Motocross "Wenn man sich zu viele Gedanken macht, ist man verloren"

Heinz Kinigadner ist zweifacher Motocross-Weltmeister. Sein Sohn und sein Bruder sitzen nach Motocross-Unfällen im Rollstuhl. Der Tiroler erklärt, wie er damit umgeht - und warum es in der Rückenmarksforschung noch einiges zu tun gibt.

Motocross-Rennen: Es ist eine Risikosportart
DPA

Motocross-Rennen: Es ist eine Risikosportart


ZUR PERSON
  • Herwig Breuker
    Heinz Kinigadner, Jahrgang 1960, ist zweifacher Weltmeister im Motocross. Nach einem schweren Unfall seines Sohnes gründete der gebürtige Tiroler die Stiftung "Wings for Life", die sich für die Rückenmarksforschung einsetzt. Am Sonntag, 3. Mai, findet der Spendenlauf "Wings for Life World Run" statt. Dabei starten die Teilnehmer in mehreren Ländern gleichzeitig und laufen für die, die es selbst nicht können.
  • Homepage WINGS FOR LIFE WORLDRUN
SPIEGEL ONLINE: Herr Kinigadner, verfluchen Sie den Motocross-Sport?

Kinigadner: Nein, ich bin immer noch ein großer Fan. Aber mein Sohn ist seit einem Motocross-Unfall vor elf Jahren querschnittgelähmt. Seitdem bin ich nicht mehr auf ein Motorrad gestiegen. Bestimmt würde es mir noch immer großen Spaß machen. Aber weil mein Sohn selbst nicht mehr fahren kann, möchte ich das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Motocross ist eine Risikosportart. Warum haben Sie damit angefangen?

Kinigadner: Schon mein Vater ist Motocross gefahren. In der Sportart geht es erstens darum, sein Limit zu finden. Und zweitens, ein technisches Gerät zu beherrschen und bis zum Ende auszureizen. Motocross ist Sport. Ein Rennen dauert 40 Minuten, und man ist die ganze Zeit in Abfahrtshocke unterwegs. Am Ende bleibt nur übrig, wer die besten körperlichen Voraussetzungen hat.

SPIEGEL ONLINE: Aber haben Sie sich nie Gedanken über die Gefahren des Motocross gemacht?

Kinigadner: Naja, wenn man sich zu viele Gedanken macht, ist man verloren. Gleichzeitig sollte man auch etwas Respekt haben. Es gibt beim Motocross-Sprünge, die schwer zu bewältigen sind. Man ist auch ständig verletzt. Ein Schlüsselbeinbruch war für mich irgendwann eine Lappalie. Da bin ich nicht mal mehr zum Arzt gegangen. Richtig bewusst über die Gefahren habe ich aber erst nach dem Unfall meines Bruders nachgedacht. 1984 war das. Ich stand am Streckenrand. Der Unfall ist genau vor mir passiert.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie in diesem Moment gedacht?

Kinigadner: Ehrlich gesagt, denkt man da nicht viel. Man hofft nur, dass es nicht so schlimm ist. Der Unfall meines Bruders ereignete sich drei Wochen nachdem ich das erste Mal Weltmeister geworden war. Plötzlich war alle Freude einfach weg. Mein Bruder war querschnittgelähmt. Danach habe ich ein halbes Jahr nicht ans Motorradfahren gedacht. Es war mein Bruder, der gesagt hat: Du musst unbedingt versuchen, deinen Titel zu verteidigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging es dann weiter?

Kinigadner: Ich bin wieder gestartet - ohne Training. Ich habe ein paar Rennen gebraucht, bis ich das Rennfieber gespürt habe und sich meine Kondition verbessert hat. Am Ende habe ich den Titel tatsächlich verteidigen können. So blöd es klingt, aber die Rennen haben mich aus dem mentalen Tief herausgeholt.

SPIEGEL ONLINE: Später fing auch Ihr Sohn mit Motocross an. Hätten Sie ihm davon gern abgeraten?

Kinigadner: Ich habe nie versucht, meinem Sohn Motocross auszureden. Ich habe es aber auch nicht forciert. Mein Sohn war von klein auf in Berührung mit Motorrädern gekommen. Er konnte mit einem Elektromotorrad fahren, bevor er Fahrradfahren konnte. Ich glaube, dass es ein Vorteil ist, wenn man schon in frühen Jahren lernt, mit solchen technischen Geräten umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Kinigadner: Wenn man erst mit 20 den Motorradführerschein macht und dann losfährt, lebt man sehr gefährlich. Als Kind lernt man alles spielerisch und macht dann aus einem Reflex heraus die richtigen Bewegungen. Mit 20 ist man nicht mehr so intuitiv und denkt mehr darüber nach, was man tut.

Heinz Kinigadner und sein Sohn Hannes
privat

Heinz Kinigadner und sein Sohn Hannes

SPIEGEL ONLINE: 2003 stürzte Ihr Sohn beim Motocross schwer. Wie haben Sie vom Unfall erfahren?

Kinigadner: Ich war gerade selbst zu einem Weltmeisterschaftslauf unterwegs, als ich von einem Freund meines Sohnes angerufen wurde. Ich habe sofort gewusst, dass es was Schlimmeres sein musste. Im Krankenhaus dann die Diagnose: Lähmung vom fünften Halswirbel an. Die Nerven waren aber nur gequetscht und nicht durchtrennt. Da hatten wir anfangs sehr viel Spielraum für Hoffnung.

SPIEGEL ONLINE: Hoffnung, die Querschnittlähmung zu heilen?

Kinigadner: Ja. Als Vater eines Betroffenen tust du alles, um deinem Kind zu helfen. Ich stellte bei Recherchen fest: Bei 80 Prozent der Querschnittgelähmten gibt es noch intakte Nerven. Es gibt außerdem vielversprechende Ansätze in der Forschung mit Stammzellen, Proteinen oder Elektrostimulationen, die die Lähmungen in Zukunft heilen könnten. Doch das Problem ist: Die Forschung hat zu wenig Geld. Deshalb haben wir, Dietrich Mateschitz und ich, eine Stiftung ins Leben gerufen, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. Beim Spendenlauf "Wings for Live World Run" werden mein Sohn und ich gemeinsam teilnehmen. Ich laufe und schiebe ihn dabei im Rollstuhl.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es geschafft, mit diesen Schicksalsschlägen umzugehen?

Kinigadner: Ich bin Tiroler (lacht). Nein, im Ernst: Der Sport hat mich gelehrt, immer nach vorne zu schauen. Mich in meine vier Wände einzusperren mit meinen Depressionen, weil das Leben so schlimm zu mir war, das verschlimmert die Sache doch nur. Für mich gibt es nur Vorwärtsdenken, und ich vertraue darauf, dass alles besser wird.

Im Livestream auf achim-achilles.de können Sie den Spendenlauf "Wings for Life World Run" am 3. Mai verfolgen.

Ein Interview von Julia Schweinberger



insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
gympanse 01.05.2015
1.
Wäre interessanter gewesen, wenn das Interview nicht nur mit Herrn Kinigadner geführt worden wäre sondern auch mit seinen betroffenen Angehörigen. Ich fahre gerne Motorrad, aber ich bin mir auch dessen Gefahr bewußt, selbst wenn man vorschriftsmäßig fährt und nicht auf Rennstrecken oder ohne Hirn und Verstand auf öffentlichen Passstraßen.
Überfünfzig, 01.05.2015
2. Kini....
....einer meiner Helden aus den Neunziger, als ich nach fast 20 Jahren Straßenmotorradfahren ebenfalls mit dem Geländesport angefangen habe. Mittlerweile auch schon das eine oder andere Knöchlein gebrochen und leistungsmäßig tüten einen die jungen Kerle bei freien Wettbewerben und bei Training auf dem MX-Platz ein, aber es macht noch unheimlich Spaß, auch wenn man keine 20 m Metersprünge mehr wagt. Kann nur jeden Straßenfahrer raten, es mal zu versuchen. Trotzdem Hut ab vor Kini, das es so konsequent ist und darauf verzichtet und sich um seinen Sohn sorgt und dabei eine positive Haltung beweist.
les2005 01.05.2015
3. Manchen Leuten...
ist echt nicht zu helfen. Vielleicht hätten sie sich ein paar mehr Gedanken machen sollen, und das Rennen verlieren aber dafür gesund bleiben. Nun ja, er beklagt sich nicht, vielleicht ist's der Spaß wert, dafür später ein Leben im Rollstuhl zu verbringen. Für mich nicht nachvollziehbar.
troy-mc-lure 01.05.2015
4.
Wird denn wirklich so wenig Geld in die Forschung zur Heilung der Querschnittslähmung investiert? Kann mit das kaum vorstellen. Warum pumpt Mateschitz aber nicht direkt Geld in die Forschung statt z.B. ein Formel 1 Team zu betreiben? Mit dem intensiven Sponsoring von Extrem-Sportarten seitens RedBull zählt er mindestens indirekt zu den "Produzenten" von Querschnittslähmungen. Ich habe eher den Verdacht der Herr möchte sein Gewissen erleichtern, weil er tausende junge Menschen mit lukrativen Werbeverträgen für seine Brause, ermutigt sich irgendwo herunterzustürzen.
DesignerKind 01.05.2015
5. Weil das Geld vornehmlich für Arzteinkommen drauf geht?
Zitat von troy-mc-lureWird denn wirklich so wenig Geld in die Forschung zur Heilung der Querschnittslähmung investiert? Kann mit das kaum vorstellen. Warum pumpt Mateschitz aber nicht direkt Geld in die Forschung statt z.B. ein Formel 1 Team zu betreiben? Mit dem intensiven Sponsoring von Extrem-Sportarten seitens RedBull zählt er mindestens indirekt zu den "Produzenten" von Querschnittslähmungen. Ich habe eher den Verdacht der Herr möchte sein Gewissen erleichtern, weil er tausende junge Menschen mit lukrativen Werbeverträgen für seine Brause, ermutigt sich irgendwo herunterzustürzen.
Schon Assistenzärztinnen spielen Golf. In einschlägigen Portalen für Mediziner und Assis kann man sich genau ein Bild machen, wie schon bei Überstunden betrogen wird. Diese werden nicht aus Altruismus gemacht,sondern einfach, um die ARbeit gemütlicher erledigen zu können. Deswegne fehlt Geld hinten und vorne
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