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Achilles' Verse: Triathlon plus eins

Quadrathlon? Für Freizeitathlet Achim Achilles ist schon ein Triathlon eine Herausforderung. Gegen seinen erklärten Willen steigt er ins Kajak und testet seine Grenzen: vier Disziplinen an einem Wettkampftag.

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Quadrathlon: Triathlon plus Kajakfahren

Verdammt, unser Sozialprestige hat gelitten. Um in Berlin-Schöneberg die Bewunderung der Nachbarn zu ergattern, sollte man entweder einen auffälligen Hund oder ein besonderes Auto bewegen, gerne auch beides gleichzeitig. Laufschuhe funktionieren allerdings schon lange nicht mehr.

Kein Brötchenholen ohne Zehenschuhe. Auch mein ultraleichtes Rennrad mit Triathlonlenker sorgt kaum mehr für interessierte Blick; der Preisverfall bei Karbon ist längst bei Radls Resterampe angekommen. Mist. Womit verschaffe ich mir die neidisch-anerkennenden Blicke meiner Mitmenschen? Und nur darum geht es ja im Leben. Fängt der soziale Abstieg an?

Dank Olli lag die Rettung nah, und zwar auf dem Autodach. Vor Monaten bereits hatte er mich gegen meinen und auch Monas Willen bei einem Quadrathlon angemeldet, in Wassersuppe, einer der vielen brandenburgischen Metropolen, die aus Grillplatz am See bestehen.

Quadrathlon ist Triathlon plus Kajak, eine Art verschärfter Sterbehilfe also. Das Schönste an diesem künftigen Volkssport ist das Boot, und zwar auf dem Dachgepäckträger - eine ganz neue Dimension des demonstrativen Materialeinsatzes. Früher fuhr man Surfbretter stundenlang um den Häuserblock, heute Kajaks. Schlagartig wächst das Ansehen.

Kann ich das? Nein. Na und?

Der Nachbar denkt: Ach, Kajak fahren kann der auch? (Nö, kann ich nicht.) - Ob das teuer ist? (Nö, geliehen.) - Bestimmt ein Naturbursche? (Unsinn, fünf Sterne sind mir allemal lieber als Sternenhimmel.)

Es ist ein Fest, am Samstagmorgen den Neoprenanzug, das Rennrad mit diversen Laufrädern je nach Windrichtung und Albernheitsbereitschaft, die Radschuhe, einen Karton Energieriegel, Luftpumpe, Helm, das Sortiment an Bademützen, diverse Schwimmbrillen, Trinkflaschen, Handtücher, den Medizincontainer, die Werkzeugkiste, Laufschuhe, Ein-, Zwei- und Vielteiler, das Paddel, GPS-System, sicherheitshalber noch eine Trinkflasche und eine Reservebademütze sowie Wechselklamotten einzupacken.

Ein Auto für einen Athleten. Plus Dachgepäckträger

Nein, Schatz, sorry, du passt wirklich nicht mehr rein, tut mir leid, echt. Nächstes Mal darfst du mit, bestimmt. Mach dir einen schönen Nachmittag mit dem Kleinen. Du, das ist jetzt wirklich ein total wichtiger Wettkampf für mich. Ich dich auch. Und grüß den Kleinen von seinem Papa. Zeig ihm einfach ein Zielfoto. Merke: Quadrathlon bedeutet exakt ein Auto voll pro Athlet, plus Dachgepäckträger.

Da ich das Boot bereits am Abend vorher geholt hatte, stellte sich die spannende Frage: Wollen wir den Kahn wirklich über Nacht auf dem Dach lassen und die Charakterfestigkeit des Mitbürgers testen? Na gut, wuchte ich die 60 Kilo Hartplastik in den Hausflur. Aggressives Indoor-Sportgeräte-Posing.

Leider hatte ich übersehen, dass die Wanne sieben Jahre lang unbenutzt am Ufer eines Berliner Sees gelegen hatte. Generationen von Schnecken hatten den Fußraum besiedelt. Die Spinnweben waren mit Monas Haarbürste ganz gut wegzufegen. Schwieriger wurde es bei den neun Sorten Tierkot, die noch nicht alle durchgetrocknet waren. Kajaks haben ein Konstruktionsproblem: Sie sind hohl und lang und laufen spitz zu. Wie soll man nun wissen, ob sich nicht eine kleine Killerspinne im Halbdunkel hinter den Fußrasten versteckt? Und was ist, wenn das Vieh ausgerechnet dann in mein Bein beißt, wenn ich gerade auf dem See herumdilettiere, während die DLRG skatbedingt nicht guckt?

Ich bin unterkarbonisiert

Mit Hauptstädter-Stolz rollte ich auf den Großparkplatz in Wassersuppe. Seht her, hier kommt Mister Quadrathlon. Gleich hinter dem Misthaufen der Schock: Die Konkurrenz war deutlich besser ausgerüstet. Mitleidig schauten die Sportsfreunde, wie die Plastikwanne mich begrub während sie ihre Renntorpedos auf einem Finger zum See balancierten. Kleiner Tipp für Interessierte: Eigentlich ist es ein Pentathlon, weil die verdammten Kähne an den See und - schlimmer noch - nach dem Wettbewerb wieder zurück geschleppt werden müssen, der Parkplatz aber leider etwa drei Kilometer im Landesinneren liegt. Entweder hat man ein sehr leichtes Kajak oder einen Bootswagen oder beides. Ich hatte nichts. Dafür Arme, die schon am Start nicht mehr zu gebrauchen waren.

Paddeln gilt nicht zu Unrecht als eigene Sportart. Sieht einfach aus, wenn man erst mal drin sitzt, und die ersten 70 Meter laufen auch ganz geschmeidig. Dann kommt dieses Brennen in den Bootsschlepperarmen, was die restlichen 2930 Meter leider nicht besser wird.

Fazit: Ich bin unterkarbonisiert. Ein Rennkajak muss her. Schließlich ist nächstes Jahr Weltmeisterschaft am Wannsee. Unter unserer Wohnzimmerdecke wäre Platz. Ist doch ein toller Raumschmuck; Weihnachten können wir die Elch-Lichterkette drumherumwickeln. Nein, Schatz, das ist kein Scherz. Ein Mann ohne Boot, da fehlt einfach was.


Egal ob Laufen oder Paddeln, hauptsache Bewegung. Bewegt euch!: Die Glücks-Philosophie des Achim Achilles.

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1. "Ein Mann ohne Boot, da fehlt einfach was."
Sandbänker 24.04.2014
"Ein Leben ohne Kanu ist möglich, aber sinnlos." frei nach Vicco von Bülow
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ZUR PERSON
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.


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