Mangelernährung im Alter So sorgen Sie dafür, dass Opa richtig isst

Allein in Deutschland sind mehr als eine Million ältere Menschen mangelernährt, oft bleibt das Problem unerkannt. Wann müssen sich Angehörige Sorgen machen? Und wie können sie gegensteuern?

Einfacher Trick: Verschiedenfarbige Speisen = verschiedene Nährstoffe
Silvia Marks/ TMN

Einfacher Trick: Verschiedenfarbige Speisen = verschiedene Nährstoffe


In jüngeren Jahren schielen viele Menschen ständig auf die Waage und verkneifen sich die eine oder andere Schokosünde. Im Alter hingegen ist häufig das Gegenteil der Fall: Viele Senioren haben keinen Appetit - egal, wie hübsch das Essen angerichtet ist. Auch das Durstgefühl lässt nach. Dann droht eine Mangelernährung, mittlerweile ein häufiges, aber wenig beachtetes Leiden im Alter.

Experten schätzen, dass 1,6 Millionen der über 60-Jährigen Deutschen chronisch mangelernährt sind. Doch woran merken Angehörige, dass ihre Eltern oder Großeltern zu wenig essen oder sich falsch ernähren? Und was können sie dagegen unternehmen?

Normalerweise lässt sich eine Mangelernährung zum Beispiel daran erkennen, dass die Haare des Betroffenen stumpf und die Fingernägel brüchig werden. Auch Entzündungen der Mundschleimhaut, des Zahnfleisches oder der Lippen sind klassische Anzeichen. Bei Hochbetagten kann aber all das auch vorkommen, wenn der Patient nicht mangelernährt ist. Dass sich ein alter Mensch nicht gut ernährt, ist deshalb oft nur schwer zu erkennen.

Fünf Mahlzeiten am Tag

"Gewichtsverlust im Alter ist allerdings immer ein Alarmzeichen", sagt Rupert Püllen, Chefarzt der Medizinisch-Geriatrischen Klinik des Agaplesion Markus Krankenhauses in Frankfurt am Main. Auch Normal- und sogar Übergewichtige, die sich einseitig ernähren, nehmen eventuell zu wenig Eiweiße, Vitamine, Mineralien und Spurenelemente zu sich, gibt Tobias Jung zu bedenken. Der Internist ist leitender Oberarzt im Bürgerhospital in Frankfurt am Main. Dagegen sind Unterernährte als dünn, insgesamt geschwächt, häufig antriebslos und müde leichter zu erkennen.

Klagt der Betroffene über Appetitlosigkeit, Kribbeln in Händen und Füßen oder Taubheitsgefühle, sollten Angehörige mit ihm auf jeden Fall zum Arzt gehen. Das gilt auch, wenn der Mensch zunehmend verwirrt wirkt. Hat der Arzt die Ursachen gefunden, geht es an die Umstellung der Ernährung. Wer keine spezielle Diät braucht, sollte essen, was er mag - nur eben häufiger und mehr als zuvor.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) schlägt Mangelernährten fünf Mahlzeiten am Tag vor. Angehörige können auch Trinknahrung - sogenannte Astronautenkost - anbieten, um den Kalorienbedarf erst einmal zu decken. Sie sollten allerdings darauf achten, die Nahrung stufenweise anzupassen, denn der Körper muss sich erst wieder an normale Mengen gewöhnen. "Bei Schluckbeschwerden kann die Mahlzeit püriert und die Brotkruste weggelassen werden", sagt Jung.

Bitterstoffe und frische Luft

Wer für einen Mangelernährten kocht, kann versuchen, mit neuen Gewürzen die Lust am Essen wieder zu wecken. Bitterstoffe in Anis, Fenchel, Kümmel oder Rosmarin regen zum Beispiel den Appetit an. "Vor dem Essen kurz an die frische Luft zu gehen, kann ebenfalls helfen", ergänzt die Ernährungswissenschaftlerin Mareike Maurmann aus Meinerzhagen. Sie rät, sich von einem Ernährungstherapeuten begleiten zu lassen. Dieser lotet immer wieder mit dem Patienten gemeinsam aus, was ihm bekommt und schmeckt.

Um den Körper möglichst vielfältig zu versorgen, hilft zudem ein kleiner Trick: Der Teller sollte möglichst bunt aussehen. "Man nimmt die Nährstoffe am besten über Lebensmittel auf", erklärt Maurmann. Nahrungsergänzungen seien außer bei bestimmten Erkrankungen selten sinnvoll. Ist ein älterer Mensch alleinstehend und hat keine Lust, sich jeden Tag ums Essen zu kümmern, kann er sich mit anderen zusammenschließen, rät Jung: "Dann ist jeder nur jeden dritten Tag mit Einkaufen und Kochen dran."

Keine Sorgen um eine Mangelernährung müssen sich Angehörige machen, wenn ein älterer Mensch nicht abnimmt und sich fit fühlt. "Dann reicht es, sich zweimal im Jahr beim Hausarzt vorzustellen", sagt Andreas Leischker, Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Krefeld und Ernährungsexperte der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie. Seine Tipps für eine gute Lebensqualität im Alter: ausreichend und regelmäßig essen, sich wöchentlich wiegen und bei Gewichtsverlust über Wochen sofort zum Arzt und zur Ernährungsberatung. Mangelernährung kommt nämlich schleichend und häufig ohne, dass der Betroffene es mitbekommt.

irb/von Karin Willen, dpa



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