Parkrun Hier werden nicht die Schnellsten bewundert

Aus einem kleinen Lauftreff in England ist eine weltweite Laufveranstaltung geworden, die jedes Wochenende Tausende Menschen bewegt. Die höchste Tugend beim Parkrun ist allerdings nicht die Geschwindigkeit.

David Rowe

Samstagmorgen, kurz vor 9 Uhr im Bushy Park, London. Dawn Potter schaut sich um, wippt noch einmal hin und her. Gleicht geht's los. Die 35-jährige Bautechnikerin steht am Start eines Fünf-Kilometer-Laufs. Wann immer sie die Zeit findet, ist sie beim wöchentlichen Parkrun dabei.

Gerade zum Jahreswechsel nehmen sich viele Menschen vor, mehr Sport zu treiben - und scheitern. Warum?

Eine Untersuchung der Techniker Krankenkasse von 2016 gibt Einblicke, was die Menschen in Deutschland abhält. Knapp die Hälfte der Befragten gab an, weniger als eine Stunde Sport pro Woche zu treiben. Die am häufigsten genannten Gründe dafür: fehlende Motivation, Krankheit, Zeitmangel, schlechtes Wetter, fehlende Trainingspartner sowie die Kosten.

Der Parkrun kann einige dieser Ursachen aushebeln: Die Teilnahme ist kostenlos, Trainingspartner sind vorhanden und tragen zur Motivation bei. Eine Wettergarantie gibt's natürlich nicht.

13 Läufer am Start

Dawn Potter findet es großartig, dass sie jede Woche die Möglichkeit hat, an einem offiziellen Lauf teilzunehmen - es ist eine sportliche Abwechslung von ihrem sonstigen Rudertraining.

Der Parkrun entstand 2004 im Bushy-Park. Damals gingen 13 Läufer an den Start. Mittlerweile treffen sich regelmäßig Tausende Menschen in Parks in 14 Ländern, um die Fünf-Kilometer-Runde zu absolvieren. Und beim Junior Parkrun über zwei Kilometer können Kinder zwischen 4 und 14 Jahren teilnehmen. Zurzeit sind mehr als eine Million Läufer registriert.

Ein Grund für das Wachstum dürfte die kostenlose und einfache Teilnahme sein. Um mitzulaufen, muss man sich vorm ersten Lauf online registrieren und seinen individuellen Strichcode ausdrucken. Am Ende des Laufs liest ein Freiwilliger den Code ein und erfasst damit die Zeit. Das Ergebnis erhält der Teilnehmer ein bis zwei Stunden nach dem Lauf automatisch per E-Mail oder SMS. Der Strichcode ist bei jedem Parkrun gültig.

Jeder ist willkommen

Entstanden ist das Laufphänomen, weil der ehemalige britische Leistungsläufer Paul Sinton-Hewitt aufgrund einer anhaltenden Knieverletzung nicht mehr in seinem Verein trainieren konnte. Er vermisste das kameradschaftliche Beisammensein. Also beschloss er, einen kostenlosen Lauf in einem Park in seiner Nähe anzubieten, bei dem jeder willkommen ist. Er organisierte die Zeitmessung, danach gingen die Läufer zusammen einen Kaffee trinken.

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Parkrun: Unterwegs im Bushy Park

Auch heute ziehen die Veranstaltungen vor allem Freizeitläufer an. Manchmal stehen zwar Profis wie Mo Farah, Olympiasieger über 5000 Meter und 10.000 Meter, am Start. Doch Parkrun sei kein Wettbewerb, sagt Tom Williams, einer der Organisatoren von Parkrun. "Es geht darum, sich gemeinsam zu bewegen und anschließend ein wenig zusammen zu sein."

Freiwillige organisieren die Parkrun-Events - wer 25-mal hilft, bekommt ein T-Shirt. Läufer müssen mindestens 50-mal teilnehmen, um eines zu bekommen. Die Shirts sind heiß begehrt. Beim Parkrun werden nicht die Schnellsten angehimmelt, sondern diejenigen respektiert, die besonders oft dabei waren und in den goldenen 250-Teilnahmen-Klub aufgestiegen sind. Mittlerweile gibt es sogar Parkrun-Touristen, die versuchen, möglichst viele verschiedene Events zu absolvieren.

Achilles Ferse

"Die Läufer haben die unterschiedlichsten Gründe, um bei Parkrun mitzumachen. Manche wollen ihre Gesundheit und Fitness verbessern. Andere möchten einfach unter Leute kommen oder auf etwas stolz sein. Wieder andere suchen ein wenig freundschaftlichen Wettbewerb", sagt Williams.

Noch gibt es Parkrun nicht in Deutschland

Unter anderem finden Parkrun-Events in Australien, Südafrika, Polen, Schweden, Russland und Frankreich statt. Deutschland ist bisher nicht dabei, aber geplant.

"Wir denken, Deutschland ist definitiv ein Land in dem unsere Laufevents Erfolg haben könnten, noch fehlt uns aber das breite Interesse, um es konkret in Angriff zu nehmen", sagt Williams.

Bevor sich Parkrun in einem neuen Land ansiedelt, wollen die Organisatoren nach eigener Aussage sicher sein, dass es dort einen festen Kern an Freiwilligen gibt, der das Konzept und die Philosophie versteht und sich verbindlich engagiert, um diese Werte zu verbreiten.

"Die Freiwilligen müssen einen Wachstumsplan entwickeln, der nicht nur zeigt, dass genug Läufer kommen würden, sondern auch, dass die Events wirtschaftlich fundiert sein können. Dieser Prozess kann über ein Jahr dauern", sagt Williams. Um die anfallenden Kosten zu decken, geht Parkrun kommerzielle Partnerschaften mit Sponsoren ein.

"Parkrun ist der perfekte Start ins Wochenende. Um 10 Uhr bin ich schon stolz gelaufen zu sein und am Abend schmeckt das Glas Wein noch besser", sagt Dawn Potter.



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CouscousGauthier 05.12.2016
1. Dieses Format trifft den Nerv
Denn das wichtigste beim (Breiten-)Sport ist nicht die sportliche Höchstleistung, sondern die Konstanz. Im Frühjahr 3-mal laufen bringt gar nichts, erst das regelmässige Training bringt den gesundheitlichen Vorteil. Wenn das gemeinsame Laufen und Kaffeetrinken den nötigen Motivationsschub liefern kann geht die Rechnung voll auf. So wird etwas Konkretes für die Volksgesundheit getan, abseits von theoretischen Überlegungen und politischen Absichtserklärungen.
_bernhard 05.12.2016
2. Nichts Neues
Früher gab es den "Voksmarch", Sonntag morgen auf markierten Wegen fünf Kilometer oder mehr durch Wald und Feld. Teilnehmerschaft gemischt: Die einen mit Joggingklamotten, oder Wanderschuhen andere sogar mal mit Kinderwagen. Hinterher gabs im Ziel Erbsensuppe oder Bier und irgendeine Auszeichnung. Ein harmloser und gesunder Spaß für alle. Die Besonderheit in meiner Stadt damals: Die dort stationierten amerikanischen GIs hatten einen Heidenspaß am Volksmarch (mit Bier) und kamen meist mit drei, vier Lastwagen mit Läufern.
schlaueralsschlau 05.12.2016
3. Klärt mich bitte jemand auf?
Zitat: ""Die Freiwilligen müssen einen Wachstumsplan entwickeln, der nicht nur zeigt, dass genug Läufer kommen würden, sondern auch, dass die Events wirtschaftlich fundiert sein können. Dieser Prozess kann über ein Jahr dauern", sagt Williams. Um die anfallenden Kosten zu decken, geht Parkrun kommerzielle Partnerschaften mit Sponsoren ein...."" Und die Kosten sind neben den Shirts, die Scanner und die Software, ggf noch SMS? Noch etwas? Wozu Sponsoren?
dede20 05.12.2016
4. grossartige Sache
Ich lebe in Wales und nehme regelmaessig am parkrun teil. Es ist einfach klasse, ich mache es so oft wie ich kann. Neben dem gesundheitlichen Aspekt, macht es auch einfach Spass, zu laufen und auch als Freiwilliger an der Organisation teilnehmen. Mit der Zeit bildet sich eine tolle Gemeinschaft von Gleichgesinnten. In meinem Heimatort Cardiff finden sich mittlerweile jeden Samstag 500 - 900 Laeufer (verteilt auf zwei Laeufe), egal wie gut oder schlecht das Wetter ist... Hoffentlich fast es bald auch in Deutschland Fuss...
Newspeak 05.12.2016
5. ...
Ein Grund für das Wachstum dürfte die kostenlose und einfache Teilnahme sein. Um mitzulaufen, muss man sich vorm ersten Lauf online registrieren und seinen individuellen Strichcode ausdrucken. Tja, wie wäre es denn mit "einfach so laufen"? Ohne Registrierung, ohne Strichcode, noch kostenloser und einfacher. Das man nämlich Sport auch ohne Zeitmessung und Wettbewerb machen kann, und sogar allein für sich, scheint nicht sehr vielen Menschen bekannt zu sein. Anders herum gesagt...es treffen sich dort dieselben Lemminge, die auch sonst die Vereinsmeierei lieben. Und die Couchpotatoes, die auch sonst keinen Sport treiben, wird man auch dort nicht finden.
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