Nach 1,5 Jahren Training Ex-160-Kilo-Mann läuft Marathon

Micha Klotzbier ist am Ziel. Der Ex-160-Kilo-Mann hat sich seinen Traum erfüllt: Er ist beim Berlin-Marathon gestartet. Noch vor eineinhalb Jahren konnte er sich kaum die Schuhe zubinden.

Micha hat´s geschafft!
Micha Klotzbier

Micha hat´s geschafft!


Ich glaube, ich sterbe. Alles tut weh. Die Beine, der Rücken. Ich wälze mich hin und her. Auch das schmerzt. Es ist zwei Uhr nachts, und ich kann nicht schlafen. Alles macht Aua. Vielleicht war Marathon doch keine gute Idee.

Zwei Tage vorher: Ich bin auf der Berlin-Marathonmesse, um meine Startnummer abzuholen. Ein großer Moment. Ich bin aufgeregt, grinse wie ein Kleinkind im Süßigkeitenladen. Mehr als eineinhalb Jahre habe ich auf dieses Wochenende hin gefiebert. 50 Kilo dafür abgenommen. Meine ganze Familie reist an, weil ich am Tag des Marathons auch noch Geburtstag habe.

Doch als ich das Stück Papier in den Händen halte, bin ich enttäuscht. Das war's? Keine feierliche Übergabe, kein Rampenlicht, kein Blitzlichtgewitter, während ich meinen Startbeutel entgegennehme? Nix.

Marathon ist hart? Dass ich nicht lache

Am Abend vor dem Marathon habe ich Schwierigkeiten, runterzukommen. Das Haus ist voll mit Geburtstagsgästen. Ich bin mega nervös und hundemüde. Um acht Uhr gehe ich ins Bett und stehe immer wieder auf, weil ich zur Toilette muss. Gefühlte 20 Mal. So ein bisschen schlafen vor dem großen Lauf wäre von Vorteil, denke ich.

Dann der große Morgen. Als ich um halb sieben im Halbdunkel das Haus verlasse, steht die Großfamilie in Micha-Fanshirts vor dem Haus und überrascht mich mit einem Geburtstagsständchen. Ich bin emotional schon völlig fertig. Und jetzt soll ich noch einen Marathon laufen?

Zum Glück habe ich mein Team - Kumpels und Mitläufer -, die ich volllabern kann und die mich erden. Vor dem Start treffen wir die zwei Dänen, mit denen wir vor zwei Jahren die Marathonwette geschlossen hatten. Sie erkennen mich kaum wieder. Als wir uns das letzte Mal trafen, wog ich 160 Kilo. Jetzt wiege ich zwar immer noch 110, aber ich bin um einiges fitter. Ich rede mich um Kopf und Kragen und überdecke so meine Nervosität. Mein Trainer Piet schwört mich auf den Lauf ein: "Fahr dich runter", sagt er. "Konzentrier dich!"

Dann folgt endlich der Startschuss!

Und wir stehen.

Denn wir sind im allerletzten Block H. Erst nach einer halben Stunde kommen wir so langsam ins Traben. Da sind die Eliteläufer schon an der 10-Kilometer-Marke vorbeigewetzt. Dann das Piepen der Zeitmatte. Jetzt bin ich drin im Rennen - und muss mich bremsen. Mein Adrenalin peitscht mich nach vorne, aber meine Tempomacher Jochen und Klaus mahnen mit Blick auf die GPS-Uhr. Ach ja, Schnitt halten. Wohlfühltempo. 7er-Schnitt auf den Kilometer, nicht schneller, damit am Ende die Kraft noch da ist.

Die ersten 10 bis 15 Kilometer verfliegen im Rausch. Es ist eine einzige Party. Leute jubeln uns zu, wir klatschen ab, ich rede und rede. So kann es weitergehen. Marathon ist hart? Dass ich nicht lache. Läuft bei mir.

An der 20-Kilometer-Grenze warten Familie und Freunde auf mich. Rund 20 Leute. Ich gebe High Fives, drehe um und mache noch eine Runde. Das Gegen-den-Strom-Laufen findet aber nicht jeder Läufer lustig. Zu Recht. Macht aber Spaß.

Innerer Dialog mit dem Oberschenkel

Nach der Halbzeit nimmt der Spaß merklich ab. Erst sehe ich einen Läufer am Streckenrand liegen, der sich massieren lässt, dann jemanden, der sich übergibt. Sirene vom Krankenwagen. Hui, denke ich: Jetzt beginnt der echte Marathon. In meinem Oberschenkel zuckt es. Das gibt's doch nicht: Das hatte ich noch nie. Wieder ein Muskelzwicken. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als in einen inneren Dialog zu gehen. "Lieber Oberschenkel, ich lade dich herzlich ein, mit mir ins Ziel einzulaufen."

Es klappt. Er beruhigt sich wieder.

Kilometer 30. Okay, jetzt habe ich keinen Bock mehr. Die rechte Wade zwickt, beide Leisten melden sich, die Oberschenkelrückseiten sagen auch Hallo.

Kilometer 35. Scheißidee Marathon, echt. So ein Quatsch. Was mache ich hier? "Mach jetzt keinen auf Drama-Queen", sagt mein Kumpel Jörg. Wir hangeln uns von Band zu Band. Ich brauche ein Mantra, aber mir fallen nur Fußballsprüche ein: "Das Spiel hat 90 Minuten." "Das nächste Tor ist immer das wichtigste."

Dann: Unter den Linden. Publikum, laute Musik. Geil, das gibt noch mal Kraft. Als ich durch das Brandenburger Tor laufe, bin ich überglücklich, reiße die Arme hoch und schreie: JA! ENDLICH! FINISH!

"Hier ist das Ziel noch nicht"

Die anderen lachen. "Hier ist das Ziel noch nicht", sagt einer. "Das ist da vorne." Ironie des Schicksals. So oft habe ich den Zieleinlauf visualisiert und nie gecheckt, wo das Ziel tatsächlich liegt. Ich muss mich also noch mal aufraffen und ein paar hundert Meter weiter rennen. Dann aber. Das Piepen der Zeitmatte ist wie Musik in meinen Ohren. Geschafft. Ich bin drin. Ich bin ein Marathonfinisher. Ich bin der, der sich vor eineinhalb Jahren kaum die Schnürbänder zubinden konnte.

Ich bin fertig. Und erleichtert. Und sprachlos. Ich bekomme meine Medaille. Knutsche und umarme jeden, der vor mir auftaucht. Es geht weiter. Ich muss zum Kaffeetrinken mit meiner Familie. Geburtstag feiern. Eiswanne. Weinschorle. Bier. Schnaps. Als ich um halb eins nachts mein erstes Geschenk aufmachen will, schlafe ich dabei ein.

Eins weiß ich jetzt: Marathon ist kein Kindergeburtstag , aber ich habe mich belohnt, bin konstant gelaufen und habe in 4:56:04 Stunden gefinisht. Meine Familie war da, Freunde und Weggefährten - sie alle haben Anteil daran, dass ich ins Ziel gekommen bin. Einen Marathon läuft man nicht alleine.

Um zwei Uhr wache ich auf. Die Knochen schmerzen. Jeder einzelne. Ich kann nicht liegen, also stehe ich auf. Es ist halb fünf, die Sonne geht langsam auf und ich spaziere in Zeitlupentempo Richtung Wald. Ganz allein. Haste gut gemacht, sage ich mir. Jetzt regenerierst du ein paar Tage und dann läufst du wieder. Nach dem Marathon ist vor dem Marathon.

Wie es mit Michael Klotzbier weitergeht, lesen Sie in regelmäßigen Abständen auf SPIEGEL ONLINE und auf Michas Abnehmblog.

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
hup 30.09.2016
1. Glückwunsch
7er Schnitt (8,5 km/h), somit geschafft unter 5 Stunden - für das erste mal bei den Vorzeichen eine runde Sache, Gratulation, ich hoffe die Erholung dauert nicht zu lange.
paulinenaue 30.09.2016
2. Superhypermegagratulation!
Unglaubliche Spitzenleistung. Du sollst vor Stolz platzen und das voellig zurecht.
chilibär 30.09.2016
3.
Wow, toll !!! Ich habe jetzt 7 Kilo abgenommen, bin wieder im Normbereich und fühle mich dabei schon spitze! Wie muss das mit mehr sein?! ;-)
betonklotz 30.09.2016
4. Hat er sich unter ärztlicher Aufsicht vorbereitet?
Ich hoffe doch sehr, daß ja. Es hört sich ja nach einer ziemlich brachialen Angelegenheit an. Ansonsten ehe ich es vergesse, Hut ab vor der Leistung.
axelst 30.09.2016
5. Sehr schön
habe den Artikel gelesen und war extrem gerührt. Habe schon vor einem halben Jahr hier gepostet dass Micha sich das nicht von den Bedenkenträgern ausreden lassen soll. Wer den Willen hat 50 Kilo abzunehmen, der schafft auch einen Matathon. Natürlich ist es viel einfacher zu sagen "öh, gefährlich, medizinischer Blödsinn" etc. nur damit man nix tun muss. Aber ich bin sicher: bei Micha gibt es keinen "jojo Effekt" oder sein zeug.Der wird nie mehr wieder 160 Kilo wiegen. Im Gegenteil, der wird noch die 4 Stunden Marke knacken.
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