Ex-160-Kilo-Mann "Gratulation! Aber ich wette, in zwei Jahren bist du wieder fett"

Micha Klotzbier hat es geschafft. Der ehemalige 160-Kilo-Mann absolvierte den Berlin-Marathon. Was nun? Sein Trainer Piet Könnicke muss fiesen Kommentaren recht geben: Noch sind die alten Gewohnheiten nicht besiegt. Ein offener Brief.

Micha Klotzbier und sein Trainer Piet Könnicke
Michael Klotzbier

Micha Klotzbier und sein Trainer Piet Könnicke


Lieber Micha,

Du hast es geschafft. Du bist einen Marathon gelaufen. RESPEKT! Ich gratuliere dir zu dieser Leistung und zu dem, was du in den vergangenen 18 Monaten geschafft hast. So viele Veränderungen in sein Leben zu bringen, 50 Kilo abzunehmen, einen Trainingsfleiß und eine Trainingsdisziplin zu entwickeln, um am Ende 42 Kilometer durchzuhalten, all das ist nicht einfach.

Ja, du liest ganz richtig: Ich lobe dich. Du hast in den vergangenen Wochen und Monaten oft gemeint, dass ich dich "ruhig mal loben könnte". Ich habe dich oft gefragt: Wofür? Dafür, dass du dich gesünder ernährst und inzwischen auch überlegst, was du isst? Dass du dich mehr bewegst und Sport treibst? Dass du nicht nur auf der Couch rumhängst und Chips futterst? Für mich sind das Selbstverständlichkeiten. Doch hast du mich auch verstehen lassen, dass es Lebenssituationen gibt, die zu einem - entschuldige den saloppen Ton - dicken Ende führen.

Ja, ich war sparsam mit Lob. Natürlich habe ich mich über deine Fortschritte gefreut: über deine (früh)morgendlichen WhatsApp-Nachrichten inklusive Fotos deines absolvierten Trainings; über den stetig wachsenden Kilometerstand auf deinem Lauf-Tacho; über deinen tollen Halbmarathon Ende August in 2:03:23 Stunden. Darüber, dass dein lädiertes Knie gehalten hat, obwohl du es mit mehr Eifer und Regelmäßigkeit beim Stabi- und Kräftigungstraining noch viel mehr hättest schützen können (was du künftig auch tun solltest).

Natürlich habe ich mich gefreut, als du dich nach vielen Wochen des Widerstandes darauf eingelassen hast, ein Ernährungsprotokoll zu führen. Und natürlich war ich am 25. September unsagbar stolz auf dich, als du kurz hinterm Brandenburger Tor die Marathonziellinie überquert hast.

Um zu leiden und zu entbehren

Für einen wie mich, der fast sein ganzes Leben lang Sport treibt, der das Laufen mehr liebt als du (früher) Schweinshaxen, der einen begnadeten Stoffwechsel hat und nicht viel zunimmt, wenn er mal sündigt und daher das Gefühl gar nicht kennt, zu viele Kilos mitzuschleppen - für so einen ist es nicht einfach nachzuvollziehen, wie es dir ging: mit 160 Kilo aufzubrechen, um mehr Fitness in seinen Alltag zu bringen, um auf Haxen, Bratwurst und Pommes zu verzichten, fast alles anders zu machen, sich neu zu entdecken, erschrocken und überrascht zu sein, zu leiden, zu entbehren.

Piet Könnicke und Micha Klotzbier beim Training
Michael Klotzbier

Piet Könnicke und Micha Klotzbier beim Training

Ich kann nur ein Stück weit erahnen, wie sehr du psychisch gefordert warst, wie es in deinem Kopf gearbeitet hat; wie laut deine Lunge La Paloma gepfiffen hat, als du die ersten Male gelaufen bist. Als ich vergangenen März mal mit einem 20 Kilo schweren Rucksack durch den Flughafen eilen musste, weil ich fast zu spät zu meinem Flug gekommen wäre, habe ich kurz an dich denken müssen: Ich will kein Klotzbier sein.

Mit Interesse habe ich die vielen Kommentare nach deinem Marathon gelesen. Viele Glückwünsche. Bei einem Beitrag musste ich lachen: "Gratulation! Aber ich wette, in zwei Jahren bist du wieder fett." Klingt gemein, oder? Ist aber ein ernst gemeinter Auftrag, weiterzumachen. Dein Marathon war nur eine Etappe, eine Durchgangsstation auf deinem Weg, dich dauerhaft gesund zu ernähren und Bewegung zu einer Selbstverständlichkeit in deinem Alltag zu machen.

Noch lauern die Sündenfallen

Das wird nun umso schwieriger, weil der Vorhang für deine Bühne - vorerst - fällt: Keine Kameras mehr, keine Mikrofone, kein Millionenpublikum, keine öffentlichen Selbstversuche mehr. Glaube mir, noch sind die alten Gewohnheiten nicht besiegt. Noch lauern die Sündenfallen, in die du gern reintappst, wie du selbst nur allzu gut weißt. Bleibe daher aufmerksam und diszipliniert. Belohne dich nicht für Selbstverständlichkeiten wie das Zubinden eines Doppelknotens beim Laufschuh.

Und auch wenn nun das ganz große Publikum fehlt, hast du viele neue Wegbegleiter und Paten gefunden, die auch in Zukunft da sind - die mit dir laufen, dich nach deinem Gewicht fragen, mit dir über gesundes Essen reden. Die wissen wollen, was du machst und wie es dir geht. Du musst nur weitermachen, was du begonnen hast.

Du und ich haben uns lange vor dem Marathon darauf verständigt, Ziele für die Zeit danach zu definieren. Es war eine meiner Bedingungen zu Beginn des Marathontrainings, dass du einen Plan hast, wie es hinter dem Brandenburger Tor weitergeht. Du meinst nun, dass du die bereits gewonnene Lebensqualität nicht mehr missen möchtest. Guter Plan! Doch glaube mir: Die Waage ist noch lange nicht austariert. 110 Kilo sind noch immer zu viel und das Gute der letzten 18 Monate wiegt das Schlechte der letzten 18 Jahre noch lange nicht auf.

Ich wäre ein schlechter Trainer, wenn ich jetzt einen Haken machen würde: Geschafft, Klotzbier hat seinen Marathon gepackt. Nein, ich sehe mich weiter herausgefordert, auch die nächsten Etappen mit dir zu gehen. Auch ich sehe mich noch lange nicht am Ziel.

Viele Grüße, Piet

Wie es mit Michael Klotzbier weitergeht, lesen Sie in regelmäßigen Abständen auf SPIEGEL ONLINE und auf Michas Abnehmblog.

SPIEGEL TV Magazin (25.09.2016)


insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
fundador 21.10.2016
1. Jetz' is' ma' gut
Wer von 160 kg kommt, ist mit 110 kg erst mal gut bedient - man sollte es mit dem Ehrgeiz nicht übertreiben. Wenn er bei 110 kg bleibt, kann er erst mal ganz zufrieden sein - wozu so ein Marathonlauf alles gut sein kann!
tafelsilber 21.10.2016
2.
Verehrter Trainer, angesichts solcher überheblichkeit und selbstgerechtigkeit kommt mir der Brechdurchfall. Auch wenn die Kernaussage (Binsenweisheit) stimmt. Beste grüsse. BMI 20 (also kein hasserfüllter Übergewichtiger...)
Tr1umph 21.10.2016
3.
"Ich habe dich oft gefragt: Wofür? Dafür, dass du dich gesünder ernährst und inzwischen auch überlegst, was du isst? Dass du dich mehr bewegst und Sport treibst? Dass du nicht nur auf der Couch rumhängst und Chips futterst? Für mich sind das Selbstverständlichkeiten." Für andere Leute ist hingegen soziale Intelligenz eine Selbstverständlichkeit. Der Herr Kotzbier hat es von 160kg auf 110kg geschafft und ist jetzt sogar seinen Marathon gelaufen. Mir scheint, als wäre ihr Weg hin zu dieser sozialen Intelligenz ein weiterer Weg. Wann fangen Sie an?
jujo 21.10.2016
4. ...
Ich hatte 2000 ein Gewicht von 115 kg bei 1,83cm Größe. angefangen zu joggen, nach Programm, mit langsamer Steigerung. nach 3 Monaten konnte ich unsere Runde 11km in einer Stunde locker laufen und mich dabei unterhalten. Nach 6 Monaten war ich bei 90kg. nach einem Jahr mußte ich das laufen aufgeben, die Achillessehne machte nicht mit, seitdem walken und schwimmen. Seitdem ein ständiges auf und ab. da ich nun mal gerne esse und trinke komme ich im Jahresrythmus auf über 100 kg, dann ziehe ich die Notbremse, kein Alkohol, keine Kohlehydrate, bis ich wieder bei 95 bin. dann beginnt das Spiel von vorne. Ich fühle mich gut dabei.
carrion 21.10.2016
5. wut?
Ich habe den Hype um den Herrn Klotzbier ja bislang nur oberflächlich verfolgt, aber ich bin ein wenig über die Arroganz dieses "offenen Briefs" erschreckt. Ich muss mich ebenfalls nicht anstrengen, um schlank zu bleiben. Halt glückliche Kombination von Genen und Lebensumständen. Sport betreibe ich zur Instandhaltung, Marathon würde ich mir niemals antun. Ich habe größten Respekt vor jemanden, der es schafft seine Dämonen zu zähmen und sich freiwillig die Tortur anzutun. Kann man als langjähriger Junkie von Schmerz-Endorphinen sicherlich nur schwer nachvollziehen, was ja auch genauso im Artikel anklingt. Das macht das Geschreibsel an sich aber nicht weniger ekelhaft.
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