Marathon "Wer Schmerzmittel braucht, sollte es lieber sein lassen"

Viele Marathonläufer nehmen Schmerztabletten, um ins Ziel zu kommen. Im Interview erklärt Arzt Alexander Hanke, was sie damit bezwecken und wieso Schmerz wichtig für die Gesundheit ist.

Läufer beim Sydney Running Festival
DPA

Läufer beim Sydney Running Festival

Ein Interview von Frank Joung


Zur Person
    Alexander Hanke ist Arzt und Wissenschaftler am Olympiastützpunkt Niedersachen und an der Medizinischen Hochschule Hannover. Er ist mehrfacher Marathon-Finisher und Ironman-Triathlet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hanke, haben Sie schon mal gedopt?

Hanke: Nein, definitiv nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Marathonläufer, Ironman-Triathlet - und Arzt. Sie wissen doch, was möglich ist.

Hanke: Die besten Voraussetzungen, legale Möglichkeiten so weit auszunutzen, wie es geht (lacht). Nein, ernsthaft, ich betreue als Arzt Profisportler und Kaderathleten. Da gibt es eine große Verantwortung, den Sport sauber zu halten. Das fängt vor der eigenen Haustür an.

SPIEGEL ONLINE: Es ist zwar kein Doping, aber dennoch auffällig - in einer Studie beim Bonn-Marathon 2009 gab jeder Zweite an, Schmerzmittel vor dem Start zu nehmen.

Hanke: Die Zahlen aus Bonn halte ich für extrem hoch. Wir haben 2014 beim Hannover-Marathon rund 800 Läufer befragt. Da waren die Zahlen deutlich geringer. Rund ein Fünftel gab an, vor dem Start Schmerztabletten zu schlucken. Wir sind jetzt dabei, eine größere Anzahl von Läufern zu befragen, um noch bessere Daten zu bekommen. Teilnehmen können alle Marathonläufer - egal, ob sie Medikamente nehmen oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Effekt hat es, Schmerztabletten vor dem Start zu nehmen?

Hanke: Keinen großen. Es macht nicht schneller. Diese Art von Schmerzmittel hat keinen leistungssteigernden Effekt. Im Training sind sie ineffektiv, da die Schmerzmittel den Muskelaufbau blockieren. Marathonläufer werfen die Tabletten vorbeugend ein, weil sie so mögliche Schmerzen unter der hohen Belastung unterdrücken und reduzieren wollen.

SPIEGEL ONLINE: Die Marathonläufer betäuben sich, um länger durchzuhalten?

Hanke: Ja, das ist aber gefährlich, weil Schmerz auch immer ein Warnsignal ist. Das Risiko besteht darin, dass die Signale des Körpers überhört werden. So läuft man Gefahr, sich schwerwiegender zu verletzen. Zudem gibt es Anzeichen dafür, dass das Risiko steigt, Magenblutungen zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Kann man sagen, dass vor allem die leistungsorientierten Läufer zu Schmerzmitteln greifen?

Hanke: Nein, das zieht sich durch alle Läuferschichten und betrifft sogar die langsameren Teilnehmer jenseits der Vier-Stunden-Marke. Viele haben anscheinend das Gefühl, sie schaffen es nur so ins Ziel. Und nicht ins Ziel zu kommen, das ist für viele keine Option. Schmerzmittelmissbrauch ist übrigens auch bei Fußballern extrem verbreitet. Die Zahlen sind wahrscheinlich höher als bei Marathonläufern.

SPIEGEL ONLINE: Über welche Schmerzmittel reden wir?

Hanke: Es sind die klassischen rezeptfreien Medikamente wie Ibuprofen, Paracetamol und Acetylsalicylsäure (ASS).

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das Gefühl, dass den Läufern die Risiken bewusst sind?

Hanke: Nach den Ergebnissen der ersten Studie ist es so, dass diejenigen, die etwas nehmen, die Risiken geringer einschätzen, als die, die nichts einwerfen. Interessanterweise sagen viele aber, dass sie es nicht wieder tun würden.

SPIEGEL ONLINE: Wird Marathon generell unterschätzt?

Hanke: Absolut. Ich kann es verstehen. Marathon ist ein unheimlich tolles Erlebnis, das das Leben positiv prägen kann, weil man sieht, was der Körper imstande ist zu leisten. Aber man muss sich ordentlich vorbereiten. Das kann man nicht in sechs Wochen abreißen. Wer aus einer Bierwette heraus ohne Training an den Start geht, handelt fahrlässig. Das kann gut gehen, aber man riskiert längerfristige Schäden. Wenn Läufer das Gefühl haben, dass sie Schmerzmittel brauchen, um ins Ziel zu kommen, sollten sie es lieber sein lassen.

MEHR ZUM THEMA


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
timomaxx 24.09.2016
1. Traurig...
Also ich selbst (45 J, m) treibe regelmäßig Sport, d.h. fahre viel Fahrrad (sowohl im Sport- als auch Normal-Modus), laufe i.d.R. einmal die Woche mit Kollegen eine gute 8-km-Runde vor der Arbeit, gehe einmal die Woche in den Kraftraum und besuche noch zwei Fitness-Kurse (Ausdauer-Kraft). Niemals käme ich auf den Gedanken, Schmerzmittel zu nehmen und Schmerzem beim Sport abzufedern, In dem Moment, in dem man derartige Schmerzen hat dass man ein Schmerzmittel benötigt, riskiert man doch definitiv seine Gesundheit wenn man deswegen ein Mittel einwirft um weitermachen zu können. Den Leuten ist wirklich nicht zu helfen. Wenn es nicht geht geht es nicht, aus die Maus. Aufgrund eines Muskelfaserriss in meiner rechten Wade bin ich derzeit sportmäßig am Pausieren, aber selbst nach der unangenehmenm Verletzung habe ich mir keine Schmerzmittel verschreiben lassen, weil ich spüren können möchte, was das Bein schon wieder kann und was nicht. P.S.: ich nehme übrigens nie Tabletten es sei denn der Doc hat sie verschrieben.
pauleschnueter 25.09.2016
2. Daumen hoch
oder "like" oder wie man sagt. Denn genau so ist es! Ich bin nicht zum Läufer geboren, aber ich trabe nun seit über 17 Jahren dreimal die Woche meine 12 km um den See und einmal im Monat mach ich einen Halbmarathon 'draus durch kleine Extrarunden. Mal kann ich jeden zweiten Tag, mal geht es schlecht und die Knie zwacken oder ein Sprunggelenk brüllt ... dann lauf ich nicht, bis es wieder geht. Fertig ist die Kiste, keine Arthrose in Sicht und Knie wie ein 20 Jähriger sagt mein Arzt. Geht also.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.