Ex-160-Kilo-Mann Gegen Marathon-Blues hilft nur ein neuer Marathon

Micha Klotzbier kommt nach seinem Tief nach dem Marathon langsam wieder in Fahrt. Seine neuen Ziele: erst Triathlon, dann noch mal Marathon. Sein Werkzeug: beobachten - und zwar sich selbst.

Micha Klotzbier
Micha Klotzbier

Micha Klotzbier


Zur Person: Kann man mit 160 Kilo Marathon laufen? Eher nicht. Deswegen hat Micha Klotzbier abgespeckt - und es geschafft. 2016 startete er beim Berlin-Marathon. Seitdem verfolgt ihn allerdings der Lauf-Blues. Wo ist die Motivation geblieben?


Es geht wieder aufwärts. Zwar nur in kleinen Schritten, aber immerhin. Mein Trainer Piet hatte mir geraten, mich selbst neugierig zu beobachten. Da hilft es, mir vor Augen zu halten, was ich schon alles geleistet habe. Manchmal hilft beim Laufen auch das Nach-Hinten-Schauen.

Da war die Heldenstaffel im März in Berlin. Beim Lauf "Rund um den Müggelturm" habe ich mit Menschen mit Down-Syndrom fünf Kilometer zurückgelegt. Thomas und 15 junge Menschen mit Behinderungen waren "meine Helden". Das Erlebnis hat mich extrem geerdet.

Für mich ist es einfach, mir eine Startnummer ans Leibchen zu heften und mich an die Startlinie zu stellen. Für meine Helden-Mitläufer ist es das nicht - für sie war es etwas Besonderes. Ganz egal ob dicker Bauch, große Nase, auf links gedrehte Shirts, ob schnell oder langsam - es zählte allein das Dabeisein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Fasten ohne Selbstbeschiss

Dann habe ich gefastet - das erste Mal in meinem Leben. Ich war total positiv überrascht von mir. Ohne Selbstbeschiss habe ich zehn Tage lang überhaupt nichts gegessen. Lediglich eine Cashewnuss, die mir eines Abends in den Mund gesprungen ist. Ansonsten habe ich es durchgezogen.

Es war faszinierend, zu sehen, dass man nur mit Wasser, Tee und Brühe auskommt - vor allem ich, der heimliche Haxenwirt. Ich habe in zwei Wochen acht Kilo abgenommen. Und danach habe ich gemerkt, wie ein Apfel schmeckt - mit Leinöl war das ein richtiges Gourmet-Essen.

Es war eine tolle Erfahrung, die ich wiederholen werde. Aber danach habe ich auch meine Schwäche bemerkt: Ich mache meinen Haken hinter die Erfahrung - und das war's. Ich nutze die Angebote nicht, die sich daraus ergeben. Ich habe die zurückgewonnenen Geschmackssinne nicht ausreichend gepflegt und das Reset nicht genutzt, um mich danach bewusster zu ernähren. Im Gegenteil: Karfreitag gab es Schnaps und Steaks. Ergebnis: Ich wiege sechs Kilo mehr als im vergangenen Herbst.

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Dementsprechend schleppend lief der Berliner Halbmarathon. Ich war nicht gut vorbereitet: zu viele Kilos auf der Waage, zu wenige Kilometer im Training. Ich bin zwar wieder jeden Samstag mit der Laufgruppe im Wald unterwegs, aber Coach Piet hat mich - zu Recht - zurückgestuft. Das hat mich ziemlich frustriert, obwohl ich gespürt habe, dass ich einen Schritt zurück gemacht habe. Aber es ist auch genau diese ehrliche Gemeinschaft, die mir einerseits den Spiegel vorhält und mich andererseits mitreißt und motiviert. Dafür bin ich dankbar.

Ich bin kein Einzelkämpfer, kein einsamer Cowboy. Ich brauche die Leute um mich herum. Die Gruppe beim Laufen, die Mitläufer beim Halbmarathon oder beim weltweiten Spendenlauf "Wings for Life World Run", den ich vor wenigen Tagen in Polen absolviert habe. Das war bislang der Lauf, bei dem ich am wenigsten gequatscht habe - weil es so anstrengend war. 15 Kilometer habe ich runtergerissen, bis mich das Catcher Car eingesackt hat. Das fand ich nicht schlecht, ich hätte aber besser sein können.

Marathon-Blues war eine willkommene Ausrede

Laut meines Leistungschecks vom April habe ich meinen Status gehalten. So war zumindest meine Lesart. In Wirklichkeit bin ich nach einem trägen Winter im Frühjahr wieder da angekommen, wo ich im vergangenen Herbst war. Mein Trainer meint, dass ich hätte deutlich weiter sein können, wenn ich die Monate nach meinem Berlin-Marathon nicht so wehleidig gewesen wäre.

Micha Klotzbier

Der Theorie, dass es einen Post-Marathon-Blues gibt, habe ich mich allzu gern hingegeben. Als hätte es ausgerechnet mich gebraucht, den Praxis-Nachweis zu erbringen, dass es eine Marathon-Depression gibt. In Wirklichkeit war das nur eine willkommene Ausrede, einen Teil alter Gewohnheiten zu pflegen. Vielen erhobenen Zeigefingern und Arschtritten aus meinem Umfeld zum Trotz.

Ich gestehe mir meine Schwächen zu. Das bin nun mal ich. Aber ich sollte mir auch vornehmen, an ihnen zu arbeiten. Und mir wird immer klarer, dass dazu tatsächlich viele kleine Schritte gehören, die allesamt der Mühe wert sind. Denn in ihnen steckt so viel Kraft, dass sie mich zu meinen Zielen führen werden. Ohne Ziel, ohne Herausforderung ist man kein Sportler. Also auf!

Die nächsten Herausforderungen, die nächsten "Big Steps" werden sein: der Tattoo-Triathlon gegen Achim Achilles. Im September werde ich gegen ihn im Dreikampf antreten - mein erstes Mal. Dann plane ich einen zweiten Marathon im Herbst. Ganz nach dem Motto: Gegen Marathon-Depression hilft nur ein neuer Marathon. Ansonsten arbeite ich weiter daran, weniger Gewicht auf die Waage zu bringen und mehr Spaß an einem bewegten Leben zu haben.

Wie es mit Michael Klotzbier weitergeht, lesen Sie in regelmäßigen Abständen auf SPIEGEL ONLINE und auf Michas Abnehmblog.

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