Kugelstoßen mit Birgit Kober "Nimm die Hüfte mit"

Kugelstoßerin Birgit Kober sitzt im Rollstuhl. Doch bei den Paralympics in Rio will sie im Stehen starten - und ihre Goldmedaille verteidigen. Anna Achilles hat die Sportlerin getroffen.

Anna Achilles und Birgit Kober
Max Hofstetter

Anna Achilles und Birgit Kober


An einer abgeschiedenen Sandgrube im Münchner Olympiapark versucht Birgit Kober, mir die Technik des Kugelstoßens näher zu bringen. Dabei wollte ich eigentlich nur nett plaudern. Stattdessen wuchte ich gerade Kugel um Kugel in die Sandgrube. Wenn ich stoße, brüllt sie: "Nimm die Hüfte mit" oder "Nicht werfen, sondern stoßen". Das schreit die 45-Jährige so laut, dass man meinen könnte, sie wolle mich für einen Wettkampf fit machen. Dabei startet sie bei den Paralympics in Rio, nicht ich.

Kober wurde als Teenager schwerhörig, dann kamen epileptische Anfälle hinzu. Ihr Studium unterbrach sie, um sich um ihre krebskranke Mutter zu kümmern. Mit 35 Jahren schürfte sie sich im Urlaub das Bein auf. Eigentlich eine Lappalie, doch die Wunde entzündete sich. Im Krankenhaus verschrieb sich eine Krankenpflegerin bei der Dosierung eines Medikamentes. Kobers Leben konnte gerettet werden, doch zurück blieb eine Schädigung des Kleinhirns. Seitdem sitzt sie im Rollstuhl. Arme und Beine kann sie nicht richtig steuern. Ihre Feinmotorik ist gestört. Einen Schlüssel ins Schloss zu stecken oder Schuhe zuzubinden - für sie eine Herausforderung.

Auf meine Frage, wie man mit so vielen Schicksalsschlägen klar kommt, schluckt Birgit Kober kurz und antwortet: "Der Sport ist mein Motor." Sie braucht die Herausforderung. Ohne Sport würde ihr der Antrieb fehlen.

Die Frauenkugel wiegt vier Kilo

Trotz Pädagogikstudiums findet Kober keinen Job. Das Training strukturiert ihren Alltag. Jeden Morgen steht sie auf und treibt Sport. Weil das so anstrengend ist, bereitet sie sich schon vorher Abendessen zu. "Es gibt Tage, da bin ich so fertig, dass ich mir nicht mal mehr ein Butterbrot schmieren könnte", sagt sie.

Birgit Kober
Max Hofstetter

Birgit Kober

Als ich Birgit Kober treffe, drückt sie mir zur Begrüßung eine so schwere Kugel in die rechte Hand, dass mein Arm nach unten fällt. "7,5 Kilo", sagt sie und deutet auf die Kugel, die ich mit beiden Händen gegen meinen Bauch drücke, weil ich sie anders nicht halten kann. "Keine Sorge, damit stoßen nur die Männer." Dann schmunzelt sie: "Du kriegst eine leichtere."

Gemeint ist die Frauenkugel, die nur vier Kilo wiegt. Nur vier Kilo. Auch nicht ohne. Birgit Kober will mir zeigen, wie man richtig stößt. Dafür hebt sie sich langsam aus dem Rollstuhl. Breitbeinig wankt sie in Richtung des Kreises. Dass sie überhaupt gehen kann, ist ein kleines Wunder.

Zerrungen und blaue Flecken

Im Rollstuhl gewann Birgit Kober vor vier Jahren bei den Paralympics in London Gold. Doch dann gab es eine Regeländerung. Die sitzenden Starter sollten sich alle gleich wenig bewegen dürfen, damit die Ergebnisse besser vergleichbar sind. Rollstuhlstarter werden seitdem an ihrem Stuhl festgezurrt. "Ich habe davon Zerrungen und blaue Flecken bekommen", erzählt Birgit Kober. "So macht Sport keinen Spaß."

Sie entschied, ihre Starterklasse zu wechseln und stehen zu lernen. Doch ihr fehlte das Gleichgewicht. Anfangs fiel sie ständig um. Sie brauchte eine Matte und Knieschoner, um sich nicht zu verletzen. Als sie schließlich stehen konnte, musste sie eine neue Stoßtechnik lernen. Mit Hilfe von YouTube-Videos anderer Sportler brachte sie sich die Technik bei. Einen richtigen Trainer hat Birgit Kober nur selten. Sie findet niemanden, der sie langfristig unterstützen könnte.

Dafür unterstützt sie heute mich. Jetzt muss ich nur einmal zeigen, dass ich gar nicht so schlecht bin. Ich will meine Trainerin nicht enttäuschen. Ein letzter Versuch.

Ich halte die Kugel am Hals, drehe mich zur Seite, gehe in die Knie, drücke mich mit Schwung nach oben und mit all meiner Kraft katapultiere ich die Kugel hoch hinaus. Sie fliegt und fliegt und Birgit Kober schreit: "Das sieht super aus."

Nach knapp fünf Metern plumpst die Kugel in den Sand. Okay, das ist nichts im Vergleich zu den elf Metern, die Birgit Kober stoßen kann. Aber für eine Anfängerin ist es gar nicht so übel. Meine Trainerin wirkt zufrieden. Und wenn sie es ist, bin ich es auch.

Das Video zur Trainerstunde finden Sie hier.

ZUR PERSON
  • Christine Scholz
    Jahrgang 1987 und Nichte von Achim Achilles. Für den Wunderläufer stellt sie aber keine Konkurrenz dar: Anna ist notorisch trainingsfaul und mindestens so untalentiert wie ihr Onkel. Ihr Motto: Bewegung soll Spaß machen und muss nicht wehtun. Anna lebt in München und macht zurzeit ein Volontariat beim Bayerischen Rundfunk.
  • Anna auf Facebook
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haegar37 18.09.2016
1. Bravo
schöner, lebendiger Bericht. Respekt für die Sportlerin und alle anderen, die in Rio antreten...
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