Von Astrid Viciano
Metformin
Ein alter Wirkstoff zeigt neue Seiten: Seit 1968 in Deutschland auf dem Markt, entpuppt sich Metformin als Alleskönner. Das Diabetesmittel soll nicht nur das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen reduzieren, sondern sogar Krebsleiden und Demenz vorbeugen.
Noch ist nicht genau bekannt, wie Metformin agiert. Es hemmt die Neubildung von Glukose in der Leber und fördert vermutlich die Aufnahme des Zuckers in die Muskeln. Beides hilft, den Blutzuckerspiegel zu senken. Nebenwirkungen wie Durchfall oder Erbrechen sind selten. Daher wird die Substanz seit Jahrzehnten gern bei Patienten mit Typ-2-Diabetes eingesetzt.
Ohne es zu ahnen, schützen sich die Betroffenen womöglich auch gegen Krebserkrankungen. So berichtete der Biochemiker Dario Alessi von der University of Dundee in Großbritannien 2009 in "Diabetes Care", dass von mehr als 4000 Diabetes-Patienten mit einer Metformin-Therapie ein Drittel weniger an Krebs erkrankten als bei jenen ohne das Medikament. Weitere Studien bestätigten die Beobachtung - mehr oder weniger eindeutig - bei der Entstehung von Tumoren der Bauchspeicheldrüse, der Prostata, der Leber, der Brust und des Dickdarms. Dabei sorgt Metformin vermutlich dafür, dass ein bestimmtes Enzym in den Zellen aktiv bleibt - ein Botenstoff, der die Entstehung von Tumoren unterdrückt. Ist es einmal stillgelegt, können bösartige Geschwulste leichter heranwachsen.
Vor zwei Jahren schließlich entdeckte Susann Schweiger vom Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin, dass Metformin die Anhäufung sogenannter Tau-Proteine im Gehirn verhindert - krankhafte Ansammlungen, die Mediziner bei Alzheimer-Patienten finden. Darüber hinaus fördert das Multitalent die Neuentstehung von Nervenzellen. So verbesserte sich das Erinnerungsvermögen Metformingabe. Über das Potential des Wirkstoffs auf das menschliche Gehirn können die Demenzstudien allerdings wenig sagen. Bislang beobachteten die Forscher die löblichen Effekte nur an Mäusen.
Acetylsalicylsäure
Am Besten bekannt unter dem Markennamen Aspirin, gilt der Wirkstoff als großer Hoffnungsträger bei der Bekämpfung der großen Volkskrankheiten. Wie kaum ein anderes Präparat hat es in den vergangenen Jahren sein Potential für die Vermeidung von Herz-Kreislauferkrankungen, Krebsleiden und neurodegenerativen Erkrankungen gezeigt.
Einst als Saft der Weidenrinde gewonnen, wurde Acetylsalicylsäure (ASS) 1897 erstmals synthetisch hergestellt. Damals war nicht einmal die schützende Wirkung vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekannt, die heute als selbstverständlich gilt. Acetylsalicylsäure wurde vor allem eingesetzt, um Fieber und Schmerzen zu behandeln. Dass ASS so auch die Blutgerinnung hemmt und damit vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen kann, entdeckten Wissenschaftler erst später.
Auch wirkt ASS antientzündlich - ein Effekt, der womöglich auch vor anderen Erkrankungen bewahren kann. Im Mai 2012 berichtete der britische Forscher Peter Rothwell von der University of Oxford im "Lancet", dass die regelmäßige Einnahme von Aspirin womöglich langfristig Krebserkrankungen vorbeugt. Und im August legten amerikanische Wissenschaftler nach - wenn der Effekt auch geringer ausfiel als in der britischen Studie. Wie genau diese protektive Wirkung entsteht, ist noch unklar. Womöglich spielen jedoch Entzündungen bei der Krebsentstehung und deren Hemmung durch ASS eine Rolle.
Auch auf das Gehirn könnte sich die Einnahme von ASS positiv auswirken. Vor mehr als 20 Jahren entdeckten kanadische Wissenschaftler, dass Rheuma-Patienten, die regelmäßig antientzündliche Medikamente - vor allem ASS - einnahmen, seltener an Alzheimer erkrankten als andere. Im Oktober 2012 berichteten nun schwedische Forscher, dass ASS Frauen im Alter zwischen 70 und 92 Jahren davor schützte, geistig abzubauen. In einer Übersichtsarbeit der renommierten Cochrane Collaboration in diesem Jahr kommen Forscher dennoch zu dem Schluss, dass ASS bislang zur Vorbeugung der Alzheimer-Erkrankung nicht empfohlen werden kann.
Statine
Die Wirkstoffe aus der Gruppe der Statine hemmen ein Enzym, das für die Cholesterinsynthese nötig ist. Damit senken sie den Anteil des schädlichen LDL-Cholesterins im Blut.
Vor allem beim Wirkstoff Simvastatin hat sich in Studien gezeigt, dass die Einnahme des Cholesterinsenkers das Überleben von Patienten nach einem Herzinfarkt verlängern kann. Auch Patienten mit Typ-2-Diabetes verlängern mit der Tablette ihre Lebenszeit.
Womöglich können die Cholesterinsenker sogar davor schützen, an einer Krebserkrankung zu sterben, so berichteten Forscher aus Kopenhagen im vergangenen Monat im renommierten "New England Journal of Medicine". Sie hatten alle Krebsdiagnosen der gesamten dänischen Bevölkerung zwischen 1995 und 2007 angesehen. Unter den Patienten über 40, die vor der Krebsdiagnose regelmäßig Statine eingenommen hatten, waren weniger an ihrem Tumorleiden gestorben als in der Kontrollgruppe.
Da Cholesterin ein lebenswichtiger Baustein aller Körperzellen ist, könnten Statine über die Hemmung der Cholesterinsynthese das Wachstum und die Teilung der Zellen unterdrücken - auch von Krebszellen. Und sie verhindern womöglich das Auftreten von Metastasen, so ergab eine Studie des Instituts für Pharmazeutische Wissenschaften der ETH Zürich.
Noch allerdings empfehlen Forscher die Einnahme der Statine allein für Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen; eine segensreiche Wirkung auf Krebspatienten gilt nicht als bewiesen. Dagegen sind die Nebenwirkungen der Statine wohl bekannt: Neben meist harmlosen Symptomen wie Übelkeit und Durchfall können sie bei den Patienten zu starken Muskelschmerzen, sehr selten sogar zur lebensgefährlichen Auflösung der quergestreiften Muskelfasern - einer Rhabdomyolyse - führen.
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