Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Halbmarathon trotz Multipler Sklerose: "Jetzt erst recht!"

Daumen hoch: Ihre Krankheit hindert Claudia Drosdek nicht daran, ihren Körper regelmäßig zu fordern Zur Großansicht
Andreas Purzc

Daumen hoch: Ihre Krankheit hindert Claudia Drosdek nicht daran, ihren Körper regelmäßig zu fordern

Claudia Drosdek ist das beste Beispiel dafür, dass sich Sport und Multiple Sklerose nicht ausschließen müssen. Im Interview mit achim-achilles.de erzählt die 43-Jährige von Schwindelattacken, Halbmarathon-Plänen und erklärt, warum mehr MS-Patienten Sport treiben sollten.

ZUR PERSON
Claudia Drosdek, Jahrgang 1971, wohnt in Essen und arbeitet in der Presseabteilung eines Unternehmens. Vor fünf Jahren wurde bei der 43-Jährigen Multiple Sklerose diagnostiziert. Die Krankheit kann sie jedoch nicht davon abhalten, für einen Halbmarathon zu trainieren. Ihr Ziel beim Düsseldorfer Halbmarathon 2014: unter zwei Stunden laufen.
SPIEGEL ONLINE: Frau Drosdek, viele MS-Patienten klagen über Bewegungsprobleme, Sehschwäche oder gar Lähmungserscheinungen, Sie aber trainieren gerade für den Halbmarathon. Was sagt Ihr Arzt dazu?

Drosdek: Der hat mich sogar ermuntert. Es gibt keinen Grund, warum ich nicht Halbmarathon laufen dürfte. Man muss aber dazu sagen: Für einen MS-Patienten habe ich sehr viel Glück. Mein letzter Schub ist schon eine Weile her und momentan fühle ich mich gut.

SPIEGEL ONLINE: MS ist unberechenbar, und die Symptome können sich schnell ändern. Was passiert dabei?

Drosdek: Das ist total unterschiedlich. Seit der Diagnose 2009 hatte ich drei Schübe. Einmal litt ich unter einer Gesichtslähmung wie bei einem Schlaganfall. Meine gesamte linke Gesichtshälfte mit Auge und Lippe hing nach unten. Ich konnte nur eingeschränkt sprechen. Das war schlimm für mich, denn da konnte man mir meine Behinderung wirklich ansehen. Ein anderes Mal hatte ich so starke Schwindelattacken und Gleichgewichtsstörungen, dass ich kaum den Weg vom Wohnzimmer zur Toilette geschafft habe. Ohne fremde Hilfe konnte ich mich nicht versorgen, zum Gehen habe ich einen Rollator gebraucht. Wenn das geblieben wäre, wäre ich jetzt ein Pflegefall.

SPIEGEL ONLINE: Wie drückt sich die Krankheit zurzeit im Alltag bei Ihnen aus?

Drosdek: Leichte Sensibilitätsstörungen habe ich eigentlich immer. Das ist wie ein Kribbeln oder Jucken unter der Haut, auf Gesicht und Körper. Aber ich habe gelernt damit zu leben. Manchmal habe ich Probleme, mich zu konzentrieren und es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Aber man gewöhnt sich daran.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn es Ihnen vergleichsweise okay geht, Sie joggen nicht nur ein bisschen, sondern wollen einen Halbmarathon unter zwei Stunden laufen. Ist das nicht recht ambitioniert?

Drosdek: Klingt ungewöhnlich? Ja, man denkt, dass Menschen mit Multiple Sklerose im Rollstuhl sitzen und nichts mehr tun können. Das stimmt aber nicht. Nur bei ganz wenigen ist das der Fall. Multiple Sklerose ist eine Krankheit mit tausend Gesichtern. Sie ist nicht tödlich, wie viele denken. Bei der MS sind Entzündungen im Gehirn oder Rückenmark vorhanden. Mit Medikamenten lassen sich diese abschwächen. Im besten Fall ist der Schub nach ein paar Tagen oder Wochen vorbei. Manchmal bildet sich der Schub nicht vollständig zurück und Einschränkungen bleiben bestehen. Das ist mir zum Glück noch nicht passiert.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst, sich während des Sports zu verletzen?

Drosdek: Ich habe zum Glück keine Probleme mit der Motorik. Ich stolpere nicht mehr als ein gesunder Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Schwächt der Sport den Körper nicht noch zusätzlich und die Krankheit wird schlimmer?

Drosdek: Nein, überhaupt nicht. Bewegung ist wichtig, um die Muskulatur aufrechtzuerhalten. Man muss ja nicht unbedingt Marathon laufen, aber jeder kann doch eine geeignete Sportart für sich finden. Ich selbst laufe leidenschaftlich gerne und fahre Snowboard. Das habe ich schon immer gemacht. Letzten Sommer habe ich mit dem Kitesurfen begonnen. Ärzte empfehlen Sport, zumindest Bewegung.

SPIEGEL ONLINE: Warum treiben dann nicht die meisten MS-Patienten mehr Sport?

Drosdek: Das weiß ich nicht. Das Schlimme ist ja nicht die Krankheit selbst, sondern das, was noch mitschwingt. Viele MS-Patienten ziehen sich zurück, trauen sich nichts zu, werden depressiv. Sport hilft. Man kommt unter Menschen, stärkt sein Selbstvertrauen. Das gibt einem Halt. Durch den Sport halte ich die Krankheit im Zaum. Aber ich kann nur für mich sprechen. Bei anderen sind die Symptome viel stärker ausgeprägt als bei mir. Das kann von Sehschwächen bis zu Lähmungserscheinungen reichen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schränkt Sie die Krankheit im Alltag ein?

Drosdek: Gar nicht so sehr. Ich nehme regelmäßig Medikamente und muss alle drei Monate einen Blut- und Lebertest machen, um Nebenwirkungen der Medikamente auszuschließen. Ansonsten kann ich ganz normal arbeiten und Sport machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Ihr Umfeld auf die Krankheit reagiert?

Drosdek: Ich habe überall Unterstützung und Hilfe angeboten bekommen. Anfangs hatte ich Angst, dass man mir in der Arbeit manche Projekte nicht mehr zutrauen würde. Das wäre für mich als Workaholic echt schlimm gewesen. Aber diese Sorge war unnötig.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie von der Krankheit erfahren?

Drosdek: Ich war im Sommerurlaub mit einer Freundin. Auf einmal hatte ich das Gefühl, dass meine ganze linke Gesichtshälfte taub ist. Das fühlte sich an, als hätte ich eine Spritze vom Zahnarzt bekommen. Ich dachte, ein Nerv sei entzündet. Der Zahnarzt fand nichts, er schickte mich zum Neurologen. Eine MRT-Untersuchung ergab, dass ich Entzündungsherde im Gehirn hatte. Das war ganz schön absurd. Ich war 38 Jahre alt, immer kerngesund, habe viel Sport getrieben. Und dann so etwas.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat die Krankheit Ihr Leben verändert?

Drosdek: Ich schiebe Sachen nicht mehr so lange auf. Wenn ich wohin reisen will, dann reise ich dahin. Ich habe Angst, dass ich das irgendwann nicht mehr machen kann. Deshalb laufe ich auch viel. Ich will mich nicht später mit der Frage quälen, warum ich bestimmte Dinge nicht getan habe, als ich es noch konnte. Außerdem denke ich seit der Diagnose: Jetzt erst recht!

Das Interview führte Julia Schweinberger.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ja!
siviha 24.01.2014
So was kommt dabei raus, wenn wer zu Wort kommt, der/die wirklich Ahnung von dem hat, worüber geredet wird. War erst skeptisch. Nachdem ich den Artikel las und absolut bestätigen kann, werde ich* ihn wärmstens weiterempfehlen. * gleiches Alter, gleicher Diagnose -Zeitpunkt, ähnliche Symptome, nicht gar so sportlich, aber auch. Und: wann, wenn nicht jetzt.
2. 1
faxn 24.01.2014
nicht ganz so alt und nicht ganz so sportlich, aber die selbe Einstellung. jetzt erst recht ... genieße jeden Tag so gut es geht!
3.
-kay- 24.01.2014
Ja ja und nochmal ja. Habe MS seit 17 Jahren. Ungefähr dieselben Symtome. Wenn ich meinen Sport(Badminton) nicht hätte, wäre es wohl viel schlimmer.
4. MS - die Krankheit mit vielen Gesichtern - Praxis
fd53 24.01.2014
Mancher hat halt Glück im Unglück. Und der betreffende kann mit dem Glück im Unglück sogar Sport treiben - traumhaft. Meine Nichte hat weit weniger Glück: Diagnose chronische MS im schweren Fall. Nur 6 Monate nach der Diagnose sahen bei ihr die Ärzte keine Chance noch länger als 2 Jahre zu überleben. Monatlich lag sie im Krankenhaus und lies sich 5 Flaschen Cortision geben - freiwillig! 18 Monate nach der Diagnose saß sie längst im Rollstuhl. Kein Medikament wirkte. So schlug man ein Experiment vor: 2 Jahre Chemotherapie - als Infusion. Die 2 Flaschen mit dem giftblauen Zeug wurden mit Kochsalzlösung auf 2 Liter getreckt und monatlich verabreicht. Und obendrein auch noch alle 3 Monate 2 große Tropfflaschen Cortision. Als dann endlich Tysabri verfügbar war, wurde sofort auf dieses Teufelszeug gewechselt. Und das bekommt sie nun schon durchgehend seit Dezember 2006. Natürlich haben die 2 Jahre Chemotherapie heftige Folgen hinterlassen. 3 Allergien (u.a. Fisch und Laktose) sind nur ein Teil davon. Aber selbst Tysabri konnte und kann weitere Schübe und weiteren Befall nicht stoppen. Und wie bitte soll man mit einer nicht steuerbaren Blase und einem kaum steuerbaren Darm Sport treiben? Wenn die Beine nur noch Gummi sind und selbst die Finger nicht mehr voll gehorchen. Auch Schwimmen fällt dann weg, nicht mal Baden ist möglich. Aber schön - das andere mehr Glück im Unglück haben.
5. die 10000 Gesichter
faxn 24.01.2014
ja das ist eben das krasse an der Krankheit .. zum Glück ist ein linearer Verlauf der Krankheit relativ selten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Anzeige

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel:

Anzeige


Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: