Medizin: Wann Vitamintabletten schaden

Von

Millionen Deutsche schlucken Vitaminpräparate - im Glauben, ihre Gesundheit zu verbessern. Dabei zeigen Studien das Gegenteil: Viele Pillen sind nutzlos, einige auf lange Sicht sogar schädlich.

Vitaminpräparate: Beliebt, aber in vielen Fällen nicht sinnvoll Zur Großansicht
Corbis

Vitaminpräparate: Beliebt, aber in vielen Fällen nicht sinnvoll

Hamburg - Vitamine braucht der Mensch, um gesund zu bleiben. Aufnehmen muss man sie mit dem Essen, denn selbst herstellen kann der Körper sie nicht. Aber wer weiß schon genau, ob er sich ausgewogen ernährt und jedes Vitamin in ausreichender Menge konsumiert? Deshalb liegt die Idee nahe, sich die Stoffe über Pillen und Kapseln zusätzlich zuzuführen. Überschüssige Vitamine, so die landläufige Meinung, scheidet der Körper einfach wieder aus. Doch die Pillenzufuhr ist oft keine gute Idee, wie diverse Studien der vergangenen Jahre zeigen: Mediziner raten in den meisten Fällen davon ab, Vitamintabletten zu schlucken.

Ein erschreckendes Ergebnis brachte etwa eine große Studie, die 1994 veröffentlicht wurde. Sie sollte klären, ob die Einnahme von Vitamin E und Beta-Carotin (einer Vorstufe von Vitamin A) Raucher vor Lungenkrebs schützt. Frühere Untersuchungen hatten darauf hingedeutet, dass die zusätzliche Vitaminzufuhr hilfreich sein könnte. Knapp 30.000 finnische Männer, allesamt Raucher im Alter von 50 bis 69 Jahren, wurden in vier Gruppen eingeteilt. Sie schluckten täglich entweder Vitamin E, Beta-Carotin, beide Vitamine oder ein wirkstoffloses Placebo. Nach mehreren Jahren, in denen 876 Teilnehmer an Lungenkrebs erkrankt waren, zeigte sich: Die Einnahme von Vitamin E veränderte das Lungenkrebsrisiko nicht - aber bei den Männern, die Beta-Carotin geschluckt hatten, traten Lungentumore häufiger auf. Die Gesamtsterblichkeit war in den Vitamin-E-Gruppen um zwei Prozent erhöht, bei den Beta-Carotin-Probanden sogar um acht Prozent.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine in den USA durchgeführte Studie mit Rauchern und Arbeitern, die mit Asbest in Kontakt gekommen waren. Die Forscher mussten die Untersuchung sogar frühzeitig abbrechen, als klar wurde, dass die gleichzeitige Einnahme von Beta-Carotin und Retinol (Vitamin A) die Sterblichkeit erhöhte. Unter den Teilnehmern, die die Vitamine eingenommen hatten, war die Lungenkrebsrate höher, auch an Herz-Kreislauf-Erkrankungen starben mehr als in der Placebo-Gruppe. Zwar ist der dafür verantwortliche biologische Mechanismus unklar, doch die Studien zeigten deutlich: Hier schaden Vitaminpillen, statt zu nutzen.

Kein Schutz vor Prostatakrebs, sondern erhöhte Gefahr

Schützt Vitamin E in der Kombination mit dem Spurenelement Selen wenigstens vor dem weit verbreiteten Prostatakrebs? An einer entsprechenden Studie nahmen rund 35.500 gesunde, ältere Männer in den USA, Kanada und Puerto Rico teil. Sie bekamen entweder das Vitamin, das Spurenelement, beide oder ein Placebo. Das Ergebnis nach mehreren Jahren Beobachtung: Weder die Einnahme von Vitamin E noch von Selen senkte das Tumorrisiko. Im Gegenteil: In der Placebogruppe erkrankten seit Studienbeginn 529 Männer an Prostatakrebs, in der Vitamin-E-Gruppe waren es 620. "Das zeigt, dass scheinbar harmlose, aber biologisch aktive Substanzen wie Vitamine Schaden anrichten können", schrieben die Forscher 2011 im "Journal of the American Medical Association".

Dass Selenpräparate das Krebsrisiko nicht mindern, ist auch der Schluss einer 2011 erschienenen sogenannten Meta-Analyse, in der Forscher die Ergebnisse diverser Studien zusammengefasst haben. Eine weitere Meta-Analyse bescheinigte Vitamin-C-Präparaten, dass sie die Sterblichkeit nicht senken - und bestätigte die schädlichen Effekte von Kapseln mit Vitamin A, Beta-Carotin und Vitamin E.

Multivitamine? Kein Effekt!

Wie steht es mit Multivitaminpräparaten? Die beliebten Produkte beeinflussen die Sterblichkeit überhaupt nicht, besagte eine 2010 veröffentlichte Studie. Die Forscher stützten sich hier allerdings nicht auf einen placebokontrollierten Versuch. Sie hatten rund 182.000 Menschen danach befragt, ob sie Multivitamintabletten einnahmen und notierten über rund elf Jahre die Todesfälle in dieser Gruppe. Das Ergebnis: Die Einnahme von Multivitaminprodukten scheint keinen Effekt auf das Krebsrisiko zu haben, keinen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, keinen auf die Sterblichkeit.

Eine ähnliche US-Studie, in der knapp 39.000 ältere Frauen im US-Bundesstaat Iowa befragt und über viele Jahre begleitet wurden, legte wieder einen schädlichen Effekt von Vitamin- und Mineralpräparaten nahe. Die Sterblichkeit der Frauen, die Multivitamintabletten, Vitamin B6, Folsäure, Eisen, Magnesium, Zink oder Kupfer eingenommen hatten, war leicht erhöht. Nur die Zufuhr von Kalzium und Vitamin D war mit einer geringeren Sterblichkeit verknüpft. Andere Studien aber sprechen eher gegen eine zusätzliche Kalzium-Einnahme .

Vitaminpille ersetzt nicht die gesunde Ernährung

Auch wenn diese Art von Studie per se nicht ermitteln kann, ob die Vitamineinnahme tatsächlich der Grund für eine erhöhte Sterblichkeit ist, gibt das Ergebnis zu denken. Der Glaube, dass antioxidative Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamin A, C, E, Beta-Carotin und Selen die Gesundheit fördern, "scheint wohl auf einem kollektiven Irrtum zu beruhen", schreiben zwei Forscher in einem Kommentar zur Studie in den "Archives of Internal Medicine". Die Präparate, so meinen die Wissenschaftler, könnten den Effekt einer gesunden Ernährung mit viel Obst und Gemüse nicht verstärken oder diese ersetzen. Unter dem Strich bleibt also eine Empfehlung, der wohl kein Mediziner widersprechen wird: ausgewogen zu essen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Nahrungsergänzung ist Evolution.
Joachim Morgenstern 03.10.2013
Wenn man den Bericht buchstäblich zur Kenntnis nimmt, ist gegen die Darlegungen nichts einzuwenden, wenn man ihn in seiner Gesamtheit betrachtet, also zusammen mit dem Titelphoto und der Überschrift, wird man jedoch zu dem Ergebnis kommen müssen, daß es sich dabei um pure Effekthascherei handelt. Zunächst wäre festzuhalten, daß seriöse Wissenschaftler, die sich mit orthomolekularer Medizin befaßt haben, für ihre Forschungen Nobelpreise erhalten haben. Weiterhin ist das Thema Nährstoffbedarf für pauschale Betrachtungen relativ ungeeignet. Man kann bestenfalls feststellen, daß es Personengruppen gibt (Alte, Kranke, Leistungssportler, schwangere und stillende Frauen), die einen erhöhten Nährstoffbedarf haben, ansonsten ist die Frage des Nährstoffbedarfs doch sehr individuell zu behandeln. Wir alle kennen die These, daß der, der sich ausgewogen ernährt, keine Nahrungsergänzungsmittel benötigt. Diese Aussage ist ebenso klug wie die, daß man keine Polizei bzw. Gerichte benötigte, wenn sich alle an die Gesetze hielten. Die Praxis sieht eben - bedauerlicherweise - anders aus. Tatsache ist, daß die meisten Menschen an sog. Zivilisationskrankheiten sterben und daß bei - von Fachleuten geschätzten - 70 - 80 % dabei die Frage der Ernährung eine signifikante Rolle spielt. Dies kann man nicht ignorieren. Und ganz nebenbei, die Sache mit der ausgewogenen Ernährung ist auch nicht unbedingt einfach, und nicht nur für die, die aufgrund eingeschränkter finanzieller Möglichkeiten auf Billigangebote in Supermärkten zurückgreifen müssen. So wäre beispielsweise für die Aufnahme von 14 Milligramm Eisen der Verzehr von circa 29 Tomaten nötig, für 800 Milligramm des Vitamins A annähernd 8 Kilogramm gegarte rote Beete (ca. 6 kg in rohem Zustand). Und die Empfehlung, täglich mindestens drei Portionen Gemüse oder 400 g zu sich zu nehmen, wird nur von insgesamt 13 Prozent der Bevölkerung erreicht. Im Schnitt schaffen Frau mit 243 g am Tag etwas mehr als Männer (222 g), doch auch das ist noch deutlich zu wenig. Schließlich verweise ich noch auf das Zitat eines bekannten Fitnesstrainers (Outdoor Fitness Bus): „.. Wir sind im 21. Jahrhundert. IMMER und zu jeder Zeit haben sich Menschen der Evolution angepasst. Ich finde es vollkommen in Ordnung, wenn jemand die moderne Technik sinnvoll nutzt und an der einen oder anderen Stelle supplementiert = ERGÄNZT (was nicht bedeutet ersetzt).“
2.
günter1934 03.10.2013
Zitat von sysopMillionen Deutsche schlucken Vitaminpräparate - im Glauben, ihre Gesundheit zu verbessern. Dabei zeigen Studien das Gegenteil: Viele Pillen sind nutzlos, einige auf lange Sicht sogar schädlich. Medizin: Wann Vitamintabletten schaden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/0,1518,836108,00.html)
Millionen Deutsche schlucken Vitamintabletten, um ihre Gesundheit zu verbessern. Darauf wird in diesem Artikel nicht eingegangen, da geht es nur um Sterbewahrscheinlichkeiten Vielleicht sterbe ich lieber eine Woche früher, wenn ich mich zuvor 20 Jahre lang wohler gefühlt habe?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ernährung & Fitness
RSS
alles zum Thema Vitamine
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
  • Zur Startseite