Vater-Kind-Fitness "Der Spaß des Kindes steht immer im Vordergrund"

Kind, Karriere - keine Zeit für Fitness? Ein Sportprogramm für Vater und Kind will dieses Problem lösen. Im Interview erklärt Entwickler Andreas Ullrich, wie man den Nachwuchs motiviert.

Anja Richter

Zur Person
  • Anja Richter
    Andreas Ullrich, Jahrgang 1989, ist Sportwissenschaftler und Personal Trainer. Seinen Co-Autor Andreas Lober lernte er kennen, als dieser mit seinen Kindern im Park trainierte. Zusammen entwickelten sie das Buch "Powerpapa - das beste Fitnessprogramm für Väter".
  • Homepage von Andreas Ullrich
SPIEGEL ONLINE: Herr Ullrich, Sie haben gemeinsam mit einem Vater ein Fitnessprogramm für gestresste Papas entwickelt. Ist das wirklich nötig?

Ullrich: Unserer Ansicht nach ist es sogar dringend nötig. Unser Gedanke war: Der Vater soll trainieren - und zwar gemeinsam mit dem Kind.

SPIEGEL ONLINE: Aber gerade junge Väter genießen doch die kinderfreie Sportzeit.

Ullrich: Das wollen wir niemandem nehmen. Der Vater muss auch mal abschalten und mit seinen Jungs abhängen und Fußball spielen können. Bei unserem Fitnessprogramm geht es darum, zwei eigentlich konkurrierende Dinge miteinander zu kombinieren: das eigene Training und Zeit mit seinen Kindern zu verbringen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso geht es nur um den Papa? Was ist mit der Mama?

Ullrich: Für die Mütter gibt es schon ein vielfältiges Angebot: Buggyfit, Knuddelfit, Fit dank Baby. Auch Kindern wird viel angeboten, aber bei den Vätern sieht es schon dünner aus. Wir hatten das Gefühl, dass gerade jungen Papas oft die Zeit fehlt, Sport zu treiben. Oft ist es so, dass Männer in einer Lebensphase Vater werden, in der sie sich im Beruf weiterentwickeln. Und der Tag hat weiterhin nur 24 Stunden.

SPIEGEL ONLINE: Und beim Spagat zwischen Familie und Beruf fehlt die Zeit für die eigene Fitness.

Ullrich: Genau, bei meinem Co-Autor Andreas Lober war das auch so. In der Schwangerschaft ist er ein bisschen mit schwanger geworden, Managerposition, zwei Kinder, die Fitness leidet. Er suchte nach Lösungen und fing an, mit seinem Kindern spielerisch im Park zu trainieren - und hat dabei gemerkt: Das ist superanstrengend und macht allen Spaß.

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Fitness-Übungen: Klassiker und Trends
SPIEGEL ONLINE: Die Übungen aus Ihrem Buch sind meist nicht neu: Man arbeitet viel mit dem eigenen Körpergewicht, ein Functional Training mit Kind. "Missbraucht" man sein Kind nicht als Sportgerät?

Ullrich: Der Spaß des Kindes steht immer im Vordergrund. Mit Zwang funktioniert gar nichts. Da muss der Vater ein feines Gespür dafür entwickeln, was das Kind möchte und was nicht, und ob man es motivieren kann oder nicht. Wenn es keine Lust hat und lieber Sandburgen bauen will, trainiert der Vater eben alleine weiter.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss das Training sein, damit es Kindern Spaß macht?

Ullrich: Es muss spielerisch sein, klar. Es darf wenig Pausen geben. Oder die Pausen müssen mit motivierenden Aufgaben gefüllt sein. Kindern macht es zum Beispiel Spaß, Wiederholungen zu zählen. Oder: Der Vater macht eine Brücke und das Kind krabbelt unten durch. Oder der Vater sagt: Ich mache zehn Liegestütze und du läufst zu dem Baum dort und zurück, mal sehen, wer schneller ist. Durch spaßige Beschäftigungen kann man die Stimmung hochhalten.

SPIEGEL ONLINE: Aber momentan mal: Der Vater soll doch was für seine eigene Fitness und Gesundheit tun. Das klingt ein bisschen nach Pausenclown und Kindergeburtstag.

Ullrich: Es ist eine Herausforderung, keine Frage. Aber genau deshalb haben wir in dem Buch versucht, dem Vater eine Struktur vorzugeben, bei der man Mitmach-, Nachmach- und Spaßübungen so kombiniert, dass jeder auf seine Kosten kommt. Es geht ja auch darum, Zeit mit seinen Kindern zu verbringen und sie auf diese Weise kennenzulernen. Man soll zuhören lernen, in sie hineinspüren und sie dahin führen, wohin sie wollen. Das überträgt sich dann auch auf andere Lebensbereiche.

SPIEGEL ONLINE: In der Theorie klingt das wunderbar. Die Praxis sieht oft anders aus. Kinder haben andere Ideen, wollen lieber ein Eis essen als Liegestütze am Baum machen. Wie rettet man sich aus so einer Situation?

Ullrich: Generell muss der Vater weg vom klassischen Krafttrainingsgedanken, wonach man stur nach Sätzen und Wiederholungen trainiert. Es geht mehr darum, auf seinen Körper zu hören und so lange weiterzumachen, wie man kann. Klar, die Kinder müssen ständig motiviert werden. Was immer geht, ist das Nachmachen von Tieren: Gehen wie eine Krabbe oder ein Frosch. Oder das Kind direkt fragen, was für ein Tier es sein will. Und das Kind läuft los wie ein Schmetterling. Schon ist die Energie wieder da. Ich trainiere seit einem Jahr Kinder in einer Kita - das klappt und macht allen richtig Spaß.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit der Verletzungsgefahr? Jeder Papa kennt das: Wenn das Kind ungefragt und mit voller Wucht auf einen draufspringt.

Ullrich: Natürlich gibt es ein Verletzungsrisiko, das gibt's aber überall und immer. Selbst wenn man über die Straße geht oder Fußball spielt. Die Väter sollten sich die Übungen vorher genau anschauen und aufhören, wenn es irgendwo wehtut. Das ist die wichtigste Regel. Wenn Schmerzen auftreten - stopp! Sonst kompensiert der Körper und macht unfunktionale Ausweichbewegungen. Kinder machen im Übrigen meist intuitiv alles richtig, wenn ihnen nicht schon der natürliche Instinkt zur Bewegung durch Laufkäfig und stundenlanges Fernsehschauen abhandengekommen ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie trainieren Kita-Kinder - wie steht es denn um den Fitnesstand? Oft hört man ja, dass Kinder heutzutage nicht mehr rückwärtsgehen oder einen Purzelbaum machen könnten.

Ullrich: Ich sage es mal so: Man sieht genau, ob Eltern ihre Kinder zu Bewegung erziehen oder sie vor dem Fernseher parken. Man weiß auch meistens, welche Kinder zu welchen Eltern gehören. Das erkennt man an Haltung und Körperspannung, an der Art, wie sie gehen oder laufen. Umso wichtiger ist es, dass man als Elternteil das, was man seinen Kindern mit auf den Weg geben möchte, auch vorlebt.

Interview: Frank Joung

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Seite 1
andreasclevert 28.08.2015
1. Ich sach mal...
....nice try, aber keine Marktlücke. In Nido kam mal die Kombi-Idee Kind beschäftigen & gleichzeitig Arzt spielen. Bis mir Nachwuchs Nummer 3 den Bleistift ins Ohr rammte. Aus die Maus. Deshalb: Kombi nein danke. .. Ich halte es da lieber mit meinem 24Stunden-Sportstudio http://wp.me/p4WCtx-4W .... strange Typen aber heiles Trommelfell
hschmitter 28.08.2015
2.
Würde nicht ein Spielplatz reichen? Das geht auch ohne den gestressten Vater oder die als Chef-chauffeuse rumkurvende Mutti. War jedenfalls bei mir im letzten Jahrtausend noch üblich.
ftester 28.08.2015
3. Arme Stadkinder
, beim mir in der Kleinstadt läuft das von allein, Slackline, Trampolin, Sportverein in nächster Nähe/ auf dem Grundstück, heut wieder 2h mit den Kids auf dem Skateboard zugebracht, keine Zeit um zu viele Pfunde anzusetzen:-)......einfach ein vernünftiges Umfeld suchen....
Nicecharly 28.08.2015
4.
Was für eine Erkenntnis. Es geht wieder mal darum, Leuten von heute ein Buch anzudrehen, die für alles Ziele, Programme und viel Power brauchen. Das ist vielleicht für die interessant, die auch einen Wochenend-Workshop brauchen, um zu lernen wie man einen Grill anzündet.
CobCom 29.08.2015
5.
Meine Güte! Immer diese Möchtegerneventkultur. Kann man nicht einfach in Absprache mit anderen Eltern ein Rudel Kids einsammeln und ab in den Wald? Oder in die Heide? Oder sonst wohin. Die haben dann schon von alleine Spaß, auch ohne Papa auch noch in eine Glucke zu verwandeln. Voraussetzung: Das "Erwachsenen"-Ego hält es aus, ein paar Minuten/Stunden unsichtbar zu werden... auch wenn das eigene Kind mal im Gerangel ist.
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