Hindernisläufer Charles Franzke "Einen Marathon würde ich nur spaßeshalber laufen"

Charles "Pferdelunge" Franzke wurde schon als "Härtester Kerl der Welt" bezeichnet. Der Obstacle Racer liebt den Kick. Ein Interview über Lieblingshindernisse, Ohnmacht auf dem Seil und olympische Träume.

James Appelton

Ein Interview von


Zur Person
  • Alexandre Buisse
    Charles "Pferdelunge" Franzke, Jahrgang 1992, studiert Sportmanagement in Jena. 2012 war es sein Vater, der ihn zu seinem ersten Hindernislauf überredete. 2014 gewann er das renommierte Tough Guy Rennen in England. Heute gilt er als der beste Hindernisläufer Deutschlands und will bald nach dem WM-Titel greifen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Franzke, stehen Sie auf Matsch?

Franzke: Er stört mich nicht mehr. Ich mag es, beim Rennen durch kniehohen Matsch zu waten oder zu robben. Wenn ich an den Start gehe, ist mir alles egal. Ich schalte mein Gehirn ab und laufe.

SPIEGEL ONLINE: Augen, Haar, Mund, Unterhose - wo nervt der Schlamm am meisten?

Franzke: Dreck in den Augen ist super unangenehm, aber da kannst du nichts gegen machen. Genauso ist es manchmal problematisch, wenn der Matsch Steine in den Schuh trägt.

SPIEGEL ONLINE: Und wie lange brauchen Sie, um den Dreck wieder abzuduschen?

Franzke: Im Ziel gibt es Duschen, wo ich mich direkt grob abdusche und meine Sachen schon mal durchspüle. Zu Hause muss ich dann noch zwei- bis dreimal mit Shampoo ran. Das Problem ist eher der Stacheldraht, der das T-Shirt am Rücken durchlöchert und die Haut zerkratzt. Aber damit muss man leben.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihr Lieblingshindernis?

Franzke: Ich bin ein Fan von vielen technischen Hindernissen: Hangeln mag ich sehr und auch Aufgaben, bei denen man Sandsäcke oder Baumstämme tragen muss. Es gibt Streckenposten, die einem Strafen aufbrummen, wenn man ein Hindernis nicht schafft. Beim Spartan Race muss man 30 Burpees absolvieren - das macht einen echt fertig. Schafft man die Strafen nicht, ist man raus.

SPIEGEL ONLINE: Hört sich nach Drill an, der Sport kommt ja ursprünglich aus dem Militär.

Franzke: Damit hat er aber nicht mehr viel zu tun. Der Großteil der Teilnehmer läuft nur zum Spaß: Wann hat man schon mal die Möglichkeit, aus seinem sauberen Umfeld herauszukommen und sich so richtig im Dreck zu wälzen?

SPIEGEL ONLINE: Ist Hindernislauf nicht ein wenig kindisch?

Franzke: Wir sagen Obstacle Racing - und der Sport ist echt hart: Auf einer Laufstrecke von 5 bis 100 Kilometern hat man in bestimmten Abständen verschiedene Hindernisse zu bewältigen: Holzwände, Wassergräben, Hangelhindernisse oder Netze, unter denen man durchkriechen muss. 40 Hindernisse auf acht Kilometern, das schafft nicht jeder.

SPIEGEL ONLINE: Mussten Sie schon mal aufgeben?

Franzke: Ein einziges Mal: Letzten Januar beim Tough Guy Race in England. Das Rennen gilt als das härteste der Welt. Dort war es so extrem kalt, dass ich in Ohnmacht fiel, als ich gerade auf einem Seil balancierte. Ich plumpste ins Wasser und ein Rettungsschwimmer fischte mich heraus. Aus Sicherheitsgründen durfte ich dann nicht mehr weitermachen. Es gibt aber nicht mehr Unfälle beim Obstacle Racing als bei anderen Sportarten.

SPIEGEL ONLINE: Sie laufen sprichwörtlich bis zum Umfallen. Mit Verlaub: Das klingt nicht gerade nach Sinn und Verstand.

Franzke: Ach, die Leiden und Qualen merkt man beim Rennen kaum, weil man voll Adrenalin ist. Hinterher braucht man dafür ein paar Tage bis man die Treppen wieder hoch- und runterlaufen kann (lacht). Ich finde, man muss auch mal Schmerzen spüren, damit man weiß, dass man am Leben ist.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt doch genug Sportarten, bei denen man sich lebendig fühlt und dafür nicht umkippt.

Franzke: Man muss es ja nicht so übertreiben, wie ich. Ich liebe die Extreme und die heftigen Rennen im Winter. Danach ist das Gefühl noch intensiver als nach normalen Obstacle-Läufen. Hindernislauf ist einfach toll, weil er immer wieder eine neue andersartige Herausforderung ist. Man kommt nie in einen Trott rein, alles bleibt unberechenbar: Das sind die entscheidenden Reize für mich.

SPIEGEL ONLINE: Sie können nicht mehr normal?

Franzke: Ich suche einfach immer den Kick - deshalb mache ich Obstacle Racing und nicht Straßenläufe. Man muss sich selbst quälen können und braucht vor allem einen starken Willen. Einen Marathon würde ich nur spaßeshalber mal laufen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also ein Andrenalinjunkie - klingt ungesund.

Franzke: Bei der Spartan Race WM in Lake Tahoe vergangenes Jahr rannten wir die gesamten 24 Kilometer auf über 2000 Meter Höhe, mit einem Höhenanstieg von 1000 Meter, dazu die Hindernisse. Das hat mich echt an meine Grenzen gebracht und ich habe mich letztendlich ins Ziel geschleppt.

SPIEGEL ONLINE: Stichwort große Rennen: Wohin führt der Hindernislauf-Boom?

Franzke: Während es 2012 in Deutschland nur acht Rennen gab, kann man heute bereits über 100 mitmachen. Der Sport befindet sich momentan im Umbruch, professionelle Ligen bilden sich heraus und große Läufe verdrängen kleinere. Eine Nationalmannschaft gibt es zwar noch nicht. Aber das Spartan Race hat bereits Leute vom IOC vor Ort gehabt, weil der Sport bis 2024 olympisch werden soll. Die Olympischen Spiele sind für jeden Sportler ein absoluter Traum und ich hoffe, dass ich dann noch ordentlich fit bin.



insgesamt 3 Beiträge
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Newspeak 20.08.2016
1. ...
Warum eigentlich muß man aus jeder Beschäftigung, ob sie sinnvoll ist, oder nicht, gleich einen Verein machen, gleich Ligen gründen, und alles regulieren und institutionalisieren. Es ist so langweilig.
Worldwatch 20.08.2016
2. Jedem Tierchen ...
... sin Plaesierchen, oder suum qique.
schlipsmuffel 20.08.2016
3.
Zitat von Worldwatch... sin Plaesierchen, oder suum qique.
Im kleinen Stowasser steht die richtige Schreibweise! Schlimm, wie man sich blamieren kann!
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