Ernährungswissenschaft Macht Milch dick?

Vollfett, fettarm oder besser gar keine Milch: Mancher meidet den Trunk von der Kuh, dabei liefert er viele wichtige Nährstoffe. Und Forscher haben noch zwei Überraschungen parat.

Ein Glas Vollmilch enthält etwa 128 Kilokalorien
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Ein Glas Vollmilch enthält etwa 128 Kilokalorien

Von Lea Wolz


Das Image der Milch war mal besser. Einst als Muntermacher gepriesen, hat ihr Ruf in der Gegenwart stark gelitten. Sogar als Dickmacher ist sie verschrien. Zu Recht?

"Obwohl Milch getrunken wird, ist sie kein Getränk. Sie zählt wegen ihrer hohen Nährstoffdichte und des Energiewerts zu den Nahrungsmitteln und ist daher nicht zum Durstlöschen gedacht", sagt Gabriele Kaufmann, Ernährungswissenschaftlerin am Bundeszentrum für Ernährung. So enthält Milch neben Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten auch wichtige Vitamine, Kalzium, Zink und Jod. Ein Glas Vollmilch (200 Milliliter) liefert 128 Kilokalorien. Das entspricht in etwa einem halben Croissant oder knapp drei Vanillekipferl.

Der Verdacht, dass Milch dick macht, liegt daher nahe.

Vor allem Milchfett, aber auch Milchzucker sorgen für den relativ hohen Kaloriengehalt. "Der Milchzucker ist natürlicherweise in der Milch enthalten", sagt Kaufmann. "Ihn müssen aber lediglich Menschen meiden, die eine Laktoseintoleranz haben." Sie können auf spezielle Produkte zurückgreifen, wo dieser bereits aufgespalten und damit besser verträglich ist. Für alle, die den Fettgehalt der Milch fürchten, haben Nahrungsmittelhersteller etliche fettarme Alternativen im Angebot. Doch ist der Griff zu fettarmer Milch wirklich sinnvoll?

Milchtrinker sind sogar etwas dünner

"Dem Rat zu fettarmen Milchprodukten lag weniger die Befürchtung zugrunde, dass Milch dick macht", sagt Bernhard Watzl, Ernährungswissenschaftler und Leiter des Instituts für Physiologie und Biochemie der Ernährung am Max Rubner-Institut (MRI) in Karlsruhe. "Im Fokus standen die gesättigten Fettsäuren, die generell als schlecht für Herz und Gefäße angesehen wurden."

Allerdings: Bei der Milch hat sich das Bild gewandelt. "Heute betrachten wir weniger die gesättigten Fettsäuren alleine, sondern das Lebensmittel, über das sie aufgenommen werden", so Watzl. "Bei der vollfetten Milch und Milchprodukten gibt es keinen Hinweis darauf, dass ihr Verzehr das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten erhöht." Im Gegenteil: Neuere Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass Milch sogar das Risiko für Diabetes Typ 2 und kardiovaskuläre Erkrankungen senken kann. Hier kann das Milchfett sogar punkten.

Andere Studien zeigen: Milchtrinker sind sogar dünner als Nicht-Milchtrinker. "Die Datenlage dafür ist aber nicht einheitlich", sagt Watzl. Erklären ließe sich der positive Effekt der Milch auf das Körpergewicht aber durchaus. "Zum einen sättigen Proteine und das auch für längere Zeit", sagt Kaufmann. Zum anderen ist Milch ein guter Kalziumlieferant. "Kalzium wiederum kann Fettanteile binden. Es verhindert so in geringem Maße, dass diese gespeichert werden", so die Ernährungswissenschaftlerin.

Superkühe - das Experiment
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    Hier geht es zur Projektseite auf SPIEGEL ONLINE und zur Website des Projekts

Sie warnt allerdings davor, diesen positiven Effekt der Milch aufs Gewicht zu überschätzen. "Ein Glas Milch macht sicher nicht den Schokoriegel wett." Und auch Watzl betont: "Die Gewichtsunterschiede sind nur gering. Ich würde daher bei den positiven Aspekten von Milch nicht an erster Stelle nennen, dass sie vor Übergewicht schützt." Eine Milchdiät wäre wohl wenig überzeugend.

Andererseits muss aber auch niemand die Milch als Dickmacher fürchten. "Wer sie in Maßen verzehrt, braucht sich keine Gedanken machen", sagt Kaufmann. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät zu 200 bis 250 Gramm Milch (in etwa ein Glas) oder Milchprodukten täglich. "Die Vorgaben sind allerdings nicht starr zu sehen", so die Ernährungswissenschaftlerin. Wer sich bewegt, darf auch zu mehr greifen, solange nichts anderes - etwa Vorerkrankungen oder Risiken - dagegen spricht. "Ein Lebensmittel alleine ist nie ein Dickmacher", sagt auch Watzl. "Letztlich wird es immer dann problematisch, wenn ich mehr Energie zu mir nehme, als ich verbrauche."

Laut dem letzten Nationalen Verzehrreport aus dem Jahr 2008 ist Deutschland ohnehin kein Land der Milchtrinker: Im Durchschnitt kommen Männer auf 131 und Frauen auf 98 Milliliter Milch und Milchmischgetränke pro Tag. "Die meisten nutzen Milch als Zusatz zum Kaffee oder im Müsli", so Watzl. "Diese Menge ist auch absolut ausreichend für die Versorgung mit Kalzium."

Kaufmann empfiehlt, immer mal wieder Neues auszuprobieren. "Zu unterschiedlichen Produkten - etwa auch mal Bio- oder Weidemilch - zu greifen und die Herstellermarken in Abständen zu tauschen, kann eine gesunde Abwechslung sein." Denn die Herstellung wirkt sich auf die Milchqualität aus. Weidehaltung oder die Fütterung mit Gras zeigen einen günstigen Einfluss auf das Fettsäurenmuster der Milch. Ob dies jedoch tatsächlich auch einen gesundheitlichen Nutzen bietet, müsse noch untersucht werden, schreibt das MRI.

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H-Vollmilch 14.09.2017
1.
Ich trinke seit jahrzehnten viel Milch und esse viele Milchprodukte. Ich bin nicht dick und habe auch sonst keinerlei gesundheitliche Beschwerden. Die Milch machts!
babbelnet 14.09.2017
2. und was ist mit der These...
Milch sollte nur im Waschtum getrunken werde, da die enthaltenen Wachstumshormone die Bildung von Krebs fördernt ist? Und für viele Krankheiten verantwortlich ist? Mal wieder super recherchiert lieber SPON. Ab und zu Arte schauen könnte helfen
spon-1300107429234 14.09.2017
3. Babynahrung
Ob das Gewicht sich verändert oder nicht, finde ich persönlich unwichtig. Viel krasser finde ich, dass es bei Frauen einen Zusammenhang zwischen Osteoporose und Milchprodukteinnahme gibt und dass Milch voller Hormone ist. Dass eine Babynahrung (nichts anderes ist Milch) auf Dauer für Menschen nicht besonders gesund sein kann, ist eigentlich klar, auch wenn man sie ja gut trinken kann. Vor allem ist Milch perfekt auf die Kälber der Mutter eingestellt (sogar Menschenmilch ist etwas anders in der Zusammensetzung je nachdem, was die Babys so brauchen). Auf Milch verzichten ist zumindest bei Müsli und Joghurt ganz einfach (Hafermilch, Lupinenjoghurt,..), aber bei Käse sieht das schon anders aus. Eine "kleine" Sucht (Casein das die selben Rezeptoren anspricht wie Heroin - http://www.businessinsider.de/kaese-hat-suchtpotenzial-wie-harte-drogen-2015-12) macht das schon etwas schwieriger. Logisch, kleine Säugetiere sollten so viel Milch wie möglich trinken und daher müssen sie biologisch belohnt werden durch das Trinken. Aber als erwachsener Mensch noch an der Brust der eigenen Mutter zu nippen ist doch sehr bizarr.. Warum hängen wir an der Brust einer fremden Mutter einer anderen Spezies? Klar, durch die Aufbereitung der Milch geht das alles schon. Aber seltsam ist es schon. Irgendetwas stimmt hier nicht. Nur weil wir von der Milch nicht sofort sterben oder dick werden, heißt es nicht, dass sie durch und durch für Erwachsene gut ist. Viele Menschen haben z.B. deutlich weniger Probleme mit ihrer Haut seitdem sie auf Milchprodukte verzichten... Ein bisschen kritischer hätte der Artikel hier ruhig sein können ;) Auch wenn die Wahrheit ja manchmal weh tut.
almeo 14.09.2017
4.
Zitat von spon-1300107429234Ob das Gewicht sich verändert oder nicht, finde ich persönlich unwichtig. Viel krasser finde ich, dass es bei Frauen einen Zusammenhang zwischen Osteoporose und Milchprodukteinnahme gibt und dass Milch voller Hormone ist. Dass eine Babynahrung (nichts anderes ist Milch) auf Dauer für Menschen nicht besonders gesund sein kann, ist eigentlich klar, auch wenn man sie ja gut trinken kann. Vor allem ist Milch perfekt auf die Kälber der Mutter eingestellt (sogar Menschenmilch ist etwas anders in der Zusammensetzung je nachdem, was die Babys so brauchen). Auf Milch verzichten ist zumindest bei Müsli und Joghurt ganz einfach (Hafermilch, Lupinenjoghurt,..), aber bei Käse sieht das schon anders aus. Eine "kleine" Sucht (Casein das die selben Rezeptoren anspricht wie Heroin - http://www.businessinsider.de/kaese-hat-suchtpotenzial-wie-harte-drogen-2015-12) macht das schon etwas schwieriger. Logisch, kleine Säugetiere sollten so viel Milch wie möglich trinken und daher müssen sie biologisch belohnt werden durch das Trinken. Aber als erwachsener Mensch noch an der Brust der eigenen Mutter zu nippen ist doch sehr bizarr.. Warum hängen wir an der Brust einer fremden Mutter einer anderen Spezies? Klar, durch die Aufbereitung der Milch geht das alles schon. Aber seltsam ist es schon. Irgendetwas stimmt hier nicht. Nur weil wir von der Milch nicht sofort sterben oder dick werden, heißt es nicht, dass sie durch und durch für Erwachsene gut ist. Viele Menschen haben z.B. deutlich weniger Probleme mit ihrer Haut seitdem sie auf Milchprodukte verzichten... Ein bisschen kritischer hätte der Artikel hier ruhig sein können ;) Auch wenn die Wahrheit ja manchmal weh tut.
ich weiß ja nicht, wie man aus Milch so eine Verschwörungstheorie herauskristallisieren kann. Milch ist eines der ältesten Lebensmittel der Menschheit, ich habe noch in keinem seriösen ernährungswissenschaftlichen Fachmagazin gelesen, dass Käse das neue Crack wäre. Die einzige wirklich zu hinterfragende Problematik von Milch dürfte ihre Herstellung sein - einer durchschnittlichen Milchkuh geht es in ihrem Leben schon eher dreckig... Ansonsten kaufe ich seit Jahren Biomilch und bin weder käseabhängig, noch habe ich Hautprobleme. Im völlig undurchschaubaren Zusatzstoff-Jungle im Supermarktregal gibt es da vermutlich hunderte anderer Beimischungen, die eher dick und abhängig machen oder zu Hautproblemen führen...
ichliebeeuchdochalle 14.09.2017
5.
Zitat von babbelnetMilch sollte nur im Waschtum getrunken werde, da die enthaltenen Wachstumshormone die Bildung von Krebs fördernt ist? Und für viele Krankheiten verantwortlich ist? Mal wieder super recherchiert lieber SPON. Ab und zu Arte schauen könnte helfen
Es gibt eine Unzahl an Studien und Thesen und Dokumentationen. Bei der Butter vor ein paar Tagen habe ich die Frage gestellt "In welchem Zyklus" befinden wir uns denn gerade. Das gilt auch für die Milch. Stellen Sie sich bei Lebensmitteln wie Butter, Öl und Milch (etc.) und der Frage nach der Gesundheit/Krankheit einen Kreis vor, eingeteilt in jeweils einen Grad. Es gibt 360 Möglichkeiten, von ...ist tödlich... über ...vielleicht tödlich... ...macht auf jeden Fall krank... ...kann krank machen... bis ...heilt... ...hält gesund... und ...verlängert das Leben... . Dokus wie in Arte oder Artikel wie hier gehen eigentlich immer nach einem Muster vor. Ein Autor hat sich etwas angelesen. Er hat irgendwelche Leute getroffen, die ihm zum Thema etwas gesagt haben. Er kommt zu der Meinung, daß das alle wissen sollten. Er schreibt einen Artikel, oder ein Buch oder macht eine Radio- oder eine TV -Sendung daraus. Aus den Infos generiert er eine Anfangs-These. Dann recherchiert er nach Belegen (Argumenten) für die These. Wenn er ein guter Autor/Journalist ist, sucht er aktiv nach Gegen-Belegen. Das muß aber nicht sein. Es gibt genug komische Vögel, die ihrer Kundschaft ... Leser, Hörer, Zuschauer ... von 1.000 Belegen und Gegen-Belegen nur die drei absurdesten präsentieren, dann so tun als ob das des Pudels Kern wäre, und die anderen 997 arglistig verschweigen. Also: Arte ist Auswahl und nur eine Meinung von vielen, SpOn genau so und so weiter. Und wie bei der Kleider-Mode gibt es auch hier Mode-Zyklen. Wie bei Butter ... bei Öl ... bei Vitaminen ... bei Brotsorten etc. . Der vorliegende Artikel gibt eine von 360 möglichen Varianten zum Besten. Er ist belanglos.
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