Eltern von Magersüchtigen "Es geht nicht um Schuld"

Wenn das eigene Kind immer mehr Gewicht verliert, wissen Eltern oft nicht, was sie tun sollen. Viele plagen Schuldgefühle. Eine Mutter erzählt, wie die Magersucht der Tochter ihr Leben verändert hat.

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Von Nora Burgard-Arp


Als die 13-jährige Sina* aus einem dreiwöchigen Sommerurlaub mit ihrem Vater und dessen neuer Partnerin nach Hause kommt, merkt Annette* sofort: Hier stimmt etwas nicht. Die Hosen schlackern ihrer Tochter um die Hüften. Essen will das Mädchen fortan nur noch morgens und abends, immer nur eine Kleinigkeit, täglich geht es joggen. Als Annette weggeworfene Nahrung im Mülleimer des Kinderzimmers findet, weiß sie: "Wir haben ein handfestes Problem."

Sina ist magersüchtig. Rapide verliert sie an Gewicht. Und Annette quält das schlechte Gewissen: "Als Mutter muss ich doch helfen können, ich muss schaffen, dass es ihr besser geht." Die Gedanken der 47-Jährigen kreisen permanent um ihre kranke Tochter: Was macht sie? Wie geht es ihr? Isst sie?

Annette lebt mit ihren zwei Töchtern zusammen, vom Vater der Mädchen ist sie schon lange getrennt. Ihm falle es schwer, die Essstörung seiner Tochter zu akzeptieren, erzählt die Mutter. Er entziehe sich seiner Verantwortung, spiele die schwere Krankheit herunter. Der Alltag von Annette und ihren beiden Töchtern hingegen wird zwei Jahre lang von der Magersucht beherrscht. "Die düstere Stimmung lag wie ein Schleier über unserem Haus", sagt Annette.

"Sie war hart und unnahbar"

Immer dünner und depressiver wird ihre ältere Tochter, sitzt stundenlang in ihrem Zimmer, nimmt nicht mehr an den Mahlzeiten teil. Nach und nach zerbrechen alle Freundschaften. Phasenweise verlieren auch Annette und ihre jüngere Tochter den Zugang zu ihr komplett. "Sie war hart und unnahbar", erzählt Annette heute. "Wir hatten Angst, dass sie stirbt."

Auf der einen Seite kapselt sich Sina zwar komplett ab, lässt nicht mehr zu, dass ihre Mutter sie bekocht und verweigert jedes Gespräch mit ihrer Familie über ihre Krankheit. Auf der anderen Seite sucht sie immer wieder eine extreme körperliche Nähe, krabbelt wie ein Kleinkind zu ihrer Mutter auf den Schoß und sucht Schutz. Ein ambivalentes Verhalten, das Annette an ihre Grenzen bringt: "Das hat mich zum Teil sehr wütend gemacht. Sina forderte so viel Nähe von mir ein und schloss mich gleichzeitig aus, ließ keine Hilfe von mir zu."

Der Internist und Psychotherapeut Stephan Zipfel erklärt: "Der in der Pubertät zunächst normale Drang nach Autonomie wird bei einer Magersucht durch das Nicht-Essen nahezu grenzenlos ausgelebt", so Zipfel, der die Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Tübingen leitet. "Gleichzeitig wird die Zeit der psychosexuellen Entwicklung eingefroren, das junge Mädchen entwickelt sich nicht zur Frau und bleibt kindlich."

Allein gelassen und überfordert

Weil die Angst um die Tochter so mächtig ist, wünscht sich Annette manchmal, einfach wegschauen zu können und zu verdrängen. Sie spricht in dieser Zeit viel mit Freundinnen, zwingt sich durch diese Gespräche dazu hinzusehen, die Bedrohung zu erkennen und zu handeln. "Ich habe die Besorgnis meiner Freunde gesehen und mich darin gespiegelt", sagt sie.

Annette bringt Sina schließlich zur Kinderärztin, die die 13-Jährige ab sofort regelmäßig wiegt. Mehr geschieht zunächst nicht. Annette fühlt sich wieder allein gelassen, überfordert. Erst als sie bei einem dieser Termine angesichts des erneut gesunkenen Gewichts in Tränen ausbricht und fragt, "Wie lange wollen wir noch zusehen? Bis wir ein Kreuz hinter dem Namen machen können?", wird die Kinderärztin aktiv. Sie vereinbart einen Notfalltermin bei der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Wenige Wochen später wird Sina das erste Mal stationär aufgenommen. Insgesamt zwei Mal geht sie innerhalb eines Jahres für jeweils mehrere Monate in eine Spezialklinik für Essstörungen.

Für Annette sind die Wochen im direkten Anschluss an die Aufenthalte die Schlimmsten. Sina hat große Schwierigkeiten mit der Umstellung auf den Alltag, ist unsicher, wie viel sie essen soll. "Der Bruch zwischen Klinik und Zuhause war zu hart", sagt die Mutter. "Sina wurde mit Essensplänen entlassen, die sie sofort angezweifelt hat." Die Therapeuten hätten sich verrechnet, behauptet das Mädchen. Wieder fängt Sina an zu hungern, und wieder fühlt sich Annette alleingelassen. Sie hat nicht das Gefühl, dass ihre Tochter in der Klinik ausreichend auf das Leben zu Hause vorbereitet wurde.

Die erdrückende Schuldfrage

"In einer Fachklinik kommen die Patienten meist gut zurecht, weil dort die Therapie relativ intensiv und die Gruppendynamik hilfreich ist", sagt der Psychotherapeut Andreas Schnebel. Das Zuhause jedoch sei oft mit schlechten Erinnerungen an die Krankheit verbunden. "Da ist zum Beispiel der volle Kühlschrank, aus dem die Patienten nichts genommen haben. Da ist die Waage, oder da ist die Toilette, in die erbrochen wurde."

Andreas Schnebel ist therapeutischer Leiter und Gründer von ANAD (Anorexia Nervosa and Associated Disorders). Die Organisation bietet Wohngruppen für Menschen mit Essstörungen an. In München eröffnete er zudem das CoMedicum Lindwurmhof, eine Einrichtung, die seit diesem Monat auch Elterncoachings im Programm hat. "In den Kliniken werden die Angehörigen viel zu wenig eingebunden", klagt Schnebel. "Ich habe in den letzten Jahren viele Eltern erlebt, die furchtbar verzweifelt waren, weil sie zum Teil unverständliche Anweisungen bekommen haben, die sie stoisch befolgen sollten."

In vielen Fällen könne bei jugendlichen Magersüchtigen eine Familientherapie helfen, diese fänden aber zu selten statt, so Schnebel. Das liege vor allem daran, dass diese von den Krankenkassen nicht oder nur selten übernommen werden. Auch die von ihm neu angebotenen Elterncoachings werden bislang nicht von den Kassen gezahlt. Psychotherapeut Zipfel stellt fest: "Wir haben ein Problem in unserem Gesundheitssystem. Die familienbasierte Psychotherapie, eine spezielle Form der Familientherapie für jugendliche Patienten mit einer Anorexia nervosa, ist die wirksamste Methode und trotzdem gibt es viel zu wenig speziell hierfür qualifizierte Psychotherapeuten."

Bei Verdacht auf Essstörungen: Wie Familie und Freunde helfen können

Annette führt insgesamt vier Familiengespräche in der Klinik, in der ihre Tochter behandelt wird. Schuldgefühle hat sie trotzdem bis heute, fast zwölf Monate nach Sinas letztem Klinikaufenthalt. "Viele Väter schieben die Krankheit ihrer Kinder eher von sich weg, machen in Gesprächen dicht", sagt Schnebel. "Die Mütter hingegen neigen dazu, die Schuld bei sich zu suchen."

Es sei wichtig, sich von diesen Gefühlen zu befreien, so der Psychotherapeut. "Es geht niemals um Schuld", erklärt Schnebel. "Die meisten Eltern wollen alles richtig machen und handeln in der besten Absicht." Zipfel sagt: "Die Behandlung muss erreichen, dass alle gemeinsam an Lösungen arbeiten, anstatt sich mit der erdrückenden Frage nach der Schuld aufzureiben."

Sina ist zurzeit in ambulanter Therapie, ihr Gewicht ist seit Monaten stabil. Durch eine Theatergruppe fand sie wieder Anschluss zu Gleichaltrigen. Doch noch ist Annettes stetiger Begleiter die Angst: "Sobald Sina weniger isst, kommt alles wieder hoch, und ich bin sofort zurück in Alarmbereitschaft." Sie arbeitet daran, sich emotional von der Krankheit ihrer Tochter abzugrenzen. "Als Mutter ist es kaum aushaltbar zu sehen, wie das eigene Kind sein Leben nach und nach abgibt", sagt Annette. "Dieses Gefühl hängt mir bis heute nach."

*Name von der Reaktion geändert.



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Newspeak 28.07.2017
1. ...
Was ich mich frage, was ist eigentlich der Ausloeser fuer dieses Verhalten? Es gibt ja viele Maedchen (und sicher auch Jungs), die unzufrieden mit ihrem Gewicht sind, aber trotzdem nicht magersuechtig werden. Ist es etwas rein koerperliches, durch die Hormonumstellung in der Pubertaet, wird das falsche Selbstbild durch Mobbing getriggert, woher nehmen Magersuechtige die Energie, sich der Nahrungsaufnahme zu verweigern? Das ist ja eine bewusste Ablehnung, bei der man sicher auch, zumindest zu Beginn, das Hungergefuehl abwehren muss. Das ist ja eher das Gegenteil von etwas, in das man "einfach so" hineingeraet. In dem Beitrag wird es ja so dargestellt, dass der Mutter das nach einem Sommerurlaub aufgefallen ist, den die Tochter mit dem Vater und seiner Partnerin verbracht hat. Ist es ihr deshalb aufgefallen, weil sie ihr Kind drei Wochen nicht gesehen hat und dadurch der Kontrast so gross war, oder ist in dem Urlaub etwas passiert, was der Ausloeser war? Ich kann mir irgendwie nur schwer vorstellen, dass so etwas aus dem Nichts kommt, und ganz ohne Grund und dabei geht es nicht um eine Schuldfrage, sondern um die Ursache der Krankheit. Wenn man die nicht kennt, wie will man sie dann erfolgreich behandeln?
lolz 28.07.2017
2.
ich bin vor zwei jahren mal mit untergewicht im krankenhaus gelandet (auch wenn ich eigentlich schizophrenie und eine dicke depression habe). derzeit, nachdem ich stress mit mitbewohnerin und mutter hatte, kann ich wieder nicht essen und merke, wie es wieder losgeht. die wissen beide, dass ich die letzten zwei jahre eigentlich nur noch aufm zahnfleisch gehe, aber im grunde verschlimmern sie es. die eine, meine mom, indem sie mir das gefühl gibt, dass ich sie nur belaste, wenn ich mich melde (so dass ich mich im letzten jahr gar nicht mehr gemeldet habe) und hat mir dann auch direkt gesagt, dass ich nicht darauf zählen brauche, dass sie für mich da ist, da ich ja eh erwachsen bin. dabei hatte ich sie nur darum gebeten, hier und da anzurufen und mir das gefühl zu geben, dass alles gut wird. die mitbewohnerin ist natürlich überfordert, aber der rausschmiss nach jahrelanger freundschaft erfolgt so kalt und terminfixiert, dass ich hier eigentlich auch nur noch in meinem letzten rückzugsraum eingehe und mich nicht mal mehr traue, was zu kochen. ich will damit nur sagen: gebt euch nicht die schuld, aber macht es nicht schlimmer. ein "ich bin für dich da", kann für manche menschen die welt bedeuten. dann müsst ihr es aber auch durchziehen und nicht irgendwann entnervt auf einen zersplitterten menschen draufhauen. der film "to the bone" zeigt wie manche familienangehörige reagieren, aber auch den seelischen schmerz der kids dahinter. einfach lieb sein, verzeihen, nicht immer in richtung erfolg drängen. aus eigener erfahrung weiß ich, dass es viele gründe hat, warum man nicht essen kann und sich am liebsten wehtun möchte. ich weiß, es ist schwer das mitanzusehen. aber macht es bitte für die leute nicht schlimmer, die gehen schon durch die hölle. ich wünsche allen betroffenen und derem unfeld alles gute.
sozialpädagogin 28.07.2017
3. Hilflosigkeit
Ich glaube, dass kaum eine Erkrankung die Familien und Helfer der Betroffenen Jugendlichen so hilflos fühlen lässt, wie Magersucht. Es ist zum einen sehr schwer die Betroffenen davon zu überzeugen, dass sie wirklich ein Problem haben, zum anderen muss man die Familien mit ins Boot holen. Diese werden oft vom Thema Schuld blockiert und die häufig zugrundeliegenden Traumata der Betroffenen haben ihre Wurzeln meist auch in der Familie. Hier braucht es Verständnis und vor allem Zeit, die man aber oft nicht hat, da Magersucht lebensgefährlich ist. Ich finde, dass der Artikel viele Aspekte gut beschreibt, dennoch werden sich viele Betroffene, Angehörige und Helfer in ihrer Verzweiflung nicht ernst genommen fühlen. Und es fehlt in meinen Augen der Aspekt, dass dieser Krankheit oft der Wunsch zugrunde liegt, sich auflösen zu wollen, zu "verschwinden", meist geht es nicht um Schönheit, sondern um Selbsthass. Ich wünsche allen Betroffenen und deren Angehörigen von Herzen, dass sie die Kraft finden, die Krankheit gemeinsam zu überwinden.
Remannzipation 28.07.2017
4. der Ausloeser ?
Ihre Frage nach "dem Ausloeser" ist nur näherungsweise beantwortbar. Die Ursachen sind vielschichtig und der Kontext ist so tief wie die See, leider keine einfache Antwort darauf ! Ebenfalls ist keine Antwort möglich, die zu diesem Format (Forum) passt, ich empfehle ein Buch, Therapeutengespräch, etc.. Dass sich die Krankheit bahngebrochen hat nach einem Urlaub mit dem Vater samt "neuer Freundin" erscheint aufgrund des (gefühlt) fortgesetzten Verlustes des Vaters als Projektionsfigur nach der elterlichen Trennung nahezu idealtypisch, ist aber wohl nur der Tropfen auf das volle Fass. Ihre weitere Recherche wird Sie sicher zu Ursachen bringen, die generell aus dem Verhältnis zum Vater wie auch zur Mutter resultieren können.
ansv 28.07.2017
5. Alles, was in der Psyche liegt...
... ist so schwer zu (be-)greifen. Da ist es sicher besonders schlimm, dass die Familie in Therapien kaum einbezogen wird. Wobei das Problem überall existiert, wenn ein Angehöriger an Krebs erkrankt ist das nicht anders. Wenn es Kinder trifft fragen sich Eltern immer, was ihr Beitrag zum Ausufern einer Situation ist - und sie finden keine Hilfe dabei, das herauszufinden. Die Tochter meiner Freundin ritzt sich, die Eltern sind überzeugt, Fehler zu machen - und finden doch niemanden, der die ganze Familie betrachten möchte. Immerhin haben sie nach Monaten jemanden gefunden, der sich um die Tochter kümmert.
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