Fahrrad- und Autofahrer in Großstädten Wer pendelt gesünder?

Fahrradfahrer atmen Auspuffluft, Autofahrer bewegen sich kaum - was bedeutet das für die Gesundheit? Ein fast echtes Streitgespräch zwischen Autopionier Henry Ford und Fahrraderfinder Karl Drais.

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Karl Freiherr von Drais gilt als Erfinder des Ur-Fahrrades, einer Laufmaschine mit Sattel und zwei Rädern. Auf Anhieb war er damit schneller als die Postkutsche. Sicher würde er auch heute noch auf dem Rad sitzen. Henry Ford - qua Amt - setzte hingegen auf mehr Pferdestärken.

Was die zwei zu Lebzeiten nicht ahnen konnten: Eine friedliche Ko-Existenz von Fahrrad- und Autofahrern ist keineswegs selbstverständlich, um das Vorrecht auf der Straße wird erbittert gestritten. Und wer hat die besseren Argumente für die Gesundheit? Ein frei erfundener Dialog auf ganz realer Studiengrundlage.

Karl Freiherr von Drais: Typisch Großstadt, morgens zur Pendlerzeit sind die Straßen überfüllt und verstopft. Die Autos im Schneckentempo unterwegs. Wie schnell die Radfahrer da vorbeiziehen. Wusstest du, dass sich Studierende und Angestellte mit dem Auto etwa elf Mal häufiger verspäten als mit dem Rad? Das hat der TÜV Nord mitgeteilt.

Henry Ford: Der wer?

Zu den Personen
    Karl Freiherr von Drais (1785 - 1851) sorgte dafür, dass sich Menschen im 19. Jahrhundert weltweit darin übten, das Gleichgewicht zu halten. Der Forstbeamte und Tüftler erfand den Vorfahr des Fahrrades, die sogenannte Draisine. Das Laufrad bestand aus einem Sattel und zwei Rädern, wobei das vordere schon beweglich war. Das "Schnelllaufrad" verbreitete sich weltweit, Raubkopien wurden angefertigt. Doch bald wurde es von den Gehwegen verbannt und als "zweckloses Kinderspielzeug" verspottet. Drais, der auch Zielscheibe politischer Intrigen wurde, verstarb, ohne den späteren Aufschwung seiner Idee zu erleben.

Henry Ford (1863 - 1947) war der Gründer der Ford Motor Company. Sie zählt zu den größten Autoherstellern weltweit. Henry Ford perfektionierte die Fließbandproduktion im Automobilbau, sein Name ist mit der gleichnamigen Automarke und der Autoherstellung fest verbunden. In seinen Fabriken setzte Ford etliche Standards wie etwa den Mindestlohn und feste Arbeitszeiten um, erteilte seinen Arbeitern aber auch Vorschriften bis in Privatleben hinein. Wegen seiner antijüdischen Schriften geriet der Unternehmer stark in die Kritik.

Drais: Der TÜV. Kennst du den gar nicht? Eigentlich sind die für Autos zuständig, prüfen, ob sie fahrtauglich sind und so. Aber in der Welt da unten verschiebt sich ja mittlerweile einiges. Der TÜV jedenfalls empfiehlt, nach Möglichkeit mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren oder zu laufen - der Gesundheit zuliebe. Vielleicht sind ihnen zu viele Rostlauben untergekommen.

Ford: Rostlaube, pah. Aber so richtig gesund kann es ja auch nicht sein, neben den Abgasen herzuradeln. Ruß und kohlenstoffhaltige Partikel verpesten die Luft, Stickoxide, Kohlenmonoxid und Feinstaub. Das stammt aus den Motoren, vor allem den Dieselmotoren, und entsteht auch durch den Abrieb von Bremse und Reifen. Dieselabgase stuft die WHO seit 2012 als krebserregend ein. Da fahre ich im Auto mit Innenraumluftfilter und Duftbäumen doch viel besser. Radfahren schadet der Gesundheit.

Drais: Ganz so einfach ist es nicht. Wissenschaftler haben in etlichen Studien untersucht, welchen Schadstoffen Pendler ausgesetzt sind, wer mehr belastet ist - Radfahrer, Autofahrer oder Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs. Und ob die dicke Luft die gesundheitlichen Vorteile des Radfahrens zunichte macht. Zwar untersucht jede Studie unterschiedliche Schadstoffe. Und auch die Abgaswerte in der Luft variieren je nach Stadt, Tages- und Jahreszeit oder Wetter. Doch das Fazit über alle Studien hinweg ist eindeutig: Fahrradfahrer sind die Gewinner.

Ford: Von wegen. Kanadische Forscher haben Pendler gegeneinander antreten lassen - je einer wurde mit dem Fahrrad, einer mit dem Auto und einer mit öffentlichen Verkehrsmitteln in der Rushhour in Montreal losgeschickt. Ergebnis: Radfahrer und Nutzer der Öfis, vor allem U-Bahnfahrer, waren mehr Lärm ausgesetzt, die Belastung mit Stickstoffdioxid - nur das wurde getestet - unterschied sich zwischen Auto- und Radfahrern nicht groß. Allerdings: Fahrradfahrer atmen durch die körperliche Anstrengung schneller und tiefer und damit nicht nur mehr Luft, sondern auch mehr Abgase ein. Verglichen mit den Autofahrern war ihre inhalierte Dosis an Stickstoffdioxid mehr als dreimal so hoch.

Drais: Das stimmt zwar, aber nur so halb. Die Radfahrer verbrannten auch mehr als dreimal so viele Kalorien. Auch Bahn- und Busfahrende stehen bezüglich der Kalorienbilanz etwas besser da als Autofahrer. Immerhin laufen sie meist ein Stück zur nächsten Haltestelle. Viel schneller waren Autofahrer zu den Stoßzeiten übrigens auch nicht: Im Schnitt kamen sie etwa eine Minute vor den Fahrradfahrern an.

Ford: Du trickst doch. Die Autofahrer hatten in der Studie alle das Fenster offen. Wer es schließt, schützt sich. Darauf weisen die Forscher auch hin. Richtig belüftet, kann die Schadstoffbelastung der Autoinnenluft um bis zu 75 Prozent gesenkt werden. Dafür müssen die Fenster geschlossen und die Belüftung so eingestellt werden, dass die Luft im Innenraum zirkuliert, ohne dass Außenluft reingelangt.

Drais: Ganz abgeschottet ist man aber nie. Vor allem bei älteren Automodellen gelangen Abgase auch in den Innenraum - über nicht ganz abgedichtete Fenster und Türen, schlechte Filter oder über Löcher in der Trennwand zwischen Motor und Fahrzeugkabine. Und das kann zum Problem werden, wenn sie sich dort anreichern. Dann ist die Luft im Auto mitunter schlechter als außerhalb.

Ford: Auf Autorouten herrscht zwar die dickste Luft. Aber es bleibt dabei: Radfahrer inhalieren am meisten schadstoffbelastete Luft.

Drais: Trotzdem überwiegen die Vorteile. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2016 zeigt, dass Radler eine höhere durchschnittliche Lebenserwartung haben als Autopendler - dank der regelmäßigen Bewegung. Wer nicht aktiv ist, verliert bis zu einem Jahr. Mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, schützt Herz und Gefäße, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sinkt. Regelmäßige Bewegung senkt den Blutdruck und hat antientzündliche Effekte. Sie ist - neben einer gesunden Ernährung - ein wesentlicher Faktor im Kampf gegen Übergewicht. Moderate sportliche Aktivität trainiert nicht nur die Muskeln, sondern stabilisiert auch die Psyche. Weltweit bewegt sich etwa ein Drittel aller Erwachsenen zu wenig. Wobei sich gerade beim Weg zur Arbeit Bewegung oft unkompliziert im Alltag unterbringen lässt.

Ford: Und wie ist es mit dem Unfallrisiko? Dem sind Radler ja besonders ausgesetzt.

Drais: Das stimmt leider. Daher fordern auch viele Studien, Radwege abseits von vielbefahrenen, dreckigen und lauten Straßen zu planen. Das würde die Sicherheit erhöhen und vielleicht mehr Menschen dazu bringen, mit dem Rad zu pendeln. Momentan sind das noch recht wenige. Nicht zuletzt gehen Wissenschaftler davon aus, dass mit weniger Autos auch die Zahl der Unfälle sinkt und weniger Abgase die Luft verpesten. Jeder in gute Radinfrastrukturen investierte Dollar bringe dem öffentlichen Gesundheitssystem die zehnfachen Einsparungen, betonen neuseeländische Forscher.

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Ford: Geht das nicht genauer?

Drais: Aber sicher: 2010 haben Wissenschaftler penibel berechnet, was Pendlern ein Umstieg vom Auto aufs Rad bringt. Demnach gewinnen diese im Schnitt durch den aktiveren Lebensstil bei 7,5 Kilometern täglich drei, bei 15 Kilometern sogar 14 Monate an Lebenszeit. Die Luftverschmutzung schlägt "lediglich" mit einem Lebenszeitminus von 0,8 bis zu 40 Tagen zu Buche, die erhöhte Unfallgefahr mit fünf bis zu neun Tagen. Unter Strich bleibt ein Zugewinn an Lebenszeit.

Im Video: Pendeln in Zahlen - Millionen auf der Strecke

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Ford: Das ist mir zu theoretisch.

Drais: Anders gesagt: Die Nachteile überwiegen fast nie, wie ein Team der University of Cambridge anhand von Feinstaub untersucht hat, zumindest nicht bei der durchschnittlichen Belastung in Großstädten. Und selbst bei etwa fünffach höheren Feinstaubwerten - und damit weit überschrittenen Grenzwerten - würden die Nachteile erst nach anderthalb Stunden Radfahren oder mehr als zehn Stunden Fußweg durchschlagen. Zudem: Auf ausgewiesenen Fahrradwegen abseits von viel befahrenen Straßen lässt sich Abgasbelastung um bis zu 75 Prozent senken. Auch entlang von Parks oder Grünflächen können sich Abgase besser in der Luft verteilen und verdünnen.

Ford: Allerdings: Wer Umwege fährt, kann die Vorteile der geringeren Schadstoffbelastung auch wieder zunichte machen - wenn er dadurch deutlich länger braucht und so die Abgase über einen längeren Zeitraum hinweg einatmet. Aber weißt du was, uns beiden kann das alles ohnehin egal sein. Wir sind ja so was von unsterblich.

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
PRAN1974 22.08.2018
1.
Es ist eine rein theoretische Diskussion, weil einfach nicht jeder Arbeitsweg fürs Fahrrad geeignet ist. Ab 10 km wird es schwierig, denn man will schließlich auch nicht wesentlich länger brauchen als mit dem Auto. Andererseits erspart sich vielleicht ein Innenstadtbewohner viel Stress, wenn er aufs Auto verzichtet. Schmunzeln musste ich über den Lebenszeitverlust von "9 Tagen" durch Unfälle. Leider zeigt die Realität, dass von tödlichen Unfällen nicht nur herzkranke Rentner betroffen sind, die sowieso bald mit ihrem Ableben rechnen müssten. Entweder trifft es mich, und das kann dann in jedem Alter sein, oder ich habe Glück. Ich frage mich, unter welcher Annahme das berechnet wurde. Viele Radfahrer steigen ja doch irgendwann in ihrem Berufsleben aufs Auto um und radeln nur noch in der Freizeit. Wer jahrzehntelang jeden Tag mit dem Rad fährt, landet fast garantiert irgendwann in der Klinik. Die bessere Frage wäre, um wieviel höher die Gefahr von schweren Verletzungen und Tod beim Radfahren im Vergleich zum Autofahren ist. Und wie ist es eigentlich bei Fußgängern oder Nutzern des Nahverkehrs?
observerlbg 22.08.2018
2. JA, wir Autofahrer jammern über die Radfahrer....
...aber stellen wir uns mal vor, ALLE Radfahrer würden zukünftig auch mit dem SUV zur Arbeit fahren, wie sehe es dann auf den Straßen aus? Nein, ich durfte viele Jahre mit dem Rad zur Arbeit pendeln, jetzt fahre ich seit vielen Jahren mit dem Auto. Als Radfahrer ging es mir viel besser: Herz/Kreislauf funktionierten besser, der Schlaf war besser, das Körpergefühl war besser, die Kosten geringer, der Adrinalinspiegel 15 Minuten nach der Fahrt dauerhaft geringer.... Und für die etwas Fauleren bzw. die, die nicht schwitzen wollen gibt es elektrisch unterstützte Pedelecs. Ach war das schön. Leider gibt's an meinem Wohnort keine für mich brauchbare Arbeitsplätze mehr. Und an meinem Arbeitsort keine bezahlbaren Wohnungen mehr. Wo führt das noch hin?
steffbo 22.08.2018
3. Bike geht ab!
Das Auto muss zum Großteil weg! Für Städte und Ballungsgebiete gibt es keine Alternative. Bike und Öffentlicher Nahverkehr spielen sehr gut. Ich fahre jetzt schon fast nur noch Rad. Trotz zum großen Teil immer noch mieser Fahrradinfrastruktur in Frankfurt schont das mein Nerven.
Leser161 22.08.2018
4. Erhellend
Radfahren ist ggf. deshalb ungesünder, weil der Radfahren den von den Autofahrern erzeugten Gefahren ausgesetzt ist. Das als wenn Bewegungsmuffel Joggern Beinchen stellen würden um denen eine Nase zu drehen was Gesundheit angeht. Gesamtgesellschaftlich sinnvoll ist das natürlich nicht.
and_over 22.08.2018
5. ich wundere mich etwas
dass es zwischen Fahrrad und Auto in der Diskussion nichts gibt. Was ist mit dem morotisierten Zweirad? Schneller als das Fahrrad und Auto, platzsparend...ich sehe da nur Vorteile.
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