Achilles' Verse Nieder mit der Laufmaut

Für Autobahnen wurden die Mautpläne gerade abgeschmettert. Jetzt sind die Läufer dran. Funktionäre wollen von jedem Athleten, der ins Ziel kommt, einen Euro Laufmaut kassieren. Wofür? Weiß keiner. Was tun? Drei Meter vorm Ziel abbiegen.

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Der deutschen Laufmaut entgehen: Das klappt bei den Pan Am Games im kanadischen Toronto
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Der deutschen Laufmaut entgehen: Das klappt bei den Pan Am Games im kanadischen Toronto


Läufer sind spendabel. Jede Woche machen sich Sportsfreunde zum Nordkap auf, um für krebskranke Kinder zu sammeln, kein Volkslauf ohne Spendenbüchse, kaum noch ein Marathon ohne Spendentor. Bald wird sicher für griechische Nachwuchsläufer gespendet, die nicht länger auf staatliche Sportförderung zählen können. Es geht also nicht um den Euro, wenn gelaufen wird.

Die Großzügigkeit, die nahezu automatisch aufkommt, sobald Menschen in Sportklamotten springen, will sich der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) zunutze machen.

Ab dem 1. Januar 2016 soll jeder Athlet, der bei einem Wettbewerb ins Ziel kommt, einen Euro zahlen für... ja, wofür eigentlich? Von einer Versicherung ist die Rede, von einem Härtefallfonds und von einer deutschlandweiten Bestenliste. Tolle Idee, aber leider geklaut. Denn die Achilles-Läuferliste gibt es schon länger, kostenlos übrigens. So richtig können die Funktionäre die Laufmaut nicht erklären, abgesehen davon, dass so eine Verbandskasse chronisch leer ist. Da kommen ein paar Millionen immer recht.

Umso empörter reagieren Läufer und Veranstalter. Ausgerechnet die Verbandsfuzzis, die für Breitensport traditionell vor allem Verachtung übrig haben, die Freizeitathleten als "Gesundheitssportler" diskreditieren, wollen am Laufboom teilhaben, den sie seit Jahrzehnten hochnäsig ignorieren. Ausgerechnet jene Funktionärsvögel also, die der Läufer so dringend braucht wie eine Achillessehnenreizung, wollen jetzt Freunde, Helfer und Kassierer sein. Wehrt Euch, dicke und dünne Athleten, alte und junge, langsame und schnelle: Nieder mit der Laufmaut!

Durch den Park rennen klappt ohne Verband und Funktionäre

Laufen gehört zu den Sportarten, die sich früh und konsequent von den Funktionären emanzipiert haben. Um eine halbe Stunde durch den Park zu rennen, brauchte es keine Verbände. Mit der ersten Jogging- und Gesundheitswelle in den Achtzigerjahren fanden sich Gleichgesinnte in Lauftreffs zusammen. Natürlich boten auch Vereine Laufgruppen an. Marathonveranstalter entwickelten sich zu professionellen Eventmachern, Volksläufe zu liebevoll organisiertem Mitmachspaß. Es gab Straßenläufer, Querfeldeinläufer, Ultraläufer, Spaßläufer, Etappenläufer, später auch Walker, Rückwärts- und Nachtläufer. Menschen organisierten sich und ihre Wettkämpfe vorwiegend selbst.

Funktionäre? Wofür? Der Deutsche Leichtathletik-Verband steuerte immerhin lange das Siegel "DLV-vermessene Strecke" bei, was in Zeiten allgegenwärtiger GPS-Geräte auch keine große Kunst mehr ist. Dafür gab es bislang pro Zieldurchlauf 20 Cent, eine Art Sportgroschen, dessen Verwendung im Nebulösen blieb. Ansonsten hat sich der Laufsport vom Verband und seinen Vertretern unabhängig gemacht.

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Achilles' Verse: Die Welt, eine Laufstrecke
Es gibt ja viele schreckliche Vorurteile über Sportfunktionäre. Und die meisten sind wahr. Sie tragen eine implantierte Stoppuhr, Klemmbretter und reden ausschließlich über Bestzeiten und Quali-Normen. Nachwuchsfunktionäre üben das Umherstolzieren bei Landesmeisterschaften. Spitzenfunktionäre lassen sich pampern, weil sie über die Vergabe von großen Wettkämpfen entscheiden. Wer plündert bei Olympia und WM zuverlässig das Buffet? Nein, nicht die Athleten.

Nur Medaillen zählen

Breitensport wird vom Verband traditionell als lästig angesehen, weil es weder Häppchen noch Statusgewinn noch Medaillenchancen gibt. Und dann erdreisten sich diese Hobbyläufer, gemeinsamen Spaß haben zu wollen bei Firmenläufen, Staffeln oder Juxwettbewerben. Kaum einer will Bestzeit, aber viele das Gemeinschaftserlebnis spüren. Wo bleibt denn da die Endkampfchance?

Die wenigen vernünftigen Köpfe in der Verbandswelt resignieren oft. Wer macht schon freiwillig einen Job, bei dem man sich in endlosen Sitzungen und Kungelrunden über Jahre hinweg zu Seilschaften zusammenknüpfen muss?

Auch Spitzenathleten wissen selten Gutes zu berichten von den Herrschaften, die über Teil- oder Nichtteilnahme an Wettbewerben entscheiden. Bestenfalls nervt der Verbandsvertreter nicht weiter, im schlimmsten Fall drängelt er sich zum Athleten aufs Foto, wenn er gewonnen hat.

Die Ausbildung von Medaillenkandidaten ist allerdings kein Verdienst der Funktionäre, sondern von Sportschulen, Vereinen, Eltern, Heimtrainern und Stützpunkten. Sportliche Erfolge erzielen Deutschlands Athleten oft nicht wegen, sondern trotz der Verbände.

Der öffentliche Ansehensverfall der Leichtathletik, die zu Dieter Adlers Zeiten noch mit dem Fußball gleichauf lag, hat auch mit der Selbstzufriedenheit der Medaillenzähler zu tun. Sport fürs Volk? Och nö. Dabei könnte der DLV publikumswirksam Trimm-dich-Pfade restaurieren oder die Bundesjugendspiele etwas aufpeppen. Passt aber alles nicht zu dem Verein, der von allen Wegen stets den einfachsten beschritt. Zufall, dass Deutschlands Sportverbände das Anti-Doping-Gesetz der Bundesregierung zwar ablehnen, aber ihrerseits in zwei Jahrzehnten nicht mal einen eigenen Entwurf zustande gebracht haben?

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Was bleibt dem Freizeitläufer nun, um sich gegen die Läufermaut zur Wehr zu setzen? Ja, wir finden Onlinepetitionen auch überbewertet, aber ein paar Stimmen mehr erzeugen zumindest mal öffentlichen Druck und setzen das Signal: Der Laufsport gehört nicht dem Deutschen Leichtathletikverband, sondern hat sich aus dem Machtbereich der Sekretäre verabschiedet. Beweihräuchert euch in Wichtigtuersitzungen, aber lasst Menschen in Ruhe, die einfach nur Sport treiben wollen.

Außerdem werden wir Vorschläge sammeln, wie man den Zieleinlauf kreativ umgehen und sich vor der Laufmaut drücken kann. Nicht aus Geiz, sondern als Statement für die Freiheit des Laufens. Eine Sammelbüchse darf gern am Abzweig kurz vor dem Ziel stehen. Denn Läufer spenden gern. Aber nur für einen guten Zweck.

Laufen mit Freude und ganz ohne Maut: Laufen und Lust - in zehn Schritten zu mehr Spaß am Leben (E-Book von Achim Achilles).

Zur Person
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.



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scheckala 22.07.2015
1. Der Sport ist nur ein Beispiel
Die Deutschen werden sich noch wundern, für was sie alles noch abkassiert werden. Die öffentlichen Kassen sind leer und der Staat ist sehr erfinderisch, was Einnahmequellen anbetrifft. Die Büchse der Pandora wurde mit der unsäglichen Haushaltsabgabe für TV/Radio geöffnet, wonach man auch als Nicht-Gerätevorhalter bezahlen muss. Die Gerichte bemühten das Zauberwort "Generalisierung" - alle haben zu zahlen. Bei der - zunächst aufgeschobenen - Maut für Autofahrer gab es schon Stimmen, jeden Bürger in die Zahlpflicht einzubeziehen. Auch Fußgänger und Radfahrer benutzen schließlich die deutsche Infrastruktur, so die Steuereintreiber. Und nun bezogen auf die Langläufer: M. W. muss jeder Läufer bei Veranstaltungen eine happige Startgebühr bezahlen. Sonst bekäme er gar keine Startnummer. Wenn der Artikel nun aber die Freizeitjogger meint, dann war das bisher in der Tat umsonst. Man musste sich keinen Verein anschließen, laufen kann man auch ohne Vereine. Und das ist diesem Staat und den Vereinsmeiern ein Dorn im Auge: Die deutsche Obrigkeit will eben jeden Bürger erfassen und ihn möglichst hoch abkassieren. Man fängt meistens mit einer kleinen Summe an, die sich nach und nach steigert. Deutschland braucht eben Geld, damit man den Euro rettet und Griechenland unterstützt. Auch die Läufer sollen im Sinne des Pastors Gauck Verantwortung übernehmen - und zahlen. Dafür laufen Sie dann für Deutschland, jeder auf seine Weise.
romeov 22.07.2015
2. Der 1. April ist doch schon längst vorbei.
Ich kann es nicht glauben, dass vernunftbegabte Menschen auf solche Ideen (Laufmaut) kommen - oder die gehören einfach in die Klapsmühle.
hello_again 22.07.2015
3.
5m vorm Ziel werden Schreibtischstuehle aufgestellt. Der Zieleinlauf muss dann "rollend" geschehen. Dann ists keine Laufveranstaltung mehr, sondern ein intermodaler Bürosportwettbewerb! Ich wuerde es toll finden, wenn auch Fluechtlinge zu Veranstaltungen eingeladen werden. Integration ueber Sport oder grundsaetlich gemeinsame Aktivitaeten ist meiner Meinung nach am besten
fatherted98 22.07.2015
4. Nur für Veranstaltungen?
...wird sicher auch bald in öffentlichen Parks und auf sonstigen Laufstrecken fällig. Jeder der sich "sportlich" bewegt wird von Ordnungskräften zur Kasse gebeten...dazu bitte auch nicht vergessen die Luft-Steuer einzuführen...einmal im Jahr zum Arzt und Lungenvolumen testen lassen...die Bestätigung beim Finanzamt einreichen und für das Volumen...Betrag X zahlen...schließlich emitieren wir alle CO2...und die Verwendung von Luft als solcher zum reinen atmen kann auf Dauer nicht kostenfrei bleiben...wer nicht zahlt bekommt die Luft halt abgedreht...
walter_e._kurtz 22.07.2015
5. Wie ist überhaupt die rechtliche Lage?
Kann jeder Bürger eine Laufveranstaltung (unter Beachtung der behördlichen Auflagen) anmelden und durchführen, oder muß das zwangsgebunden (ggf. sogar durch o.g. Auflagen) ein Verein sein, der dem DLV (bzw. einem seiner Unterverbände?) angeschlossen ist? Oder anders; wie legitimiert der DLV seine Gebühr - hat er für wirklich jede Veranstaltung ein Monopol (ggf. Versicherung)´drauf, oder verlören die Veranstalter lediglich das Prädikat "DLV-Vermessen, Zeiten gültig für Meisterschaften, Quali, etc...."? Bin zwar auch im Verein organisiert, allerdings haben mich irgendwelche Wertungen und Meisterschaften nie interessiert. Ich denke, den meisten Volksläufern geht es so...
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