Pseudologia phantastica Wenn Lügen zum Zwang wird

Das kann doch nicht wahr sein! Manche Menschen lügen unbewusst, um sich in besseres Licht zu rücken. Andere verschaffen sich damit gezielt Vorteile. Mitunter wird das Schwindeln zum krankhaften Zwang. Betroffenen droht die Isolation.

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Gekreuzte Finger: Bei manchen Menschen ist das notorische Lügen Teil einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung
Corbis

Gekreuzte Finger: Bei manchen Menschen ist das notorische Lügen Teil einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung


Er habe mit Grizzlybären gerungen und mit den Indianern gekämpft. Er spreche etwa 1200 Sprachen. Und die Geschichten in seinen Romanen habe er alle selbst erlebt. Jeder Vorfall, den er beschreibe, entspreche "der Wahrheit". Das versuchte der Schriftsteller Karl May seinen Lesern ernsthaft weiszumachen. Heute weiß man: May war ein zwanghafter Lügner mit blühender Phantasie.

Lügen gehört zwar zum normalen menschlichen Verhalten, sagt Harald Freyberger, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Greifswald. "Einen Menschen, der noch nie in seinem Leben gelogen hat, gibt es nicht." Lügen sei auch nicht immer verkehrt: "Kleinere Flunkereien können helfen, die Beziehungen zu anderen Menschen zu stabilisieren."

Wenn aber jemand seinem Umfeld ständig den größten Unsinn und phantastische Geschichten auftischt, sprechen Ärzte von Pseudologia phantastica, dem krankhaften Lügen. Dafür, dass Lügen krankhaft wird, gibt es laut Freyberger verschiedene Gründe: "Oft ist das Selbstwertgefühl eines Lügners so gering, dass er es zwanghaft aufwerten muss. Er entwirft mit erdachten Geschichten ein besseres Bild von sich selbst." Das Ganze könne Teil einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sein. Wer darunter leidet, gibt sich überheblich, hat in Wahrheit aber ein Selbstwertproblem.

Lügen als Persönlichkeitsstörung

Eine zweite Gruppe von Lügnern seien jene Menschen, denen Täuschen und Betrügen keine Gewissensbisse verursacht. Das ist bei Menschen mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung der Fall: Sie haben gesellschaftliche Normen und Werte weniger verinnerlicht als psychisch Gesunde und werden häufig zu Straftätern. Als Gutachter in Gerichtsprozessen beschäftigt sich Freyberger viel mit den Lügen von Kriminellen: "60 Prozent von ihnen behaupten nach einem Verbrechen, sie könnten sich an die Tat nicht erinnern", sagt er.

Je nach Ursache richtet sich auch die Methode, mit der Psychiater und Psychologen Lügner behandeln. Sie versuchen entweder, deren Selbstwertgefühl zu steigern - die Patienten sollen lernen, dass sie auch ohne zu täuschen von anderen Menschen gemocht werden. Oder sie bemühen sich, deren Gewissensinstanz zu stärken.

Von krankhaftem Verhalten spricht man in der Regel dann, wenn jemand so massiv schwindelt, dass er sich oder anderen dadurch schadet. Der Übergang vom normalen zum krankhaften Lügen sei allerdings fließend, sagt Freyberger. Auch die Motive sind dabei die gleichen: Egal ob jemand einfach im Alltag viel lügt oder es Teil einer Persönlichkeitsstörung ist - wie bei fast allen extremen Lügnern. Bei den einen steckt das unbewusste Bedürfnis sich aufzuwerten dahinter. Die anderen setzen Lügen ganz bewusst ein, um sich Vorteile zu verschaffen. Ihnen mangelt es schlichtweg an Unrechtsbewusstsein und Sozialkompetenz.

In manchen Phasen wird mehr gelogen

Freyberger geht von etwa fünf bis sechs Prozent extremen Lügnern in der Bevölkerung aus. Eine Einschätzung, die unter anderem eine neue Studie der Universität Amsterdam bestätigt. Demnach werden mindestens 40 Prozent aller Unwahrheiten von nur fünf Prozent der Bevölkerung erzählt.

Es gebe auch Phasen im Leben, in denen wir alle besonders viel lügen. In der Zeit des Erwachsenwerdens etwa, in der wir uns stark mit anderen vergleichen und messen. Auch wenn es um die ersten beruflichen Erfolge geht, würden viele versuchen, sich durch Flunkern in ein besseres Licht zu setzen. Freyberger erlebte das vor kurzem in seinem privaten Umfeld: Er traf einen alten Studienkollegen wieder, der mit seiner Karriere prahlte. "Es kam mir seltsam vor und ich prüfte das über das Internet nach. Es war alles gelogen", sagt er.

In der Arbeitswelt ist Lügen einfacher

Lügen, die den Beruf betreffen, werden jedoch nicht immer entdeckt. Das zeigen Beispiele berühmter Hochstapler. Wer schummelt und täuscht, sei in der modernen Arbeitswelt oft sogar besonders erfolgreich, sagt Petra Garlipp, Psychiaterin und Neurologin an der medizinischen Hochschule Hannover. "Viele notorische Lügner haben irgendwann einfach gemerkt, dass sie damit besser durchs Leben kommen. Das ist auch ein gesellschaftliches Problem."

Im privaten Bereich führe Lügen hingegen schnell in die Isolation. Professionelle Hilfe suchen Betroffene dann meist aus anderen Gründen: Weil ihre Beziehungen zu anderen Menschen zerbrechen, sie an Süchten oder Depressionen leiden. Garlipp erzählt von einem depressiven Patienten, der neben seiner Persönlichkeitsstörung an Pseudologia phantastica litt. Er gab sogar zu, im Alltag ständig zu lügen: Beispielsweise habe er seiner Familie vorgeschwindelt, er leide an einem Gehirntumor. Auch seiner Psychiaterin gegenüber war er nicht ehrlich. "Ein klassisches Problem im psychiatrischen Alltag", sagt Garlipp.

Auch Freyberger als Gutachter kann nie zu hundert Prozent sicher sein, ob jemand die Wahrheit sagt. Für den Alltag rät er, auf die eigene Intuition zu vertrauen: "Wenn uns jemand belügt, löst das üblicherweise ein komisches Gefühl bei uns aus."



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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Loddarithmus 20.03.2014
1. Danke!
Jetzt verstehe ich unsere Politiker viel besser.
Bernie59 20.03.2014
2. Die Politiker nicht vergessen
Zu den professionellsten Lügnern der Gesellschaft gehören die Politiker. Sie schaden mit ihren Lügen der ehrlichen Gesellschaft. Beispiele der letzten Tage gefällig? Mindestlohn für alle, Haftung ESM, Genmais, NATO Osterweiterung und und und. Oder die Großkopferten: 3,5 Mio hinterzogen, das war aber nur 1% der Lüge. Lügen ist leider Gesellschaftlich etabliert und die Hemmschwelle sinkt von Tag zu Tag bei uns allen. Schließlich müssen wir ja überleben. Wer ehrlich ist wird bestraft. Fragen sie mal einen aufrichtigen ALG2 Bezieher. Das wars mit der Moral. Schöne Tag noch und das war wirklich ehrlich gemeint.
schulkrankenpfleger 20.03.2014
3. Muss man wissen
Da hat wohl jemand das "Stoll Buch" von Bartoschek und Waschkau gelesen?
tsitsinotis 20.03.2014
4. Und wieviele von diesen 5%
sind Politiker?
Butenkieler 20.03.2014
5. Geschäftsleute!
Bei allem was uns irgendwie komisch vorkommt muß nur überlegt werden: wem nutzt es! Da brauchen wir uns nur die Bankiers und Vorstandsvorsitzenden ansehen. Wieviel Geld diese angeblich verdienen, und bekommen. Wessen Geld? Unseres. Lügen scheinen sich dann doch zu lohnen. Oder?
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