Mikroorganismen Wie Bakterien im Darm unsere Gesundheit beeinflussen

Hunderte Bakterienarten besiedeln den Darm. Ernährungsmediziner Bischoff erklärt, warum Probiotika nur in ganz bestimmten Fällen helfen - und ihre Einnahme trotzdem mehr als ein Hype ist.

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Ein Interview von


Zur Person
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    Stephan C. Bischoff ist Direktor des Instituts für Ernährungsmedizin an der Universität Hohenheim in Stuttgart. Er forscht zum Zusammenhang zwischen dem Mikrobiom des Darms und verschiedenen Krankheiten.

SPIEGEL: Herr Bischoff, der Darm und die Bakterien, die ihn besiedeln, haben in den vergangenen Jahren viel Aufmerksamkeit erhalten. Zu Recht?

Bischoff: Absolut. Wir haben sozusagen ein neues Organ entdeckt. Obwohl wir schon seit langer Zeit wussten, dass Bakterien im Darm leben, war sehr wenig über sie bekannt. Das hat sich in den vergangenen zehn Jahren dramatisch verändert.

SPIEGEL: Und jetzt kennen wir die Mikroorganismen im Darm?

Bischoff: Wir kennen das sogenannte Mikrobiom besser, aber es ist weiterhin eine große, spannende Blackbox. Wir wissen recht gut, welche Bakteriensorten im Darm leben, aber wir verstehen noch lange nicht alle ihre Funktionen. Und wir wissen auch nur ansatzweise, wie sie interagieren. Klar ist, dass die Zusammensetzung bei manchen Krankheiten verändert ist. Doch in den meisten Fällen wissen wir nicht, ob es die Ursache für die Erkrankung oder deren Folge ist.


Mikrobiom oder Darmflora?

Früher wurden die im Darm lebenden Bakterien meist unter dem Begriff Darmflora zusammengefasst. Inzwischen wird eher der Begriff Mikrobiom verwendet - weil es sich bei den Mikroben ja nicht um Pflanzen handelt und sie deshalb mit "Flora" nichts zu tun haben.


SPIEGEL: Wie viele Bakterienarten leben im Darm?

Bischoff: Wir wissen von 1000 bis 1500 Spezies, wobei nicht alle bei jedem Menschen vorkommen. Durchschnittlich beherbergt der Darm vermutlich etwa 500 Sorten, aber mancher Mensch hat nur 200, ein anderer 1000 Bakterienarten im Darm. Wobei große Vielfalt des Mikrobioms gesundheitlich vorteilhaft ist. Je mehr Arten, desto besser.

SPIEGEL: Bleibt das Mikrobiom denn im Laufe des Lebens gleich?

Bischoff: Nein, es verändert sich bis ins hohe Alter, was auch mit der Ernährung zusammenhängt.

SPIEGEL: Wie wirksam sind probiotische Drinks und Joghurts aus dem Supermarkt? Können sie das Mikrobiom und die Gesundheit stärken?

Bischoff: Viele Verbraucher hoffen dies. Allerdings gibt es nur begrenzt Nachweise, dass Probiotika vorbeugend wirksam sind - etwa bei Erkältungskrankheiten. So zeigte eine Übersichtsarbeit, dass ausgewählte Probiotika in ausreichender Menge verabreicht vor akuten Infektionen der oberen Atemwege schützen können. Allerdings ist die Qualität der Studien mitunter dürftig. Die wissenschaftlichen Belege reichen nicht aus, um jedem Menschen zu empfehlen, zu probiotischen Joghurts zu greifen. Das gilt auch für probiotische Nahrungsergänzungsmittel. Ich glaube nicht, dass die Bevölkerung solche Kapseln braucht, was übrigens auch auf andere Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine zutrifft. Wer sich gesund ernährt, ist ausreichend versorgt.


Gut für den Darm: Vielfältige Ernährung und Bewegung

Eine abwechslungsreiche Ernährung mit vielen Ballaststoffen, Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen, Samen und nur wenig Zucker ist auch für den Darm gesund. Wichtig: Damit die Ballaststoffe wirken können, braucht es Flüssigkeit. Daher ausreichend trinken, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt als Richtwert 1,5 Liter am Tag. Von Natur aus kommen Milchsäurebakterien in Sauermilchprodukten wie Joghurt, Kefir oder Dickmilch vor. Auch Sauerkraut ist für die Darmbakterien gut. Wer auf speziell mit probiotischen Bakterien angereicherte Produkte zurückgreift, sollte darauf achten, dass diese nicht überzuckert sind. Wichtig für die Darmgesundheit und die Verdauung ist Bewegung, zum Beispiel bei einem halbstündigen täglichen Spaziergang oder einer Fahrradtour.


SPIEGEL: Aber Probiotika werden doch zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt.

Bischoff: Das stimmt. Es gibt Risikogruppen und Erkrankte, die von probiotischen Produkten profitieren können. Am besten belegt ist das bei Magen-Darm-Erkrankungen. Bei vielen Durchfallkrankheiten wirken spezielle probiotische Stämme vorbeugend und lindernd, vor allem bei Kindern. Auch bei ausgewählten chronisch entzündlichen Darmerkrankungen gibt es Hinweise, dass manche Bakterienarten hilfreich sind. Beim Reizdarmsyndrom werden Probiotika mitunter als unterstützende Therapie empfohlen. Bei der Therapie werden aber meist höher dosierte Präparate in Kapselform und spezielle Bakterienstämme eingesetzt - und seltener probiotischer Joghurt.

SPIEGEL: Wie wirken die Präparate auf Krankheiten jenseits des Darms?

Bischoff: Da gibt es spannende Ideen - von Fettleibigkeit über psychische Erkrankungen bis hin zur Vorbeugung von Allergien. Vieles muss sich erst noch in Studien beweisen. Und mitunter wird die Anfangsbegeisterung gedämpft. So zeigten erste Studien, dass Probiotika vor Neurodermitis schützen. Das bestätigte sich in weiteren Untersuchungen allerdings nicht. Wahrscheinlich ist dies darauf zurückzuführen, dass das Mikrobiom von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ist. Generell gilt: Nicht jeder Stamm hilft gegen alles. Spezies und Dosis müssen sorgfältig ausgewählt werden.

SPIEGEL: Wer sollte auf Probiotika verzichten?

Bischoff: Schwerkranke und Immungeschwächte sollten keine probiotischen Produkte einnehmen. Milchsäurebakterien sind in der Regel zwar unproblematisch, sie sind seit Jahrhunderten in unserer Nahrungskette. Bei neueren probiotischen Stämmen, die man etwa aus Stuhlproben isoliert, ist Vorsicht angebracht. Sie könnten die Bakterien im Darm in eine ungünstige Richtung beeinflussen, Antibiotikaresistenzen übertragen oder Infekte hervorrufen. Ihre Sicherheit muss sorgfältig geprüft werden.

SPIEGEL: Die Verbraucherzentrale rät von Babynahrung ab, die mit speziellen Bakterienstämmen oder Ballaststoffen angereichert ist. Es gebe für gesunde Säuglinge und Kleinkinder keine ausreichenden Belege für einen gesundheitlichen Nutzen.

Bischoff: Allgemeingültige Ratschläge können wir in der Tat nicht geben. Ich würde die Gabe nicht aktiv empfehlen. Wenn Eltern es ausprobieren wollen, da sie in der Familie sehr mit Allergien belastet sind, würde ich aber kein Veto einlegen. Es gibt keine Hinweise, dass es schadet.

SPIEGEL: Weiß man, auf welche Weise Probiotika den Darm beeinflussen?

Bischoff: Anders als lange angenommen, verändern Probiotika unser Darm-Mikrobiom nicht dauerhaft. Vermutlich wechselwirken sie eher mit anderen Mikroorganismen im Darm und halten krankhafte Keime im Schach oder sorgen dafür, dass förderliche Stoffwechselprodukte entstehen. Zudem modulieren und regulieren sie das Immunsystem im Darm.

SPIEGEL: Das Mikrobiom im Darm unterscheidet sich bei Normalgewichtigen und Übergewichtigen. Können Probiotika beim Abnehmen helfen?

Bischoff: Hier stehen wir sehr am Anfang, es gibt vor allem viele Tierstudien. Erste klinische Studien zeigen, dass ausgewählte Probiotika bei der Behandlung der Adipositas nicht besonders helfen. Sie können aber Folgeerkrankungen wie Störungen des Zuckerstoffwechsels oder das Auftreten einer Fettleber vermindern.

SPIEGEL: Zusammengefasst gefragt - sind Probiotika vielleicht doch nur ein Hype?

Bischoff: Das würde ich nicht sagen. Ich finde es faszinierend, dass sich aus der Forschung neue Einsatzfelder ergeben haben, um verschiedenste Krankheiten zu verhindern oder zu behandeln. Darin steckt ein unglaubliches Potenzial. Aber für konkrete Therapieempfehlungen ist die Zeit bei diesen neuen Einsatzfeldern - anders als bei mancher Magen-Darm-Erkrankung - noch nicht reif. Dafür muss man in den kommenden Jahren schauen, ob sich die ersten Ergebnisse bestätigen lassen. Wir sprechen schließlich von einer neuen Generation von Probiotika, die momentan erst im Tiermodell und Reagenzglas getestet werden.


Probiotika und Präbiotika

Die Begriffe klingen fast gleich, aber es versteckt sich etwas ganz Unterschiedliches dahinter.

  • Probiotika sind lebende oder gefriergetrocknete Bakterien, zu denen etwa Milchsäure- oder Kolibakterien zählen.
  • Präbiotika sind Nahrungsbestandteile. Dazu gehören unlösliche Ballaststoffe wie etwa Stärke in Kartoffeln und Getreide oder lösliche Ballaststoffe wie Pektin in Obst und Gemüse. Sie dienen als Nahrung für Darmkeime. Ihr Verzehr beeinflusst das Wachstum und die Aktivität "guter" Bakterienarten und kann vorteilhaft sein, da Präbiotika im Darm eine ähnliche Wirkung wie Probiotika entfalten.


insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
noalk 11.10.2018
1. Probiotika verändern unser Darm-Mikrobiom nicht dauerhaft
Wie schön für die Hersteller solcherlei Zeugs. Also "müssen" die Verbrauchenden immer schön kaufen.
Henson 11.10.2018
2. Bei mir klappts
Ich nehme seit einem Jahr Probotika und meinem Darm geht es um einiges besser. Selbst, wenn das alles nur Plazebo-Effekt ist, ist mir das die 40 Euro im Quartal mehr als wert :)
cindy2009 11.10.2018
3. @noalk
"----- noalk heute, 16:37 Uhr 1. Probiotika verändern unser Darm-Mikrobiom nicht dauerhaft Wie schön für die Hersteller solcherlei Zeugs. Also "müssen" die Verbrauchenden immer schön kaufen.----" Geht auch einfacher. Selbst herstellen.
skeptiker-today 12.10.2018
4. seltsam
ich wundere mich bei dieser Diskussion: Bei normaler Funktion des Magens und des Zölffingerdarms sollten im Dünndarm eigentlich überhaupt oder nur vorübergehend ganz wenige Bakterien sein - insofern wäre es verwunderlich, wenn lebenden Bakterien aus Präbiotika es in den Darm schaffen. Im Dickdarm sieht das dann ganz anders aus - der ist gut besiedelt - aber diese Besiedelung erfolgt eher vom anderen Ende her. Insofern sind Präbiotika eher sinnlos, viel wichtiger ist gutes Kauen und ausreichende Abstände zwischen den Mahlzeiten.
ruhepuls 12.10.2018
5. "Müssen" tut es niemand...
Zitat von noalkWie schön für die Hersteller solcherlei Zeugs. Also "müssen" die Verbrauchenden immer schön kaufen.
Niemand "muss" Probiotika nehmen. Wenn aber jemand für sich davon einen Nutzen feststellt, dann kann er sie einnehmen, ggf. auch dauerhaft. Und, wo ist das Problem? Wir müssen auch täglich essen, trinken und fahren vielleicht jedes Jahr in Urlaub. Hält auch nicht dauerhaft... Die Hersteller können nun mal nichts dafür, dass die Natur nicht immer so tickt, wie wir es gerne hätten.
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