Obst und Gemüse Forscher rütteln am "5 am Tag"-Dogma

Täglich fünf Portionen Obst und Gemüse - so lautet die gängige Empfehlung. Doch laut einer Studie wären größere Mengen sogar noch besser, um das Risiko für Krebs und Herzerkrankungen zu senken. Mit einer Einschränkung.

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Gemüsestand in Mailand, Italien: Salat und Gemüse erschienen in der Studie besonders empfehlenswert
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Gemüsestand in Mailand, Italien: Salat und Gemüse erschienen in der Studie besonders empfehlenswert


"5 am Tag" - dazu rät die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE). Gemeint sind damit fünf Portionen Obst und Gemüse, also grob fünf Handvoll. Wem Zahlen lieber sind: Mindestens 400 Gramm Gemüse und 250 Gramm Obst pro Tag sollten es laut DGE der Gesundheit zuliebe sein.

In vielen Ländern, darunter Großbritannien, gibt es ähnliche Empfehlungen. Diese beruhen auf älteren Beobachtungsstudien, in denen sich zeigte, dass eine Ernährung an Obst und Gemüse reiche Ernährung vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt.

Eine neuere Untersuchung aus Großbritannien kommt aber jetzt zum Schluss: Fünf Portionen sind gar nicht die beste Empfehlung. Vielmehr seien sieben Portionen, das berichtet das Team um Oyinlola Oyebode vom University College London im "Journal of Epidemiology and Community Health", mit einem noch größeren Schutzeffekt verknüpft.

Zwar können die Resultate nicht eindeutig beweisen, dass die Ernährung für die gesunkene Sterblichkeit verantwortlich ist - was in der Natur von Beobachtungsstudien liegt (siehe Kasten). Doch die Studiendaten legen nahe, es anzunehmen.

Ernährungsstudien
Allgemeines
Studien in der Ernährungsforschung können nach unterschiedlichen Kriterien eingeteilt werden: zeitlich, nach Zielen oder der Art der Einflussnahme. Bei retrospektiven Studien untersuchen die Forscher Material, das bereits zu Beginn der Studie vorliegt. Das können zum Beispiel Daten aus Untersuchungsbefunden oder Testergebnissen sein. Demgegenüber entstehen bei prospektiven Studien die Daten erst, nachdem die Studie begonnen hat. Experimentelle Studien sind grundsätzlich prospektiv, während Beobachtungsstudien sowohl prospektiv als auch retrospektiv sein können.
Was sind Beobachtungsstudien?
Beobachtungsstudien wie etwa Kohorten- oder Fall-Kontroll-Studien sind nicht-experimentelle Studiendesigns, bei denen seitens der Forscher keine Intervention in den Behandlungsablauf stattfindet. Das heißt: Die Probanden werden über den Untersuchungszeitraum hinweg unter natürlichen Bedingungen ausschließlich beobachtet. Experimente oder Untersuchungen, bei denen die Teilnehmer einer sogenannten Interventionsgruppe oder Kontrollgruppe zugewiesen werden, finden nicht statt.
Im Fokus der Beobachtung steht dabei ein bestimmtes Merkmal, das von Interesse ist, wie etwa ein bestimmtes Ernähungsverhalten. Die Beobachtung kann prospektiv (Kohortenstudie) oder retrospektiv (Fall-Kontroll-Studie) erfolgen.
Vorteil von Beobachtungsstudien: Sie lassen sich auf den Alltag übertragen, da die Probanden in einer natürlichen Situation beobachtet werden - ohne dass sie ihr Verhalten oder ihre Gewohnheiten bewusst verändern, wie es etwa unter Laborbedingungen der Fall ist.
Nachteil von Beobachtungsstudien: Sie sind in ihrer Aussagekraft stets eingeschränkt, da eben keine Intervention stattgefunden hat und Ergebnisse dadurch verzerrt sein können. Irritierende Einflussgrößen können unbemerkt zu Beziehungen zwischen einem Faktor und dem Ergebnis führen. Stichhaltige Aussagen über Ursache-Wirkung-Beziehungen können somit nicht auf Basis von Beobachtungsstudien getroffen werden. Aufgrund der möglichen Fehlerquellen liefern Beobachtungsstudien daher eine geringere empirische Nachweisbarkeit (Evidenz) als experimentelle Studien.
Notwendig sind diese Studien dennoch, da sie einen vorläufigen Nachweis liefern, der als Grundlage für weitere Hypothesen dient. Diese können anschließend in experimentellen Studien überprüft werden.
Was sind Interventionsstudien?
Bei Interventionsstudien handelt es sich immer um prospektive Studien: Ähnlich einer prospektiven Kohortenstudie werden die Probanden im Laufe einer bestimmten Zeitspanne untersucht, um die Auswirkungen einer bestimmten Intervention zu messen - zum Beispiel den Einfluss von einer olivenölreichen Ernährung auf das Risiko einer bestimmten Volkskrankheit wie Diabetes.
Die Probanden werden dafür zu Beginn der Studie in verschiedene Interventionsgruppen sowie eine Kontrollgruppe eingeteilt. Bei einer oder mehreren Gruppen wird im Studienverlauf aktiv interveniert (die Probanden müssen beispielsweise täglich eine bestimmte Menge Olivenöl zu sich nehmen), während eine Kontrollgruppe von der Intervention ausgeklammert wird.
Die Einteilung in die verschiedenen Interventionsgruppen erfolgt in der Regel zufällig. Es ist daher auch von randomisierten, kontrollierten Studien die Rede. Oft werden experimentelle Studiendesigns dann herangezogen, wenn eine Hypothese als Ergebnis einer Beobachtungsstudie überprüft werden soll.
Interessenkonflikte
Interessenkonflikte bezeichnen Situationen, in denen das professionelle Urteilsvermögen oder Handeln von Wissenschaftlern durch sogenannte sekundäre Interessen beeinflusst sein könnte. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn ein Mediziner Honorare von einer Pharmafirma erhält (sekundäres Interesse) und anschließend in einer Studie die Qualität eines Medikaments der Firma bewerten soll (primäres Interesse).
Ein Interessenkonflikt besteht nicht erst im Falle eines Fehlverhaltens der Forscher, sondern liegt vor, sobald primäre und sekundäre Interessen miteinander konkurrieren. Dies bedeutet noch nicht, dass sich die Situation per se negativ auf sein Urteilsvermögen oder seine Integrität auswirkt, sondern stellte lediglich das Risiko dafür dar.
Wissenschaftlern ist nicht jede Beziehung zu Industrie und Wirtschaft grundsätzlich vorzuwerfen. In vielen Bereichen, etwa bei der Entwicklung neuer Medikamente, ist ein Austausch zwischen Forschern und Unternehmen sogar erstrebenswert und erforderlich, damit Studien zustande kommen und unter bestmöglichen Bedingungen stattfinden können.
Problematisch sind finanzielle Beziehungen zwischen Forschung und Wirtschaft immer dann, wenn Wissenschaftler Zuwendungen entgegennehmen, ohne eine fachliche Gegenleistung zu erbringen. Dazu gehört zum Beispiel die Übernahme von Reisekosten zu Kongressen. Entscheidend ist auch, wie die Wissenschaftler selbst mit Interessenkonflikten umgehen und ob sie diese offenlegen. Die Offenlegung von Interessenkonflikten ist bisher nicht einheitlich geregelt, wird aber von vielen renommierten Fachmagazinen gefordert.

Dosenfrüchte oder Salat?

Die Forscher befragten gut 65.200 Teilnehmer. Sie ermittelten dabei Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index (BMI) und den Bildungsgrad. Zudem fragten sie nach körperlicher Aktivität sowie Zigaretten- und Alkoholkonsum. Und sie fragten, wie viel und welche Art von Obst und Gemüse die Menschen am Tag zuvor gegessen hatten (Gemüse / frisches Obst / gefrorenes oder Dosenobst / Dörrobst / Hülsenfrüchte / Fruchtsaft oder Smoothies). Das Durchschnittsalter lag zu Beginn der Studie bei knapp 57 Jahren, es nahmen etwas mehr Frauen (56 Prozent) teil als Männer. Im Schnitt aßen sie 3,8 Portionen Obst und Gemüse pro Tag.

Durchschnittlich über knapp acht Jahre verfolgten die Wissenschaftler, ob jemand der Befragten starb. Insgesamt kamen 4399 der Studienteilnehmer ums Leben, das entspricht 6,7 Prozent. In der Gruppe, die am Tag weniger als eine Portion Grünzeug aß, lag die Sterblichkeit bei 8,2 Prozent. In der Gruppe mit dem höchsten Obst- und Gemüsekonsum (sieben Portionen und mehr) lag sie bei 4,1 Prozent.

Bei der Berechnung des relativen Risikos berücksichtigten die Forscher auch noch die anderen erfragten Faktoren mit ein. Menschen, die Gemüse meiden, pflegen in der Regel einen anderen Lebensstil als Gemüsefans. Unter anderem sinkt etwa der Anteil der Raucher mit steigendem Obst- und Gemüsekonsum. Sämtliche Faktoren mit einberechnet, kamen die Mediziner zu dem Fazit: Jene Probanden, die sieben oder mehr Portionen Grünzeug verzehrten, hatten innerhalb des Studienzeitraums ein um 42 Prozent niedrigeres Sterberisiko, als jene, die weniger davon verzehrten.

Dabei war der Verzehr von Gemüse und Salat stärker mit geringeren Todesraten verknüpft als das Essen von Obst. Der Konsum von gefrorenen oder Dosenfrüchten, die in eine Kategorie zusammengefasst wurden, ging dagegen mit einer leicht erhöhten Sterblichkeitsrate einher.

Fruchtsäfte, Smoothies und Co. ausgeschlossen

"Das könnte den schädlichen Einfluss von zugesetztem Zucker in Dosenfrüchten widerspiegeln", schreiben Chris Kypridemos von der University of Liverpool und zwei Kollegen in einem Kommentar im "Journal of Epidemiology and Community Health" . Dosenfrüchte, Trockenobst, Smoothies und Fruchtsäfte enthalten demnach relativ viel Zucker. Würde man die fünf täglichen Portionen allein aus diesen Lebensmitteln bestreiten, hätte man damit mehr Zucker aufgenommen, als mit einem halben Liter Cola, rechnen die Forscher vor. Die Studie, so die Meinung der Mediziner, unterstütze die Ansicht, dass man Fruchtsaft nicht mehr einbeziehen sollte, wenn es um die fünf Tagesportionen Obst und Gemüse geht.

Oyebode und Kolleginnen sind etwas zurückhaltender. Dass der Verzehr von Dosenfrüchten mit einer erhöhten Sterblichkeit einherging, könnte an anderen Faktoren liegen, die in der Studie nicht ermittelt wurden. Zum Beispiel sei es denkbar, dass Menschen, die insgesamt wenig freie Zeit zur Verfügung haben - und damit auch mehr Stress -, eher zu Dosenfrüchten greifen als zu frischem Obst.

Damit wäre man bei einem Hauptproblem von "5 am Tag": Dass es gesünder ist, mehr Obst und Gemüse zu essen als Burger und Co., wissen wohl die meisten. Aber vor allem fehlende Zeit, höhere Kosten sowie zum Teil auch mangelnde Motivation führen dazu, dass Menschen seltener zu Obst und Gemüse greifen, als empfohlen wird. Die von Kypridemos und Kollegen gestellte Frage, ob man "5 am Tag" vielleicht bald in "10 am Tag" umwandeln könnte, hilft leider nicht weiter, diese Hindernisse zu überwinden.

Die (Bio)-Chemie im Essen

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insgesamt 137 Beiträge
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Seite 1
michibln 31.03.2014
1. Wissenschaftlich stehen alle diese Aussagen...
...auf sehr wackeligen Beinen. Ich würde das alles nicht so ernst nehmen und einfach essen worauf man Lust hat. Der eigene Körper ist immer noch der bessere Ratgeber als irgendwelche Ernährungs"forscher", die auch nur irgendwelchen Trends hinterherrennen.
Der-Gande 31.03.2014
2. Finde ich gut!
7 Portionen Gemüse? Und wann soll ich arbeiten? Und zum Schluß werde ich auch sterben.. Nun lasst mir doch mein Essen essen. Jeden Tag neue Vorschläge, das nervt.
stardustcreator 01.04.2014
3. Überall ist Zucker (fast)
Zitat von sysopREUTERSTäglich fünf Portionen Obst und Gemüse - so lautet die gängige Empfehlung. Doch laut einer Studie wären größere Mengen sogar noch besser, um das Risiko für Krebs und Herzerkrankungen zu senken. Mit einer Einschränkung. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/obst-und-gemuese-in-der-ernaehrung-kritik-am-5-am-tag-dogma-a-961273.html
Fast alles ist heutzutage mit Zucker vollgepancht. Gurken im Glas liegen z.b. immer in Zuckerwasser, dass wissen die Meisten gar nicht. Bei Kinderprodukten ist es noch schlimmer. Ich gucke daher gerne mal Produkttest Videos wo auch auf den Zuckergehalt eingegangen wird wie hier https://www.youtube.com/watch?v=VI5bDtYFhe0 . Guckt immer auf die Zutatenliste, was als erstes draufsteht ist am meisten drin!!!
Binideppert? 01.04.2014
4. Vielleicht...
...darf es noch ein bisschen mehr sein? Dann wird man unsterblich! Hört endlich mit diesem Schwachsinn auf! Bei der Ernährung lassen sich keine epidemiologischen Studien durchführen wie bei Arzneimitteln. Aber nur diese sind einigermaßen verlässlich. Außer es sind "Statistiker" am Werk, die von einem 100% höheren Risiko schwafeln, wenn ein Wert statt bei 0,1% bei 0,2% liegt.
systembolaget 01.04.2014
5. 5, 7 bald 10 x Gemüse und Obst...
…bis wir wie Hasen oder Goldhamster den ganzen Tag mümmeld im Wohnkäfig hocken. Schöne Aussichten - wer macht dann die Arbeit?
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