Fitness nach der Geburt Unglaublich - Nordic Walking fühlt sich wie Sport an

Eine echte Läuferin macht kein Nordic Walking! Das war die feste Überzeugung von Ellen-Jane Austin. Jetzt ist sie Mutter geworden, hat erst einmal Laufverbot - und das Spazieren mit Stöcken ausprobiert.

Ellen-Jane Austin beim Nordic Walking mit Baby
Josephine Neubert

Ellen-Jane Austin beim Nordic Walking mit Baby


Keine wirbelnden Füße, kein wild pumpendes Herz. Nur ich, der graue Himmel, das Klackern meiner Stöcke auf dem Parkweg - und mein Baby. Ich bin eine Mutter beim Nordic Walking.

Obwohl ich mich seit der Geburt meiner Tochter jeden Tag fitter fühle, habe ich Angst, wieder sportlich aktiv zu werden. Die Schwangerschaft setzte mir ordentlich zu. Meine Versuche zu laufen, gab ich im fünften Monat auf, als es sich beim Training anfühlte, als wolle eine Eisenkralle meinen Unterbauch ausreißen. Jetzt fürchte ich, meine Sportlichkeit verloren zu haben.

Ich hatte recherchiert, dass ich nach sechs bis acht Wochen wieder laufen kann. Aber meine Hebamme war sehr streng in Sachen Sport: "Ein Jahr nach der Geburt nicht hüpfen und nicht joggen." Mein Beckenboden würde es mir danken, sonst drohe Inkontinenz.

Ich will gefordert werden

Sicher, ich mache brav meine Rückbildungsübungen und gehe viel spazieren. Aber das fordert mich nicht. Und danach sehne ich mich so sehr. Gefordert zu werden, von etwas, dass nicht primär mit meiner neuen Rolle als Mutter zu tun hat. Ja, ich sehne mich nach Flucht, wenn auch nur für eine kurze Weile. Ja, ich habe ein schrecklich schlechtes Gewissen deswegen.

Ich war trotz der Warnung laufen. Es war herrlich. Das Baby war beim Vater, während ich meine Runden drehte. Ich war schnell. Und keine Eisenkralle - zumindest nicht beim Lauf. Doch nur wenige Stunden später war sie wieder da, und mit ihr das Bewusstsein, dass das Laufen zumindest in der Form, in der ich es kenne und liebe, warten muss.

Theoretisch weiß ich, was für mich wirklich sinnvoll wäre - Nordic Walking. Dafür gibt es viele Gründe:

  • Es findet an der frischen Luft statt,
  • es ist Herz-Kreislauf-Training,
  • es soll eine super Ergänzung zur Rückbildung sein,
  • es trainiert angeblich fast doppelt so viele Muskelpartien wie das Laufen,
  • ich muss mein Baby dafür nicht abgeben oder einen teuren Joggingkinderwagen kaufen, weil ich es in der Trage bei mir habe,
  • das zusätzliche Gewicht des Kindes steigert den Trainingseffekt,
  • das Tragen soll auch noch gut für mein Kind sein.

Echte Läufer walken nicht!

Als Läuferin tue ich mich trotzdem damit schwer. Echte Läufer walken nicht! Nordic Walking ist Spazieren mit Stöcken - zur Tarnung, damit andere glauben oder gar man selbst denkt, man treibe Sport.

Weil man sich nicht von Vorurteilen lenken lassen soll, überwinde ich mich. Ich belege einen Kurs speziell für Mütter, die ihre Babys beim Walken tragen.

Die sportlich drahtige Kursleiterin Doreen zeigt uns wieder und wieder geduldig die richtige Technik und hat immer neue Übungen, um sie uns verständlich zu machen.

Nie hätte ich gedacht, dass das richtige Halten und Loslassen und das richtige Beugen, beziehungsweise Nicht-Beugen der Arme so anstrengend sein kann. Vor allem für mein Gehirn.

Irgendwann begreift es mein Körper, und ich merke, wie die Stocknutzung mein Tempo erhöht, ich aufrechter bin und immer schwerer atme.

Unglaublich: Nordic Walking fühlt sich wie Sport an.

Laufen ist für mich der Inbegriff von Freiheit und Einfachheit. Schuhe schnüren und los. Gerade als Mutter, die ich erst seit wenigen Monaten bin, will ich alles daran setzten, dieses Gefühl weiter in meinem Leben zu behalten - also weiter zu laufen - sobald es sich wieder gut anfühlt. Wie Kursleiterin Doreen sagte: "Ich hab ja gar nichts dagegen, dass ihr alle wieder lauft. Sollte nur nichts dabei kaputt gehen."

Die Technik muss Ellen-Jane Austin noch perfektionieren
Josephine Neubert

Die Technik muss Ellen-Jane Austin noch perfektionieren

Nordic Walking passt besser zu meinem neuen Leben

Doch die Wahrheit ist: Mein Leben ist nicht mehr so frei und einfach, wie es war. Es ist gebunden und komplex. Da ist ein kleiner Mensch, der mich braucht, wie mich noch nie ein Mensch gebraucht hat. Das ist wunderschön, bereichernd, herausfordernd - und einschränkend.

Nordic Walking passt besser zu meinem neuen Leben. Es ist langsamer und doch anstrengend. Ich komme nicht so schnell vorwärts, nehme aber die Welt anders wahr. Und ich bin nie wirklich alleine. Ob beim Sport oder in meinen Gedanken.

Mein Baby sitzt, dicht an mich gekuschelt, vor meiner Brust. Ich spüre das Gewicht, die Nähe, die Wärme. Und oft, wenn ich so gar keine Lust mehr habe, schaut sie hoch und strahlt mich an. Das Gefühl kann einem Runners High durchaus Konkurrenz machen.


Tipps vom Profi

Doreen Klinge ist postpartale Gesundheits- und Fitnesstrainerin, Nordic Walking Trainerin, Gründerin von Nordic Walking Baby Berlin und Mutter von drei Söhnen. Sie erklärt, warum Nordic Walking gerade für Schwangere und Mütter gut ist und was man beachten sollte.

Darum ist es gut für Schwangere und Mütter:

  • Der Beckenboden wird durch Nordic Walking im Vergleich zum Joggen kaum belastet und durch die Ganzkörpermuskelspannung sogar gestärkt.
  • Nordic Walking fördert die Fettverbrennung.
  • Wichtig für Wiedereinsteiger: Die Belastungen sind beim Nordic Walking sanfter und besser dosierbar als bei anderen Ausdauersportarten.
  • Muskelbeanspruchung von circa 90 Prozent: Arme (insbesondere Trizeps und Deltamuskel), Rückenmuskulatur (insbesondere Trapezmuskel und untere Schulterblattmuskulatur), Brustmuskulatur, Bauchmuskulatur und Beckenboden, Beinmuskulatur in Ober- und Unterschenkel.
Nordic Walking Baby Berlin

Darum ist es gut für das Baby:

  • Meist fühlen sich getragene Babys geborgen und beschützt, sie erhalten viel Körperkontakt. Der Geruch der Mama und ihr Herzschlag wirken außerdem beruhigend auf das Baby.
  • Das Tragen erleichtert dem Baby die körperliche Regulation. Blähungen und Schmerzen können durch die Wärme und die Bewegung vermindert werden.
  • Die schaukelnden, gleichmäßigen Bewegungen beruhigen die Babys und meist schlafen die Kleinen während der Tragerunde schnell ein.
  • Die Anhock-Spreiz-Haltung der Beine im Tuch oder in einer ergonomisch guten Trage haben eine positive Auswirkung auf eine gesunde Rücken- und Hüftentwicklung der Babys.

Das ist zu beachten:

  • Es ist wichtig, die richtige Walking-Technik zu lernen.
  • Man benötigt Stöcke und eine Tragehilfe wie eine Babytrage oder ein Tragetuch. (Die meisten Kursanbieter verleihen Stöcke, manche auch Tragehilfen)
  • Ideales Alter für die Tragekinder beim Nordic Walking: 3 Monate bis 1,5 Jahre


insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
heinrichhaine 03.04.2018
1. Unterschätzt
NW ist, richtig ausgeübt, ein super Sport, nur sollte man auf jeden Fall für den Anfang einen Kurs besuchen, denn viele unterschätzen...was man da alles falschmachen kann. Macht man es richtig, dann werden nahezu alle Muskelgruppen beansprucht.
optimist_mit_erfahrung 03.04.2018
2.
Nichts für ungut aber wer behauptet Nordic Walking sei kein Sport (bzw. sowas wie Pseudo-sport) hat es noch nie richtig gemacht oder gesehen. Wer es richtig macht hängt einen Großteil der Jogger ohne Probleme ab. Leider sieht man häufig aber nur Lieschen Müller beim Pinnewandern, das darf man aber bitte nicht mit richtigen Nordic Walking vergleichen.
irrenderstreiter 03.04.2018
3.
Ich habe noch nie verstanden, warum man sich für eine Art Sport zu treiben schämen sollte, als ginge es beim Sport darum vor anderen eine möglichst gute Figur zu machen. NW ist richtig betrieben ein guter, fordernder Sport. Ich mache beides, NW aber am liebsten in den Bergen.
hansriedl 03.04.2018
4. Nordic Walking fühlt sich wie Sport an
Ist es auch. halt nur für die ältere Generation. Der keinen Sport macht wird den Hundertsten wohl kaum erleben.
netzweb06 03.04.2018
5.
Jeder sollte den Sport ausüben, der ihm am besten liegt.
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