"Dick wie eine Kuh"-Kampagne Der Milch-Quark der Veganer

Milch macht dick. Verursacht Herzinfarkte. Und Cellulite. Wie bitte? Veganer haben eine Anti-Milch-Kampagne gestartet. Doch die Behauptungen sind durch nichts erwiesen.

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Milch: Kommt von Kühen - macht deswegen aber noch nicht dick
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Milch: Kommt von Kühen - macht deswegen aber noch nicht dick


Es waren heftige PR-Kampagnen, denen man als Kind der Achtziger- und Neunzigerjahre ausgesetzt war - und das in der Schule: "Die Milch macht's" wurde einem eingebläut und "Milch macht müde Männer munter". Auf Aufklebern, Plakaten, T-Shirts. Vielleicht haben die landwirtschaftlichen PR-Strategen damals einen Bumerang losgeworfen, der jetzt zurückkommt - in Form einer Anti-Milch-Kampagne, die mich jeden Tag auf der Straße anschreit.

Dort stehen ständig neue Kreidebotschaften. "Dick wie 'ne Kuh?", "Cellulite?" "Konzentrationsprobleme?" Die dahintergeschriebene Antwort ist immer "Milch". Das beobachte ich schon seit Monaten, in den vergangenen Tagen ist noch etwas dazugekommen. Eine Kurve, die Milchkonsum im Herzinfarkt enden lässt und die Frage: "Keine Zeit für Sport?", die Antwort wieder: "Milch". Anscheinend soll das Getränk, das uns als Kindern so empfohlen wurde, jetzt sogar verantwortlich sein, wenn wir zu faul sind, uns zu bewegen. Es wird suggeriert, dass der Verzicht auf Milchprodukte quasi alle körperlichen Probleme löst, unter denen viele in unserer Gesellschaft leiden.

Bei so viel PR-Arbeit ist es kein Wunder, dass ein italienisches Lokal, 100 Meter entfernt von den Asphalt-Inschriften, letzte Woche folgendes Gericht anbot: "Lachs mit Kapern in Tomatensauce (vegan)". Der Inhaber wollte damit wohl sagen, dass keine bösen Milchprodukte verwendet wurden. Veganer haben diese Anti-Milch-Kampagne gestartet. Ich weiß nicht, ob es im Sinne des Veganismus ist, wenn Milch so verteufelt wird, dass tote Tiere demgegenüber okay wirken.

Bemerkenswerte Schlichtheit

Aber die Kampagne funktioniert anscheinend - in letzter Zeit höre ich ständig Leute, die sich einen veganen Latte macchiato bestellen, die im Restaurant verängstigt nach versteckter Sahne in Soßen und Desserts fragen. Dabei sind die Vorwürfe gegenüber Milch ernährungsphysiologisch Unfug und von bemerkenswerter Schlichtheit. "Dick wie 'ne Kuh? - Milch" Die Kuh ist dick, dann wird auch dick, wer ihre Milch trinkt? Diese Argumentation ist genauso schlau, wie geriebenes Horn von Nashörnern zu essen, um Erektionsprobleme zu kurieren.

Außerdem: Weltweit vorne bei der Fettleibigkeit liegen im Moment die Mexikaner. Glaubt wirklich jemand, dass sie durchschnittlich so dick sind, weil sie sich hektoliterweise Frisch- und H-Milch reinschütten? Oder könnte es vielleicht doch an dem einen oder anderen frittierten Snack liegen, dem einen oder anderen Burger, an ein paar Softdrinks zu viel und an zu vielen Süßigkeiten?

"Die Milch macht's"

Es mag trotzdem viele gute Gründe geben, keine Milch zu trinken: Weil man dann nicht mitverantwortlich für Tierhaltung ist, weil man sie nicht verträgt, weil man sich dann hipper fühlt - oder auch weil Milch einem einfach nicht schmeckt. Man sollte es aber nicht machen, um nicht dick zu werden, keine Cellulite zu bekommen oder endlich ein brillanter und konzentrierter Denker zu werden - denn dann wird man mit Sicherheit enttäuscht werden.

Wissenschaftliche Studien sprechen dafür, dass Milch sich nicht aufs Gewicht auswirkt oder sogar in einem geringen Maß vor Übergewicht schützt. Dasselbe gilt für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes. "Milch ist weiterhin ein gutes Lebensmittel, um Kalzium aufzunehmen und die Knochen zu stärken", sagt Gerhard Rechkemmer, Präsident des Max Rubner-Instituts. (Das komplette Interview lesen Sie hier.)

Vielleicht sollte man mal wieder ein paar alte Aufkleber anbringen mit dem Slogan "Die Milch macht's", einfach damit es in der öffentlichen Wahrnehmung noch ein Gegengewicht zu den Kreidebotschaften gibt. Sinnvoller wäre allerdings, in den Botschaften einfach das Wort "Milch" durch "Softdrinks" oder "Fast Food" zu ersetzen, dann würden viele der Slogans stimmen.

MILCH ALS NAHRUNGSMITTEL - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 190 Beiträge
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Seite 1
gunnarqr 14.08.2014
1. Vegan -
teilweise schon wie Ersatzreligion. Da werden ja bekannter Maßen auch unsinnige Behauptungen aufgestellt
rubberduck59 14.08.2014
2. Gestern war es Salz
"99,2 Prozent der Menschheit leidet unter zuviel Salz in der Nahrung" lautete der Hiob gestern hier bei SPON. Ansonsten sind es Zucker, Kohlehydrate, Fett, Gegrilltes, Fleisch sowieso, Bio ist auch Käse und dieser wiederum ist ja analog gepantschtes usw usw. Nun also singen die veganen Apostel die Anti-Milch-Strophe, alles im Sinne der Gesundheit. Ich summe diese Hymne mal mit und geh eine rauchen... Tabak, reines Naturprodukt.
Leser161 14.08.2014
3. Treffer. Versenkt.
---Zitat--- Die Kuh ist dick, dann wird auch dick, wer ihre Milch trinkt? Diese Argumentation ist genauso schlau, wie geriebenes Horn von Nashörnern zu essen, um Erektionsprobleme zu kurieren. ---Zitatende--- Dem ist nichts hinzuzufügen.
mfins 14.08.2014
4. Die Milch machts, oder?
Sind wir denn nicht alle mit Milch gestillt und uns im Laufe unseres Lebens klar gemacht worden: "Milch sei gesund und vor allem gut für die Knochen - u. a. wegen dem hohen Calcium-Gehalt! Jetzt vermitteln wir diese Weisheit unseren Kindern ....... und dabei ist es angeblich falsch. Was stimmt nun eigentlich?
dasGyros 14.08.2014
5.
Und da wurde einem irgendwann mal vermittelt wir würden im Zeitalter der Aufklärung leben.. aber gut - die Dummheit der Menschen ist ja bekanntlich grenzenlos. Das einzig positive daran: Wenn sich unsere Gesellschaft um solche Dinge Sorgen macht, scheint es uns wirklich gut zu gehen!
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