Hobbyläufer Kai Diekmann "Laufen ist wie einen Reset-Button drücken"

"Bild"-Herausgeber und Hobbyläufer Kai Diekmann stellt sich im Marathon-Interview 42 boulevardesk-investigativen Achilles-Fragen. Die Themen: sein Sixpack, Naturerlebnisse und Christian Wulff.

Kai Diekmann
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Kai Diekmann


Frage 1: Heute schon gelaufen?

Diekmann: Klar. 18 Grad, leicht bewölkt, kaum Wind. Herrlich.

Frage 2: Wochenpensum?

Diekmann: Ich hatte ja gedacht, als Herausgeber von "Bild" hätte ich jetzt viel mehr Zeit zum Laufen. Ein Trugschluss. Ein Mal pro Woche schaffe ich aber immer, manchmal zwei Mal. Nur wenn alles perfekt läuft, auch drei.

Frage 3: Sportliches Ziel 2016?

Diekmann: Schon erreicht, am 24. April, beim RBB-Lauf in Potsdam, ein Drittelmarathon in 1:15:15 Stunden. Das Schöne war aber nicht der Lauf an sich,– sondern, dass nicht nur meine Frau, sondern auch mein zehnjähriger Sohn Kolja mit am Start war. Am Ende war er nicht nur drei Minuten schneller als seine alten Herrschaften, sondern dabei auch noch völlig entspannt.

Frage 4: Verletzungsanfällig?

Diekmann: Beim Laufen ist mir noch nie was passiert. Ich hab mir beim Skifahren 2012 bei einem Sturz links das Kreuzband gerissen und den Meniskus angerissen. Ich habe hier auf dem Sofa gelegen, Bein hoch, in einer Bewegungsschiene, ab und zu eine Thrombosespritze. Das war die Wulff-Zeit, da konnte ich ja nicht fehlen. Ende April war ich wieder fit.

Frage 5: Aktuelles Kampfgewicht?

Diekmann: 75 Kilogramm, Wohlfühlgewicht. Amerika war ein Höhepunkt mit 82, wegen der hochverdichteten Lebensmittel, das war nicht mehr hübsch.

Frage 6: Bauch einziehen, Fell stramm nach unten zerren -– lässt sich dann die Andeutung eines Sixpacks entdecken?

Diekmann
: Das Sixpack muss man sich denken. Aber viel fehlt nicht.

Frage 7: Welches Körperteil erzeugt Stolz?

Diekmann: Meine blauen Augen.

Frage 8: Manche Läufer rasieren sich die Beine. Schon mal den Lady Shave von der Gattin gemopst?

Diekmann: Quatsch.

Frage 9: Welche Lauf-App?

Diekmann: Runtastic.

Frage 10: Und jede Trainingseinheit sofort auf Facebook. Wo bleibt die Privatsphäre?

Diekmann: Stimmt so nicht ganz. Wenn überhaupt, dann meistens nur Screenshots von Laufdistanz und Laufzeit. Meine Laufstrecken in Potsdam behalte ich für mich. Wenn ich auf Reisen bin in fremden Städten, zeige ich auch gerne die Laufstrecke.

Frage 11: Man hört, dass viele Diekmann-Läufe mit 10:01 Kilometern enden. Der Psychologe würde es „zwanghaft“ nennen.

Diekmann: Der Mathematiker nennt es: „logisch“. Wenn ich nach exakt fünf Kilometern umkehre, kommen nun mal zehn raus. Aber ich gebe zu, wenn eine Neun vorne steht, renne ich so lange, bis die zehn voll sind. Zahlen interessieren mich. Ich gucke nach Mustern. Ich laufe nach hinten raus zum Beispiel deutlich schneller.

Frage 12: Jemals Anfeindungen im Wald erlebt?

Diekmann: Warum das? Wenn ich morgens um halb sieben durch den Wald laufe, schlafen die "Bild"-Hasser noch. Hunde lassen mich auch in Ruhe. Und im Winter, mit meiner Mütze und meiner Brille, erkennt mich sowieso keiner. Nur vor Wildschweinen habe ich echt Respekt. Die habe ich bisher zum Glück nur von Weitem gesehen.

Frage 13: Das Markenzeichen, der Bart, ist weg. Ist ja auch eklig, wenn Schweiß und Schnäuzreste in den Flusen hängen bleiben. Und jucken tut's auch, oder?

Diekmann: Das juckt mich nicht. Und im Winter bildeten sich Eiskristalle, wie bei Polarforschern. Das sah verwegen aus.

Frage 14: Leggings oder ganz old school, mit Arminia-Turnhose?

Diekmann: Sowohl als auch.

Frage 15: Lieblingslaufmarken?

Diekmann: Lulu Lemon –- die haben schöne Sachen. Und Nike Vomero, im Moment die Modellreihe 10, immer nur ein Paar, bis es durch ist.

Frage 16: Klingt ein bisschen nach Anfänger. Experten raten, man sollte zwischen verschiedenen Modellen wechseln, um den Fuß zu trainieren. Steht in jeder Laufzeitschrift...

Diekmann: Ich lese keine Laufzeitschriften...

... und ich keine "Bild". Aktueller Laufguru: Steffny? Greif? Marquardt? Achilles?

Diekmann: Diese Namen sagen mir nichts. Ich habe auch keinen Trainingsplan, keinen Brustgurt zum Pulsmessen, keinen Flaschenhalter. Brauche ich alles nicht. Nicht mal Kopfhörer, nur das Handy in der Hand. Und eine Laufbrille. Sonst laufe ich vor einen Baum. Ich bin eher Purist, ich will Natur hören. Morgens im Wald, das ist das Schönste, was es gibt. Zuhören und schweigen gehört zu meinen unterschätzten Eigenschaften.

Frage 17: Liebste Laufbegleitung?

Diekmann: Meine Frau. Wir laufen wirklich gern zusammen, und zwar so, dass wir reden können. Aber am liebsten laufe ich allein.

Frage 18: Die Gattin, Katja Kessler, sieht eine Spur athletischer aus. Gibt's eine häusliche Fitnessbattle?

Diekmann: Katja ist fitter, ich bin etwas schneller.

Frage 19: Welche Kollegen müssen ran, wenn dem Herausgeber mal langweilig wird?

Diekmann: Alle, die langsamer sind. Manchmal ist Tom Drechsler dabei, den habe ich unter 53 Minuten auf zehn Kilometern gekriegt.

Frage 20: Chefredakteurin Tanit Koch ist demnach also schneller als ihr Vorgänger. Franz-Josef Wagner täte Bewegung an frischer Luft ja auch mal ganz gut, oder?

Diekmann: Tanit hat keine Zeit. Die muss sich um ihre Zeitung kümmern. Franz-Josef war früher ein begnadeter Tennisspieler. Und jetzt ist er so gut drauf, weil er sich fit hält mit Schreiben.

Frage 21: Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner läuft auch. Er dachte bestimmt, dass ein Chefredakteur, der 230 Kilometer im Monat rennt, was ja drei DGB-Arbeitstagen entspricht, nicht ausgelastet sein kann. Lag hier der wahre Grund für den Jobwechsel?

Diekmann: Möglicherweise sind Sie hier einer Riesen-Enthüllung auf der Spur. Möglicherweise aber auch nicht.

Frage 22: Wer ist schneller?

Diekmann: Wir begegnen uns morgens manchmal im Park, sind aber noch nie gegeneinander gelaufen. Aber ich bin sicher, dass Mathias Döpfner Wert auf die Gesundheit seiner Mitarbeiter legt.

Frage 23: Früher waren "Bild"-Redakteure knorrige Kettenraucher mit Hang zum Mittagsschaumwein aus Plastikbechern. Heute laufen alle, hassen Kohlenhydrate und nehmen das vegetarische Gericht in der Kantine. Merkt man den Kulturwandel in der Zeitung?

Diekmann: Wir sind alle vernünftiger geworden. Ich bin ein Genussmensch und möchte entspannt essen und trinken. Wenn man Wein mag, aber nicht zunehmen will, ist regelmäßiges Laufen die einzige Lösung. Außerdem bin ich Sauerstoff-Junkie.

Frage 24: Richtig harte Chefs laufen Marathon, oder?

Diekmann: Marathon muss man systematisch und langfristig angehen, und das passt nicht in meinen Alltag. Mein Physiotherapeut findet es völlig in Ordnung, bis 21 Kilometer zu laufen. Alles drüber sei nicht mehr gesund.

Frage 25: Bestzeit beim Halbmarathon?

Diekmann: 1:50 Stunden.

Frage 26: Korrigiere: 1:51:16 Stunden. Schafft der Kenianer in der halben Zeit. Zum Glück weiß kaum jemand, dass im Internet manchmal Zielfotos und -filme von allen Teilnehmern zu sehen sind. (Startnummer 402)

Diekmann: Es gibt viele, die dann noch kaputter aussehen als ich. Man läuft bei Wettkämpfen ja deutlich schneller, als man von sich selber annimmt. 50 Minuten für zehn Kilometer -– das ist meine Schwelle. Und das wird sie wohl bleiben.

Frage 27: Wie lange tobt das Lauffieber schon?

Diekmann: Seit 1989.

Frage 28: Im Jahr, als Helmut Kohl die Einheit schuf,– wie stilvoll. Und, immer dran geblieben?

Diekmann: Meistens. Es gab Phasen, da habe ich wieder aufgehört, aber auch andere, ziemlich wilde, als ich mit Florian von Heintze damals bei der "Bunten", nachts gelaufen bin, mit Gewichten, weil es nicht mehr reichte, einfach nur zu laufen.

Frage 29: Schulsport –- traumatische oder triumphale Erinnerungen?

Diekmann: Ausschließlich traumatische. Ich fand Fußball grauenhaft. Und Bundesjugendspiele. Ich habe erst bei der Bundeswehr mit dem Laufen angefangen, das fand ich ganz spannend da. Ich war Kanonier bei der Panzerartillerie, da sind wir auch mit Rucksack gerannt.

Frage 30: Halb Mensch, halb Tier –- ein Panzerkanonier. Manche Läufer berichten von interessanten Psycho-Zuständen gerade in der Erschöpfungsphase, von Wutläufen, Bußläufen, Glücksläufen, Flow und so. Schon mal erlebt?

Diekmann: Für mich bedeutet es eher körperliche Hygiene, wenn es Freitagabend wieder spät war. Laufen ist wie einen Reset-Button drücken: Raus mit dem ganzen Dreck. Neustart.

Frage 31: Wo wir bei Reset sind: Wenn Christian Wulff auf der Mailbox wäre, von wegen, er müsse gerade mal nicht zum Emir, hätte aber Zeit für ein gemeinsames Läufchen -– wie würde die Antwort lauten?

Diekmann: Gern, sofort.

Frage 32: “Diekmann bietet Wulff Versöhnung an“ –- eine überraschende Zeile. Haben Sie nach dem Rücktritt Wulffs mal miteinander geredet?

Diekmann: Nein. Aber mit seiner Frau.

Frage 33: Kann man als Führungskraft Kompressionsstrümpfe ohne Autoritätsverlust tragen?

Diekmann: Nur im sehr tiefen Wald. Ich trage so was nicht.

Frage 34: Läufer sind ja obenrum oft spillerig. Spezielles Bizeps-Programm?

Diekmann: Ich mache morgens drei-, viermal die Woche meine Übungen auf dem Ball, die Tees und die Y's und die Nicks. Und dann mit diesem Gummiband...

...hat Erich Deuser schon empfohlen, früher mal Arzt der Nationalelf...

Diekmann: ...nicht Pumpen, sondern Halten –- ist noch viel härter.

Frage 35: Peinlichstes Lauferlebnis?

Diekmann: Viele Jahre her, das war 1989 in Moskau, mit Einar Koch rund um den Kreml. Wir hatten am Abend vorher zu viel am Wodka genascht, – da habe ich mir beim Laufen die Seele aus dem Leib...

Frage 36: “Deutscher Starreporter kotzt Putin vor die Tür“ –- gute Zeile?

Diekmann: Damals regierte Gorbatschow. Vielleicht sollten Sie doch mal "Bild" lesen.

Frage 37: Lieblingsdroge?

Diekmann: Ein Glas von meinem selbst gemachten Apfelsaft und ein Glas Wasser, zwei Schlucke Saft, mit Wasser auffüllen, wieder zwei Schlucke, so lange, bis nur noch da Wasser ist.

Frage 38: Äpfel, Naturfimmel –- schon mal Yoga versucht?

Diekmann: Nein, macht meine Frau, aber mehr Pilates. Wir haben im letzten Jahr SUP probiert, Stand-up-Paddling. Das ist interessant, weil jedes Körperteil bewegt wird. Am Anfang bin ich pausenlos reingefallen. Als ich mit den Knien Probleme hatte, bin ich viel Mountainbike gefahren. Und Schwimmen natürlich. Es gibt nichts Schöneres, als morgens nach dem Laufen ab in den See.

Frage 39: Stand-up-Paddling ist das neue Nordic Walking. Aber der Rest klingt nach baldigem Triathlon. Macht Justizminister Heiko Maas auch. Jemals Motivationsprobleme gehabt?

Diekmann: Fast nie, na ja, neulich mal in Westfalen, da hat es geschüttet morgens...

...Bielefeld...

...da in der Nähe. Bin ich halt abends in Potsdam gelaufen. Wenn ich unterwegs bin, habe ich immer die Klamotten dabei. Seoul, London, Jerusalem, Kiew, Key Biscayne -– überall gibt es an der Hotelrezeption kleine Karten. Und dann los. So lernt man jede Stadt kennen.

Frage 40: Schon mal richtig verlaufen?

Diekmann: In Palo Alto, am Anfang, dramatisch. Total, total, total verlaufen. Ich hab immer Taxigeld dabei. Aber das hilft nicht immer. In San Francisco bin ich über die Golden Gate gelaufen, bei beschissenem Wetter. Als ich drüben war an diesem Aussichtspunkt, da wollte ich in ein Taxi oder einen Bus steigen. Es war echt kalt. Leider gab es kein Taxi. Da bin ich die ganze Strecke zurückgelaufen.

Frage 41: Jemals einen Rettungshubschrauber herbeigesehnt?

Diekmann: Oh ja. Im letzten Jahr. Frühmorgens. Tief im Wald. Ein stechender Schmerz hinten im Oberschenkel. Wie sich später herausstellte, war es ein Muskelfaserriss. Ich wollte kein Mädchen sein und bin weitergelaufen. Das war keine gute Idee.

Frage 42: Der böseste Spruch über Kais Laufleidenschaft?

Diekmann: Der ernst gemeinte Bewunderungstweet von einem Amerikaner, der schrieb: "Tolle Zeit für einen 50-Jährigen. Wenn ich mal alt bin, will ich auch so schnell sein." Das fand ich eine echte Sauerei.

Ziel-Frage: Laufen soll sexy machen, weil der Körper mehr Testosteron produziert.

Diekmann: Noch mehr?

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
knallcharge 26.04.2016
1. Bild & Spiegel
das neue Traumpaar.
ArmeOhren 26.04.2016
2. Was soll das?
Ein 43-Fragen-Interview, um festzustellen, dass Herr Diekmann, obwohl berühmt, im Privatleben ein relativ durchschnittlicher Hobby-Läufer ist? Vielleicht dann nächstes Mal Thema Auto - Fahren Sie ein Auto? Ja. Was für eins? Einen Mercedes. Wie groß? So mittel. Warum keinen BMW? Weiß nich.
palef 26.04.2016
3. SPON und Diekmann (nicht weit von Döpfner)...
...und nichtsfragende Fragen...Kein Redakteur fragt was, das dem Renommee schaden könnte. Feiglinge, die den ..GIDAS nur in die Hände spielen! Weiter so, SPON, bei der Suche nach gutbezahlten Jobs. Fleischhauer ist schon auf der Liste....
reznikoff2 26.04.2016
4. Hä?
Ich dachte immer, redaktioneller Raum sei knapp.
davornestehtneampel 26.04.2016
5.
Lasst ihn laufen. Weit, weit weg...
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