Cholesterinsenkende Lebensmittel Zweifel an Unbedenklichkeit von Pflanzensterinen

Pflanzensterine sollen den Cholesterinspiegel senken und somit das Herz fit halten. Von diesem Gesundheitsversprechen erhofft sich die Lebensmittelindustrie große Umsätze und bietet einige Produkte an, die mit den pflanzlichen Stoffen angereichert sind. Doch es gibt Zweifel an der Unbedenklichkeit. Ein Überblick.

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Was sind Pflanzensterine?

Was beim Menschen das Cholesterin ist, das sind bei Pflanzen die Phytosterine: die chemischen Strukturen sind sich ähnlich. Phytosterine, Pflanzensterine oder auch Phytosterole sind cholesterinähnliche Verbindungen. Alle drei Begriffe werden synonym verwendet. Cholesterin kommt jedoch nur in tierischen Organismen vor, Phytosterine ausschließlich in Pflanzen. Dort sind sie Bestandteile der Zellwände. Bekannt sind mehr als 40 verschiedene Vertreter dieser sekundären Pflanzenstoffe.

So wirken sie

Im menschlichen Darm konkurrieren die pflanzlichen Sterine mit dem Cholesterin um dieselben Transportmechanismen und senken so den Cholesterinspiegel. Wird weniger Cholesterin aus der Nahrung aufgenommen, kurbelt der Körper die Cholesterin-Eigensynthese an, um das Defizit auszugleichen. Der Blutcholesterinspiegel sinkt dabei, die Konzentration des LDL-Cholesterins nimmt ab. Wer die Pflanzensterine täglich zuführt, hemmt bis zu einem gewissen Grad die Cholesterinaufnahme. Zwei bis drei Gramm am Tag können eine Senkung des LDL-Cholesterinspiegels um bis zu einem halben Millimol pro Liter Blutserum erreichen.

Es gibt jedoch eine Grenze: mehr als drei Gramm Phytosterine pro Tag senken den Cholsterinspiegel nicht mehr weiter. Sie werden dann einfach über den Darm ausgeschieden, da die Aufnahmekapazität begrenzt ist. Eine Ausnahme gibt es: bei einer seltenen Stoffwechselstörung kommt es zu gefährlich hohen Konzentrationen der Phytosterine im Blut, weil der Körper diese nicht verstoffwechseln kann. Das Risiko für eine Arteriosklerose steigt dann auch bereits in jungen Jahren stark an.

Wo sie natürlich vorkommen

Phytosterine sind fettähnliche Verbindungen; sie kommen in pflanzlichen Ölen, Nüssen, Getreide und Bohnen vor. Gute Quellen sind Sonnenblumenkerne, Sesamsaaten oder natives Sojaöl.

Im Schnitt verzehrt ein Europäer bis zu 500 Milligramm Phytosterole pro Tag - ohne die zusätzliche Aufnahme angereicherter Lebensmittel. Für den Menschen sind sie nicht essentiell und werden im menschlichen Stoffwechsel praktisch nicht genutzt.

Die Dosisfrage

Die Aufnahme von zugesetzten Pflanzensterinen kann die Blutkonzentration an Beta-Carotin und fettlöslichen Vitaminen senken. Weil diese Nebenwirkungen unerwünscht sind, hat die Efsa die zulässige Phytosterinmenge bei der Genehmigung auf maximal drei Gramm pro Tag beschränkt. Eine höhere Dosis hat zudem keinen cholesterinsenkenden Nutzen mehr. Betroffene sollten laut BfR darauf achten, dass die empfohlene Tagesmenge nicht durch den Verzehr mehrerer angereicherter Lebensmittel überschritten wird. Eine entsprechende Information auf den Produkten ist vorgeschrieben. Mit der Novel Food-Verordnung will die EU auch sicherstellen, dass nicht zu viele mit Phytosterin angereicherte Lebensmittal auf den Markt drängen.

Für welche Produkte sind sie zugelassen?

Pflanzensterine sind neben Margarinen wie der Becel pro.activ auch in Trinkjoghurt, Käse, Milch, einem speziellen Brot, Salatsoßen und Gewürzen enthalten. In der Reihe der Becel pro.activ-Produkte sind sie enthalten: in der Margarine, einem Milchgetränk sowie einem Joghurtdrink in den Geschmacksrichtungen Original und Erdbeere. Von Emmi gibt es den Joghurtdrink Benecol in den Geschmacksrichtungen Erdbeere, Orange und Himbeere. Von Deli Reform Active gibt es ebenfalls eine Margarine und von Westland ist der Schnittkäse ColActiv erhältlich. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch warnt aber vor dem Verzehr von Becel pro.activ und ist gegen den Hersteller Unilever sogar vor Gericht gezogen.

Die kontroverse Studienlage

Einige Studien kommen zu dem Schluss, dass die Anreicherung durch Pflanzensterine unbedenklich sei, und der Nutzen für die Zielgruppe im Vergleich zum Risiko zu überwiegen scheint. Was es aber für Auswirkungen für den Menschen hat, wenn sich die Pflanzensterine als Plaque beispielsweise in den Herzklappen anlagern, wie es Wissenschaftler vom Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg ermittelt haben, ist noch nicht abschließend geklärt.

In den Leitlinien der europäischen Fachgesellschaften für Herz-Kreislauf-Krankheiten (ESC/EAS) plädieren die Experten für Langzeitstudien, um die Unbedenklichkeit beim regelmäßigen Verzehr von phytosterol-angereicherten Produkten zu gewährleisten.

Die Efsa hat 2008 einen Bericht veröffentlicht, in dem sie die Verwendung phytosterin-angereicherter Lebensmittel in der EU untersuchte. Ein Ergebnis war, dass 2,3 Prozent der deutschen Bevölkerung Phytosterine in einer Menge von mehr als drei Gramm pro Tag aufnehmen.

Die Arbeit mit der bisher größten Datenlage zu den Phytosterinen geht auf den Laborarzt Winfried März vom Mannheimer Institut of Public Health zurück. Erschienen ist sie 2012 im "European Heart Journal". März hat mit seinem Team eine Metaanalyse erstellt. Die Forscher haben alle relevanten Studien von 1950 bis 2010 recherchiert und 17 Humanstudien eingeschlossen. So kamen Daten von 11 182 Probanden zusammen. Ihr Fazit: es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Pflanzensterinspiegel im Blut und einem kardiovaskulären Risiko. Allerdings: Im "Conflict of interest," den Wissenschaftler in Studien anführen müssen, wird der Statistiker im Team aufgelistet. Er hatte ein Stipendium von Danone erhalten. Der Zuwendungsgeber habe aber weder für die Anlage, noch für die Durchführung und Interpretation der Daten Auflagen gemacht.

Eine niederländische Studie mit einer geringen Probandenzahl von 30 Personen, die aber dennoch für Aufmerksamkeit sorgt, wurde 2011 in der Zeitschrift "Atherosclerosis" veröffentlicht. Sie stellten bei 30 Teilnehmern fest, die über 85 Wochen sowohl Medikamente als auch mit Pflanzensterinen angereicherte Margarine verzehrten, dass die Probanden verdickte Gefäße in der Augennetzhaut aufwiesen, die unabhängig von der gleichzeitigen Senkung des LDL-Cholesterins waren. Mediziner nutzen diesen Parameter, um drohende Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu erkennen. Der Paramer ist allerdings noch nicht etabliert.

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insgesamt 2 Beiträge
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artusdanielhoerfeld 26.11.2012
1. Wenn sich eine...
...Ethnologin über Nahrungsbestandteile ausläßt, ist das ungefähr so sinnvoll, als würde ein Maschinenbauer das Wetter vorhersagen!
noalk 26.11.2012
2. Ich teile Ihre Vorbehalte.
Zitat von artusdanielhoerfeld...Ethnologin über Nahrungsbestandteile ausläßt, ist das ungefähr so sinnvoll, als würde ein Maschinenbauer das Wetter vorhersagen!
Solange die Fakten stimmen, soll's mir aber recht sein. Und mit ein wenig Hirnarbeit kann man ja auch zur eigenen Meinungsbildung beitragen. Wieviele "Experten" haben hier schon Blödsinn in Artikeln deponiert? Zur Sache: Die Nahrungsmittelindustrie lässt keine Gelegenheit aus, irgendwelche vermeintlichen Benefits von Was-auch-immer sofort in verarbeitete Lebensmittel einfließen zu lassen, siehe functional food. Inzwischen hat sich so meistens (oder immer?) rausgestellt, dass dieser Benefit nur dem Unternehmensgewinn dient, ansonsten aber nix zur Volksgesundheit beiträgt, vielleicht sogar schädlich ist. Bleibt nur die Konsequenz: Von allem, was da draußen wächst und gedeiht, ob ortsfest oder mobil, regelmäßig und nicht zuviel oder zu wenig zu sich nehmen, in einem Verarbeitunggrad, der nicht allzu hoch sein sollte, und dabei genießen.
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