Europaspiele in Baku Hunderte Athleten könnten Meldonium genommen haben

Bei den Europaspielen in Baku 2015 stand Meldonium noch nicht auf der Dopingliste - und wurde großzügig zur Leistungssteigerung eingesetzt. Forscher entdeckten es bei Sportlern fast aller Disziplinen.

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Kapseln mit Wirkstoff Meldonium
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Kapseln mit Wirkstoff Meldonium


Dass im Leistungssport ausschließlich hartes Training zum Erfolg beiträgt, daran glauben heute nur noch wenige. Zuletzt sorgten neun Dopingfälle russischer Sportler für Aufsehen, unter ihnen auch die Tennisspielerin Marija Scharapowa. Auf einer Pressekonferenz räumte die Sportlerin ein, seit Jahren den Wirkstoff Meldonium eingenommen zu haben. Offenbar ist sie kein Einzelfall, wie Forscher nun im "British Journal of Sports Medicine" berichten.

Klaus Steinbach von der Medizin- und Anti-Doping-Kommission des Europäischen Olympischen Komitees untersuchte gemeinsam mit Kollegen, welche Medikamente Sportler bei den Europaspielen in Baku 2015 laut Dopingtests eingenommen hatten. Diese Informationen verglichen sie mit den Angaben der Sportler zu Medikamenteneinnahmen.

Zwar stand das Herzmittel Meldonium 2015 noch nicht auf der Dopingliste der Anti-Doping-Agentur Wada. Seine Einnahme war also bis dahin zulässig, medizinisch notwendig dürfte sie aber nur bei den wenigsten Sportlern gewesen sein.

Die Ergebnisse im Überblick:

  • 23 von den 662 getesteten Sportlern (3,5 Prozent) gaben bei den Dopingtests während der Europaspiele von sich aus an, Meldonium einzunehmen, darunter 13 Wettkampfgewinner.
  • Gleichzeitig wurde das Mittel aber in 66 von 762 Urinproben, die während und im Anschluss an die Spiele genommen wurden, nachgewiesen. Das entspricht einem Anteil von knapp neun Prozent.

Hochgerechnet auf alle Teilnehmer des Wettbewerbs, müssten demnach 490 Meldonium genommen haben. "Diese Zahl ist wahrscheinlich zu hoch gegriffen", schreiben die Forscher. Sie liefere aber eine grobe Vorstellung davon, wie verbreitet das Mittel vor seinem Verbot war - und das in einem Großteil der Sportarten. So konnten die Labore Meldonium bei Sportlern aus 15 der 21 Disziplinen nachweisen.

Wer hat das finanziert?
Die Studie wurde im Auftrag des Europäischen Olympischen Komitees als Teil der Anti-Doping Agentur Wada erstellt.
Es zeigte sich auch, dass die Medikamenteneinnahme häufig vonseiten der Nationalen Komitees nicht offen kommuniziert wurde, obwohl sie noch legal war. So gaben etwa lediglich zwei Nationale Komitees an, Meldonium nach Aserbaidschan eingeführt zu haben, gleichzeitig erklärten aber Sportler aus sechs Staaten, das Mittel einzunehmen.

Es sei denkbar, dass die Sportler den Stoff privat bezogen, die nationalen Komitees nichts von der Einnahme wussten oder die Einfuhr gezielt verschwiegen, schreiben die Forscher.

In jedem Fall zeige die Studie aber, dass die Substanz deutlich häufiger eingenommen wurde, als öffentlich zugegeben und viele Sportler bereit waren, den Stoff zu nehmen, um ihre Leistung zu steigern.

Als Arznei ist Meldonium in sieben osteuropäischen Staaten zugelassen, die in Baku vertreten waren - darunter Lettland, Russland, die Ukraine, Georgien, Aserbaidschan, Weißrussland und Moldau. In Deutschland darf das Mittel bislang nicht in der Medizin eingesetzt werden.

Dass viele Sportler die Einnahme von Medikamenten bei Dopingtests verschweigen, liegt laut den Wissenschaftlern auch an zu laschen Regeln. So haben die Athleten keine Nachteile zu befürchten, wenn sie vergessen, einige der Arzneien zu erwähnen. Dopingkontrolleure werden aber oft erst dann auf leistungsfördernde Stoffe aufmerksam, wenn sie von vielen Sportlern verwendet werden. So führte unter anderem die hohe Fallzahl der Meldonium-Nutzer in Baku zu dem neuen Verbot.

Zur Autorin
Julia Merlot
Christian O. Bruch/ laif

Julia Merlot ist Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Wissenschaft/Gesundheit.

  • E-Mail: Julia.Merlot@spiegel.de

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