Gefährlicher Körperkult Muskelsucht ähnelt der Magersucht

Muskelsucht ist eine Folge der Emanzipation der Frau, sagt Psychologe Roberto Olivardia. Für viele Männer sei ihr Körper die letzte Bastion, die von der Frau nicht bedroht werden könne. Im Interview spricht er über Risikofaktoren und Schönheitsideale.

Bodybuilder: Hypermuskuläre Körper sind weniger beliebt als angenommen
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Bodybuilder: Hypermuskuläre Körper sind weniger beliebt als angenommen


SPIEGEL ONLINE: Herr Olivardia, ist Muskelsucht die Magersucht der Männer?

Roberto Olivardia: In gewisser Weise schon. Muskelsucht (auch Muskeldysmorphie oder Adonis-Komplex genannt - d. Red.), wurde früher die umgekehrte Magersucht genannt. Aber wir haben den Namen geändert, weil wir nicht wollten, dass sie als Essstörung angesehen wird, sondern als eine Körperbildstörung. Betroffene unterscheiden sich jedoch nicht sehr von Magersüchtigen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Gemeinsamkeiten?

Olivardia: Ein hoher Grad an Perfektionismus, geringes Selbstwertgefühl, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild, eine schlechte oder gar keine Beziehung zum Vater, Symptome von Zwangsstörungen und affektive Störungen. Die Unterschiede liegen in der Ernährung: Magersüchtige Männer meiden alles Fetthaltige. Muskelsüchtige lehnen alles ab, was ihrer Meinung nach den Aufbau von Muskeln behindern könnte.

ZUR PERSON

Roberto Olivardia, ist Psychologe an der Harvard Medical School und am McLean Hospital in Belmont, Massachusetts. Er hat sich auf die Behandlung von Körperbildstörungen, ADHS, Zwangsstörungen und Essstörungen bei Männern und Frauen spezialisiert. Gemeinsam mit Harrison Pope und Katharine Phillips veröffentlichte er im Jahr 2000 das Buch "Der Adonis Komplex. Schönheitswahn und Körperkult bei Männern".

SPIEGEL ONLINE: Magersucht ist bei Männern nicht so häufig wie bei Frauen (etwa 10- bis 20 mal seltener - d. Red.). Können auch Frauen Muskelsucht entwickeln?

Olivardia: Magersucht bei Männern ist häufiger als wir denken. Ich habe über die Jahre viele Jungen und Männer mit Magersucht behandelt. Die Fälle werden nur nicht so bekannt, weil Männer seltener Hilfe suchen und viele Behandlungsprogramme nur Frauen aufnehmen. Und ja, auch Frauen können Muskelsucht entwickeln, allerdings überwiegen die männlichen Fälle.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es zuverlässige Zahlen über die Häufigkeit von Muskelsucht?

Olivardia: Nein und es ist auch schwierig, sie zu erheben. Betroffene Männer beteiligen sich oft nicht an Forschungen, weil sie sich zu sehr schämen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Bodybuilder, die Steroide einsetzen, automatisch muskelsüchtig?

Olivardia: Nein. Trotzdem gibt es eine Menge Steroid-Nutzer, die muskelsüchtig sind.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch stellen Sie die These auf, dass Muskelsucht eine Folge der Emanzipation der Frau ist. Ihr Körper sei für Männer die letzte verbliebene Bastion, die von der Frau nicht "bedroht" werden könne. Ist Muskelsucht in stärker patriarchalischen Gesellschaften demzufolge unbekannt?

Olivardia: Das ist leider zu wenig erforscht. Ich würde vermuten, dass in Gesellschaften, in denen Frauen finanziell unabhängiger sind - was eine gute Sache ist -, Männer generell mehr auf ihr Körperbild bedacht sind.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch, das 2000 erschienen ist, analysieren Sie, wie sich das männliche Körperideal über die Jahrzehnte verändert hat. Beispielsweise sind Action-Spielfiguren für Kinder seit den siebziger Jahren deutlich muskulärer geworden und Männermagazine wie "Men's Health" haben enorm an Popularität gewonnen. Welche Entwicklung haben Sie in den letzten Jahren beobachtet?

Olivardia: Der Trend hat sich fortgesetzt. Comic-Helden und Actionfiguren haben noch mehr an Muskelmasse zugelegt. In der Werbung ist der Trend zur Hypermuskularisierung zwar zurückgegangen, aber es wird enorm viel Wert auf definierte Muskeln gelegt.

SPIEGEL ONLINE: In den letzten Jahren hat sich die Rolle des Mannes verändert. Junge Männer sind heute metrosexueller. Ist Muskelsucht dementsprechend seltener geworden?

Olivardia: Das Ideal des hypermuskulären Körpers ist in der Massenkultur ein wenig in den Hintergrund getreten. Trotzdem hat sich die Lage in Subkulturen wie der Fitness- und Bodybuilding-Szene verschlimmert. Der Gebrauch von anabolen Steroiden nimmt weiter zu.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Erhebungen gemacht und Männer gefragt, was sie glauben, wie viel Muskeln Frauen gefallen. Dann haben sie Frauen befragt, wie viel Muskeln ihnen tatsächlich gefallen. Männer lagen in ihren Annahmen um bis zu neun Kilogramm Muskelmasse über dem, was Frauen tatsächlich mögen. Andererseits haben Sie auch die Muskelmasse männlicher Playmates in Playgirl-Zeitschriften seit den siebziger Jahren analysiert. Dabei kam heraus, dass diese deutlich an Muskelmasse zugelegt haben. Hat sich also auch die weibliche Idealvorstellung des männlichen Körpers verändert?

Olivardia: Ja, hat sie. Frauen bevorzugen schlanke, fitte und wenig behaarte Männer. Aber eins ist gleich geblieben: Sie mögen keine hypermuskulären Typen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind Risikofaktoren für die Muskelsucht? Und in welchem Alter manifestiert sich die Krankheit?

Olivardia: Risikofaktoren sind Depressionen, geringes Selbstwertgefühl, Zwangsstörungen, Perfektionismus, negative Beziehung zum Vater, verspätete Pubertät und unsicheres Empfinden der eigenen Männlichkeit. Muskelsucht beginnt typischerweise während der Pubertät.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die Eltern dabei?

Olivardia: Dazu gibt es keinerlei Forschung.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man Betroffenen helfen?

Olivardia: Mit kognitiver Verhaltenstherapie, die sich auf den Umgang mit negativen Gedanken konzentriert und negative Verhaltensmuster eliminiert. Die Heilungschancen sind gut, wenn man richtig behandelt wird.

Das Interview führte Jens Lubbadeh.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
dirtybono 25.07.2013
1. Selten so einen Bullshit gelesen...
Zitat von sysopREUTERSMuskelsucht ist eine Folge der Emanzipation der Frau, sagt Psychologe Roberto Olivardia. Für viele Männer sei ihr Körper die letzte Bastion, die von der Frau nicht bedroht werden könne. Im Interview spricht er über Risikofaktoren und Schönheitsideale. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/muskelsuechtige-vermeiden-alles-was-den-muskelaufbau-stoert-a-912601.html
Der Clown stellt Thesen auf (zu "starke"Frauen) ohne sie entsprechend zu kontrollieren (wie siehts denn in stärker patriarchalischen Gesellschaften aus?). Aber er ist ja Fachmann, darf also VERMUTEN... Auf der einen Seite wird behauptet, eine negative Beziehung zum Vater sei ein Schlüssel, bei Nachfrage zur Rolle der Eltern heißt es dann aber, dazu gebe es keinerlei Forschung. Also auch wieder nur Vermutungen?!? Lächerlich, dieser Artikel.
xxbigj 25.07.2013
2. optional
Nichts neues das es Leute gibt die sich über Ihr aussehen definieren. Die denken bestimmt das Sie auch schlau sind und gut ankommen:) Na wer will schon so ein Muskelidiot sein oder diese Frauen die immer so obergestylt sind. Klar gehören die zum Stadtbild aber die haben genau so ein problem im Kopf wie Fette oder Magersüchtige. Wobei bei fetten und Magersüchtigen es immer auch eine Körperlichen Grund haben kann. Bei den Muskeltypen wohl eher nicht;)
Medienkenner 25.07.2013
3. optional
Letzte Bastion Muskeln? Nee, da paßt eher der Spruch von Henry Miller: 'Der größte Ärger für Feministinnen ist ein Männerbart. Den können sie nun wirklich nicht kopieren.'
statussymbol 25.07.2013
4.
Zitat von xxbigjNichts neues das es Leute gibt die sich über Ihr aussehen definieren. Die denken bestimmt das Sie auch schlau sind und gut ankommen:) Na wer will schon so ein Muskelidiot sein oder diese Frauen die immer so obergestylt sind. Klar gehören die zum Stadtbild aber die haben genau so ein problem im Kopf wie Fette oder Magersüchtige. Wobei bei fetten und Magersüchtigen es immer auch eine Körperlichen Grund haben kann. Bei den Muskeltypen wohl eher nicht;)
Genau! Denn wer von Natur aus gut aussieht, oder gar Sport treibt und sich pflegt ist natürlich automatisch dumm und hohl. Vollkommen logisch. Und was ist mit Bauarbeitern die allein durch ihre Arbeit ordentlich "Muckis" haben? Ach so, die sind für Sie ja ohnehin nicht "schlau". Wenn man von Sporttreibenden Personen pauschal extrem abwertend von "Muskelidioten" spricht dann lässt das leider sehr sehr tief blicken - auch über den eigenen fehlenden Charakter und die Geisteshaltung. Seltsamerweise sprechen die "Muskelidioten" in den seltensten Fällen so abwertend von anderen Menschen, selbst von korpulenten Personen nicht (obwohl bei denen ja indiszipliniertheit und etwas mangelnde Intelligenz durchaus nahe liegen, sonst würde man ja seinen Körper und seine Gesundheit unter dem Vorwand des "Genusses" nicht so gehen lassen...). Das müssen Sie mir erklären. Ich kenne tatsächlich Männer die haben in ihrem Leben noch nie eine Hantel gehoben oder ein Fitness-Studio gesehen und haben nicht mal einen körperlich sonderlich anstrengenden Job und sehen trotzdem aus wie eine Schrankwand. Wie wollen Sie denn unterscheiden wer ein "Muskelidiot" aufgrund von Fitness-Training ist und wer aufgrund seines Jobs oder seiner Gene einfach eine gewisse Muskelmasse aufgebaut hat?
motzbrocken 26.07.2013
5. Die durchtrainierten Muskelfetischisten
findet man im Fitness-Studio. Diejenigen welche ihre Muckis auf dem Bau etc "erwerben" erkennt man unter anderem daran, dass deren Hände durch die Arbeit gezeichnet sind. Der Studio-Mucki-Träger hat manikürte Fingernägel, trägt Schlips und hätte am liebsten einen Dauerspiegel vor sich. Ein Hedonist sozusagen. Aber defacto soll doch jeder nach seinem eigenen Gutdünken glücklich werden. Die einen mit Muckis die anderen ohne. Und das die Damenwelt nicht zwingend auf Muskelpakete guckt beruhigt ja den Normalo ungemein. Freue mich auf den Tag, an dem Alice Schwarzer mit Rauschebart und Muckis auftritt.
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