Schadstoffe Wie belastet ist Mineralwasser?

Mineralwasser kann Pestizide und hormonähnliche Substanzen enthalten. Im Interview erklärt Toxikologe Martin Wagner, warum Kunststoffflaschen nicht in der Sonne liegen sollten und wieso Leitungswasser die beste Wahl ist.

Mineralwasserflaschen:  "Wir haben es mit unbekannten Substanzen zu tun"
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Mineralwasserflaschen: "Wir haben es mit unbekannten Substanzen zu tun"


Zur Person
Martin Wagner ist Toxikologe an der Goethe Universität Frankfurt. Seit Jahren untersucht er Mineralwasser auf chemische Rückstände, vor allem auf Stoffe, die im Körper ähnlich wie Hormone wirken.
SPIEGEL ONLINE: Die Stiftung Warentest hat Mineralwasser untersucht und unter anderem Pestizidrückstände entdeckt - ist das gefährlich?

Wagner: Die Konzentrationen der gefundenen Pestizid-Abbauprodukte sind extrem niedrig und nach unseren derzeitigen Erkenntnissen gesundheitlich unbedenklich. Die Untersuchung der Stiftung Warentest zeigt uns allerdings eins sehr deutlich: Wir haben den globalen Wasserkreislauf mit einer Vielzahl an synthetischen Chemikalien kontaminiert - und irgendwann kommen die Umweltchemikalien zu uns zurück.

SPIEGEL ONLINE: Wie stehen Sie zu den Bedenken, dass Kunststoffflaschen hormonähnliche Substanzen ins Mineralwasser abgegeben?

Wagner: Wir haben in Studien hormonähnlich wirkende Substanzen, sogenannte Umwelthormone, im Mineralwasser gefunden und gute Hinweise darauf, dass zumindest ein Teil davon aus der Kunststoffverpackung stammt. In unserer ersten Studie haben wir 18 verschiedene Mineralwässer getestet, sowohl aus Glas- als auch aus Plastikflaschen. Wasser aus Kunststoffflaschen war deutlich häufiger und höher hormonell belastet als das aus Glasflaschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das getestet?

Wagner: Wir haben unter anderem Schnecken, die sehr empfindlich auf östrogenartige Substanzen reagieren, in wassergefüllte PET-Flaschen und Glasflaschen gesetzt. In Plastikflaschen hatten sie eine etwa doppelt so hohe Reproduktion wie die in Glasflaschen.

SPIEGEL ONLINE: Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) schrieb dazu: "Die in der Publikation angegebenen Daten belegen nicht die von den Autoren diskutierte Hypothese, die östrogenartige Aktivität stamme aus PET-Flaschen. Auch die Versuche mit einem Schneckenmodell sind nicht geeignet, diese Befunde zu erhärten."

Wagner: Da bin ich anderer Meinung: Wenn sich die Reproduktion von Schnecken allein dadurch verdoppelt, dass sie in PET-Flaschen gehalten werden, ist das schon ein starker Hinweis darauf, dass Umwelthormone auslaugen. Wir haben übrigens nie behauptet, dass unser Schneckenmodell direkt übertragbar auf die menschliche Gesundheit ist. Vielmehr geht bei unseren Experimenten die rote Flagge hoch, die anzeigt, dass Umwelthormone enthalten sind. Das ist nur der erste Schritt, und man muss dem nachgehen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das nicht gemacht?

Wagner: Das haben wir versucht und auch andere. Das Problem ist: Wenn man nach den üblichen Verdächtigen sucht - Weichmachern, Phthalaten, Bisphenol A - findet man diese im Mineralwasser, allerdings nur in geringsten Mengen. Diese Chemikalien erklären also nicht die hormonelle Aktivität, die wir und andere gefunden haben. Wir haben es also mit unbekannten Substanzen zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man sich vor Substanzen schützen, die aus dem Kunststoff austreten?

Wagner: Generell ist das Auslaugen von Chemikalien zeitabhängig - je länger eine Flüssigkeit in der Kunststoffverpackung ist, desto mehr geht ins Lebensmittel über. Außerdem steigt diese Menge auch mit der Temperatur. Wer einmal bei Hitze eine Plastikwasserflasche im Auto hat liegen lassen und danach daraus getrunken hat, weiß: Dieses Wasser schmeckt chemisch. Hervorgerufen wird dieser Geschmack durch Acetaldehyde, die aus dem Kunststoff freigesetzt werden.

SPIEGEL ONLINE: Sind die gefährlich?

Wagner: Acetaldehyd gilt in den vorliegenden Konzentrationen als ungefährlich. Es ist aber ein Beispiel dafür, dass Kunststoffe in nennenswerten Mengen Chemikalien freisetzen - die Menge ist so groß, dass man sie sogar schmecken kann.

SPIEGEL ONLINE: Gehen aus billigen dünnen Einwegflaschen vom Discounter mehr Substanzen ins Mineralwasser über als aus dem dickeren Material der Mehrwegflaschen?

Wagner: Wir hatten in unseren Tests Discounter-Wasser und auch teureres Wasser in Plastikflaschen - und wir haben keinen Unterschied beobachtet. Diese Wasserflaschen, egal ob von Aldi oder aus dem Getränkemarkt, sind immer aus PET gemacht. Weiche Flaschen haben einfach nur eine dünnere Wandung als die Mehrwegflaschen, da sind nicht etwa Weichmacher drin.

SPIEGEL ONLINE: Es werden Kunststoffflaschen angeboten mit der Werbung "Bisphenol A" frei - sind die besser als herkömmliche PET-Flaschen?

Wagner: Der neuartige Kunststoff Tritan ist ein Ersatzmaterial für die alten, BPA-haltigen Trinkflaschen. In den USA gibt es ein Forscherteam, das dieses Material mit einem ähnlichen Testsystem wie dem unserem untersucht und darin auch östrogenartige Substanzen gefunden hat. Das Problem ist doch: Wir kennen die Chemikalien und Wirkungen der Ersatzkunststoffe noch weniger als die der BPA-haltigen Flaschen. Insofern beginnt die Forschung von vorn und wer weiß, vielleicht gibt es in 15 Jahren Tritan-freie Plastikflaschen. Insgesamt ist ein derartiges Vorgehen natürlich alles andere als optimal. Besser wäre es doch, gleich Kunststoffe zu entwickeln, die keine schädlichen Chemikalien enthalten. Aber das lohnt sich bisher für die Plastikindustrie nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Alumiumflaschen aus toxikologischer Sicht zu bewerten?

Wagner: Vorsicht mit älteren Flaschen - früher wurden sie innen mit Epoxidharzen beschichtet. Diese werden aus BPA hergestellt. Die neuen Aluminiumflaschen, zumindest die von Qualitätsherstellern, sind nicht mehr beschichtet. Sie sind eine gute Alternative zu PET-Flaschen.

SPIEGEL ONLINE: Welches Mineralwasser empfehlen Sie?

Wagner: Das Leitungswasser, das wir untersucht haben, war nicht mit Umwelthormonen belastet. Warum nicht einfach das am strengsten kontrollierte Wasser in Deutschland trinken, nämlich das, was aus dem Hahn kommt? Das ist 1000- bis 5000-mal günstiger, muss nicht verpackt, mit hohem Energieaufwand abgefüllt und transportiert werden und verursacht keinen Plastikmüll. Für mich ist die Wahl da offensichtlich.

SPIEGEL ONLINE: Findet man Pestizidrückstände in ähnlicher Konzentration, wie sie Stiftung Warentest im Mineralwasser gefunden hat, auch im Leitungswasser?

Wagner: Hierzu fehlen zwar Vergleichsdaten, grundsätzlich gelten für Leitungswasser aber strengere Richtlinien. Was viele nicht wissen: Mineralwasser darf nicht aufbereitet werden, Leitungswasser hingegen wird aufwendig kontrolliert und gereinigt. Insofern hat unser Leitungswasser eine sehr hohe Qualität, die durch gesetzlich verbindliche Schadstoffgrenzwerte gesichert wird, die für Mineralwasser nicht existieren.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde nach Edelstahlflaschen gefragt, gemeint waren Aluminiumflaschen. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen. Außerdem hieß es, die Belastung mit Pestiziden sei in Leitungswasser in der Regel niedriger und seltener als in Mineralwasser. Dabei handelte es sich um eine persönliche, wissenschaftliche Einschätzungen. Vergleichsdaten liegen dazu nicht vor.

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insgesamt 62 Beiträge
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Seite 1
günterjoachim 30.07.2014
1. Genial...
Nachdem PET Flaschen nach Meinung der Wissenschaftler offensichtlich die Fortpflanzung positv beinflussen, sollten PET Flaschen generell Pflicht werden. Das hätte einen sehr guten Einfluß auf den demografischen Wandel und die derzeit noch drohende zukünftige Altersarmut.
zila 30.07.2014
2. Hormonbelastung
Ich frag mich, ob fuer Erwachsene diese auf Oestrogenreptoren wirkenden Substanzen wirklich schaedlich sind. Phytoestrogene nehmen viele Leute ja sogar freiwillig.
rednaxelar 30.07.2014
3. warum Kunststoffflaschen nicht in der Sonne liegen sollten
In den Weltregionen mit miserabler Wasserversorgung raten wir in der Entwicklungshilfe dazu, einige Zeit Wasser in Plastikflaschen in der Sonne liegen zu lassen, hier wird angedeutet, dass dies ggf. gesundheitsschädlich sein kann. Es wäre interessant, die Meinung des Experten zur Desinfektion von Wasser mittels Plastikflaschen in der Sonne zu erfahren.
schmusel 30.07.2014
4. Das Problem mit dem Leitungswasser
Weder der Toxikologe noch die Wasserwerke wissen was bei mir und dir zuhause für Leitungen in Wänden und Böden liegen. Das Wasser kommt vielleicht sauber aus dem Wasserwerk, aber belastet aus dem Wasserhahn. Ist eben alles nicht so schwarz und weiss.
Konstruktor 30.07.2014
5.
Zitat von günterjoachimNachdem PET Flaschen nach Meinung der Wissenschaftler offensichtlich die Fortpflanzung positv beinflussen, sollten PET Flaschen generell Pflicht werden. Das hätte einen sehr guten Einfluß auf den demografischen Wandel und die derzeit noch drohende zukünftige Altersarmut.
Ich wäre da mal etwas vorsichtig mit dem Übertragenwollen: Schnecken sind Zwitter!
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