Angst vor Plastikflaschen Prost, Leitungswasser!

Treten aus Kunststoffverpackungen hormonähnliche Substanzen aus? Frederik Jötten geht auf Nummer sicher, schüttet gekauftes Wasser in den Abfluss und bestellt selbst im Restaurant Leitungswasser.

Leitungswasser: Billiger und aufwendiger kontrolliert als Mineralwasser
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Leitungswasser: Billiger und aufwendiger kontrolliert als Mineralwasser


Es gibt drei Möglichkeiten, auf mögliche Schadstoffe im Mineralwasser zu reagieren. Die erste ist, sie zu ignorieren und weiterzutrinken. Die zweite praktiziert mein Physiotherapeut. Er ist immer auf der Suche nach dem reinsten Mineralwasser. Zuerst hatte er ein St. Soundso in Flaschen, die wie Weinpullen aussahen, dann ein Gletscherwasser, in dem fast nichts, noch nicht einmal Mineralien waren - in Kunststoffflaschen. Jetzt hat er irgendetwas mit Staatlich im Namen, in Designer-Glasflaschen, sagt aber: "Ich habe jetzt noch mal mit einem Wassersommelier gesprochen, er meint, das Gletscherwasser sei doch am besten."

Bei so viel Sinn für das richtige Wasser muss ich einwenden: "Aber das war in PET-Flaschen abgefüllt - es gibt Hinweise, dass aus dem Kunststoff eventuell hormonähnliche Substanzen ausgewaschen werden."

Er nickt nachdenklich. "Vielleicht hast du recht - unsere Tiere trinken auch lieber das Wasser aus den Glasflaschen…"

Ich stelle mir vor, wie er aus den stilvollen Flaschen Wasser in den Hundenapf gießt - läuft anscheinend nicht schlecht, die Praxis.

"Du meinst, wenn der Schampus alle ist?", frage ich.

"Nein, der sprudelt viel zu viel, das vertragen die Tiere gar nicht." Mein Physiotherapeut lächelt. "Aber ja, für unsere Tiere gibt es nur das beste Wasser."

Ich praktiziere die dritte und kostengünstigste Methode, um Schadstoffe aus Mineralwasser zu vermeiden - ich trinke keins. Ich gebe mir Leitungswasser und zwar so viele Liter, dass es wirklich anstrengend wäre, die gleiche Menge abgefüllt in Flaschen in den dritten Stock zu schleppen. Okay, es wäre wohl ein gutes Fitnessprogramm, aber es geht mir auch darum, mögliche Schadstoffe zu vermeiden.

"Das kann ich gar nicht gebrauchen"

Seitdem es die Berichte gab, dass aus Kunststoffflaschen hormonähnliche Substanzen in die darin enthaltene Flüssigkeit gelangen, lebe ich in Angst davor. Diese Substanzen sollen wie weibliche Hormone wirken - das kann ich als Mann gar nicht gebrauchen. Okay, ich habe trotz hohem Mineralwasserkonsum in den vergangenen Jahren nicht gemerkt, dass meine Bartstoppeln weicher geworden oder meine Rückenbehaarung zurückgegangen wäre (das wäre ja gar nicht so schlecht gewesen). Aber woher soll ich wissen, was dieses Zeug sonst mit mir anstellt, mit meinem Hirn, meinen Hoden, meinen Spermien?

Mag sein, dass die Beweise für die schädliche Wirkung der Kunststoffflaschen dünn sind, aber ich gehe trotzdem auf Nummer sicher und trinke möglichst nichts mehr aus ihnen. Das ist nicht einfach, besonders weil sie sehr praktisch sind, wenn man unterwegs ist. Auch dafür habe ich eine Lösung gefunden. Wenn ich Wasser mitnehmen möchte, kaufe ich eine PET-Flasche mit Mineralwasser, schütte es aus und fülle stattdessen Leitungswasser nach. Denn je länger das Wasser in der Flasche ist, desto größer ist die Menge an Substanzen, die aus der Wand herausgelöst werden kann.

Das Gute liegt so nah!

Sehr skeptisch bin ich deshalb, wenn mir etwa in türkischen oder griechischen Imbissen Wasser in Plastikflaschen gereicht wird - wie lange das wohl unterwegs war? Und wie lange es auf einem Lastwagen in der Sonne gestanden haben mag? Wärme beschleunigt viele chemische Reaktionen, also auch das Herauslösen von Substanzen aus dem Kunststoff. Es ist mir zwar peinlich, weil es geizig wirkt, aber ich bestelle im Restaurant zur Sicherheit Leitungswasser, um keines aus Kunststoffflaschen eingeschenkt zu bekommen, das womöglich Tausende Kilometer Wegstrecke hinter sich hat.

Es ist doch ohnehin ein Wahnsinn, mit riesigen LKW Wasser durch Europa oder auch nur durch Deutschland zu karren und dabei Unmengen an Kohlendioxid und Ruß in die Atmosphäre zu blasen, wo wir doch alle eine Leitung im Haus haben, durch die Wasser kommt, das ständig kontrolliert wird. Ich gehe jetzt zum Wasserhahn und zapfe mir ein frisches Leitungswasser - Prost!

BELASTETES WASSER IN PLASTIKFLASCHEN - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

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insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
noalk 30.07.2014
1. sehr vernünftig
Aber warum haben Sie den Mineralwasser-Unsinn in soviel Ironie verstecken müssen? Btw: Ich trinke auch nur Leitungswasser, das ist frei von Gluten, Lactose und Fructose - und garantiert nicht genetisch manipuliert. Dafür enthält es aber jede Menge Dihydrogenoxid (auch als Wasserstoffhydroxid bekannt), und das ist gut für die körperliche und geistige Fitness.
whocaresbutyou 30.07.2014
2. schlecht gekennzeichnete Ironie?
Zitat von sysopDPATreten aus Kunststoffverpackungen hormonähnliche Substanzen aus? Frederik Jötten geht auf Nummer sicher, schüttet gekauftes Wasser in den Abfluss und bestellt selbst im Restaurant Leitungswasser. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/plastikflaschen-schadet-das-wasser-der-gesundheit-a-983367.html
ich hoffe mal, der Artikel fußt hauptsächlich auf Ironie... Aus Angst vor chemischen Verbindungen Leitungswasser zu trinken dürfte wohl den Bock zum Gärtner machen... In einigen Ecken Deutschlands stammt Leitungswasser zu einem mehr oder weniger hohen Anteil aus Uferfiltratbrunnen. Wenn man schon Angst vor Dingen hat, die man in Mineralwasser kaum nachweisen kann, will ich nicht wissen, was in Flusswasser alles enthalten ist. Auf jeden Fall findet sich darin Chlor zur Desinfektion, das allerdings keine chemischen Verbindungen neutralisiert, sondern im Gegenteil, mit diesen völlig neue Verbindungen eingehen kann. Davon mal abgesehen fließt Leitungswasser durch kilometerlange, teilweise jahrzehntealte Leitungen aus unterschiedlichsten Materialien und braucht (je nach Leitungslänge und -auslastung) Tage bis Wochen bis zu ihrem Hahn. Und wenn im Leitungsnetz (z.B. durch Leerstand) auch noch Totleitungen (http://de.wikipedia.org/wiki/Totleitung) existieren, bekommen sie worstcase einen hübschen Cocktail mineralischer, chemischer und biologischer Stoffe frei Haus... Na dann Prost! ;o)
dreamdancer2 30.07.2014
3.
Wenn man stilles Wasser mag, ist Leitungswasser sicher die beste und kostengünstigste Version. Ich werde nie verstehen, warum jemand wirklich stilles Mineralwasser in Flaschen kauft. Ich mag allerdings nur Mineralwasser mit "Blubb", also mit Sprudel, von daher scheidet diese Lösung für mich aus. Ich hab's mal mit so einem Gerät versucht, das Sprudel in Leitungswasser bläst, aber zum Einen hat man da auch wieder Plastikflaschen, den ganzen Ärger mit den Kartuschen und das Wasser verliert den "Blubb" auch wieder relativ schnell.
AllesKlar2014 30.07.2014
4. Leitungswasser trinkbar ????
Die Fakten: Im Weltwasserbericht der UNESCO wird die deutsche Wasserqualität als 2. schlechteste der EU bewertet. Die Verbraucher missverstehen leider "bestkontrolliert" und das beste (Lebensmittel). Bestkontrolliert ist vermutlich auch das Kernkraftwerk Fukushima.Von eigentlich über 500 Werten im Wasser werden nur weniger als 10% kontrolliert. Die Grenzwerte sind permanent angehoben. Rückstände von Medikamenten werden überhaupt kontrolliert. Berlin hat erstmalig nach Überprüfung beim Kontrastmittel Gadolinium die ganze Katatstrophe dokumentiert. Die Zahl der Ausnahmegenehmigungen für die Wasserwerke wird nicht veröffentlicht. Der Sanierungsbedarf um reines Wasser zu liefern liegt bei 400 MRD!!!!€ Was in den Klärwerken nicht verbrannt wird geht als Düngemittel wieder auf den Acker bzw. ins Wasser zurück. Alzheimer ?? fragen sie mal bei den Stadtwerken über den seit Jahren steigenden Alumium Einsatz bei der Wasserreinigung nach (Al2(SO4)3, Dialuminiumtrisulfat ) Mit dem Giftgas CHLOR zu reinigen und alles abzutöten ergibt vielleicht ein bestkontrolliertes Wasser, aber mit einem klaren urspünglichen Hochgebirgs-Quellwasser hat das nun wirklich NICHTS mehr zu tun. Prost.
nebukatze 30.07.2014
5. Fast Verständnisvoll
Ich habe schon als postpubertärer Jugendlicher mit Freunden Diskussionen um Mineralwasser geführt. Geschmacklich war ich immer auf der "Vilsa-Seite" und gegen die "Gerolsteiner-Fraktion". Nicht aus gesundheitlichen Gründen. Sondern rein vom mineralstoffarmen Geschmack. Aber Mineralwasser aus PET-Flaschen schmeckt, besonders nach Wärmeeinwirkung, so fies nach Kunststoffen, dass neben der Zunge auch mein Hirn Alarm geschlagen hat. Auch aus kostengründen haben wir uns vor Jahren einen Wassersprudler zugelegt. mit Glaskaraffen. Damit bin ich geschmacklich bestens zufrieden. Liegt sicher auch an der Region. Das Wasser bei uns in Oldenburg ähnelt in seiner Mineralstoffanalyse den Mineralstoffen von Vilsa. Aber gut, dass sich so ein Medium wie Spon diesem Thema annimmt. Auch wenn es ein klassisches "First-World-Problem" ist.
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