Selbstversuch Zwei Wochen nur Pulvernahrung - wie hält man das aus?

Kochen macht Spaß, kostet aber Zeit. Wer die nicht hat, kann stattdessen Shakes trinken, in denen angeblich alle wichtigen Nährstoffe stecken. Jörg Römer hat das zwei Wochen lang ausprobiert.

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Wissen Sie eigentlich, wie gut ein Pfirsich schmeckt? Oder eine Orange? Klar, Sie haben die Früchte vermutlich schon oft gekostet. Doch wie unglaublich saftig und süß sie sind, weiß ich erst, seitdem ich darauf - und auf vieles andere - verzichtet habe. Zwei Wochen lang habe ich versucht, mich nur von mit Wasser angerührtem Pulver zu ernähren.

Was vor einigen Jahren noch Science-Fiction-Fantasie war, konsumieren heute immer mehr Menschen. Es gibt bereits zahlreiche Abspeckkuren, bei denen man den ganzen Tag lang nur Shakes trinkt.

Aber ich will nicht abnehmen. Mich interessiert, wie es ist, sich nur von Pulver zu ernähren. Der größte Vorteil dieser Produkte ist: die Zeitersparnis. Kochen und Einkaufen werden überflüssig.

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Pulver für die Agenturen

Die Hersteller von Marken wie Huel, Plenny Shake, Mana oder Soylent vermarkten ihre Produkte als trendige Livestyle-Pülverchen, aber auch als Future Food-Konzept, das eines Tages Massen ernähren könnte. Die Werbekampagnen zielen auf hippes Jungvolk unter Dauerstress ab. Start-up-Gründer, Extrem-Performer oder Angehörige des urbanen Agentur-Volks, kurz: Leute, die Wichtigeres zu tun haben als Kochen, wird da suggeriert. Zwischen den Meetings schnell einen Shake angerührt - zack, schon wieder Zeit gewonnen, zum Beispiel um das Mindset neu zu kalibrieren.

Für mich geht es um etwas anderes: Die Shakes, behaupten die Hersteller, decken den gesamten Nährstoffbedarf des Menschen ab und sind gesund. Aber können solche Produkte wirklich Tag für Tag genug Nährstoffe in der richtigen Kombination und Menge liefern?

Ab jetzt nur noch Schütteln

Zum Start meines Versuchs ernähre ich mich eine Woche lang von Plenny-Shake, einem Pulver aus den Niederlanden. In der zweiten Woche teste ich dann Huel. Meinen Alltag werde ich nicht ändern, auch bei den echten Getränken, also Wasser, Kaffee, Alkohol, plane ich keine Einschränkungen. Die Vorstellung, mich zwei Wochen lang nicht fragen zu müssen, "Was esse ich heute?", gefällt mir. Aber ich ahne auch, dass diese Erleichterung schnell von anderen Gefühlen abgelöst werden könnte.

Den ersten Shake trinke ich an einem Morgen im Büro. Ich entscheide mich für Bananengeschmack. Die Zubereitung ist wirklich einfach: 500 Milliliter Wasser in den mitgelieferten Shaker füllen, drei Messlöffel Pulver draufkippen und schütteln.

Das Getränk schmeckt etwas nichtssagend, weder künstlich noch zu süß. Es hat einen leichten Nachgeschmack nach irgendeinem Getreide - vielleicht Hafer. Ich bin erstaunlich schnell satt. Der Mix aus Kohlehydraten, Proteinen, Fetten, Vitaminen, Mineralien und weiteren Nährstoffen liefert 700 Kilokalorien. Immerhin: Ich kann mir zu diesem Zeitpunkt vorstellen, mittags den nächsten zu trinken. Und ich habe noch einige Geschmacksrichtungen vor mir: Erdbeere, Mango, Vanille und Schokolade.

Plenny Shake kommt aus den Niederlanden
Jimmy Joy

Plenny Shake kommt aus den Niederlanden

Dann der erste Härtetest: Ich gehe mit einer Kollegin in die Kantine. Am Fisch-Donnerstag. Ich liebe Fisch. Entsprechend neidisch schaue ich auf die gebratene Forelle, versuche, den Geruch zu ignorieren. Die Mitleidsbekundungen der Kollegin lächle ich weg. Zurück am Arbeitsplatz mixe ich mein "Essen". Immerhin komme ich mit den beiden Shakes ohne Hunger durch den Tag.

Am Abend wird es allerdings ernst. Meine jüngste Tochter bietet mir einen Keks an. Geht nicht. "Was kochen wir heute?", fragt sie. 'Für mich nichts, danke', denke ich. Den Geruch von Spaghetti carbonara muss ich trotzdem ertragen. Mit der Familie beim Essen am Tisch zu sitzen, ist der härteste Teil der Prüfung. Essen hat eben auch eine soziale Komponente.

Es wird einsam

Am nächsten Morgen beuge ich meiner Gewohnheit vor: Normalerweise frühstücke ich erst im Büro. Den ersten Shake trinke ich daher heute schon zu Hause. Meine Tochter ist begeistert und möchte unbedingt für mich schütteln. Wieder Banane, Hauptsache satt.

Mittags habe ich auf eine Verabredung in der Kantine verzichtet, die Erfahrung vom Vortag hat mir gereicht. Pulver macht einsam. Ich gehe joggen und trinke danach wieder einen Shake, diesmal Vanille. Schmeckt okay, ein Kollege will probieren. "Ein bisschen fade, aber kann man essen. Oder trinken. Aber eine Woche nur das Zeug, nein danke", sagt er.

Der Geschmack sei bewusst neutral gewählt, erklärt mir ein Mitarbeiter von Plenny. Wäre er zu intensiv, würden Langzeitnutzer schneller von der jeweiligen Geschmacksrichtung gelangweilt. Klingt einleuchtend, deshalb schmeckt es mir aber auch nicht besser.

Verknappung sensibilisiert die Sinne

Was mir auffällt: Ich nehme Gerüche zunehmend intensiver wahr, den Tee am Morgen, den Duft von Essen. Das Aroma eines Pfirsichs steigt mir in die Nase. Ich habe den Geschmack förmlich auf der Zunge, den Pfirsich leider nicht. Mein kulinarisches Highlight des Tages ist ein Cappuccino aus der Kaffee-Bar.

Mein Verlangen nach Essen steigt minütlich. Als ich zu Hause bin, rufen mir sogar die trockenen Nudeln vom Vortag zu: "Iss uns!" Mir wird immer bewusster, wie groß der Teil meines Lebens ist, den Essen einnimmt. Also schnell rein mit dem nächsten Shake, Schokolade - quasi als Süßigkeitenersatz. Fünf Minuten dauert das. Zeit spart man wirklich mit der Pampe.

Aber der Genuss bleibt völlig auf der Strecke. Stattdessen kurbelt der Verzicht meine Sinne an. Als ich dem Hund seine trockenen braunen Brocken in den Napf schütte, stelle ich fest: Sogar das Hundefutter riecht plötzlich verführerisch.

Hersteller mit schwarzem Humor

Im Jahre 1973 erschien der Science-Fiction-Film "Soylent Green", eine Dystopie über die Ernährung der Zukunft. Richtige Nahrung ist in dem Film knapper Luxus, die Menschen essen überwiegend ein Produkt namens "Soylent Green". Am Ende des Films stellt sich raus, dass es aus Toten hergestellt wird.

Der Gründer einer der ersten Future-Food-Pulver-Firmen, der Softwareentwickler Rob Rhinehart aus dem Silicon Valley, ließ einen gewissen Hang zur Ironie durchblicken, als er sein Convenience Food in Pulverform 2013 Soylent nannte. Rhinehart stellte das Rezept seines nach eigenen Angaben gesunden, kostengünstigen und zeitsparenden Produkts gratis ins Internet und entwickelte es weiter. Inzwischen ist er bei Soylent 2.0 angelangt, das sich in Valley-Kreisen großer Beliebtheit erfreuen soll. Man muss es nicht einmal mehr mischen, die Flüssignahrung - nach meiner Erfahrung Geschmacksnote Kondensmilch - wird fertig gemischt in der Flasche geliefert.

Soylent wird inzwischen fertig gemischt angeboten
imago/ ZUMA Press

Soylent wird inzwischen fertig gemischt angeboten

Auch der niederländische Firmengründer Joey van Koningsbruggen hat sich für seine Plenny Shakes am Syolent-Pulver orientiert. Sie enthalten Hafer, Früchte und Kakao für den Geschmack und Leinsamen, Soja und Molke für die Nährstoffe. Es gibt aber auch ein vegane Variante mit pflanzlichem Protein.

"Die Vielfalt der Nährstoffe fehlt"

Das klingt alles ziemlich gesund. Doch der Ernährungsmediziner Matthias Riedl, den ich für den Test treffe, empfiehlt keinen dauerhaften Umstieg: "So ein Pulver kann man mal ein paar Wochen ausprobieren", sagt er. "Aber langfristig ist das nicht gesund, ich halte es sogar für gefährlich. Es fehlt die Vielfalt der Nährstoffe", sagt er.

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Vor allem: Rechtfertigt der Zeitgewinn wirklich den Verzicht auf Essen?, frage ich mich zunehmend genervt. Ich betreibe seit einigen Jahren Triathlon, eine Sportart, in die man ziemlich viel Zeit investieren muss. Ständig an meinen Trainings, der Ausrüstung und meiner Ernährung zu feilen, ist mir dabei durchaus vertraut. Aber diese Art der Selbstoptimierung durch Pulvernahrung empfinde ich bei fortschreitender Dauer des Experiments zunehmend als pervers.

Dann ist Wochenende. Den Samstag überstehe ich mit meinen drei Shakes gerade noch, wenn auch mit schlechter Laune. Aber Sonntag ist der Tag der Schwäche: Nach zwei Shakes ist mein Widerstand am Abend gebrochen. Ich gebe meinen Gelüsten nach und esse! Es ist keine normale Mahlzeit, es ist ein Pasta-Fest. Der Salat duftet, der Wein schmeckt köstlich wie selten zuvor. Das Pulver hat an diesem Abend verloren.

Genussverhalten abtrainieren?

Der Wochenstart läuft dann wieder pulverisiert ab. Im Büro fällt mir die Einnahme der Shakes leichter - hier spielt der soziale Faktor nicht so eine große Rolle wie am Tisch mit Freunden und Familie. Der Kantine gehe ich weiter aus dem Weg. Zudem gewöhne ich mich langsam an den Geschmack - und auch an die Sprüche. Vielleicht kann sich der Mensch Genussverhalten ja abtrainieren?

In der zweiten Testwoche probiere ich Huel aus. Die Firma stammt aus Großbritannien, sie wurde von einem Marketingexperten gegründet. Das sieht man dem durchgestylten Produkt an. Auch hier ist die Zielgruppe eindeutig: In einem Jubiläums-Video präsentiert die Firma stolz, wie viel Stunden ihre Konsumenten durch die Pulvernahrung bereits gespart haben.

Huel stammt aus Großbritannien
Huel

Huel stammt aus Großbritannien

Der erste Shake schmeckt ernüchternd: Das Pulver ist mir viel zu süß. Allerdings teste ich nur die Vanille-Variante und nicht die ungesüßte ohne Geschmackszusatz. Die Zusammensetzung ist ähnlich wie bei Plenny, das Protein stammt hier allerdings aus Erbsen. Die Konsistenz erinnert mich an Haferschleim.

Matcha oder Toffee gefällig?

Bei Huel kann man den Geschmack aber durch die Zugabe von sieben verschiedenen Geschmackspulvern verändern, dazu gehört etwa Matcha oder Toffee. Das erlaubt mehr Geschmacksvariationen als bei Plenny. Aber immer auf der Grundlage von Vanillegeschmack - und das ist nichts für mich. Die sogenannten Geschmacksbooster gebe ich schnell wieder auf.

An Tag zwei mit Huel gebe ich mehr Wasser zu den Shakes. So sind sie weniger süß, allerdings auch deutlich flüssiger. Das verringert das Gefühl, überhaupt noch feste Nahrung zu mir zu nehmen.

Eine normale Portion Huel enthält etwa 400 Kilokalorien. Das bedeutet: Anders als bei Plenny Shake muss man bei normaler Kalorienzufuhr mehr als drei Shakes pro Tag zu sich nehmen, der Hersteller gibt vier bis fünf Portionen an. Die richtige Taktung der Mahlzeiten finde ich kompliziert. Ich gehe abends häufiger mit dem Gefühl von Heißhunger aus dem Büro.

Nach ein paar Tagen passiert es dann: Ich werde schwach - auch ohne Familie und gemeinsames Essen. Als ich nach der Arbeit noch ein paar Dinge besorge, schweift mein hungriger Blick über die Auslage einer Geflügel-Schlachterei. Zwei Minuten später stehe ich auf der Straße und kaue auf einem Stück Cordon Bleu herum. Dass es kalt nur mäßig schmeckt, ist mir völlig egal. Das Gefühl, etwas zu kauen, ist geradezu berauschend.

Kaugummi kauen für die Muskulatur

Dieser haptisch-sensorische Aspekt von Nahrung gerät bei den Shakes völlig aus dem Fokus. Zwar bieten die Pulver-Hersteller auch Riegel an, damit es gelegentlich etwas zu beißen gibt. Aber Dauerkonsumenten sollten regelmäßig Kaugummi kauen, um die Kiefermuskulatur zu fordern.

Nach dem Cordon Bleu geht es mir richtig gut. Ich grüble, wie es wäre, würde ich einmal am Tag normal essen und die restlichen Mahlzeiten durch Pulver ersetzen. Das würde zwar immer noch keinen Spaß machen, wäre aber machbar.

Überzeugend ist das Konzept vor allem in finanzieller Hinsicht. Huel kostet unter zwei Euro pro 500 Kilokalorien, gemessen daran ist Plenny sogar noch günstiger. Beide Hersteller bieten zudem Rabatte an, wenn man das Pulver in größeren Mengen kauft. So kann man bei Plenny auf etwa 1,70 Euro pro Mahlzeit kommen. So günstig zu kochen ist nur schwer machbar. Und auch die geringe Müllproduktion im Vergleich zu normalem Essen ist ein Plus.

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Das Ende des Tests ist wie ein kleines Weihnachtsfest: Ich wage nicht zu überschlagen, welche Kalorienmenge ich zu mir nehme. Alles schmeckt grandios - Süßes wie Herzhaftes, Warmes wie Kaltes. Der Spaß ist wieder da. Nachdem Ernährung zwei Wochen lang zum Überlebenszweck degradiert war, ist Essen jetzt wieder pure Wonne. Vielleicht wird die Menschheit irgendwann nur Pulver schlucken müssen. Aber bis dahin kann man sehr gut drauf verzichten, finde ich.



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