf Kohlenhydrate ist? Es werden die Gefahren von vornehmlich Fetternährung genannt..
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