Psychologie des Fastens "In Fastenzeiten nehmen Menschen sich mehr Zeit für sich"

Ein paar Tage lang muss man eisern sein, dann aber kommt die Euphorie: Fasten beeinflusst nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Die Psychologin Annemarie Trinkl erklärt, warum es zu dem Stimmungshoch kommt - und wie man die Hungerzeit bis dahin am besten übersteht.

Grüner Tee: In der Fastenzeit ein beliebtes Getränk
Corbis

Grüner Tee: In der Fastenzeit ein beliebtes Getränk


ZUR PERSON
  • Annemarie Trinkl
    Dr. Annemarie Trinkl ist Psychologin und arbeitet als Sozialpädagogin. Fünf Jahre lang betreute sie Patienten psychologisch beim Heilfasten in einem Kurzentrum im Kärnten. Sie ist Autorin des Ratgebers "Psychologie des Fastens".
  • Homepage von Annemarie Trinkl
SPIEGEL ONLINE: Was passiert im Kopf, wenn wir fasten?

Tinkl: Viel. Denn nicht nur der Körper, sondern auch Geist und Seele werden gereinigt. Während meiner Tätigkeit in einem Kurzentrum in Kärnten habe ich immer wieder beobachtet, dass die Fastenpatienten nach einigen Tagen bereit waren, alte Lasten abzuwerfen, loszulassen und sich für Neues zu öffnen. Sie begannen zu entrümpeln. Bei manchen traten dann auch belastende Erinnerungen aus der Kindheit, bei anderen Ängste zu Tage, die sie im Alltag immer weggeschoben hatten. Diese drängten nun auf Aufarbeitung.

SPIEGEL ONLINE: Warum kommt da so viel hoch?

Tinkl: In Fastenzeiten nehmen sich Menschen mehr Zeit für sich selbst. Sie lernen wieder, sich bewusster damit auseinanderzusetzen, was ihnen guttut. Sie handeln ruhiger und achtsamer. Gewisse Dinge sehen viele dann plötzlich klar vor Augen, als ob eine dicke Nebelwand weggeschoben würde.

SPIEGEL ONLINE: Viele berichten auch von einer Euphorie, die sie während des Fastens überfällt. Woher kommt das Hochgefühl?

Tinkl: In den ersten ein bis zwei Tagen sind die meisten müde, fühlen sich unwohl, haben Kopfweh. Doch wenn sie diese Phase überstanden haben, und sich der Körper an das Fasten gewöhnt hat, erleben sie das Stimmungshoch. Sie haben dann etwas geschafft.

GESUND FASTEN: DIE FÜNF WICHTIGSTEN REGELN
    1. Ein ärztlicher Check-up vor Fastenbeginn ist ratsam. Gegebenenfalls ist es sinnvoll, auch zwischendurch mal zum Arzt zu gehen. Wer eine Krankheit hat, sollte nur unter ärztlicher Beobachtung, etwa in einer Fastenklinik, fasten. Nicht fasten sollten Untergewichtige, Menschen mit Essstörungen wie Magersucht und Bulimie, Menschen mit einem BMI über 45 oder mit einer Schilddrüsenerkrankung sowie schwer Leber- und Nierenkranke.
  • 2. Verzichten Sie während des Fastens auf Genussgifte. Das heißt kein Alkohol, Koffein und Nikotin.
  • 3. Während des Fastens und der daran anschließenden Aufbauzeit sollte man auf eine ausreichende und elektrolytreiche Flüssigkeitszufuhr achten. Empfehlenswert sind täglich zwei bis drei Liter Gemüsebrühen, Gemüsesaftschorlen oder Mineralwasser.
  • 4. Nach dem Fasten sollte man behutsam wieder in die normale Ernährung einsteigen und dem Darm eine zumindest viertägige Aufbauzeit gönnen: Gewöhnen Sie Ihre Darmflora langsam wieder an feste und regelmäßige Nahrung. Leicht verdauliche Nahrungsmittel sind beispielweise Kartoffeln und Äpfel, schwer verdauliche sind Kohl, Bohnen und Fleisch.
5. Ausreichend Bewegung ist während des Fastens wichtig, um den Abbau von Muskeleiweiß zu minimieren. Zusätzlich können sich Entspannungstechniken eignen, wie etwa autogenes Training, Meditation, Yoga und Tai-Chi.
SPIEGEL ONLINE: Wie lange hält dieses Hoch an?

Tinkl: Lange. Mindestens so lange, wie man fastet. Viele fühlen sich auch nach der Fastenkur noch ausgeglichen und gesund - vor allem, wenn sie nicht gleich wieder in alte ungesunde Ernährungsmuster zurückfallen.

SPIEGEL ONLINE: Um den Punkt der Euphorie überhaupt zu erreichen, muss man die quälende Startphase aber erst einmal überstehen. Wie gelingt das am besten?

Tinkl: Es hilft zum einen, in sich hineinzuhorchen, was einem guttut. Gehen Sie viel raus, bewegen Sie sich, wenn Ihnen danach ist. Legen Sie sich zur Ruhe, wenn das gerade Ihr Bedürfnis ist. Nehmen Sie auch immer wieder die positiven Veränderungen wahr und motivieren Sie sich damit. Sagen Sie sich: "Ich halte durch, weil ich mich jetzt schon viel gesünder, fitter oder fröhlicher fühle." Und wenn die negativen Aspekte sich in den Vordergrund drängen: ablenken. Mein Tipp: Gehen sie spazieren, genießen sie die Natur. Aktivieren Sie dort ihre Sinne. Riechen sie das frische Gras, hören Sie die Vögel singen, spüren Sie die laue Brise.

SPIEGEL ONLINE: Nicht jeder von uns will drei Wochen am Stück auf Essen verzichten. Muss denn Fasten immer so lange dauern?

Tinkl: Wer sich nicht zutraut, mehrere Tage oder Wochen zu fasten, kann auch immer mal einen Fastentag einlegen. Schon diese können Körper und Seele entlasten. An solchen Tagen sollte es beispielsweise keinen Kuchen, keinen Alkohol oder schwere Mahlzeiten geben, sondern viel Wasser und Tee. Sie können auch mal einen ganzen Tag nur Obst essen, vor allem im Sommer bietet sich das an. Ganz wichtig dabei: Essen sie achtsam. Kauen Sie jeden Bissen ausgiebig, lassen Sie sich Zeit fürs Essen. Genießen Sie.

Das Interview führte Jana Hauschild.



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
penie 06.03.2014
1. Getretener Quark wird breit ...
... nicht stark. Es ist schon lange nachgewiesen, dass fasten keinen Reinigungseffekt auf den Organismus hat. Geschweige denn auf Geist und Seele. Hier werden wie so oft irgendwelche Mythen aufgebaut. Dass Leute, die fasten, sich in der Zeit mit sich selbst befassen, stimmt. Kein Wunder, sie müssen ja eine beträchtliche innere Leere, die sonst nicht vorhanden ist, füllen. Natürlich haben sie dafür mehr Zeit - mit Einkauf und Mahlzeiten sind sie schnell fertig. Frau muss auch keine Esoterikerin sein, um mit Freude zu fasten. Ich faste wie an anderer Stelle bereits gesagt gerne und regelmäßig jedes Jahr. Auch ohne diese Überhöhungen.
meinmein 06.03.2014
2.
Sollen wir schon auf zukünftige Zeiten der Knappheit vorbereitet werden, oder warum wird hier auf SPON in mehreren Artikeln das Fasten propagiert? Morgen esse ich nur Bananen und kaue jeden Bissen 40mal! Schrecklich esoterisch. Wobei die Wirkungen des echten Fastens eher mit denen von Drogengebrauch vergleichbar sind.
Burgwald 06.03.2014
3. Gefährlicher Artikel
Immer mehr junge Menschen (Frauen aber zunehmend auch Männer) haben schwere lebensgefährliche Esstörungen, die fühlen sich durch einen solchen Artikel animiert oder rutschen nach einer Fastenkur in eine Anorexie hinein, sie hätten wenigstens Altersgrenzen erwähnen müssen und einen Hinweis auf einen gesunden BMI-Bereich unterhalb dessen man AUF KEINEN FALL mehr fasten darf!
Tobsen666 06.03.2014
4. Sinn des Fastens?
Zitat von sysopCorbisEin paar Tage lang muss man eisern sein, dann aber kommt die Euphorie: Fasten beeinflusst nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Die Psychologin Annemarie Trinkl erklärt, warum es zu dem Stimmungshoch kommt - und wie man die Hungerzeit bis dahin am besten übersteht. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/psychologie-des-fastens-in-fastenzeiten-nehmen-sich-menschen-mehr-zeit-a-957209.html
Ist das der Sinn des Fastens, dass man durch endogene, rauscherzeugende Substanzen in einen "High"-Zustand kommt? Das kann man aber auch einfacher haben, ohne den Körper in unnötigen Stress (denn genau das ist Fasten für den Körper --> Ausschüttung von psychotropen Stoffen zum Verdecken des Stresses) zu versetzen. Einfach bewusster leben und mal bei einem lecker Bierchen oder einem Joint entspannen und die Seele baumeln lassen. Setzt wahrscheinlich ähnliche physiologische Mechanismen in Gang wie Fasten, allerdings stressfreier.
BettyB. 06.03.2014
5. Lustiges Fasten
Fasten ist toll. Man kommt endlich mal zu sich. Besser wäre noch, abzuschalten, wirklich gut leicht essen und den Fastenkram vergessen. Ist leckerer und hilft auch...
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