Personalisierte Ernährung Essen, was dem Erbgut schmeckt

Eine DNA-Analyse genügt - schon lässt sich der perfekte, individuelle Ernährungsplan zusammenstellen. Reine Vision? Wenn es nach Forschern und Lebensmittelkonzernen geht, entscheiden bald unsere Gene darüber, was auf dem Teller landet.

Nachtisch mit Erdbeeren und Rhabarber: "Akzeptanz für Ernährungsempfehlungen ist größer, wenn diese personalisiert sind"
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Nachtisch mit Erdbeeren und Rhabarber: "Akzeptanz für Ernährungsempfehlungen ist größer, wenn diese personalisiert sind"

Von Mareile Jenß


Fortan essen wir nicht mehr, wonach uns gelüstet, sondern was unser Genprofil diktiert. Klingt abstrus, könnte aber wahr werden. Schon vor Jahren begann in den Köpfen vieler Wissenschaftler die Idee der personalisierten Ernährung zu reifen. Inzwischen arbeiten ganze Abteilungen im Bereich der Nutrigenomik und erforschen die Wechselbeziehungen zwischen Ernährung und Erbgut.

Große Hoffnungen knüpfen sich an die noch junge Disziplin: Krankheiten wie Übergewicht, Diabetes-Typ-2 oder Herz-Kreislauf-Beschwerden sollen verhindert und Mangelerscheinungen entgegengewirkt werden. Nicht nur die Wissenschaft, auch die Industrie hat sich der Nutrigenomik verschrieben. Konzerne wie BASF investieren bereits seit Jahren in die Forschung auf diesem Gebiet.

Zwar sind Lebensmittel- und Ernährungsempfehlungen auf DNA-Basis noch Zukunftsmusik. Doch die ist laut genug, um von der Politik gehört zu werden: 2011 rief die EU das Projekt Food4Me ins Leben, um herauszufinden, wie empfänglich Verbraucher für personalisierte Ernährung sind. Rund 1500 Probanden wurden dazu rekrutiert. Sie gaben Blut- und Speichelproben ab, beantworteten Fragen zu ihren Essgewohnheiten und trugen einen Sensor, der ihre körperliche Aktivität misst. Auf Basis der erhobenen Daten bekamen sie individuelle Ernährungstipps.

Verbraucher wünschen sich personalisierte Ernährungstipps

Hannelore Daniel, Leiterin des Lehrstuhls für Ernährungsphysiologie an der Technischen Universität München (TUM), betreut das Projekt. Fragt man sie nach den Chancen der Nutrigenomik, sagt sie: "Die Akzeptanz für Ernährungsempfehlungen ist größer, wenn diese personalisiert sind." Vor allem bei der Therapie von Übergewicht spiele das eine wichtige Rolle.

Personalisierte Diätmodelle wie Metabolic Balance oder Blutgruppendiäten sind zwar umstritten, weil wissenschaftliche Beweise fehlen. Dennoch sind sie beliebt, weil sie Abnehmwilligen keine allgemeine Doktrin auferlegen und ihre persönlichen Essgewohnheiten berücksichtigt werden. "Das ist Anreiz und Ansporn zugleich", sagt Daniel.

Auch die ersten Zwischenergebnisse der Food4Me-Studie zeigen, dass das Konzept Anklang findet. "Die Teilnehmer freuen sich darüber, dass sie abnehmen, obwohl das nicht das primäre Ziel ist", sagt Daniel.

"Entscheiden Sie sich für gesündere Fette"

Wie funktioniert eine Ernährung nach genetischem Maß? Das lässt sich anhand eines Beispiels veranschaulichen: Das Eiweiß Apolipoprotein E (ApoE) spielt beim Cholesterin- und Fettstoffwechsel eine Rolle und kommt in drei Genvarianten vor: ApoE2, E3 und E4. Letztere bewirkt einen hohen Cholesterinspiegel im Blut und kann das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigern. Weiß ein Mensch, dass er ApoE4-Träger ist, könnte er dem Risiko etwa mit cholesterinarmen Lebensmitteln und reichlich ungesättigten Fettsäuren vorbeugen.

"Die Empfehlung für ApoE4-Genvariantenträger ist abhängig von deren Blutcholesterinwert und der Aufnahme gesättigter Fette", sagt Silvia Kolossa, Doktorandin bei Food4Me. Für Personen mit ApoE4 und leicht erhöhten Cholesterinwerten, die viele gesättigte Fette verzehren, laute die Food4Me-Empfehlung: "Tauschen Sie verarbeitete Fleischprodukte wie Burger oder Würstchen gegen mageres Fleisch wie Hähnchenbrust. Entscheiden Sie sich für Lebensmittel mit gesünderen Fetten wie Meeresfisch."

Bedenken, dass Personen sich nur noch einseitig ernähren könnten, wiegelt Hannelore Daniel ab. Gleichwohl dürfe man die Verbraucher mit den Ergebnissen ihrer genetischen Profile nicht alleinlassen. "Die Frage ist, welche Schlüsse aus den Informationen über die DNA gezogen werden", sagt sie. "Das ist letztlich nicht nur eine Frage für die Diätberatung, sondern auch für die Ethik."

Ernährungsweise kann sich im Erbgut manifestieren

Gehören Adipositas, Diabetes und Co. also bald der Vergangenheit an, wenn wir essen, was den Genen schmeckt? "Eher nicht", sagt Sascha Sauer vom Max-Planck-Institut für Molekulare Genetik in Berlin. Das hohe Vorkommen von Adipositas und Typ-2-Diabetes sei vor allem auf den Lebensstil zurückzuführen. Kalorienreiches Essen, mangelnde Bewegung oder noch unbekannte Umwelteinflüsse würden sehr wahrscheinlich schwerer wiegen als Faktoren wie "schlechte" Gene.

Um all diese Mechanismen besser zu verstehen, steht noch viel Grundlagenforschung an. Zudem fehlen wissenschaftliche Beweise dafür, dass genetische Ernährungsempfehlungen und Präventionsmaßnahmen tatsächlich wirksam wären. Die Food4Me-Studie soll Antworten darauf geben, wie solche Empfehlungen verantwortungsbewusst umgesetzt werden können - und welche Möglichkeiten und Grenzen eine Kommerzialisierung hätte.



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insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
marina@spiegel 17.02.2014
1. Riskant...
Davon abgesehen, ob das ganze gesundheitlich etwas bringt oder nicht, besteht bei solch einer Genanalyse immer die Gefahr, dass man später bei Abschluss von Versicherungen Ärger bekommen kann bzw. sehr hohe Beiträge zahlen muss. Verschweigt man die Diagnose und es kommt später heraus - kann sich die Versicherung vor Zahlung drücken. Wer in frühen Jahren bestimmte Diagnosen bekommt (obwohl die Krankheit noch gar nicht ausgebrochen ist), wird diese vermutlich sein Leben lang nicht mehr vergessen und sie schwebt wie ein Damoklesschwert ständig über ihm und das Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeihung schafft es dann sicherlich, die Diagnose auch zu bestätigen....
F.Siegert 17.02.2014
2.
Stimmt, meine Gene entscheiden was mir schmeckt und auf den Teller kommt - die die für meinen Gaumen und Nase verantwortlich sind. Sonst niemand.
hr_schmeiss 17.02.2014
3. ..au weia...
Zitat von sysopDPAEine DNA-Analyse genügt - schon lässt sich der perfekte, individuelle Ernährungsplan zusammenstellen. Reine Vision? Wenn es nach Forschern und Lebensmittelkonzernen geht, entscheiden bald unsere Gene darüber, was auf dem Teller landet. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/nutrigenomik-und-individuelle-ernaehrung-essen-was-den-genen-schmeckt-a-936842.html
Der leidige Leib-Seele-Dualismus scheint einige Schnorralisten immer noch hoffnungslos zu überfordern. Ohne nun in die Tiefe zu gehen, wir sind schliesslich im Spon hier: Wenn es nach den Konzernen geht - dann sind es zunächst mal die, die entscheiden.
Finnland55 17.02.2014
4. Auf den Körper hören
Der sagt einem nämlich, was ihm gut tut und was nicht. Und gerade für die genannten Volkskrankheiten mit Herzproblemen, Diabetes und Übergewicht gibt es doch immer mehr Studienergebnisse, die einen viel wichtigeren Faktor als Ernährung ausweisen: Bewegung, Bewegung, Bewegung.
SchnurzelPuPu 17.02.2014
5. Ich will so bleiben wie ich will
Und nicht so werden, wie die BASF es will. So ein Schmarrn. Es gibt in Deutschland zu viele Akademiker. Essen was schmeckt und vorher Geschmackserlebnisse zugefügt bekommen. Das reicht. Wer isst schon Hamburger, wenn er mal was Gutes gegessen hat?
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